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Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 16 („Ein Jahr C. Was für ein störrisches Biest.“)

in Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Wolfgang Paterno, 22.2.2021
Mail vom Bekannten D. Er schreibt von der „gschissenen Zeit“. Punkt. D. ist genau der Experte, den man in diesem Moment braucht. Auf seine Weise war D. schon immer ein Philosoph.

Barbara Rieger, 22.2.2021, Graz
So viele Autos, so viele Menschen, so viele Geschäfte, in denen ich so billig so viele Sachen einkaufen kann, hin und wieder ein Mund-Nasenschutz. Ich fühle mich wie damals in Shanghai, dabei bin ich nur in Graz. Und nicht sicher, ob ich überhaupt hier sein darf. Helfe ich meiner Mutter oder hilft sie mir? Muss nachschauen, ob ich hier noch einen Nebenwohnsitz gemeldet habe.

Egon Christian Leitner, 22.2.2021
Mein Ruhepuls ist der von einem Igel gleich nach dem Winterschlaf oder von einem Laubfrosch oder einer Klapperschlange. Pferd & Elefant in etwa auch. Spatzen nicht. Insgesamt pro Tag schlägt u. a. mein Herz zirka 100.000 x & im Jahr 30 oder eher 40 Millionen x & je nachdem, wie lange ich da hier (noch) zu tun habe, in Summe 2 oder 3 Milliarden x. Oder 4. / Natürliche Bypässe gibt’s. = Selbstheilung des Herzens (durch Bewegung. Nix esoterisch, nix metaphysisch, sondern Sauerstoff & Physiologie usw.) Die Knieknorpel heilen auch. Wachsen nach, 100 bis 150 Jahre brauchen die dazu. Nehme Letzteres als Beweis für die Unsterblichkeit der Seele oder für die Wiedergeburt. Wozu wären die 150 Jahre sonst gut? Solche Sachen eben lerne ich in der Reha & denke mit. (…)
Was für ein schöner Tag! Froh & fröhlich alle, von Herzen. Ich auch. Ich auch. / Alles kann, nichts muss. Jedes Mal, wenn der Trainer mit Herzproblem zuständig ist für uns, sagt er den Spruch. Seine Übungen sind genau so: nie strapaziös. Dem geht’s, kommt mir vor, um die Beweglichkeit = ums Gefühl, freizukommen, frei zu sein. Um die dazugehörige Gewissheit. Die reicht aus für viel. / Viele Leut’ hatten in den 48 Stunden vor dem Herzinfarkt große Wut, weiß man, heißt’s. Ich weiß von nichts.

Günter Eichberger, 22.2.2021
Ich habe ein Auto gekauft, obwohl ich nicht damit fahren kann. Armin Pokorn hilft mir, es vor einem Künstlerlokal abzustellen. Ich besuche dann ein Restaurant mit riesigem Garten, von dem ich schon öfter geträumt habe. Mir wird ein Pferd geschenkt, das anstandslos eingelassen wird. Es ist sehr ausgelassen und tollt durchs Lokal. Ich versuche es einzufangen.
Von Beruf bin ich übrigens Spion.

Stefan Kutzenberger, 22.2.2021
Meine Schwester hat vor zwei Wochen das Tagebuch für den Papa übernommen, nun bin ich an der Reihe. Ich weiß genau, wie dramatisch 17-Jährige sein können, deshalb liegt es jetzt an mir zu zeigen, dass die 14-Jährigen noch viel ärmer sind. (…)
Ich meine, ich habe mindestens einen Monat davor überlegt, was ich anziehen soll am ersten Schultag. Und der war dann ganz wunderbar! Ich mochte meine neue Klasse vom ersten Moment an. Im Oktober war es dann aber bereits wieder vorbei. Und heute war mein erster Schultag nach über drei Monaten Lockdown. Es war wirklich furchteinflößend, wie neu es für mich war, sozialen Kontakt aufzubauen. Allein die Begrüßung. Es ist immer ein unangenehmes Hin und Her. Soll ich Leute umarmen? Nein. Das ist dem Virus gegenüber respektlos. Aber ein einfaches Hallo wäre noch schlimmer (fühlt sich so trocken an). Die meisten Leute haben die Situation mit einem Kreischen gelöst. AHHHH, ICH HAB DICH SO VERMISST!

Lydia Mischkulnig, 22.2.2021
Wie entsteht Nähe im virtuellen Raum? Durch den Wunsch nach Intimität. Wo Wärme ist, sucht sie ihre Entropie. Sie verlangt nach ihrer Entspannungserfahrung.
Danach Diskussion in der Alten Schmiede. Habe zu lange geredet! Das Buch von Ken Bugul hat zu viel Raum und zu viel Zeit für die Vorstellung genossen. Der Roman ist es nicht wert. Das Korrektiv eines Publikums hat vielleicht gefehlt. Das Gähnen und Scharren und Schnauben und das Gehüstel. Vielleicht haben auch die Blicke gefehlt, die einen Rezensenten antreiben, weiterzukommen. Die Kamera, die das Publikum ersetzt hat, das zyklopische Auge eines unersättlichen Ungetüms greift nicht ein. Das Okular lauert nicht, sondern lauscht dem Gespräch, wie ein geschärftes und ununterbrochen aufnehmendes Ohr. Ich kam nicht zum Punkt für dieses Füllohr.

Stephan Roiss, 23.2.2021
Ich singe nach der Melodie von Händels Largo ein durch und durch unzüchtiges Wohngemeinschaftslied. Günter Eichberger bezichtigt mich des Plagiats und verliert den Prozess, weil sein Anwalt ein schraffierter Kohlrabi ist. In einem Sexshop erstehe ich sowohl eine lederne Rute als auch einen roten Dreizack.

Verena Stauffer, 23.2.2021
Stefan Kutzenberger und ich treffen einander im wirklichen Leben, im Lainzer Tiergarten. Natürlich schaffe ich es nicht, wie ausgemacht zum Pulverfasstor zu kommen, ich verwechsle die Tore wie immer und stehe zwar pünktlich, aber doch am falschen Ort. (…)
Wir spazieren Richtung Westen, die Landschaft wirkt wie auf dem Land, Dunst schwebt über den Wiesen als wäre es Herbst, alte Obstbäume stehen verstreut, es fühlt sich an als gingen wir durch Oberösterreich, so als käme uns gleich Barbara Rieger mit ihrem Baby entgegen. Sie kommt nicht, aber ein Uhu, der wach und groß am Wegesrand sitzt, sich nicht vor uns fürchtet.

Gabriele Kögl, 23.2.2021
Zwei Tage nichts geschrieben. Dafür Dringendes erledigt. Handwerker in der Wohnung. Erledigt. Thermenwartung. Erledigt. Experten für A1-Homepage um Besuch gebeten. Erledigt. Und ich habe meine Homepage nach zwei Monaten wieder. Sie ist zwar etwas altmodisch, aber alles Wesentliche steht drauf. Ich bin aufgeregt über das Wiedersehen, möchte einiges verändern, frage den Experten, was wir machen könnten. Und er sagt: Nichts, die Homepage sei super. Das Schlichte und Wesentliche sei grad wieder im Kommen. Ich sei eine Trendsetterin.
Manchmal muss man anscheinend nur Geduld haben und ohne Groll vor sich hin modern, bis man wieder modern wird.

Lydia Mischkulnig, 23.2.2021
Die jungen Leute des Schreibseminars beschließen aus Virtualität eine reelle Erfahrung zu machen. Ich bin ihr Tutor. Wir schreiben. Yulias Reise vom Westen nach Wien dauert nur eine Millisekunde. So trudeln auch die sieben anderen ein. Acht Personen habe ich am Radar. Wir sitzen vor der Kamera und ich trage zum Begriff Paradies und dessen Mythos vor.

Verena Stauffer, 24.2.2021
Jede Klasse bekäme ein Package, erzählte mir meine Tochter gestern, in welchem auch ein sogenannter Swab dabei wäre. Was ist ein Swab? frage ich.

Günter Eichberger, 24.2.2021
Ich lese die Corona-Tagebücher der anderen und lerne sie auswendig. (…)
Wie werde ich wohl sterben? (Nein, ich will es gar nicht wissen. Ich will nicht einmal sterben.)

Stefan Kutzenberger, 24.2.2021
Donnerstag: Ich habe am Donnerstag immer erst um 9 Schule. Ich habe das aber vergessen und war schon um 8 munter. Noch nie war ich so enttäuscht von mir selbst. Ich bin dagesessen und habe auf die Schule gewartet.

Birgit Pölzl, 24.2.2021
Das Frühjahr riecht nicht mehr nach feuchtem Laub, es riecht in Brisen nach trocknenden Blättern und trocknendem Moos, vor allem aber klingt das Frühjahr.

Gabriele Kögl, 24.2.2021
Irgendwas geht immer nicht.

Egon Christian Leitner, 25.2.2021
Nahe Coronafälle. Happy Ends? Bitte!

Hannah Zufall, 25.2.2021
Die These meiner Freundin, der Soziologin, ist, dass die Menschen gerade entweder viel zu viel zu tun haben oder viel zu wenig. Ich fürchte da mit Rilke: Wer jetzt keine Arbeit hat, bekommt auch keine mehr.

Barbara Rieger, 25.2.2021
Abends lese ich unsere Corona-Tagebücher und lache. Wir sind: Eine gelungene Montage.

Verena Stauffer, 25.2.2021
Ich gehe am Barbados vorbei, einem Strandclub mit Trampolin und Steg, völlig verweist, als wäre er vor Jahrzehnten Filmkulisse gewesen. Plakate, die eine Halloween-Party ankündigen, wirken wie ein schlechter Scherz, auch die Einladung zum gemeinsamen Gansl-Essen hat aus heutiger Sicht Karikatur-Potential.

Günter Eichberger, 26.2.2021
Ich wusste nicht, dass ich an einem Kollektivroman mitschreibe. Gut, ich bin selbst ein Kollektiv. Ein Chor vieler Stimmen. Im Murmeln der Diskurse verschwinde ich langsam.

Barbara Rieger, 26.2.2021
Mein Tagebuch halte sie davon ab, verrückt zu werden, schreibt eine Freundin, die drei Kinder hat. Das Schöne am Land ist der Landarzt. Das Ergebnis des Blutbildes überrascht mich allerdings. Im Falter lese ich eine Reportage über die Probleme der Wiener Jugendlichen in der Pandemie: In Krisen gehört das Gewicht zu den wenigen Dingen in eigener Kontrolle. Weil im Lockdown auch die Mitschüler keinen Gewichtsverlust bemerken, hungern sich Betroffene so lange hinunter, bis sie irgendwann ein Spitalsbett bekommen.

Hannah Zufall, 26.1.2021
Gestern sechs Stunden in Zoom-Treffen verbracht. Danach brauchte ich neue Augäpfel. Die geistesgegenwärtige Krankenkasse verschickte bereits Übungen für die Augenpartie, um der drohenden Kurzsichtigkeit ihrer Patienten Einhalt zu gebieten. Ich verdrehe probeweise meine neuen Augen und akzeptiere die Einladung zur nächsten Konferenz.

Stephan Roiss, 26.2.2021
In diesem einen, diesem hiesigen, diesem infizierten Universum verfolge ich, wie finstere Verflechtungen von Justiz, Politik und Wirtschaft ans Tageslicht kommen. Es ist nur die Spitze des Eisbärmauls. Alles wissen das. Im Grunde. Ich werfe Schlammbatzen gegen die Mondscheibe.

Birgit Pölzl, 26.2.2021
Haben einem Freund das letzte Geleit, viel Wein, viel Nähe, meine: Trauer, die einem dünne Haut macht, stell dir, oder stellen Sie sich vor, ein Freund, vielleicht der hellste, erleidet einen Schlag und zapp x Schläge, Entwickler, Visionär, liegt fünf Jahre, liegt, will nicht mehr in den Rollstuhl, will, dass man die Rollo im Geriatrischen schon zu Mittag herunterlässt, will nur noch im Bett, und du erzählst, was du so machst und fragst, was er geträumt und er erzählt von einer Reise mit dem Vater jedes Mal, vom Schäfchen-Zählen, und seit Corona isoliert, seit einem Jahr nur seine Frau, was sag ich, Frau, sein Engel ihn besuchen darf einmal pro Woche eine halbe Stunde lang, dann nimmt man anders Abschied, dann sind die innig-feinen Gesten nicht genug, dann muss man über Grenzen.

Stephan Roiss, 27.2.2021
Tiefes All und Schlaflosigkeit. Traumdeutung und Archetypen. …Mariusz Lata tweetet: „Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen.“ Ein Kenner der Limonadologie, wie es scheint. So, das Versmaß ist voll. Ich wünsche einem beliebigen Gedicht den Anapäst an den Hals.

Heinrich Steinfest, 28.2.2021, südlicher Odenwald
Nach dem Alptraum ein Firn von Englhofer.
Kaum stehen die ersten Lesungen an – auch wenn vorerst nur als gestreamte Wirklichkeit und „Porträt des zeitweise eingefrorenen Autors vor seiner Bücherwand“, später dann als „wilde Hoffnung auf den Herbst im Freien“, wie sich ja schon der letzte Herbst als „wilde Hoffnung“ ankündigte –, habe ich gleich wieder diese Alpträume von Katastrophenlesungen. So wie ich ja mit meinen fast sechzig Jahren bis heute Matura-Alpträume erleide. Dabei habe ich nicht einmal die Matura gemacht. (…)
Gefangen in einer Gondel, ohne Buch und ohne Maske, gebeutelt von Angst, bemüht, nicht mehr und nicht tiefer einzuatmen als nötig, ja, das Atmen tunlichst ganz einzustellen, schrecke ich aus meinem Schlaf hoch. Stoße geradezu mit dem Kopf an die Dunkelheit meines Zimmers.
Ich bin ein Mann in einem schwarzen Quadrat. (…)
Ich greife zur Seite, wo ich wegen der allnächtlichen Rauheit des Halses die aus Österreich zugesandten, lebensnotwendigen Firn-Bonbons aufgereiht habe. Nehme eines, wickle es aus und führe es mir hostiengleich in den Mund. Und muß augenblicklich daran denken, wie ich als Kind einmal so ein Firn-Zuckerl als Grab für eine Ameise verwendet habe

Lydia Mischkulnig, 28.2.2021
Jetzt kommt der März.

Wolfgang Paterno, 28.2.2021
Gestern Lasagne-Tag bei 22a/12. Vorgestern war es eine Sushi-Platte mit Gemüse-Maki. 22a/12 heißt bei uns inzwischen jener Unbekannte, der in unserer Straße mit dem Adresszusatz 22a/12 wohnt; es könnte natürlich auch eine Unbekannte sein, wir wissen es nicht. Der winzige Adresszusatz a bringt es seit Lockdown I regelmäßig mit sich, dass Lieferservice-Fahrer und Pizza-Botinnen atemlos vor unserer Wohnungstür stehen und uns unverlangt Pizzakartons und Aluschalen in die Hände drücken wollen. Es läutet an der Tür. 22a/12 gönnt sich heute einen Cheeseburger mit Senf-Mayo und roten Zwiebeln; Crispy Fries und dazu ein Kaltgetränk als Beilage. Türläuten gegen Abend. 22a/12 hat Palatschinken mit Marillenmarmelade geordert. Solange 22a/12 heißhungert: Lockdown-Ewigkeit continued. Und das ganz Große schnurrt auf Palatschinken und Pizza zusammen.

Birgit Pölzl, 28.2.2021
Muss wieder in die Berge.

Stefan Kutzenberger, 1.3.2021
Montag, neue Woche. Nun wieder ich, der Papa, Stefan:
Eine überraschende Wendung in diesem Tagebuch: Die Direktorin der Schule hat gerade angerufen, der Nasenbohrer Test der Jüngeren war positiv. Ein Cliffhanger.

Wolfgang Paterno, 1.3.2021
Die Sonne scheint, als wisse sie nicht, dass Frühlingsanfang erst sein wird. Den durchgängigen C-Brüllton einen Nachmittag lang mit schönstem Lärm getauscht: Spechthämmern, Baumknarren, Schlammschuhschmatzen.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion und Auswahl Kurzversion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146