Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 14 („Friseure retten Leben“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Hannah Zufall, 7.2.2021
Ich telefoniere mit einer befreundeten Dramatikerin. Ich erzähle ihr von dem Tagebuch. Dass es eine schöne Übung sei, um sich an Prosa heranzutasten. Allerdings ertappe ich mich auch dort dabei, wie ich immer wieder in die Gegenwart abrutsche. Wir taufen das Phänomen die „Tempus-Krise“ und schieben es einfach auf die derzeitige Dominanz des Präsentischen.

Stefan Kutzenberger, 8.2.2021
Der Papa schreibt jetzt schon seit 13 Wochen Tagebuch. Zugegebener Weise habe ich nur ganz selten hineingelesen, aber mir ist aufgefallen, dass er nicht über sein Familienleben schreibt. Worüber er genau schreibt, ist schwer zu sagen, der Papa ist gut im Nichts schreiben. Trotzdem war ich beleidigt, dass er nicht mehr betont, wie sehr er seine Töchter bewundert. Dafür, dass sie nun schon wieder seit fast drei Monaten zu Hause eingesperrt sind. Dafür, dass sie noch immer nett genug sind, um ein harmonisches Familienleben zu ermöglichen. Dafür, dass sie sich nur wenig darüber aufregen, dass das aufregendste Ereignis der letzten drei Monate war, dass Rebecca aus der Serie Crazy Ex-Girlfriend, die wir jeden Abend als Familie schauen, ihren gut bezahlten Job als Anwältin gekündigt hat, um Brezeln zu verkaufen. Ich nehme es also jetzt auf mich, euch selbst den Corona-Alltag einer 17-jährigen Schülerin, den wahren Opfern der Corona-Krise, näher zu bringen.

Barbara Rieger, 8.2.2021
Manchmal bekomme ich Feedback von anderen Müttern zu meiner persönlichen Mischung aus Landkoller, Babyblues und Lockdown-Depression in diesem Tagebuch: Sie könnten das so gut nachvollziehen, so gehe es ihnen auch!

Günter Eichberger, 8.2.2021
Ich hatte einmal ein Leben, aber in letzter Zeit scheint mir, dass es sich ausgelebt hat. Ich zehre nur noch von meiner Vergangenheit. Aber einmal wird auch sie aufgezehrt sein. Was bleibt mir dann? Das graue, grausame Einerlei des Seuchen-Eunuchenlebens.

Hannah Zufall, 8.2.2021
Berlin ist noch stiller geworden, falls das möglich ist. Der Schnee schluckt das Restleben. Irgendwo gelesen, dass der flockdown schafft, was der Regierung nicht gelungen ist: das vollständige Herunterfahren des öffentlichen Lebens.

Gabriele Kögl, 9.2.2021
Jetzt könnte ich mir endlich wieder etwas zum Anziehen kaufen. Einen neuen Pyjama oder ein neues Nachthemd vielleicht. Und Hausschuhe.

Birgit Pölzl, 9.2.2021
Vielleicht werden wir nach Corona die Kronen, die sich Österreichs Landeshauptleute so gern aufs Haupt setzen, ins Museum verräumen.

Barbara Rieger, 9.2.2021, Wien
Buchpräsentation des Reigen Reloaded. Live aus der ÖGL, mit Gertraud Klemm und Gustav Ernst. Kein Publikum vor Ort. Kein Applaus. Auf der Bühne nehmen wir die Maske ab, setzen eine andere Maske auf. Viel Publikum angeblich im Netz. Kein Wein. Kein Champagner auf der Straße. Die Würstelstände schließen. Dürfen wir vor 20:00 noch, nach 20:00 dann mit einem Dosenbier in der Kälte stehen und noch ein bisschen reden oder ist das verboten?

Lydia Mischkulnig, 10.2.2021
Die Pflegerin aus Osijek hat nur dank ihres Geschickes und Einsatzes den Test vorverschieben können, um dann mit dem Zug nach Österreich zu reisen. Sie hat in Osijek keine Chance auf einen Job. Hätte sie Englisch studiert, ja freilich, das würde heute Sinn machen. Als sie vierzehn Jahre alt war, herrschte Krieg. (…)

Birgit Pölzl, 10.2.2021
Eine Bekannte schreibt, sie habe ihren Zweitwohnsitz am Nassfeld angemeldet und verbringe dort mit ihren Kindern einen wunderschönen Skiurlaub. Das geht einfach so? Ja, das geht einfach so, sie buchten das Chalet seit Jahren, insofern sei das in Ordnung, auch habe die Polizei bereits vorbeigeschaut. Ich erschrecke über die Selbstverständlichkeit, in der sie sich in die Spur der Wendigen reiht.

Gabriele Kögl, 10.2.2021
Gerade gelesen, dass Apotheken so unter der Pandemie leiden, weil niemand Medikamente gegen Verkühlung und Grippe braucht. Und was ist mit Psychopharmaka? Durchhalten, liebe Apotheker und Apothekerinnen, ihr könnt Euer großes Geschäft bestimmt noch machen.

Stefan Kutzenberger, 10.2.2021
Mittwoch: Seit drei Monaten rege ich mich also auf, dass ich keine Leute sehen kann. Heute ist es soweit, die Schule hat wieder angefangen. Ich war den ganzen Tag so überfordert, dass ich mir wieder Homeschooling wünschte. Wie habe ich es jemals geschafft, fünf Tage die Woche in die Schule zu gehen???

Hannah Zufall, 10.2.2021
Zehn Monate später also wieder im Theater. Latente Déjà-vus. Im Frühjahr letzten Jahres war das Team noch völlig überrumpelt vom ersten Lockdown, mittlerweile haben die letzten Monate bei allen Spuren hinterlassen. Die Laune der meisten hat Augenringe bekommen. Die Konzeptionsprobe wird vom Rauschen der Luftfilter übertönt. Schon am ersten Tag fließen Tränen, nämlich bei mir, als ich meinen ersten eigenen Nasenabstrich mache.

Egon Christian Leitner, 11.2.2021
Ein chinesischer oder britischer Mathematiker hat ausgerechnet, dass alle bösartigen Coronaviren auf der Welt in einer Getränkedose Platz haben. Ja &, wozu, was soll es demonstrieren; wie klein das Problem in Wirklichkeit ist? Oder wie gewaltig die Gefahr?

Günter Eichberger, 11.2.2021
Wuhan: Nie wieder Fledermausgulasch! Nie wieder Schlangen-Carpaccio!

Barbara Rieger, 11.2.2021
Die gute Nachricht ist, dass bei uns im Ort ein Kulturverein gegründet wird, dass es (junge) Menschen gibt, die Zeit, Energie und den Optimismus haben, jetzt einen Kulturverein zu gründen. Ich frage mich, wer bei der dritten Welle der Corona-Tagebücher mitschreiben wird.

Egon Christian Leitner, 12.2.2021
Der AK-Chefökonom & Forschungsteam haben, wenn ich mich nicht völlig irre, ausgerechnet, dass ab sofort jedes Jahr 10 Milliarden € für Pflege & Klima budgetiert & investiert werden müssten. Die Finanzierung sei kein Problem, denn das Geld bekomme man auf dem Markt billig wie selten bis noch nie. Wer diese Zusammenhänge bestreite, könne nicht rechnen. Ganz einfach! 10 Milliarden flugs & jährlich & alles wird gut.

Wolfgang Paterno, 12.2.2021
Es ist im Park am späten Abend so, wie es nahezu überall ist in der Stadt. Menschen unterwegs, die beim schnellen Hinsehen mit sich selbst reden und diskutieren und lachen, Atemwölkchen vor dem Mund, Händefuchteln, kabellose Plastikstöpsel im Ohr. Ein Mann schiebt einen Kinderwagen und lässt den Halbsatz „das ist wichtig für die Sicherheit und den Schutz“ in der Luft stehen, eine Frau joggt den Spazierweg entlang, ihr Kopf verschwindet fast zwischen Hartschalenohrenschützern, wie man sie wahrscheinlich auch auf Flugzeugträgern anhat. Sie keucht im Vorbeirennen irgendwas von Lockdown und Langeweile und Lustlosigkeit. Vieles ist sehr komisch geworden, aber das kann auch täuschen.

Günter Eichberger, 12.2.2021
Das Virus hätte lieber nicht ausbrechen, sondern hinter Gittern bleiben sollen.
Meine Abendgarderobe besteht heute aus einem schlichten kleinen Schwarzen, Bergschuhen und einer Reitgerte.

Gabriele Kögl, 12.2.2021
Langsam wachsen mir die Tagebuchkollegen und -kolleginnen richtiggehend ans virtuelle Herz. Ich liebe diese immer intensiver werdende Ehrlichkeit mit Eitelkeiten und Sehnsüchten und Wünschen, und manchmal tut es mir leid, dass diese Art des Schreibens bald zu Ende gehen wird. Und mir ist gleich weniger fad, wenn ich wöchentlich lese, dass den anderen auch so fad ist wie mir – oder noch fader.

Verena Stauffer, 12.2.2021
Im Museum.

Lydia Mischkulnig, 13.2.2021
Die sogenannten Neu-Rosen blühen. Der Beipackzettel gibt an, dass sie drei bis fünf Wochen lang das Auge erfreuen werden. Nun gut, es könnte sich ausgehen, dass ich sie noch einmal sehe.
Der bayrische Gendarm an der Grenze sagte zur Freundin, die von St. Johann in Tirol über das deutsche Eck nach Salzburg unterwegs war: Sie kommen eh nicht aus Afrika?

Gabriele Kögl, 13.2.2021
Bis jetzt war ich standhaft. Ich habe kein Netflix-Abo, oder wie das heißt.

Heinrich Steinfest, 13.2.2021, Stuttgart
Also jetzt übertreibt Amazon, denke ich mir, als auf dem Display meines Smartphones das Angebot „Leben zu verkaufen“ zu lesen ist. Noch habe ich die Seite nicht geöffnet und überlege, wie man sich das vorzustellen hat. Und meine mich zu erinnern, gelesen zu haben, daß der durchschnittliche Geldwert zum Beispiel eines Deutschen mit etwas über eineinhalb Millionen angegeben wird, während der reine „Materialwert“ mit rund zehn Euro anzusetzen sei. Während natürlich spezielle Menschen, wie etwa Fußballer, deutlich höher bewertet werden. Eher wie ein Kunstwerk. Andererseits ist wohl nicht davon auszugehen, daß Amazon Fußballer verkauft. Zudem ist es ein gewisser Unterschied, ob man von „Menschen“ oder von einem „Leben“ spricht. Also entwickle ich die Vorstellung, welche Arten von Leben ein Onlineversandhändler wohl anbietet. Wohl kaum ein Leben in Not und Elend, so günstig das auch zu haben wäre. Also eher das Leben der Reichen und Schönen. Aber wäre dieses Leben dann überhaupt leistbar, selbst für Leute mit einer Prime-Mitgliedschaft?

Wolfgang Paterno, 13.2.2021
Friseure retten Leben, das hat die Regierung ganz richtig erkannt. (…)
Die Zeit bringt es mit sich, dass in den Straßen viel mehr Dirigierbewegungen zu bemerken sind. (…) Little Italy in Wien-Wieden, Fingerspiel und Handtheater. Alles liegt auf der Hand.
Gerhard Rühm hat es in einem seiner „Leselieder“ wie immer schon gewusst: „Da hilft kein Winken / hilft kein Schrein / treibt man im Weltenraum / allein.“
Er zieht hinter der Maske ein Gesicht, als würde ihm die Frage Schmerzen bereiten. Oder doch nicht?

Birgit Pölzl, 13.2.2021
Wieder ein Begräbnis. Ich habe das Gefühl, vom letzten erst zurückgekehrt zu sein. Es liegt wohl daran, dass zwischen den Begräbnissen die Feste fehlen.

Verena Stauffer, 13.2.2021
Jetzt ist der Maria-Theresien-Platz besiedelt von Menschen, die sich bereit machen, um gegen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie zu demonstrieren, sie sehen weniger harmlos aus als ich es erwartet habe. Sie versammeln sich zu einem angeblichen Spaziergang, so wie man auch am Beginn des Nationalsozialismus das Demonstrationsverbot umgangen hatte. Ein Großaufgebot der Polizei ist anwesend, Heintjes Stimme beschallt den Platz, Plakate und Fahnen werden ausgerollt. (…) Bekannte, deklarierte und verurteilte Neonazis führen den Umzug an, ziehen nun mit wehenden Nationalflaggen, Sprüche skandierend hinunter in Richtung Sezession, (…) es sind nun mehrere tausend Leute, ganz kleine Kinder sind auch dabei, auch sie halten Schilder in die Höhe.
Ein Polizist schreit: Ois geht ma am Oasch, nix kumt über Funk, des is ois a Chaos.

Gabriele Kögl, 14.2.2021
Gott muss sehr sportbegeistert sein.

Egon Christian Leitner, 14.2.2021
ÖVP & Finanzminister sagten, sie verklagen alle, die etwas Falsches sagen. Verleumden. Mir gefällt das, denn man muss wirklich genau & redlich sein im Leben. & Machiavelli würde sagen, die ÖVP wäre völlig unfähig, in der Regierung ohnehin, hätte sie in der vielen ihr seit dem Ibiza-Skandal zur Verfügung gestandenen Zeit die Novomatics nicht in Ordnung gebracht…Holt endlich die Kinder nach Österreich! & wiederholt das Sozialstaatsvolksbegehren, Ihr Grünlichen, Rötlichen & Christlichen! / In der Reha ein Stresstest, bei mir ist rausgekommen, ich hab keinen.

Barbara Rieger, 14.1.2021
Während ich den Kinderwagen durch die Kälte schiebe, erzählt mir meine Mutter, wer sie aller auf die Corona-Tagebücher angesprochen hat. Ganz gut geht es der Barbara aber nicht, habe jemand gesagt. Ganz gut geht es wohl gerade niemandem, antworte ich.

Heinrich Steinfest, 14.2.2021, Stuttgart
Rat und Trost aus der Bibliothek. Wenn ich bei meiner Schreibarbeit ins Stocken gerate, weil da irgendeine Figur sich grad nicht entscheiden kann, dies oder das zu tun, und somit für einen Moment das ganze Geschehen einfriert, dann gibt es drei Möglichkeiten: ich stehe auf und gehe Staubsaugen, ich vollziehe gymnastische Verrenkungen oder aber ich flüchte mich zu meiner 220 mal 220 cm großen, extrem dicht besiedelten kleinen Bibliothek.

Stephan Roiss, 15.2.2021
Großeinkauf. Eine Woche damit gewartet. Nun also eine Woche später 250 Euro ärmer. Die Regierung beschließt, dass Gastronomie, Hotellerie und Kultur bis „rund um Ostern“ weiterhin brach liegen müssen. Ergo Streams und Verschiebungen. Ich will nicht mehr darüber schreiben müssen, dass ich lesen will. Richtig lesen. Reisen, Publikum, Orte und Menschen kennenlernen, wiedersehen.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion und Auswahl Kurzversion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146