Die Corona-Tagebücher, Teil 4 („Der übertragene Sinn geht um!“)

in Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Helena Adler, Bettina Balàka, Birgit Birnbacher, Melitta Breznik, Ann Cotten, Nava Ebrahimi, Valerie Fritsch, Monika Helfer, Lisz Hirn, Lucia Leidenfrost, Christian Mähr, Robert Pfaller,  Julya Rabinowich, Angelika Reitzer, Kathrin Röggla, Thomas Stangl, Michael Stavarič, Daniel Wisser. 

[PDF der Gesamtexte]

Melitta Breznik, 28.3.2020
Das Foto, das ich gestern von der leeren Station gemacht habe, die für die ersten Isolationspatienten bereit ist, steht in krassem Gegensatz zu der gemütlichen Ausstrahlung, die sie vorher hatte, mit dem Springbrunnen am Eingang, der Bücherwand, jetzt ist alles mit Plastikfolie umwickelt, oder in den Keller verfrachtet. Ich hatte in den letzten Tagen vor Schließung noch zuversichtlich Osterschmuck mit Holzhasen und ausgeblasenen Eiern angebracht, ein geschmückter Zweig steht noch neben dem Medikamentenschrank im Bunker.

Thomas Stangl, 29.3.2020
Im Übrigen verbreite ich Optimismus (dem Kind gegenüber, meiner Mutter gegenüber) und kann nicht sagen, ob das ehrlich ist oder gelogen.

Robert Pfaller, 30.3.2020
Zu den wenigen Gewinnern der Krise zählen die Tiere in den Tierheimen. Die „animal rescues“ in den USA sind offenbar gerade geleert. Ein hübscher Beleg dafür, dass der Mensch ein geselliges Lebewesen ist, wie Aristoteles lehrte.

Daniel Wisser, 30.3.2020
Ich lese die Biografie von Andrej Sacharow, Erbauer der Sowjetischen Wasserstoffbombe, später Friedensaktivist und Dissident. Interessant ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form: Da ihm Teile des Manuskripts von Sicherheitskräften und KGB-Agenten immer wieder weggenommen werden, schreibt er aus dem Gedächtnis immer wieder Nacherzählungen des bereits Erzählten und Nachnacherzählung der Nacherzählungen usw. usf.

Thomas Stangl, 31.3.2020
Auf irgendeiner Ebene denke ich immer: es betrifft mich nicht, wir hier sind in Sicherheit. Manchmal bekommt dieses Bewusstsein Risse, aber ich bleibe Zuschauer; wenn auch ein Zuschauer, der nichts sieht.

Lisz Hirn, 31.3.2020
Monatsletzter. Ich spüre die Kälte im Kopf. Große Aufregung am Hof! Verletztes Wildtier (angefahren?) unterwegs. Dann passiert das Frühlingswunder: Es beginnt dicht zu schneien. Winterzauber in Zeiten der Seuche, für diese Romantik bin ich grad gerade nicht bereit.

Lucia Leidenfrost, 1.4.2020
In Baden-Baden gibt es ein Hotel, allein offengehalten für den einzigen Moderator des SWR, der dort für ein paar Wochen seine Sendung aufnimmt. Sein Wecker läutet, er steht auf, setzt sich vor den Laptop, verbindet sich via Videotelefonie mit der Maskenbildnerin und schminkt sich selbst. Die einzigen verbliebenen Angestellten im Hotel sind Azubis. Sie bringen ihm sein Frühstück mit billigen Cornflakes. Er geht ins Studio, dort trifft er auf den Kameramann, sie geben sich nicht die Hand zur Begrüßung, halten Abstand und hören die Regieanweisungen über die Lautsprecherfunktion des Telefons. Am Abend kann der Moderator sich in keine Pizzeria setzen. Er telefoniert mit seiner Frau, bevor er sich ins große Hotelbett legt und seinen Salat-to-go mit Laugenbrezel isst, während im Flatscreen die Tagesschau läuft. Die Pandemie hat auch ihm eine Blüte geschenkt. Sie ist rot und einsam. Sie steht auf dem Hotelfensterbrett und lässt den Kopf hängen.

Angelika Reitzer, 1.4.2020
Die Außenwelt funktioniert nur noch durch Störungen (Anträge, die einem zurückgeschmissen werden, Pakete, die nicht geliefert werden können, obwohl jeder weiß, dass wir zuhause sind, Menschen, die vor dem Fenster den Motor laufen lassen, obwohl die Wenigsten Gründe haben, irgendwohin zu fahren, geschweige denn bei laufendem Motor in der Gasse zu stehen).

Thomas Stangl, 1.4.2020
Bei Nachrufen seit ein paar Tagen der Blick auf die Todesursache: Covid-19? Als wäre das eine andere Art von Tod.

Lucia Leidenfrost, 1.4.2020
Die Pandemie in ihrer vollen Pracht sieht so aus: In Panama dürfen Frauen am Montag, Mittwoch und Freitag hinaus. Dienstag, Donnerstag und Samstag haben die Männer Ausgang. Am Sonntag niemand. Die Männer verkleiden sich am Montag, Mittwoch und Freitag als Frauen. Sie binden sich blumige Schals um die kahlen Köpfe, ziehen Röcke mit Rosenmuster an und stopfen sich Minimelonen über ihre Bierbäuche. Die Pandemie hat Blüten, sie wachsen ihr aus den Ohren, sie knospen an ihren Fingerspitzen, flechten sich um ihren Hals, die Knie, die Hüfte. Jede Knospe, jede Blüte betrachte, bestaune ich. Für den Gedanken, dass ein Virus eigentlich nicht blüht, habe ich keine Zeit.

Lisz Hirn, 3.4.2020
Luftschnappen. Die Seuche kommt mit dem Wind. In dem Märchen kommen dennoch keine Gesichtsverschleierungen vor. Ok, Supermärkte auch nicht. Es ist so weit! Das erste Mal mit schwarzer Maske zwischen den Einkaufsregalen – zwischen Bankräuber- und Emergency-Room-Feeling hin- und hergerissen. Trotz Maske teilen wir Gehetzten in der Halle dieselbe Luft und die dringt lungentief ins Innere. Dagegen scheint eine simple Berührung der Haut geradezu lächerlich oberflächlich zu sein.

Thomas Stangl, 3.4.2020
Das Als-ob des Tagebuchschreibens. „Zeugnis ablegen“: doch unsere Zeugnisse lösen sich im Rauschen der endlos vielen Informationen und Texte auf. Die Kurven flachen ab, Lockerungen werden angedeutet, es sind immer die anderen, die sterben, wir konsumieren und verarbeiten nur die Bilder und die Tode aus den Medien, kleine Parasiten, die die Wirtschaft (die Informationsökonomie) am Laufen halten. Unsere Notizen sind keine den Extremzuständen entrissenen Text-Fremdkörper, die im imaginierten Blick aus der Zukunft die andere, deutlichere, wirklichere Wirklichkeit unserer Zeit erscheinen lassen. Vielleicht träumen wir dafür schon zu sehr von diesem Blick aus der Zukunft.

Monika Helfer, erste Aprilwoche
Heute ist es kalt, wie es viele Wintertage nicht war. Die Sonne blendet. In der vorletzten Nacht war ich zwei Stunden wach und habe zu schreiben versucht, mehr als ein paar Sätze schaffte ich nicht. Ich griff in Blumenerde und überprüfte, ob sie Wasser brauchen, lobte sie für ihr fleißiges Wachsen. Bei einer großblättrigen Pflanze welkte ein Blatt, du hast doch hoffentlich nicht C, wollte ich sagen. Die Katze schmeichelte um meine Knöchel, ich gab ihr vom feinen Schinken, in Streifen geschnitten. Sie dankte es mir mit Schmeicheln.

Daniel Wisser, 3.4.2020
Beim Lesen der Corona-Tagebücher kommen mir auch die Einträge der anderen Autorinnen und Autoren so vor, als wären sie von mir. Schrecklich, wie kollektiv alles geworden ist. Wir denken, träumen, erleben dasselbe, nähen Masken nach denselben Schnittmustern.

Melitta Breznik, 3.4. 2020
Habe heute am Morgen von meinem Büro im Spital meine ambulanten Patienten angerufen, die ich seit zwei oder drei Wochen nicht mehr in der Sprechstunde gesehen habe. Der Kanton hat veranlasst, alle nicht lebensnotwendigen Konsultationen einzustellen. Alle waren erleichtert und froh, dass ich mich gemeldet habe, wollten nicht zur Last fallen und hätten sich nicht von selbst gemeldet, weil ihnen die allgemeine Krise so viel grösser als ihre eigenen Sorgen erschien.

Helena Adler, 4.4.2020
Ich erzähle meinem Sohn vom tollwütigen Zirkuspferd, wegen dem wir nicht mehr unter die Leute dürfen. Ein weißes Vieh mit einer Krone aus blau gefärbten Straußenfedern auf dem Kopf, das einen beißt, wenn man ihm zu nahetritt. Es hört auf den Namen Pestie und kommt aus dem Zirkus, der gerade seinen Namen und all seine Zuschauer verliert. Und was macht ein Zirkuspferd ohne Publikum? Es nimmt Reißaus und dreht den Fleischspieß um. Es wildert sich aus und domestiziert den Menschen, drängt ihn in sein Gemäuer zurück, lässt ihn das Höhlengleichnis neu erfinden. Die Welt wird zu seiner Manege. Nur den Kindern tut es nichts, verspreche ich. Doch da kommen noch andere Rösser, denke ich und behalte es für mich. Das rote Marspferd zum Beispiel. Und das schwarze Caesium 137 Pferd, das in der Nacht leuchtet.

Ann Cotten, 4.4.2020
Jetzt hab ich also all diese PDFs, die ich lesen soll. Wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke, habe ich ein einziges Mal auf eine brauchbare Weise gelesen. Ich muss endlich anfangen, den Computer als Hilfsmittel für mich anzusehen und nicht als Foltermaschine, in die ich eingespannt bin. Die Flucht, die Sucht, in selbstvergessene Tätigkeiten zu verschwinden – jetzt mit Schrebergarten merke ich, es geht auch mit Unkrautjäten, das ist genau wie Pickelausdrücken, Gitarre spielen, Sachen lackieren, gießen, putzen – nun, putzen war ich nie gefährdet. Wirft zu viele Fragen auf. Aber den Bildschirm fange ich an zu putzen, wenn sonst alles bereit wäre, dass ich zu lesen beginnen könnte. Oder dann kommt eine Amsel und setzt sich in die volle Blüte vom runzligen alten Apfelbaum und hat einen fetten Wurm, der ihr (ihm, ist das pechschwarze, das Männchen) riesig aus dem Schnabel quillt, so gay – Bitte, ich brauche eine Amsel, die mich ständig zur Besinnung ruft, beim Schwimmen den Kopf oben zu behalten! – Außer bei den PDFs. Bei denen halte ich den Kopf oben wie ein panisches, schwimmendes Pferd.

Kathrin Röggla, 4.4.2020
Wir ahnen bereits, was alles in Wirklichkeit ansteckend ist, und es ist noch viel mehr! Übertragungswege tun sich auf, wohin man nur blickt: Steckdosen, Oberflächen, die Sprache, das Licht, die Luft, das Wasser, die Materie, alles, wo etwas haften kann, alles, an dem man nur schnell vorübergeht, Autoschlüssel, Geldtaschen, Banknoten, Karten, Geldkarten, Krankenkassenkarten, Handys, Sprichwörter, erste Telefongespräche, zweite und dritte, Joggingluft, Gesten. Alles wird nach und nach zu einer Ansteckungsmöglichkeit, auch wenn dies medizinisch ausgeschlossen ist, ja, je mehr wissenschaftlich ausgeschlossen wird, umso mehr wird es in unserer neuen Gerüchtelogik zu einem Ansteckungsherd. Vielleicht überträgt es nicht genau die Krankheit, aber zumindest etwas, das an diese Krankheit erinnert. Der übertragene Sinn geht um! Und so habe ich mich bereits durch das Telefon angesteckt, vielleicht schon durch einen Online-Chat. Ich habe bereits durch den Anblick von Plastikhandschuhen direkte Nachricht von dem Virus bekommen. Es sind die Zeichen der Krankheit, und darunter Sprache als ihr größter Verteiler. Deswegen Turkmenistan voran: Wer die Pandemie überhaupt erwähnt, dem drohen Haftstrafen! Wer das Virus überhaupt erwähnt, dem Gnade Gott!

Nava Ebrahimi, 4.4.2020
Ich habe beschlossen, mich auf das Hier und Jetzt und die hard facts zu konzentrieren: Da weniger Autos unterwegs sind, traut sich der Große mit dem Fahrrad auf die Straße. Im Schlafzimmer steht nicht mehr dauernd ein halbleerer Koffer im Weg herum. Niemand beurteilt mich mehr aufgrund meines Händedrucks. Die Kinder beginnen sich miteinander zu beschäftigen. Die Kinder haben in der Rumpelkammer ein Museum eröffnet. Ich spare mir den Frisör. Ich weiß, wie ich große Videodateien komprimiere. Viele Menschen interessieren sich neuerdings für Dostojewski.  Ich höre täglich mehrere Stunden Deutschlandfunk. Der Kleine schläft jede Nacht durch. Der Große liest ein Buch nach dem anderen. Till Lindemann ist mir egal. Sein lyrisches Ich ist mir egaler. Ich schreibe diesen Tagebucheintrag um 21.59 Uhr fertig und nicht wie sonst um kurz vor Mitternacht.

Lisz Hirn, 4.4.2020
„Vögeln“. Das Gezwitscher der Vögel ist fast unerträglich lebenslustig. Ein bisschen bin ich neidisch auf sie. Wie kann der Frühling einfach so weitergehen, wenn er doch so gar nicht zu meiner Quarantänementalität passt.

Christian Mähr, 4.4.2020
Neutrinos sind merkwürdige Teilchen, die unsere Körper in Milliardenzahl jede Sekunde durchqueren, wovon wir aber nichts spüren, weil sie fast keine Masse haben und nur selten mit anderer Materie wechselwirken. Man hat Unsummen ausgegeben, diese Teilchen aufzuspüren, die Detektoren sind Riesenmaschinen, über die ganze Welt verteilt, vom Eis der Antarktis bis in die Tiefen stillgelegter Minen; Neutrinos machen sich rar, dennoch hat man in den letzten Jahrzehnten Fortschritte gemacht. Damit verglichen sind Coronaviren riesengroße Allerweltsteile, somit sollte die Frage, wieviel von ihnen wann durch welche Filter dringen, längst beantwortet sein, dem ist aber nicht so. Erfahren tut man vieles, je nachdem, wem man im Medienzirkuslärm das Ohr leiht. Ein Meter Abstand, zwei Meter. Nicht das Gesicht zuwenden – nein, betont ein anderer Experte: Nur wer mit einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht spricht, mindestens eine Viertelstunde lang, kann sich anstecken. In Dornbirn scheint das niemand zu glauben, im SPAR werden Masken verteilt, zwei stämmige Security-Mannsbilder, mit denen man nicht unbedingt diskutieren möchte, achten auf das Maskentragen.

Daniel Wisser, 4.4.2020
Ich muss zu Fuß in die Glockengasse. Gehe durch die Stuwerstraße, wo ein Lokalbesitzer Stuhl für Stuhl, Tisch für Tisch und Topfpflanze für Topfpflanze seinen Gastgarten aufbaut. Kein einziger Gast ist da. Ich stelle mir eine Szene vor wie in Ionescos Die Stühle oder Ror Wolfs Text Gambas Theater: Der Lokalbesitzer ist nicht nur Lokalbesitzer, sondern auch sein eigener Gast, Kellner, Koch, Putzfrau, vielleicht sogar der Polizist, der kommen muss, weil die Nachbarn die Polizei gerufen haben.

Kathrin Röggla, 4.4.2020
Blaise Pascal schrieb bekanntlich, dass alles Unglück der Menschen aus der Tatsache entstehe, dass sie nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben könnten. Was für eine merkwürdige Wahrheit, die wir uns jetzt neu aneignen können.

Birgit Birnbacher, 4.4.2020 bis 5.4.2020
für meine 92-jährige nachbarin und mich ändert sich wahrscheinlich am wenigsten. wir sind mit allem, was wir haben, hier drin. wir brauchen sonst nichts. das videotelefonieren offenbart, warum ich telefonieren schon immer gehasst habe. die aufgezwungenen sekundenfüllersätze, der fehlende rhythmus im du sagst ich sage-ton. dazu kommt die zeitverzögerung. die tage sind jetzt lang und schön. abends sind wir von der sonne und vom wind ähnlich einer krankheit müde. das stärkt mir den inneren ton. ich träume jeden tag romane und erinnere mich an sie. diese art trance macht mir einen anfang möglich, ich spüre ihn kommen und schreibe von ihm, damit es ihn gibt.

Michael Stavarič, 5.4.2020
Das Weltall, unendliche Weiten. Österreich, Ischgl, das Sporthotel Silvretta, 2019: Das Restaurant & Après-Ski Lokal „Kitzloch“ zählt ab sofort zum Portfolio des Sport- und Genusshotels. Die traurige Berühmtheit des Etablissements ist mittlerweile bekannt, doch bin ich der einzige, der ob der Namensgebung dieser „Groundzero-Covid19-Lokalität“ stutzig wird, die auf so dumme Weise eine, sagen wir mal, „schenkelklopfende“ Klientel bedient? Loch, Kitz(ler), tralala, lustig samma, schade nur, dass der Deix nicht mehr lebt, der hätte das gewiss vorbildlich aufs Korn genommen. Aber, Stavarič, mach mal langsam, sei nicht so ein Spaßverderber, jeder Name hat natürlich seine Berechtigung, immerhin existiert auch eine Kitzlochklamm in den Alpen. „Ein Naturwunder von eigenem Zauber“, lese ich, die Bezeichnung komme vom „jungen Geißenvolk, das im Sommer gerne die kühlende Klamm und den zugehörigen Stollen aufsuche“. […] Das „Kitzloch“, unendliche Weiten, ich meine, vielleicht sollten die Zuständigen doch eine Umbenennung in Betracht ziehen.

Robert Pfaller, 5.4.2020
Das vielleicht treffendste Buch zur aktuellen Situation scheint mir Christus kam nur bis Eboli von Carlo Levi zu sein. Die Gegner des italienischen Faschismus wurden zwangsweise in die bettelarmen Dörfer des italienischen Südens verbracht. Dort durften sie mit anderen Exilierten, wenn sie sie trafen, nicht sprechen. Nach dem Krieg erfuhr die italienische Öffentlichkeit erst durch dieses Buch über die Armut der Bevölkerung in der Basilicata. Man empfand es als Schande, dass in einem modernen Land wie Italien Zustände wie in der dritten Welt herrschten. Ein großes Sozialprojekt mit den besten Architekten Italiens wurde gestartet und versucht, die in den Höhlen wohnenden Menschen von Matera in moderne Sozialbauten umzusiedeln. Der Titel von Levis Buch bezog sich auf ein verbreitetes Sprichwort. Eboli war das Ende der damals ausgebauten Bahnstrecke. Alles danach erschien als gottverlassene Gegend. Später kam Jesus übrigens doch noch nach Matera. Mel Gibsons The Passion of Christ wurde 2004 dort gedreht.

Bettina Balàka, 5.4.2020
Der Mensch ist entzückt, ein bisserl schämt er sich dafür, was er, der doch so große Musik hervorbrachte, alles vergeigt hat. Wenn er einen Garten hat, schätzt er ihn im Lockdown besonders, er gräbt und jätet und sät und pflanzt. Jedes Keimen, jedes Aufblühen erscheint ihm ganz wunderbar. Hat er keinen Garten, gärtnert er am Fensterbankerl oder zieht zumindest Sprossen in einem Glas. Wenn er wieder frei ist, wird er hinaushasten in die Natur, wird Berge erklimmen und Meere durchfahren, er wird klettern, raften, tauchen, mountainbiken, kein Meter Wald wird unbewandert bleiben, kein Meter See unbeschwommen, er wird Blumen pflücken und Tiere mit der Kamera jagen, er wird die Natur mit seiner unbändigen Liebe ersticken und erdrücken.

Valerie Fritsch, 6.4.2020
Ehe man sich versieht, lässt man die Menschheit schon aussterben im Kopf. Es ist verführerisch. Mit ein paar Gedanken leert man die ganze Erdkugel, pflückt Frauen und Männer, erntet die Menschen in ein Nichts hinein ab. Wie schnell es geht. Man hat kein schlechtes Gewissen, zieht sich selbst als erstes aus der Welt, der Wiese, in der man steckt mit seinen schwerkräftigen Beinen. Man denkt sich weg mit einem Wimpernschlag. Es ist ganz einfach. Die Löcher im Boden, aus denen man die Menschen gerissen hat, wachsen im Tag- und Nachtzyklus der Zeit zu, schließen sich mit dem wiederkehrenden Licht und der wiederkehrenden Dunkelheit. Das Echo der Stimmen fällt sich zwischen den Steinwänden der Schluchten noch ein paar Mal selbst ins Wort, bevor es verstummt und seinen Sprechern folgt. Dann ist die Erde ohne Saat, zurück bleibt eine große, runde Stille.

Angelika Reitzer, 6.4.2020
Peter Weibel, der über das Ende der „Nahgesellschaft“, über unseren Umzug in die (jetzt) wirklich digitale Welt schreibt, erinnert mich daran, dass mir mein erster Freund, als/weil ich ihn nicht mehr sehen wollte, einen Blumenstrauß und Sartres Geschlossene Gesellschaft schenkte, in dem er den berühmten Satz unterstrich: „Die Hölle, das sind die anderen“.

Julya Rabinowich, 6.4.2020
Im Gerüst nebenan trainiert ein Mann mit wütendem Gesicht Klimmzüge und hängt zwischendurch affenartig angeklammert da. Das ist bis jetzt die tierhaft erotischste Frühlings-Begegnung. Der Hund erhält ein neues Medikament und kickt als Zeichen seiner Stabilisierung fremde Hundehaufen mit einer Verve wie Ronaldo. Meterweit. Träume schwimmen in zu trüben Wassern, um sie beim Erwachen noch fischen zu können. Ich verschlafe knapp eine Online-Konferenz, fluche, wo die Entschleunigung denn bleibt, stürme zum Laptop, raffe im Eilen Lippenstift und elegante Jacke, reiße den Kaffee auf meine Unterlagen um. Die Haare sitzen nicht, die Verbindung hält. Wir holen das Gespräch mit Germanistikstudentinnen nach, das in Rauris hätte stattfinden sollen und nun abgesagt worden ist. Kaffeeloser Blindflug mit der Erkenntnis, dass man bei Videokonferenzen nicht aufstehen sollte, wenn man eine elegante Jacke und eine räudige gepünktelte Pyjamahose darunter trägt.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel. (derzeit): 0664/8565146