Ebner-Eschenbach © gemeinfrei
Ebner-Eschenbach © gemeinfrei

Daniela Strigl: Ebner-Eschenbach in fünf Minuten

in Klassiker in fünf Minuten

Krambambuli gehörte zu meinen frühesten Leseereignissen. Ich hatte die Ausgabe auf dem Dachboden meiner Großeltern gefunden und fieberte mit der armen, zwischen zwei Herren zerrissenen Hundeseele mit, aber auch mit dem in seiner Gekränktheit wie vernagelten Revierjäger Hopp. Als der Konflikt seinen Höhepunkt erreicht hatte, brach die Geschichte ab: Die letzten Seiten, ich wusste nicht, wie viele, fehlten in meinem Buch, eine bittere Enttäuschung zunächst. Weil ich aber ahnte, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit dem von seinem rechtmäßigen Besitzer verstoßenen Krambambuli, mied ich jede Gelegenheit, die Erzählung zu Ende zu lesen. So dachte ich mir mein eigenes, versöhnliches Ende aus: Kinder sind ja selten Anhänger einer kompromisslosen Dramaturgie.

Jahre später erst habe ich gewagt, die Lektüre des richtigen Schlusses nachzuholen, und musste feststellen: Krambambuli funktioniert in jedem Fall, als offenes Fragment oder mit bitterem Ende. Tränen waren da auch bei mir unvermeidbar. Die Erzählung ist mir in lebhafter Erinnerung als ein Text, der zu rühren, aufzuwühlen und zu erschüttern vermag, der eine fremde Kreatur, quasi ein anderes Tier, dem eigenen Empfinden ganz nahe rückt. Mit dieser existentiellen Qualität steht die Novelle beispielhaft für eine Literatur des echten Pathos, eine Literatur, die ihre Leser nicht kalt lässt und ihre affektive und damit kathartische Wirkung auch nach hundert Jahren noch entfaltet. Der Text ist natürlich besser als alle drei Verfilmungen (die letzte von X. Schwarzenberger, mit T. Moretti und G. Barylli), er beeindruckt durch seine stimmige Tierpsychologie, aber auch durch das dargestellte Spannungsverhältnis zwischen der Herrschaft und den kleinen Leuten, die sich vom Wald ernähren. Krambambuli erzählt auch von einem Mord – dem Oberförster wird sein Law-and-Order-Glaube zum Verhängnis. Ich habe die Geschichte später noch mehrmals gelesen, bin ihr auch mit dem philologischen Besteck zu Leibe gerückt: Sie hält das aus und erweist sich als ebenso vielschichtig wie kompakt komponiert. Meine Liebe zu Ebner-Eschenbach verdankt sich aber nicht der Entdeckung des Raffinements, sondern dem unmittelbaren Eindruck. Mit Sentimentalität oder Kitsch hat dieser nichts zu tun, denn die Realität wird von der Autorin nicht zum schöneren Bild zurechtgebogen und -gelogen. Nichts wird wieder gut: Der Wilderer ist tot, der Hund ist tot, der Jäger trauert um ihn.

Das Werk der Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) hält der strengsten Prüfung stand. Es zeichnet kein geschöntes, sondern ein realistisches Bild der Gesellschaft. Wer sich darauf einlässt, betritt keine muffige Stube in altdeutscher Eiche, sondern einen Raum von klassischer Modernität. Ebner-Eschenbachs Romane und Erzählungen vermögen über den Abgrund der verstrichenen Zeit hinweg Leserinnen und Leser zu bewegen. Dies war auch der Grund für Ulrike Tanzer, Evelyne Polt-Heinzl und mich, ihre wichtigsten und aufregendsten Texte in einer neuen vierbändigen Leseausgabe samt Kommentar dem Publikum von heute wieder zugänglich zu machen.

Marie von Ebner-Eschenbachs abgründige Seite, ihre scharfe Beobachtungsgabe, ihr satirisches Talent und ihren Witz hat man lange nicht wahrgenommen, obwohl ihre auch im Internet beliebten Aphorismen davon Zeugnis ablegen. – „So mancher meint ein gutes Herz zu haben und hat nur schwache Nerven.“ Gerade ihr Sarkasmus, ja ihre Bosheit holt die Grande Dame der österreichischen Literatur für mich vom Sockel eines steinern unnahbaren Denkmals. Dass sie schon zu ihren Lebzeiten als „Dichterin der Güte“ und Propagandistin des Mitleids galt, hat die betont matronenhafte Baronin der eigenen Imagepflege zu verdanken. Das Bild ist einseitig, aber nicht verfehlt: Die Tochter des Freiherrn (später Grafen) von Dubsky hatte von klein auf ein waches Sensorium für soziale Ungerechtigkeit, für gesellschaftliche Heuchelei und adelige Dünkel. Als eine rebellische Konservative hat sie sich mit der katholischen Kirche ebenso wie mit ihren Standesgenossen angelegt und den Respekt der Sozialisten erworben – nicht zuletzt mit ihrem Meisterwerk, dem Roman Das Gemeindekind (1887). Auch hier bleibt Ebner-Eschenbach ihrem grundsätzlich optimistischen Menschenbild treu: Pavel Holub, Sohn eines Raubmörders, erkämpft sich trotz miserablen Startbedingungen und mannigfachen Hindernissen seinen Platz in der Dorfgemeinschaft. Seine jüngere Schwester Milada bleibt als Opfer einer überambitionierten Klostererziehung auf der Strecke. Als eine empathische Studie über das Wesen des Außenseitertums plädiert der Text für eine Praxis des vorurteilslosen Handelns und gegen jeden Determinismus, sei es durch Vererbung oder Milieu. Poetischer Realismus? Ja, wenn man den Begriff der Poesie weit genug fasst, um darin auch Ernüchterung, Resignation und Bitterkeit angesichts der Wirklichkeit des menschlichen Miteinanders unterzubringen.

Hier geht’s zur Veranstaltung.