Die Corona-Tagebücher, Teil 3 („Die ersten träumen schon leise von der ganzen Welt“)

in Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Helena Adler, Bettina Balàka, Birgit Birnbacher, Melitta Breznik, Ann Cotten, Nava Ebrahimi, Valerie Fritsch, Monika Helfer, Lisz Hirn, Lucia Leidenfrost, Christian Mähr, Benjamin Quaderer, Julya Rabinowich, Angelika Reitzer, Kathrin Röggla, Thomas Stangl, Michael Stavarič, Daniel Wisser. 

[PDF der Gesamtexte]

Kathrin Röggla, 22.3.2020
Geisterflüge, Geisterkonzerte, Geisterspiele, Geistermiteinander. Hoffentlich unterhalten wir stabile Kontakte in die Geisterwelt.

Helena Adler, 22.3.2020
Ich schleiche ins Atelier und plündere zum dritten Mal das im Kasten versteckte Osternest meines Sohnes. Neben den Vollmilch-Schokoladen sticht der Schnabel meiner Pestmaske hervor, die ich mir letzten Sommer in Venedig gekauft habe. Es würde mich nicht wundern, wenn mich der Wuhan Wazelwurm gleich für meine Völlerei bestraft. Wenn er direkt vom letzten Pfauchen der toten Ratte, die mir die Kleine gerade vors Fenster gelegt hat, auf mich überspringt, durch das Glas hindurch. Einen lieben Gruß vom Schnitter, scheint die Katze zu sagen und schaut mich an, als wäre ich die Verrückte.

Monika Helfer, ohne Datum
Während die Pest wütete, setzte sich ein König in die Mitte eines Kreises, der mit Reisig umrundet war und immer brennen sollte. Das Feuer wird mich vor der Pest schützen, dachte er sich, bedachte aber nicht, dass sein Kätzchen auf dem Schoß voller Flöhe war, und so wurde auch der König krank und starb. Das Kätzchen überlebte.

Lisz Hirn, 24.3.2020
Letzte Nacht von Blümel geträumt. Wir machten einen Spaziergang an einer Flusspromenade (Wien, Budapest, Phantasieland?). Seltsamerweise nett, deshalb kam ich in Laune und fragte ihn unverblümt: „Glaubst Du wirklich (an Gott)?“ Leider fällt mir nicht und nicht seine zögerliche Antwort ein.

Daniel Wisser, 24.3.2020
Schön langsam sickert die Anwesenheit des Virus ins Bewusstsein. Wie aber kommuniziert man mit einem solchen Ding. Ist es wirklich ein es? Oder eine sie? Oder doch ein er, wie Minister Nehammer nahelegt? Wenn ich von draußen komme, frage ich mich. Wenn ich das Virus auf meiner Hose habe, muss ich sie mit 40 Grad oder 60 Grad waschen, um es, sie oder ihn zu töten? Ich wasche sie mit 60 Grad.

Lucia Leidenfrost, 25.3.2020
Jeden Tag sehe ich mindestens drei Rettungshubschrauber am blauen Himmel. Sie fliegen Kranke, mit Corona infizierte Franzosen aus dem Elsass in deutsche Spitäler. Ich finde diese fliegende Verbindung, deutsch-französisch, französisch-deutsch schön. Jeden Hubschrauber begrüße ich innerlich. Trotzdem weiß ich, dass da drinnen jemand liegt, der keine Luft bekommt und beatmet werden muss. Ich frage mich, in welcher Sprache sich die Franzosen und Deutschen im Krankenhaus unterhalten werden.

Thomas Stangl, 25.3.2020
Die Quarantäne weiterführen, auch wenn die Krankheit längst vergessen ist. Sich umbenennen in A, B, C, D und im Wohnzimmer Beckett spielen, ohne Unterbrechung. Sich von den Ecken her in strikter Choreographie diagonal durch den Raum bewegen; am Mittelpunkt einander ausweichen, mit immer phantastischerer Selbstverständlichkeit und Geschicklichkeit, eine bewusstlose und minimale Erotik jeder Bewegung, jedes Ausweichens, jeder Nicht-Berührung. Der Rausch des Automatischen. A late evening in the future.

Angelika Reitzer, 25.3.2020
Ich schaue mir einen Kinofilm an, interessanterweise sitzt der Regisseur ein paar Plätze neben mir. Als pausiert und umgebaut wird, spule ich zurück und zähle die Zeichen/Wörter, die bis dahin gesprochen wurden. Es sind 150.000, für einen abendfüllenden Spielfilm müssten es rund 200.000 sein. Aber da kommt noch was. Die Leinwand wird wieder heruntergefahren, die Handlung wird fortgesetzt und nun steigen alle SchauspielerInnen aus der Leinwand heraus und spielen den Film auf der Bühne fertig.

Kathrin Röggla: Eine Woche im März, 25.3.2020
Warum soll nicht alles in ein paar Monaten wieder so weitergehen wie zuvor? Das ist so ein geheimer Gedanke. Wieso soll das nicht funktionieren? Deshalb! Ist so eine Antwort, die wir den Kindern manchmal geben, wenn sie besonders blöde Fragen stellen. Es gibt nichts Blöderes als Corona-Tagebücher, sagt ein befreundeter Schriftsteller zu mir. Ich sage: Na no na net – Blödigkeit als Notwehr? – Er sagt nicht: Gilt nicht. Also ist auch er plötzlich höflich geworden.

Lisz Hirn, 26.3.2020
Großeinkauf. Ich bin echt aufgeregt. Seit zwei Wochen keinen Supermarkt mehr betreten. Ich fahre zu zweit, um schneller wieder draußen zu sein. Vielleicht auch, um den Anschein von Normalität zu wahren. Und um die Kisten tragen zu können. Schräg, wie einige im Supermarkt einfach nicht ausweichen (wollen)! Die schwarzen Plastikgummihandschuhe sind natürlich gleich nach der Brotentnahme gerissen. Hingen mir wie eine zerrissene Piratenflagge von natürlich der rechten Hand. Eine hörbar feucht hustende Frau versteckt sich hinter ihrer Maske. Mir war es peinlich, meine aufzusetzen. Zu den Handschuhen hätte sie gepasst. Nächste Woche dann (verpflichtend)?

Daniel Wisser, 26.3.2020
Die Rechtschreibprüfung unterwellt das Wort Klopapierknappheit.

Christian Mähr, 26.3.2020
In Deutschland werden die Triage-Kriterien in den Kliniken aktualisiert. Keine Angst: Ein Grenzalter von 80 ist nicht allein entscheidend, ob ein Patient beatmet wird; es gelten auch andere Umstände, die man so zusammenfassen kann: Wie ist er beieinander, hat es überhaupt noch einen Zweck? Oder liegt er eh schon im Sterben? Prompt verlangte ein Sesselfurzer aus der Medizinverwaltung, damit könne man die Ärzte nicht alleine lassen, es bedürfe einer „breiten gesellschaftlichen Diskussion“. Ja eh … die müsste aber angesichts der Lage ein bisschen flotter ablaufen als üblich, daher von mir gleich der erste Vorschlag: Um den Diskriminierungsvorwurf zu vermeiden („… die Alten lasst ihr verrecken!“), soll der Zufall walten: Rubbellose! Wer drei Atemmasken freirubbelt, bekommt eine, wer nicht, geht heim sterben. Niemand wird mit der „Verantwortung allein gelassen“.

Melitta Breznik, 27.3.2020
Inzwischen habe ich die Rehabilitationsstation, die ich gemeinsam mit meinem Kollegen in den letzten drei Jahren aufgebaut habe, auf Anordnung des Kantons in aller Eile geräumt, es müssen Betten zur Verfügung gestellt werden. Staunende Patienten saßen mir gegenüber, das kann nicht sein, das hat es noch nirgends gegeben, wie soll es mit mir weitergehen. Dann alle sehr gefasst, Weisung von oben, man ordnet sich unter, organisiert sich selbst, es geht um’s Überleben, nichts wie weg. Nun gehört es zum Alltag, man hört, Kliniken werden geräumt, um im Notfall Epidemiepatienten aufnehmen zu können, keiner wundert sich mehr.

Birgit Birnbacher, 27.3.2020
mein mann denkt laut darüber nach, was claude simon über livestreamlesungen gesagt hätte. er wünscht sich einen shutup und bestellt: 1 radtrikot von café du cycliste in poppy red, don quichotte im hardcover und den räuber hotzenplotz im schuber.

Lucia Leidenfrost, 27.3.2020
Wir werden digitalisiert. Ich hatte gestern meine erste Online-Lesung. Sie war ganz anders als meine bisherigen Lesungen. Ich saß schon Minuten vorher auf meiner Bühne, meinem Küchenstuhl, klickte, damit mich die Leute sehen konnten. Dann war die Verbindung da, in der Kommentarspalte begrüßten mich die Leute. Ich begann zu lesen, kein Hüsteln, kein Augenkontakt für Sekunden, kein Räuspern, Lachen, Ausatmen, Atemanhalten im Publikum war für mich zu hören. In einem Drittel des Bildschirms sah ich mich beim Aufschauen, im anderen Drittel des Bildschirms rauschten Kommentare der Zuschauer herunter.

Daniel Wisser, 27.3.2020
Inzwischen denke ich: Auch wenn ich immun wäre, egal ob von Natur aus, durch Impfung oder durch die überstandene Krankheit, ich würde trotzdem nicht hinausgehen. Die Welt, die ich sehen würde, wäre nicht die Welt, die ich sehen möchte. Es bedarf schon kollektiver Bemühungen, um auch wieder einen Lebensraum, einen lebenswerten Raum zu schaffen.

Melitta Breznik, 27.3.2020
Der Ton verändert sich rasant, in dem Anweisungen an das Personal durchgegeben werden, ja, es sind Befehle, sie sind sofort umzusetzen, alle Bilder abhängen, die Bücher im Korridor weg, alles was nicht desinfiziert werden kann, kommt in den Keller, ab sofort als Isolationsstation für Infizierte zur Verfügung gestellt, jawoll. Wir versuchen uns umzugewöhnen, keine Diskussionen, steile Hierarchien, keine Entscheidungsbäume, Hände ständig waschen und desinfizieren, Masken tragen, Sicherheitskontrollen am Eingang. Die Frage, ob man sich daran so sehr gewöhnt, dass man es nachher auch gar nicht mehr anders denken kann?

Thomas Stangl, 28.3.2020
Die Idee, es würde irgendwo, in fast greifbarer Nähe, ein anderes Jahr 2020 geben, in dem all das nicht geschieht. (Noch einmal den Schalter umlegen, diesen Bildschirm wegschieben.)

Benjamin Quaderer, 28.3.2020
Bei meiner Stammbuchhandlung wird aus dem Fenster heraus verkauft. Ich frage die Buchhändlerin, wie das Geschäft so gehe. Wie an Weihnachten, antwortet sie strahlend. Das überrascht mich, und vielleicht schaut mich D deswegen so verwundert an, als ich ihm ein paar Minuten später zufällig auf der Straße begegne. Aus 2 Metern Sicherheitsabstand erzählt er mir, dass er positiv auf Corona getestet worden sei, ich weiche einen Schritt zurück, vor drei Wochen. Ich trete wieder etwas näher. Jeden Tag habe ihn jemand vom Gesundheitsamt angerufen und ein paar Fragen gestellt. Es sei nicht so schlimm gewesen, er ist 29, bisschen Husten, bisschen Fieber, aber er sei froh, dass es vorbei sei. Auf dem Nachhauseweg kommt es mir vor, als würde mein Gesicht jucken.

Lisz Hirn, 28.3.2020
Wochenende. Was bedeutet das in Quarantäne? Seit gestern bläst der Wind richtig grausig kalt. Das Ohrensausen verschwindet erst wieder abends. Einmal Badewanne und zurück. Die Seuche verschwimmt im Happy End.

Ann Cotton, 28.3.2020
Im internationaleren Tagebuchblog der New York Review of Books prallen gerade sehr unterschiedliche Situationen aufeinander. In den USA große Emotionen, Hysterie, Klaustrophobie, Beziehungsreflexionen, Familie, Familie, Familie. In Kolumbien, Indien oder Jemen ein neuer Take auf eine dauerfragile Situation. (Mensch, immer dazu denken, es ist die über tausende Nabelschnüre eng verbundene andere Seite unserer Scheinstabilität in der ersten Welt, die teils auf sehr dreckigen Geschäften beruht.) In Japan scheint ähnlich wie hier Distanz zu herrschen, vorsichtige Mischungen aus Respekt vor der Situation, Abwarten der nächsten Entwicklungen und Ansätze von Skepsis, ob die Maßnahmen übertrieben sind. Das glaube ich nicht.

Kathrin Röggla, 28.3.2020
Der Über-Hundertjährige aus Italien, der heute vorgezeigt wird: Seht her, ich habe die Spanische Grippe überlebt, Mussolini und jetzt Corona. Er soll Optimismus verbreiten.

Bettina Bàlaka, 29.3.2020
Wo weder Menschen noch Autos sind, fliegen die Vögel tiefer. Krähen segeln knapp über dem Asphalt, ein Amselpärchen kommt aus einer Hauseinfahrt geflitzt und touchiert mich beinah. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich einen Himmel ohne Kondensstreifen. Die Chemtrail-Verschwörungstheoretiker müssen sich etwas Neues suchen und haben es schon gefunden: Die Wirtschaftstycoone der Welt legen (aus noch eher undurchsichtigen Gründen) die Wirtschaft lahm.

Birgit Birnbacher, 29.3.2020
missglücktes social distancing: ich denke daran, dass es sich jetzt sehr lange her anfühlt, dass mein mann im bus immer den platz neben mir freigelassen hat, weil fremde häufig ein bedürfnis verspüren, mir etwas von sich zu erzählen. vor der apotheke schaue ich starr auf den boden, aber es wirkt nicht. 1 mann setzt mir im detail sein problem mit den chinesen auseinander. 1 asiatin ist so fertig, dass sie kaum stehen kann. wir drei sind die schlange, aber wir stehen in knotenform. als die asiatin zum apotheker hineingeht und ihre medizin gleich offen zu trinken bekommt, sagt sie nachher im vorbeigehen auf wiederschaun zu mir.

Bettina Bàlaka, 29.3.2020
„Ich bin mir sicher, dass ein paar von den positiven Dingen, die jetzt passieren, später bleiben werden“, sagt mein Vater frohgemut am Telefon. Nun, er ist mitten im Krieg geboren und findet die Lage nicht so dramatisch, solange keine Bomben fallen und man genug zu essen hat.

Monika Helfer, ohne Datum
Habe gerade an Tomaten gedacht, da kam mir meine Nachbarin sehr nahe und sagte, sie habe zu viel gepflanzt und sie könne mir Setzlinge abgeben. Bedanke mich auf Distanz, was sie, glaube ich, nicht versteht. Sie schaut keine Nachrichten, erzählt sie, weil alles so schrecklich sei, sie weiß alles nur vom Hörensagen, und manchmal liest sie verrückte Einträge im Internet.

Valerie Fritsch, 29.3.2020
Die Welt ist nicht zerbrechlicher als sonst, man sieht die Zerbrechlichkeiten nur besser, man hat mit einem Mal ein Auge für die Sollbruchstellen, denkt ein Virus, eine Krankheit mit, sieht in jedem Körper und in jedem Kopf die Anatomie der Verwundbarkeit. Jeden Brustkorb öffnet man wie ein Tabernakel, schaut misstrauisch auf die sonst so gut versteckten Innereien, die Lunge und das Herz. Irgendetwas entdeckt man immer.

Angelika Reitzer, 29.3.2020
Gestern beim Radeln durch Favoriten bemerkt, dass es gar nicht so wenige Männer gibt, die sich in ihr Auto setzen. Nicht, weil sie wegfahren oder gerade angekommen sind und noch etwas verweilen (das wahrscheinlich auch), sondern einfach, um da zu sitzen. Immerhin hat man noch das Auto, diese kleine Kapsel, in die man sich zurückziehen und doch auf der Welt sein kann, auf der Straße, wo zwar nicht viel los ist, aber der eigene Radius erweitert sich minimal.

Michael Stavarič, 29.3.2020
Oh ja, ich möchte wieder Reisen, Wandern, wohin ich will, Lesungen abhalten, Menschen begegnen, ich schreibe schließlich nahezu alle meine Bücher auf Reisen, nur dort kommen mir die wirklich guten Ideen, nur so macht das Leben für mich einen Sinn. […] Reisen ist also, wenn ich dies mit Hilfe dieser Sprachen festhalten darf, zunächst eine „ermüdende Folter“, ein „Ausreißen“ und „weg wollen“, ein „auf dem Weg sein“ (nicht unbedingt, um irgendein Ziel erreichen zu wollen), eine „räumliche Überbrückung von Entfernungen“, und – dem Tschechischen sei Dank – eine innere Reinigung, ja Läuterung.

Valerie Fritsch, 29.3.2020
Überall sprießen die Katharsisphantasien, man will sich läutern und das Beste aus allem machen. Man könnte meinen, manchen Leuten wäre es gar nicht möglich ohne eine nie dagewesene Krise die Wohnung aufzuräumen, das Badezimmer zu putzen, Kaiserschmarrn zu kochen. Die, die es sich leisten können, besinnen sich auf sich selbst, erleben die Erweckung des Ichs, als ließe einen erst eine höhere Macht über die eigenen Wünsche und Grenzen nachdenken. Die Menschen sitzen aufgeschreckt in den Häusern, wollen plötzlich etwas, das sie zuvor nicht wollten, ein anderes Leben. […] Ein Heer mit angehaltenem Atem auf Sofa und Küchenstuhl, mit Tiefkühlpizza am Schoß. Die ersten träumen schon leise von der ganzen Welt.

Nava Ebrahimi, 30.3.2020
Das Wort „übergriffig“ erzeugt seit jeher Abwehr in mir. Das liegt daran, dass ich aus einer iranischen Familie stamme und so ziemlich alles, was in iranischen Familien normal ist, hier im Westen als übergriffig bezeichnet wird. […] Und jetzt sitzen wir hier, drei Wochen später, von der Regierung notwendigerweise übergriffig in die vier Wände verbannt, darin bevormundet, wen wir treffen dürfen und wen nicht, die Polizei kann uns bestrafen, wenn wir mit Freund oder Freundin durch die Stadt spazieren oder uns nach Hause schicken, wenn unser Verhalten im Park zu gesellig wirkt. Ein falscher Schritt an der Käsetheke im Supermarkt, eine zu freudige Begrüßung auf der Straße, ein Schnaufen in die falsche Richtung beim Joggen kann ein Menschenleben kosten. Ein Virus, die übergriffigste aller Entitäten, führt uns auf radikale Weise vor Augen, wie abhängig wir voneinander, wie verwoben unsere Schicksale sind.

Julya Rabinowich, 31.3.2020
Die Wochentage fließen in einen nicht sehr farbvollen Film und verlieren ihre Bedeutung. Meine Welt trennt sich zusehends von der Welt, die nach gemeinsamen Abläufen ausgerichtet ist. Ich telefoniere nur noch ungern, die Worte ins Außen sind schwerer als früher. Ich kann gut schreiben, im Luftleeren. Wenn ich laut spreche, erscheint das seltsam, ungewohnt, auch ermüdend. Ich bin mit kurzer Pause seit über 3 Wochen allein. Meine Wohnung ist ein Brutkasten, in dem ich gut genährt meiner Wiedergeburt entgegenreife.

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz
Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel. (derzeit): 0664/8565146