Ann Cotten: Statement zu Konrad Bayer

in Neulich im Literaturhaus Graz

Uneinheitliche Natur des Schreibakts bei K. Bayer

– Immer ist insbesondere bei Konrad Bayers Manuskripten spezifisch, dass schon der Akt des Aufschreibens Teil vom Spiel ist. Nicht findet man hier eine verlässliche Einstellung, eine Vorstellung etwa, was ein Autor ist und was ein Text soll, und auch kein allzu dringliches Bestreben danach. Das ist nicht einfach der jugendlichen Unfertigkeit des Gesamtwerks zuzuschreiben, so jung war Bayer auch wieder nicht und wusste, was er tat, wenn er sich für keine fixierte Poetik entschied. Und was sonst ist die Entscheidung zur Bohème als das Beharren auf dem Leben als Spiel oder die Weigerung sich festlegen zu lassen? Что наша жизнь – игpа singt Ostap Bender etwa im Film 12 Stühle, zum Wort folgt gleich noch ein Kommentar.1 Umgekehrt eher erzeugen, glaube ich, häufig Jahrzehnte von Apologetik eine künstliche Homogenität und Schlüssigkeit eines Schaffens; komischerweise kommen auch bei Leuten, die im Werk die Erzählprosa verachten, Dynamiken des Plausibelmachens und pointenbezogenen Narrierens als quasi natürlicher Bestandteil zwischenmenschlicher, mithin subtil defensiver Kommunikation vor. Auch das Bestreben, wahre Sätze über einen Autor oder Mitmenschen zu sagen (um nicht der Unwahrheit bezichtigt zu werden) ist verständlich und normal – und führt notorisch in allen Beziehungen zu künstlich fixierten Identitäten. Liesl Ujvary hat mich auch richtigerweise neulich ermahnt: Zu was braucht man bitte schön eine Identität?
Es herrscht keinesweges etwa eine satte (Selbst)Zufriedenheit mit der Diversität einer mehrfachen Unentscheidbarkeit, was und wozu die ja doch auffällig massive Arbeit des Schreibens dienen soll. Das heißt, einerseits wird sozusagen ungehemmt mit dem eigenen Leben und der Möglichkeit, Aussagen zu produzieren, experimentiert. Ich sehe hier übrigens keine Möglichkeit, scharf zwischen Experiment und Spiel zu trennen. Erfolgreich, mit mühelos wirkenden Abwehrmanövern wird auf jeglichen Druck von bornierter Seite reagiert, sich auf eine einzige, verpflichtende Haltung gegenüber Welt, Publikum, Philosophie, Wahrheit einzulassen. Es stellt sich aber – bei uns allen – doch immer die Frage: Warum so fleißig? Bayer ist doch zu sehr verpflichtet der Flucht vor dem Grauen in die (hochdisziplinierte) (nach Brecht/Baal übrigens: denn mitunter stört ein dicker Bauch… ) Lust eines konzentrierten Lebemanns, als dass er ohne Grund, bloß etwa aus Konvention oder wegen romantischer Schriftstellerbilder so viel Arbeit ins Schreiben stecken würde. Es geht also in verschiedenen „Kostümen“, mit verschiedenen Strategien, immer um etwas. Das Spiel soll man übrigens nicht als blindes, loseres Gegenpart zum Ernst missverstehen. Im russischen Wort IGRA hört man, wie es an der Existenz kratzt wie ein Gefangener mit den Nägeln.
Nicht kann man also die Worte, die, von Konrad Bayer getippt oder geschrieben, auf einem Blatt stehen, dem Autor zuschreiben, etwa im Sinn einer Art Besitzverhältnis von Eigenschaften, und auch nicht in einem Sinn, eine Identität zu „erforschen“, eine Gesamtwahrheit zu bauen (postum, in Abwesenheit des einzigen, der sich dazu wenn er wollte bequemen hätte können, Frechheit!). Es braucht für jedes Notat ein Sich-Einlassen auf den jeweiligen unbekannten Moment und ästhetischen Fall, um zu mutmaßen, wie das geschrieben, wie das gesetzt ist. Das ist etwas, was bei der Druckfassung tatsächlich verloren geht, da diese eben eine HERAUSGABE ist, klassischerweise ein Akt des Autors, der auf keinen Fall zu verwechseln ist mit dem Akt des Niederschreibens.
Nicht ist alles kontrolliert-distanziert oder strategisch (wie man reaktiv meinen könnte, um sich gegen den Irrtum, alles als persönlich-wahrhaftig-naiv aufzufassen, zu schützen). Ernst kommt häufig vor. Banale Wörtlichkeit kommt vor, direkt neben einer Art von Poetizität, die noch niemand klassifiziert hat. Da der Autor keine fixierte Auffassung davon hat, was er tut, wenn er schreibt, sondern eben versucht, sehr viele unterschiedliche Dinge zu tun, darf man eigentlich nichts unbesehen bierernst verstehen oder irgendwie als Beleg für irgendwas in einem systematisch gedachten Sinn. Im Grunde gibt Bayer selbst die beste Empfehlung mit dem Satz „Träume sind Räume“.
Solche Verbote sind aber nicht eigentlich die Schlussfolgerung, die ich meine. Sie dürften Literaturwissenschaftler nur frustrieren (wenn sie nicht von vornherein frustrationsimmun, also vorprogrammiert interesselos sind). Es ist ja schwer genug, die Handschrift zu lesen. Man fühlt zu recht, dass ein Autor dankbar sein sollte, dass man sich mit ihm überhaupt mit so viel Energie beschäftigt. Ja eh. Das Angebot einer Art Lohn für die Mühe steckt allerdings schon da, im Lebhaften der vielen erprobten Nuancen dessen, was der Schriftakt sein könnte; dass man, anders als auf der Ebene eines gedruckten Textes, aber auch anders, klarer vielleicht, als der Autor selbst, die verschiedenartigen Momente und Schlagseiten und Aspekte des Notierens deutlich zu sehen bekommt, geradezu wie in Alkohol eingelegte Tierspecimene und Missgeburten, vor denen man dann steht mit der Aufgabe, eine sinnvolle Klassifikation anhand ihrer Merkmale zu fabrizieren. Oder mit der Frage, ob die bestehende brauchbar ist oder nicht. Ob die Einzigartigkeit jedes Augenblicks sich falten und fügen lässt in eine Art Schublade, oder sich sperrt, und wenn ja, aus guten Gründen, oder nur, um breit und sperrig-fläzig zu sein wie ein Lebender.

Nicht zuletzt aus dem Rückblick heraus wirkt ein Nachlass daher (bzw. das Aufheben von Schriftstücken in Hinblick auf denselben) manchmal wie ein geradezu koketter Akt, oder ein erotischer (was ja erfolgreiche Koketterie ja ist): sich an der Aufgabe des Nachruhms erprobend, als wäre der Geist eine Art Base-Jumper, der an den Klippen der Langeweile vorbeischrammen muss, um zu überdauern.

Spaß macht z.B. ein kontrastives Verhältnis. Die Mühe, einen hingeschmierten Text zu entziffern, zieht gerade Leute an, die das Kontrastive, ja Grelle oder Originelle mögen, im Gegensatz etwa zu einem geordnet angelegten Archiv, zu dem man ein weniger erotisches, hassliebendes, vielmehr ein straightes Verhältnis aufrichtigen Interesses haben dürfte.

Wr Gruppe nicht 1 Subjekt – statt Widerspruch also Arbeitsteilung

– Wr. Gruppe ist ja nicht 1 Subjekt, auch nicht gedacht als kollektives Subjekt (sonst wäre kein Kitzel beim Aufschreiben dieses Mischnamens …, z.B.). Es ist also nicht verwunderlich, wenn Rühm persönlich der ist, der zwar beim Zerstören mitmacht, aber eine Taste vom Klavier mitnimmt und in sein Archiv integriert. Genausowenig verwunderlich, dass die anderen ihn machen lassen, obwohl sie eigentlich eine radikalere Position im poetischen Act pflegen müssten, wie es an mehreren Stellen verwundert heißt. Es besteht aber keine Notwendigkeit, eine einzige Position herauszudestillieren, das ist eine völlig unnötige Übersimplifizierung, die künstliche Probleme erscheinen lässt. Was also mehrfach als Widerspruch bezeichnet wird, ist kein Widerspruch, sondern Arbeitsteilung. Es wäre funktional auch gar nicht anders denkbar. Der „Eckermann“ ist zwar eine in Aktionen, auch im Wr. Aktionismus fix mitgedachte, wenn auch nicht in allen Fällen real vorhandene Position. Die real beteiligten natürlichen Personen haben aber durch die arbeitsteilige Spaltung in diesem und ähnlichen Punkten die Möglichkeit, Anteile ihrer Poetik zu verleugnen und nicht selber ausleben, nicht zugeben zu müssen. So konnten die Anhänger der ephemeristischen Aspekte der Proklamation des poetischen Acts das Interesse an der Dokumentation für die Nachwelt einfach sozusagen an den Rühm outsourcen. Bei Rühm fallen wieder etwaige Mängel in der Disziplin „Bedingungslosigkeit des poetischen Acts“ nicht ins Gewicht, da für diese Aspekte eben andere zuständig sind. Er kann durch die Gruppenarbeit dieses, sagen wir grob, Chaos des brutalen Augenblicks voll bejahen, ohne in einen Widerspruch mit seiner systematischen Genauigkeit, die auf Fixierung und zu konservierende Ordnung angewiesen ist, zu geraten oder ein verwirrendes Gefühl, mehreren einander widersprechenden Idealen nicht gerecht werden zu können, zu erleiden: er bejaht hier einfach seine axtschwingenden Freunde, was gibt es Schöneres?
Es soll nicht heißen, dass hier tatsächlich Mängel herrschen, sondern dass gar kein Mangel ist, solange, was in einer einzigen zu fixierenden Identifikatori ein Widerspruch wäre, in Form der Arbeitsteilung unproblematisch gelebt wird. Das hat etwas Utopisches und beflügelt ja auch tatsächlich noch Jahrzehnte später. Ja die ganzen Poetiken entwickeln sich in einer Gruppe in einem derart kontrastiven Bild des Selbst, der Meinungen und der Rolle, dass hier die ganze Auffassung, was Literatur oder was Kunst sei, gewissermaßen „angelehnt“ an alles, was andere und Bestehendes abdecken, geschieht. Hier sei der Verweis gegeben auf das sinojapanische Zeichen für Mensch, hito, das dem dort verbreiteten Klischee zufolge zwei sich auf einander stützende Menschen darstellt (nicht zu verwechseln mit dem spiegelverkehrten Zeichen für Eintreten, hairi).

Dies sieht Jahrzehnte später anders aus. Die positive Konnotation von brachialem Künstlertum ist abgestanden, u.a. weil endlich auch ihr Schatten, z.B. im Verschleiß von Frauenarbeit und Eckermännern, artikuliert wurde, und wird zugleich der als eins empfundenen Gruppe kollektiv zugeschrieben, was wiederum ungerecht und grob ist. Die Zweifel und vieles Unentschlossene, Unfertige, ja Gequälte wird nicht mehr wahrgenommen. Teils bloß durch die Zeit, teils durch die apologetische Selbstdarstellung der Protagonisten. Hier ist jetzt der Widerspruch – also 80% illusorisch. Woher die ungebrochene Anziehungskraft aber gerade wenn man beginnt, das Allzumenschliche auszugraben? Hier setzte mein nicht aufgenommener Aufsatz an, eine Untersuchung über die Beziehung Charme, Gefälligkeit, die selektierende Gefälligkeit der Ungefälligkeit und Avantgarde. (Falls er noch irgendwo veröffentlicht werden sollte, findet man ihn unter dem Titel „Mir gefällt die Avantgarde“.)

Dass außerdem Wiener und Bayer, bei Achleitner weiß ich nicht, einander hochschaukelten im Provozieren, im Brutalsein, sodass es zu einer Art Reenactment der Gruppendynamiken der Brutalität kommt – wurden nicht Klaviere von SSlern zerstört in ähnlichen Aktionen? Hat nicht auch deswegen die Frau geheult? Ist das dann auch die als kathartisch gedachte Magie, die die Gruppe verfolgte? Es muss natürlich außer Kontrolle sein.

Was ich heute interessant finde ist eine strukturelle Brutalität, die damals gar nicht so stark gewesen sein kann aufgrund des von Oswald Wiener erwähnten Rauchnebels, der Armut, der Gstetten, Ruinen, Traumata. Wenn also jetzt Banden junger Männer versuchen, ähnlichen poetischen Klamauk zu machen, ist es gleich viel brutaler, weil Europa strukturell so viel brutaler funktioniert, sogar wenn die konkreten Gesten deutlich weniger hackig ausfallen sollten. Andererseits weiß ich etwa von Erzählungen von Andric, zu welcher Brutalität zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Kinder schon in der Schule erzogen wurden, vom Einzelfall natürlich abhängig aber im Durchschnitt auffällig: Bestandteil einer nur mit äußerster Gefühlskälte und Härte funktionierenden Klassengesellschaft, deren Linderung durch sozialistisch vernünftige strukturelle Menschlichkeiten jetzt eh schon wieder abgebaut wird. Zu solchen Entwicklungen stehen die ästhetischen Gesten immer in einem Reverb-Verhältnis, hallen sowohl in die Zukunft, als auch mit riesiger Trägheit aus der Vergangenheit.

Ein auffälliger Faktor der spezifischen Härte der Poesie der Konkreten und der Wiener Gruppe, verwandt übrigens mit den asketisch bedingten radikalen ästhetischen Genüssen der japanischen Tradition, besteht auch darin, alles Hängen an materiellen Dingen, sobald man es selbst hinter sich gelassen hat, zu verachten. Solange man selbst allerdings noch nicht fähig ist, loszulassen, wird ein Ding fetischisiert. Der Kanon ist willkürlich und temporär. Doch ich gleite wieder in Thematiken ab, die ich im Avantgardecharmeaufsatz mit gebührender Sorgfalt behandelt hatte und hier den Rahmen sprengen.
Das Coole an dieser Willkür ist eigentlich das Tempo, die Chuzpe! Das ist, was einlädt: Dir könnts auch so gelingen, man muss es nur machen. Die sogenannte empowerment: zum Schönen, Überschönen, Überwitzigen auch. Der Kitzel dabei besteht ja auch in der Freiheit, wie beim religiösen freien Willen: man könnte mit dieser Freiheit ja auch hässliche und üble Dinge tun. Umso mehr liebt man die, die sich die Freiheit nehmen, um gemeinsam die Entwicklung ästhetisch-denkerischer Köstlichkeiten voranzutreiben. Da möchte man gerne, ja unbedingt anschließen. Dieses „gefährliche“ Element am Zocken, das Spielen mit existentiellem Einsatz ist übrigens auch, was mit der Börse und allen Blasen verwandt ist – nicht umsonst ist Spieltheorie und ökonomisches Handeln mathematisch ein einziger Bereich. Und diese Einladung zum Spiel ist offensichtlich immer wieder fähig, moralische und rationale Einschränkungen wie Eisenbahnschienen zu verbiegen. Unter anderem genau wegen dem befreienden Effekt der bewusst balancierten Unsystematik, die durch Konzentration, Energie und intelligente Systematik der Sprache nicht in ein kreatives Chaos abgleitet. Diese Lebendigkeit, dieser Saft ist eben Charakteristik eines nicht juristisch und nicht bedeutungsmäßig fixierten Acts.

1 Original aus dem Film 12 Stühle, mit Flugzeug.

Ann Cotten

Anlässlich der Buchpräsentation Konrad Bayer. Texte, Bilder, Sounds am 6. Oktober 2015.