Die Corona-Tagebücher, Teil 9 („Das Elend der Bescheidwisser“)

in Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Helena Adler, Bettina Balàka, Birgit Birnbacher, Melitta Breznik, Ann Cotten, Nava Ebrahimi, Valerie Fritsch, Monika Helfer, Lucia Leidenfrost, Christian Mähr, Robert Pfaller,  Benjamin Quaderer, Julya Rabinowich, Angelika Reitzer, Kathrin Röggla, Thomas Stangl, Michael Stavarič, Daniel Wisser.

[PDF der Gesamtexte]

Nava Ebrahimi, 4.5.2020
Wir sitzen am Tisch. Ich mit Laptop. Was ist, warum guckst du so? fragt mich mein Sohn. Wenn sie schreibt, schaut sie immer so, sagt mein Mann.

Lucia Leidenfrost, 4.5.2020
Die Pandemie frisst sich in alle Bereiche unseres Lebens, baut sich in fast jedem Augenblick vor mir auf und sagt: Hier bin ich, nimm mich wahr! Als ich einfach so auf Twitter unterwegs bin, fällt mir auf, dass sich Berühmtheiten aus dem öffentlichen Leben umbenannt haben: Jan Böhmermann heißt jetzt: Jan MASKE AUF HÄNDE WASCHEN. Kevin Kühnert findet man nun unter Kevin allein zuhaus Kühnert.

Thomas Stangl, 4.5.2020
Das Elend der Bescheidwisser; aller, die irgendetwas gelesen oder gelernt haben und ihr bisschen Wissen sofort auf alle Bereiche der Welt ausdehnen; es posten, zwitschern, verbreiten, vollkommen von sich überzeugt. Diese Mischung aus Bequemlichkeit, Hysterie und Selbstgerechtigkeit. Das reicht von Zeitungspostern über Schriftsteller (vor allem in meiner Altersklasse) bis hin zu Großintellektuellen. Philosophen z.B., die über ihr eigenes System nicht hinausdenken können und nicht erkennen, dass ihre Philosophie so wie jede Philosophie Grenzen hat und erst dort so richtig interessant wird, wo sie zu scheitern beginnt. Ich erinnere mich an die Lektüre von Homo Sacer, bei der ich mich gefragt habe, ob die theoretische Hölle Agamben nicht blind macht für die realen Toten. Ob seine Philosophie nicht wiederum das nackte Leben ausschließt, indem sie seinen theoretischen Platz bestimmt und erklärt, wie im Grunde alles das gleiche ist. Aber es macht einen entscheidenden Unterschied, ob wir im Bild und der Theorie in Auschwitz wohnen oder in Wirklichkeit. Und mir scheint es auch heute einen entscheidenden Unterschied zu machen, ob Straßen bloß gespenstisch menschenleer sind oder kleine Konvois von Leichenwagen auf ihnen unterwegs. Wenn es um die Wahl zwischen Biopolitik und Ausnahmezustand auf der einen Seite und der Aufgabe von Menschenleben, von Alten und Kranken auf der anderen Seite geht, kann man sich nicht rein halten, in der Unschuld des radikalen Denkens. Und das schreibe ich, bequem zu Hause sitzend. Voller Selbstgerechtigkeit? Voller Hysterie, weil ich irgendetwas von Toten auf den Straßen in Ecuador, Massengräbern in New York, Leichenwägen in Bergamo gelesen habe? Und vor fast zwanzig Jahren beeindruckt, zweifelnd und verärgert das Buch eines berühmten Philosophen gelesen habe und jetzt glaube, Bescheid zu wissen?

Julya Rabinowich, 5.5.2020
Klaus Kastberger hat mich gebeten, meine Einträge richtig zu datieren, und alles in mir kämpft dagegen an. Ich will eine zeitlose Wurst sein, in jeder Hinsicht.

Angelika Reitzer, 5.5.2020
Die Mariahilferstraße ist wieder ziemlich voll, weil die großen Fetzenläden wieder offen haben. […] Ich denke an die beklemmenden Aufzeichnungen anderer TagebuchschreiberInnen und frage mich, was es wirklich ist, dass diese und die Menschen im Park, auf den Straßen, in den Geschäften unterscheidet. Ist es immer noch so, dass ihnen, denen, uns die Welt abhandengekommen ist, wir keinen Zugriff mehr auf sie haben, auf unser Dasein in ihr (der Welt)? Oder betrifft das nur noch ein paar, denen das Shoppen und In-der-Sonne-Sitzen nicht so wichtig ist, die sich nicht hinaustrauen oder es für unverantwortlich halten und den anderen reicht eine Flasche Bier und ein Freund, mit denen man sich in die Sonne setzen kann? Und warum ist es so wichtig, dass wir jetzt wieder Kleidung kaufen können (außer für die Konzerne natürlich, für die kleineren Unternehmen noch mehr)? Ist das einzig wirklich Verbindende nur die Angst, und sobald es keine Todesangst mehr ist (auch die lediglich suggerierte, angenommene), tun wieder alle so, als wäre (fast) nichts gewesen? Kein Bedürfnis, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen, strukturelle Veränderungen einzufordern?!

Daniel Wisser, 6.5.2020
In meinem Umfeld gibt es etliche Katastrophenliebhaber, die nun verzweifelt geworden sind: Zuerst prognostizierten sie Hunderttausende Tote in Österreich, dann jahrelangen Ausnahmezustand, dann die zweite und dritte Welle und jetzt haben sie sich auf die kommende Wirtschaftskrise gestürzt. An ihrer Alarmstimmung ist eines ablesbar: diese Menschen sehnen sich nach einer Katastrophe. Es ist ein Wohlstandsproblem und es macht in Wahrheit langfristige Politik unmöglich, die das Planen von Ressourcen, Energie und Versorgung über Legislaturperioden hinaus bedeuten würde.

Melitta Breznik, 7.5.2020
Wir treffen uns zu einer Sitzung, um die Wiedereröffnung der Rehabilitationsabteilung vorzubereiten. Vier Patienten pro Gruppe, ständiges Tragen von Masken für alle, außer im Freien mit genügend Abstand. Plexiglaswände zwischen Arzt und Patienten in den Gesprächen. Es gibt auch die Möglichkeit, die Psychotherapie in einem Container abzuhalten, der seit 2 Tagen vor dem Eingang steht. Zwei separate Eingänge, in der Mitte eine Plexiglasscheibe. Es scheint mir attraktiver, sich bei einem Spaziergang auszutauschen, oder im Freien sitzend unter Einhaltung des Abstandes von zwei Metern. Wir haben freistehende Gartenstühle beim technischen Dienst geordert, die an verschiedenen ruhigen Plätzen rund ums Gebäude verteilt werden sollen. Nach drei Stunden Sitzung mit Masken, trotz „Verschnaufpausen“ im Freien, sind alle müde und unkonzentriert aufgrund des Sauerstoffmangels.

Christian Mähr, 7.5.2020
Steht uns ein glorreicher Sommer bevor? Kanzlerin Merkel ist eingeknickt, die deutschen Landesfürsten machen, was sie wollen; aus der „Öffnungsdiskussionsorgie“ (Merkel), scheint eine Öffnungsorgie zu werden, aber unkoordiniert. Erst bei mehr als fünfzig Neuinfektionen pro hunderttausend Menschen innerhalb einer Woche würde eine „Notbremse“ gezogen und die Beschränkungen würden wieder eingeführt. Das wären rund 5900 pro Tag. Für das zehnmal kleinere Österreich entspräche das also 590 Neuinfektionen. Pro Tag! Gegenwärtig liegen die Neuinfektionen bei uns im niedrigen zweistelligen Bereich. Markanter Unterschied. Unterschied aber auch in der Auffassung, was eigentlich vor sich geht. In Deutschland geht ein Riss durch die Gesellschaft, den ich bei uns noch nicht sehe. […] Wir sind nicht am Anfang vom Ende der Pandemie, sondern am Ende vom Anfang. Es bleibt spannend!

Julya Rabinowich, 7.5.2020
Lieber Klaus, ich gebe es auf. Ich will mich nicht in das Raum-Zeit-Kontinuum pressen lassen, mein Geist ist frei und meine Seele ist krank.

Robert Pfaller, 7.5.2020
Was bedeutet die Corona-Krise, ökonomisch? – Fassen wir es mal so: viele Kleinunternehmen werden danach ruiniert sein. Viele Leute, die bis dahin selbständig waren, werden in Zukunft lohnabhängig sein. Die Gesellschaft polarisiert sich in wenige Vertreter von Großkapital und sehr viele Menschen ohne Kapital, ohne eigene Produktionsmittel. In altertümlicher Sprache: eine enorme Kapitalkonzentration und eine gewaltige Proletarisierung finden statt. Es entsteht eine Gesellschaft ohne Mittelschicht. In einer solchen Gesellschaft ist man entweder ganz oben oder aber ganz unten, und es gibt keine mittlere Klasse mehr, die Aussicht auf Durchlässigkeit und sozialen Aufstieg verkörpern würde. In einer solchen Gesellschaft gibt es auch wenig Möglichkeit, freiwillige Zustimmung zu generieren. Denn die hängt ja eben an der Aussicht auf Durchlässigkeit und sozialen Aufstieg. Darum muss eine solche Gesellschaft, anstatt sich auf Zustimmung zu stützen, verstärkt auf Mittel des Zwanges setzen. An die Stelle ideologischer Apparate treten repressive Apparate.

Daniel Wisser, 7.5.2020
Beim Verlassen der Arztpraxis. Ärztin: Sie sind seit zwei Monaten der erste Mensch, der mir die Hand geschüttelt hat. Ich: Habe ich Ihre Hand geschüttelt? Ärztin: Ja, jetzt gerade. Ich: Wirklich? Entschuldigung, das war ein Reflex.

Benjamin Quaderer, 7.5.2020
Ich habe noch nie so viele Videos von mir selbst aufnehmen müssen wie in den letzten paar Wochen. Nach Möglichkeit habe ich es vermieden, mir diese noch einmal anzuschauen, bei diesem einen aber – vier Leute antworten darauf, wie es ist, einen Debütroman in eine Pandemie hinein zu veröffentlichen, Spoiler: es geht so – musste ich fast. Es war entsetzlich. Meine Haare stehen in alle Richtungen ab, dazu kommt dieser kalte Glanz in den Augen und mein Blick, oh mein Gott, ein Blick ohne Richtung, ohne Anschauungsgegenstand, ein Blick in die vollkommene Leere. Manchmal bewegen sich meine Pupillen schnell, als fühlte ich mich verfolgt, außerdem ziehe ich sporadisch den Kopf ein wie ein Geier. Ob ich das Video freigeben wolle, werde ich in einer E-Mail gefragt. Nein, will ich schreien, ich gebe nichts frei, aber ich will der Person, die das schneiden muss, nicht mehr Arbeit machen als nötig. „Danke für das Video“, antworte ich, „echt schön geworden“, und denke an den Mann (ich glaube, er hieß Hauke, war Anfang 40 und hörte gern Metal), der mir, als ich 16 Jahre alt war, auf MySpace schrieb: „Das Internet vergisst nie.“

Nava Ebrahimi, 7.5.2020
Die Hausaufgaben der aktuellen Woche sind Muttertagsgedicht auswendig lernen, Muttertagsblumenstrauß ausmalen, Muttertagsbillet basteln, ausschneiden, beschriften. Ich kann mich nicht entscheiden: dass jetzt allerorts Mütter die Herstellung ihrer eigenen Schema-F-Präsente betreuen, ist das entlarvender für die Bildungs- oder die Familienpolitik?  Muttertag lässt mich eher kalt, also würde es mir nichts ausmachen, mit meinem Sohn diese Hausaufgaben zu erledigen, ich sehe das ganz pragmatisch, dachte ich. Das Billet in Herzform schiebe ich bis Donnerstag auf.

Lucia Leidenfrost, 9.5.2020
Wir fahren in den Zoo nach Heidelberg. Wir zeigen unserer Tochter ihr Lieblingstier in echt. Man muss sich mit der Personenanzahl anmelden und muss einen freien Termin wählen. Es sind nicht viele Besucher rund um uns, die Kinder sind alle außer sich. Nicht alle Bereiche des Zoos sind offen. Das Raubtierhaus mit den Tigern und das Affenhaus sind geschlossen. Kamele begrüßen uns und den Löwen hören und sehen wir brüllen, Elefanten kommen auf uns zu, Wüstenhunde graben sich in ihre Erdlöcher.

Birgit Birnbacher, 9.5.2020
mir tun diese üppigen blumeninseln in den kreisverkehren so leid, die jetzt ohne festspielgäste in der gegend herumstehen wie nicht abgeholte operndiven. das mehrheitliche jahr ist salzburg ja eine bühne, aber was ist eine bühne, nur mit blumen, ohne schweiß.

Helena Adler, 10.5.2020
Buttertag. Die Mutter hat ein Festmahl zu ihren Ehren vorbereitet. Wir sitzen gerade noch friedlich beisammen, da rollt schon die Schwerenöter Schwester ein. Ich verstecke schnell Schinken und Käse unter dem Geschirrtuch, um sie zu provozieren. Sie schlägt die Tür mit vollem Karacho auf und brüllt: „Spinnst du Mutter, mich so bald aufzuwecken! Du schircher Krapfen!“.

Michael Stavarič, 10.5.2020
Guten Morgen! Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Verschwörungstheorien hatten wohl schon immer Hochkonjunktur. Covid-19 entkam eindeutig aus einem medizinischen Geheimlabor (ich selbst habe schließlich genug solcher Filme im Fernsehen gesehen). Die Twin-Towers wurden von der CIA (und weiteren Regierungsorganisationen) zerstört, um den Krieg gegen den Terror zu rechtfertigen (ich selbst habe schließlich genug solcher Filme über die Machenschaften der CIA im Fernsehen gesehen). Die Mondlandung hatte nie stattgefunden, alles ein mittelmäßig gedrehter Propagandafilm (Stanley Kubrick lässt grüßen). HIV wurde natürlich kreiert, um Homosexuelle und Afroamerikaner (und Afrikaner generell) zu dezimieren. Selbst Mozart soll von Freimaurern vergiftet worden seien, da er sich in seiner Oper „Die Zauberflöte“ erdreiste, ihre Geheimnisse preiszugeben (Verdammt, mir war da nie etwas aufgefallen).

Ann Cotten, 10.5.2020
Blumenmond (riesig) und Ramadan. Aufmerksame Dunkelheit, freundliche Luft. Zeit der Experimente und der Korrekturen. Seit den Lockerungen überhöre ich im Vorbeigehen fast nur Leute, die sich über irgendwas aufregen, was unverhältnismäßig ist. Die Regeln hatten jetzt Zeit, ins Detail auszutreiben, und jedes kleine Spiel verstärkt sich dabei natürlich enorm. Schwankungen der Einschätzung relativer Gefahren und in der Abwägung von Wirtschaft gegen Sicherheit werden offenbar und Anlass zum Ärger. Freibäder öffnen, aber Kulturveranstaltungen sind noch monatelang verboten.

Kathrin Röggla, 10.5.2020
Es ist die Woche der Lockerung, und in der Woche der Lockerung kommt der Soziologe, wer sonst, zu Wort. Und wo anders als in einem Zoom-Meeting, denn so locker sind wir noch nicht. Auch in einem Zoom-Meeting kann man die Nüchternheit der Soziologen ausrufen. „Wir sind so nüchtern.“ Und nochmal: „Wir Soziologen sehen das nüchtern.“ „Also ich sehe das ja mehr aus einer soziologischen Perspektive, und wir betrachten das eben kalt.“ Als traute man der eigenen Nüchternheit doch nicht, inmitten der man im Augenblick vielleicht so gerne sitzen würde. Der Soziologe (männl.) beobachtet abstandsgewohnt alles mit kühlem Blick, während uns Schriftstellernden ein heißer oder zumindest bewegter Blick zugesprochen wird, als wollte er all die Emotion abschieben in unser Lager, das kein Lager mehr ist. Der Soziologe spricht aber so grundsätzlich auch nicht über Naturkatastrophen, sondern bestenfalls über „entsetzliche soziale Prozesse“. Oder über die Produktion von Katastrophen, Katastrophenquellen. Diese Art, alles umzudrehen, den Diskurs gewissermaßen zu pointieren, liebe ich an der Soziologie. Um ehrlich zu sein, erlebe ich selbst die Sprache von Niklas Luhmann nicht als kühl, allenfalls als knallkalt, denn sie ist angereichert mit einer in der Abstraktion plötzlich aufplatzenden Bildlichkeit. Und wie gerne denke in diesen Tagen an den Luhmannkollegen und Gründer des Lehrstuhls für Katastrophensoziologie, Lars Claussen zurück mit seinen Organisations- und Warnlücken, die wir jetzt so plastisch vor Augen geführt bekommen. Nicht umsonst war er Mitglied der Arno-Schmidt-Gesellschaft.

Bettina Balàka, 10.5.2020
Wir haben jetzt einen nachhaltigen Eindruck davon, wie es bei anderen Leuten zu Hause aussieht. Im Hintergrund der Videocalls haben wir fragwürdige Plastikaufbewahrungskörbe ebenso gesehen wie edle Antiquitäten. Manche sind nicht davor zurückgeschreckt, uns ihre graugewaschene Bettwäsche mit dem unerklärlichen abstrakten Muster sehen zu lassen oder die Riege ihrer verklebten Billigkosmetikprodukte am Badewannenrand. Man erlebte bei Geschäftskontakten und selbst Prominenten ein Gefühl, das man sonst nur kannte, wenn man die Wohnung eines potentiell Zukünftigen betrat: Bitte lieber Gott gib, dass es halbwegs geschmackvoll und sauber ist, und bewahre mich vor Klimt-Kunstdrucken. Die Bücherwand war natürlich ein besonders aufschlussreicher Hinweis – ist der Titel Gelöst im Orgasmus absichtlich platziert worden, um eine subtile Nachricht zu senden, oder steht er dort immer zentral im Raum?

Ann Cotten, 10.5.2020
Ein Kind wirft einem Mann in der U-Bahn vor, dass er keine Maske trägt, die Mutter ruft es zurück, lass ihn. T gibt daraufhin zu, dass man wie bei roten Ampeln vor Kindern die im Grunde nur bei genereller Befolgung sinnvollen Regeln befolgen sollte. Alle sind Kinder, sage ich.

Helena Adler, 11.5.2020
Schon wieder ist Montag. Und schon wieder schreibe ich auf den letzten Drücker. Am Ende erfinde ich ein Datum, damit es nicht so wirkt, als würde ich immer bis fünf vor zwölf zuwarten. Ich fühle mich wie eine Schülerin, die ihre Hausaufgaben nicht erledigt. Nur, dass es hier wahrscheinlich auffallen würde, wenn ich abschreibe. Sofern ich meine Niederschrift für gut erachte, notiere ich einen früheren Wochentag, damit mein Textauszug auf der Homepage des Grazer Literaturhauses nicht so weit unten erscheint. Meist liest man ja doch nur die ersten paar Zeilen.

Valerie Fritsch, 11.5.2020
Draußen ist ein Regen, der den Menschen auf den Kopf fällt, ein grüner Dschungel, der um die Häuser wuchert, eine Feuchtigkeit, die nach Erde riecht. Die Bäume wachsen in ihre Form hinein, strecken sich in ihre Blätter, sehen über Nacht wieder aus, wie man sie aus dem letzten Jahr noch in Erinnerung hat. An jeder Ecke findet man eine Verschwörungstheorie, sie blühen zwischen den Bäumen und Blumen, werden mit fester Hand gepflückt und ins Wohnzimmer zu den Pfingstrosen und Vergissmeinnicht gestellt. Es scheint nichts leichter, als eine Wirklichkeit hinter einer Wirklichkeit, mit der man nicht zufrieden ist, zu vermuten, eine geheime zweite Welt, die die erste, die man in den Einzelheiten nicht verstanden hat, vollständig erklärt. Wer durchs selbst gebaute Schlüsselloch blickt, wird zum Erweckten mit geschlossenen Augen. Auserwählt, stolz und wutrasend, ein Missionar der Unwissenden, ein Glaubensbote der potemkinschen Wände. Und das Schlimmste: er braucht alle Rufzeichen auf, wenn er seine Weltformeln aufschreibt, bald wird es keine mehr geben. Dabei ist schon die richtige Welt oft falsch genug.

Monika Helfer, 11.5.2020
Es regnet so vor sich hin, ähnlich wie ich so vor mich hindenke, gleichförmig, ohne Hintergedanken. Der Regen wird die vielen Ritzen auffüllen, und der Boden wird wieder glatt werden, Gras wird wachsen, gemäht werden, wieder wachsen, so in einem fort. Seit die Lockerungen in Kraft getreten sind, hat sich für mich nichts weiter geändert. Beim Wort Lockerung fallen mir anstrengende Turnübungen ein.  Man tritt aus der Turnhalle und begibt sich unter Menschen, als ob wieder alles wäre wie ehedem.

Julya Rabinowich, 11.5.2020 (cirka)
Rest der Woche: einfach nur fürchterlich, in Erwartung der Untersuchung, die Klarheit über den Zustand des Hundes bringen soll, schreibend, keine Zeit für nichts findend, und wieder allein, weil das Kind wieder ausgezogen ist, um das Lieben zu lernen.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel. (derzeit): 0664/8565146