Alfred Kolleritsch (16.2.1931 – 29.5.2020). Ein Nachruf von Klaus Kastberger

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Historisch Bedeutsames macht manchmal von sich selbst wenig Aufhebens. Im November 1960 ereignete es sich in Graz. Im Keller des forum stadtpark hektografierten einige Autoren ein paar Texte, die sie eilig zusammengesucht hatten. Oben sollte an diesem Tag die neu gegründete Künstlervereinigung mit einer ersten Ausstellung ins Licht der Öffentlichkeit gesetzt werden. Die Schriftsteller, damals „Literaturreferat“ genannt, hatten im letzten Augenblick bemerkt, dass Literatur dabei gar nicht vorkam.

Schon in den frühesten Nummern haben die manuskripte publiziert, was später als Kern der österreichischen Literatur galt: Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Gerhard Rühm, H.C. Artmann, Konrad Bayer. Wenig später trat Peter Handke hinzu, der im forum und in den manuskripten seine ersten literarischen Schritte machte. Barbara Frischmuth, Wolfgang Bauer, Klaus Hoffer und viele andere bis hin zu Clemens J. Setz und Valerie Fritsch folgten.

Eines der zentralen Werke der österreichischen Avantgarde, Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa. roman, würde es ohne Alfred Kolleritsch vielleicht gar nicht geben. Folge für Folge wurde dem Autor für die Zeitschrift abgerungen. Jahrzehnte später hat Wiener die manuskripte dann einmal als „Käseblättchen“ bezeichnet. Auch solche Volten gegen die „gemeinsame“ Sache machen die herausragende Bedeutung der Zeitschrift aus.

Alfred Kolleritsch war über sechs Jahrzehnte hinweg ein umsichtiger Herausgeber. Über alle Streitereien und Eitelkeiten der Truppe hinweg hat er es vermocht, Stammautoren zu halten, sich aber dabei den Blick für das Neue und noch Unbekannte zu bewahren. Kolleritsch war kein Literaturpapst, hielt mit eigenen Geschmacksurteilen eher zurück. War eher wortkarg, wenn es um literarische Wertungen ging.

In seinem Blick lag immer die Frage: „Was hältst Du davon?“ Im Büro der Zeitschrift in der Grazer Sackstraße war Kolleritsch bis in seine letzten Lebensmomente hinein fast jeden Vormittag anzutreffen. Wenn man ihn besuchte, reichte er einem den ein oder anderen eingesandten Text über den randvollen Schreibtisch. Dabei achtete er penibel auf die kleinsten Reaktionen, die man zeigte.

Das Her-Zeigen war das eigentliche Metier von Alfred Kolleritsch. Die manuskripte sind so zu einer gigantischen Schaubühne der deutschsprachigen Literatur gewachsen. Dabei behauptete die Kuratierung der einzelnen Hefte aber niemals ein letztes Wort über die abgedruckten Texte.

Eher schamhaft, nur zögerlich und relativ spät zeigte Alfred Kolleritsch sich selbst als Schreibenden her. Seine drei großen Prosabücher Die Pfirsichtöter (1972), Die grüne Seite (1974) und Allemann (1989) lassen Autobiographisches erkennen. Gerne führte Kolleritsch Besucher nach Brunnsee und zeigte ihnen das Schloss, vor dessen Toren er aufwuchs. Der Vater war Forstverwalter der Herrschaft und die Mutter, die als Postangestellte gearbeitet hatte, lebte dort noch hochbetagt in einem kleinen Häuschen im Park.

Der am eigenen Leib erfahrene Gegensatz zwischen dem feudalen Leben im Schloss und den alltäglichen Verrichtungen der Bediensteten verleiht der Literatur Alfred Kolleritschs einen sehr speziellen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Eines seiner literarischen Leitthemen auch in seiner Lyrik, die etwas ausgeprägt Philosophisches an sich hat, ist der Geschmack. Die Literatur und das Kochen, die planvolle Verfertigung und den sinnlichen Genuss setzt Kolleritsch oft äquivalent und in manchen seiner Texte bleibt bedachtvoll offen, ob es noch das Rezept ist, das hier beschrieben wird, oder bereits die Speise, die man verzehrt.

Anders als andere Autoren hat Alfred Kolleritsch seine Lehrtätigkeit an der Schule (dem Akademischen Gymnasium in Graz, wo er Deutsch und Philosophie unterrichtete) nicht vorzeitig quittiert. Der Gegensatz zwischen Schreiben und Lehren war ihm keiner. Kolleritsch war ein begnadeter Vermittler von Literatur. Die legendären Literatursymposien, die er im forum stadtpark in den 1970er und 1980er Jahren veranstaltete, waren auch deshalb so erfolgreich, weil er das Programm auch den eigenen Schülern zumutete.

Die Stadt Graz ist ein seltsames Pflaster. Ab den 1960er Jahren verband sich dort eine ausgeprägt reaktionäre Landespolitik mit sehr liberalen Vorstellungen von Kunst und Kultur. Dass die Koexistenz dieser beiden Welten nicht so friktionsfrei war, wie es im Nachhinein möglicherweise erscheint, zeigt sich gerade auch an Alfred Kolleritsch. Seine Tätigkeit in und an den manuskripten gefährdete seine bürgerliche Existenz.

Als Herausgeber der Zeitschrift sah er sich unter anderem mit einer Anklage wegen der vermeintlichen Verbreitung von Pornographie konfrontiert. Die einleitenden Marginalien, die Kolleritsch für die manuskripte verfasste, vermitteln ein eindrückliches Zeugnis jenes in Österreich doch sehr verspäteten Kampfes um die Durchsetzung der Moderne. Was Alfred Kolleritsch dazu beitrug, wird bleiben.

Von seinen Wegbegleitern und Freunden wurde er stets nur „Fredi“ genannt. Die Bedeutung, die Fredi nicht allein für die österreichische Literatur hatte, trug er mit großer Gelassenheit durch die Stadt. Zeitlebens wollte er sie nicht verlassen.

Vor fünf Jahren, als ich nach Graz kam, war es mir vergönnt, Alfred Kolleritsch einmal auf einem seiner Gänge durch die Innenstadt begleiten zu dürfen. Die Strecke ging von seinem Lieblingsgriechen bis zu seinem Wohnhaus in der Bürgergasse. Das ist nur ein kurzes Stück, aber wir brauchten ewig. Dutzende Menschen suchten mit Alfred Kolleritsch das Gespräch. Diese Begegnungen werden uns fehlen.  [in: falter 23/2020]