Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 21 („Die Hummel ist zurückgekehrt. Finis.“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Birgit Pölzl, 28.3.2021
Schischuhe ausziehen. Campingsessel aufstellen. Bier aus dem Kühlfach holen. Hinsetzen. Füße ausstrecken. Schwarzkiefern riechen. Spätnachmittagssonne genießen.

Hannah Zufall, 29.3.2021
In einem Interview zu meinem Projekt wurde ich gefragt, ob die Pandemie mein Schreiben beeinflusst. Was soll man da sagen? Natürlich tut sie das.

Günter Eichberger, 29.3.2021
Mein Plan, eine Bank zu überfallen, ist von den anderen Coronauten begeistert aufgenommen worden. Da wir ein Kollektiv sind, werden mir die liebenswerten Kolleginnen, die reizenden Kollegen dabei behilflich sein. Auf meinen Rat hin haben ja schon alle ihre horrenden Tagebuchhonorare bei meiner Hausbank eingelegt, da sie solide Null-Zinsen und Sicherheit garantiert. Ein Ausspähen des Tatorts erübrigt sich, da ich dort ja ein und aus gehe.

Stefan Kutzenberger, 29.3.2021
Nikolai Gogol sagte angeblich, der letzte Satz jeder Geschichte sei: „Und nichts wird je wieder so sein wie vorher.“ Eine schöne Zeile, eine, die gerade mit Hinsicht auf die Corona-Krise immer wieder gefallen ist. Ich zweifle aber, ob sie im Corona-Zusammenhang stimmen kann, glaube eher, dass es Aus den Augen aus dem Sinn werden wird, wie ja meist nach Krisen oder Katastrophen.

Wolfgang Paterno, 30.3.2021
Ein Mann im schwarzen Parker mit großen weißen Buchstaben am Rücken. Ein P, ein A, ein R, I und S. Momentlang ist nicht klar, was die Buchstabenfolge bedeutet. Vieles geht gerade irgendwie verloren.
Weitermanövrieren auf engem Raum. Die Trampelpfade liebgewonnen. Und wieder ein schöner Tag vollbracht.

Stephan Roiss, 30.3.2021
Wäre „sonnendurchflutet“ nicht ein derartig abgegriffenes Wort. Sonnendurchflutetes Waldstück. Pöstlingberg. Ausblick über die Stadt. Die dampfende VÖEST, der grässlich Schachermayer-gelbe Gebäudekomplex, auf und davon. Das Leben ist keine Heldenreise. Ich will die Schreibmaschine aus dem Fenster einer fahrenden Kutsche wuchten und ihr nachrufen, was ich von ihr halte. Nüsse und Blitze.

Birgit Pölzl, 31.3.2021
Ein Examen de test PCR négatif de moins de 72h ist für das Bording auf den Corsica Ferries notwendig. Wir schaffen es nicht, uns online für den PCR Test zu registrieren, die Pharmazeutin in der kleinen Apotheke bei Porto versucht uns erfolglos zu helfen, Calvi, ihr Tip, dort im Krankenhaus fragen. Wir suchen einen Platz in der Bucht von Osani, es ist Spätnachmittag, morgen schauen wir weiter. Ein Pärchen liegt am Strand, nackt, während wir Jacken tragen. Wir ziehen uns aus, schwimmen, ziehen uns die Jacken wieder an, alles Übung, sagt mein Mann und lädt die Franzosen zum Essen ein; wir kochen im Freien, bauen einen Windschutz um den Gaskocher. Im Sonnenuntergang essen wir truits corses, pommes de terre, salade, trinken Wein, die Franzosen erklären uns, wie der Test-Hase läuft, merci bien.

Gabriele Kögl, 31.3.2021
Erstaunlich, wie groß die Debatten auf Facebook sind in der Annahme von Ungerechtigkeiten beim Impfen. Und wer sich wie etwas erschleicht. Von der Impfgegnerei vor ein paar Monaten scheint nicht viel übrig geblieben zu sein.

Stefan Kutzenberger, 31.3.2021
Aus der Literatur wissen wir, dass jede Erzählung lange vor dem ersten Satz beginnt und nach dem letzten Satz noch lange nicht zu Ende gegangen ist. (…) Deshalb sollte man zumindest ein Mindestmaß an Anmut in den letzten Satz einbringen, als kleines Abschiedsgeschenk für das unsichtbare Publikum, denn die letzte Zeile gehört schließlich nicht mehr uns, sondern ist die erste Zeile der anderen.

Wolfgang Paterno, 1.4.2021
Unwörter jeden Tages: Homeoffice, Herdenimmunität, Sommernormalität.

Stephan Roiss, 1.4.2021
In der Apotheke bekomme ich keine kostenlosen Selbsttests, weil ich von der ELGA abgemeldet bin. Wen darf ich anschreien.

Egon Christian Leitner, 2.4.2021
Wir haben gelernt, aufeinander aufzupassen. Wir sind eine soziale Bewegung. Der Spruch hat mir stets gefallen. Bildete mir ein, das Gegenteil sei der grundlegende Fehler. / NGO-GF geimpft, Belegschaft nicht: Etappe, Front.

Günter Eichberger, 2.4.2021
Ich gehe voller Vorfreude die paar Schritte zu meiner Hausbank. Vor dem Eingang sehe ich Klaus Kastberger nervös an einer Zigarette ziehen. Er hat eine Erklärung bei sich, die ich unbedingt unterschreiben solle, der Überfall sei eine reine Kunstaktion, stehe aber nicht in Zusammenhang mit dem Literaturhaus und dem Corona-Projekt. (…) Ich gehe an den Schalter und verlange kaltblütig alles Geld, das auf meinem Konto liegt. Ohne mit der Wimper zu zucken, zahlt mir der Bankangestellte die drei Scheine aus und wünscht mir einen schönen Tag.

Gabriele Kögl, 2.4.2021
Gerade die Tagebücher der vorigen Woche gelesen. Sie werden mir fehlen. Ab der nächsten Woche ist es vorbei. Immerhin, sie haben meinen Tag strukturiert. Bevor ich etwas anderes geschrieben habe, habe ich jeden Morgen die Tagebucheintragung gemacht. „Was wird mein letzter Satz hier sein“, hat Stefan Kutzenberger in seinem Abschiedsschmerz gefragt. Ich merke, ich beschäftige mich gedanklich auch bereits mit dem letzten Satz.

Wolfgang Paterno, 2.4.2021
„Eines Tages werden wir vor den Pforten sämtlicher Kaffeehäuser stehen, die unser Leben ausmachen und sie werden versperrt sein. Das ist das Ende der Zeiten.“ (Friedrich Torberg)
Zigarettenpackung – Verleser: „Raunzen ist tödlich – hören Sie jetzt auf“. Supermarkteingang – Verleser: „Ein Einkauf wagen pro Person“.
Sein Vis-à-Vis krakenartig umhalsen und umschlingen. Einfach so.

Stephan Roiss, 2.4.2021
Erstmals in diesem Jahr verirrt sich eine Hummel in mein Zimmer. Flauschig, träge, brummend. Was tue ich hier? Und warum tue ich es auf diese Weise? Ich muss doch schreiben, zwischen den Orten leuchten, Farben und Klänge ballern, glücklich sein. Ciao, Hummel. Erzähl allen, dass ich wieder in der Stadt bin.

Verena Stauffer, 3.4.2021
Die Ordnung der Tage ging mir im Abwandern der Durchgangslinien meiner Zimmer verloren. Die Zeitverschiebung verwandelte die hellen Stunden zu schneeschweren Blättern auf meinen Knochen, sie hielt einen Stab in der Hand, schlug die Stunden dreifach, bis sie mich derart quälten, dass ich zusammenbrach. Die Quarantänezeiten sind nur mehr schwer zu ertragen, bis gar nicht. Es ist zu viel an Drinnen-bleiben und zugleich wächst die Angst vor dem Draußen  (…)
Wenn das Leben keine Ordnung hat, frage ich mich, dann finde ich sie in der Sprache. Aber ich will nicht schreiben wie an einem Walskelett, auf dass ich dort die Ordnung hervorbrächte, nach der ich mich im Außen sehne.

Lydia Mischkulnig, 3.4.2021
Das sind die Früchte, die wir gesät haben. Wir Viren. Es wird verkündet, dass wieder einmal 160 Flüchtlinge im Mittelmeer geerntet wurden. Ja, statt gerettet müsste man geerntet sagen. Das Fastentuch über dem Hauptaltar in der Form eines riesenhaften Sweatshirts aus der illustrierenden Hand Erwin Wurms lese ich als Plädoyer für das globale Grundeinkommen.

Barbara Rieger, 3.4.2021
Zu Corona fällt mir nichts mehr ein, außer dass mir das Sozialleben, wie ich es gewohnt war, fehlt. Zu Corona fällt mir nichts mehr ein, außer dass es in meinem Fall mit einem Umzug aufs Land und meiner neuen Rolle als Mutter zusammen fällt und dass es die daraus entstehende Einsamkeit potenziert, dass es eine Integration am Land und die Integration in die neue Rolle erschwert. Zu Corona fällt mir nichts ein, außer dass jemand zu mir gesagt hat, ohne Corona wäre es am Land auch nicht anders. (…)
Zu Corona fällt mir nichts mehr ein, außer dass ich noch nicht wahnsinnig geworden bin, nur zwischendurch ein wenig depressiv. Zu Corona fällt mir nichts mehr ein, außer dass die Menschen offenbar leben wollen, bevor sie sterben, dass sie leben wollen, obwohl andere sterben, dass Leben nur gemeinsam funktioniert, dass Leben Berührungen braucht. (…)
Zu Corona fällt mir nichts mehr ein, außer dass wir uns entwöhnen und gewöhnen. (…)
Zu Corona fällt mir nichts mehr ein, außer: Zu Corona fällt mir nichts mehr ein.

Hannah Zufall, 4.4.2021
Premiere geschafft! Diese Woche enden zwei Projekte, die mich eine ganze Weile begleitet haben: Mein Geruchsprojekt und dieses Tagebuch. Eine angenehme Wehmut macht sich breit. Ich bringe Dinge gerne im Frühling zu Ende. Ostern ist mein Silvester. Zeit für neue Pläne – #frühjahrsputz!

Gabriele Kögl, 4.4.2021
Zeit für die letzten Zeilen. Es ist wie Abschied nehmen nach einer gemeinsamen Reha, wie nach einer Kur, oder einem Stipendiumsaufenthalt. (…) Ich frage mich, ob das Tagebuchschreiben mein Schreiben verändert hat. Ob da etwas bleiben wird, was ich mitnehme für die Schreibzukunft. (…) Vielleicht behalte ich es bei. Nur für mich.

Stefan Kutzenberger, 4.4.2021
Gerade ein Coronatagebuch hätte sich so ein Happy End ja noch mehr als jeder Roman verdient. (…) ein paar Zeilen habe ich noch – und noch keine Ahnung, wie die letzte lauten könnte. Doch immer zügiger geht’s mit der Fahrt, es hallt, es eilt: ein Finalsatz muss her. (…) Noch zehn Zeichen: Das war’s.

Lydia Mischkulnig, 4.4.2021
Vorstand. Sektionschef. Postenschacher. Ein niemals schlafender Kanzler. Ein hausdurchsuchter Finanzminister. Ich höre den Begriff „Deep State“. Ein tiefer Staat, ein verborgener Staat, ein Staat im Staat. Chatprotokolle der Busserl-Partie werden als halbprivate Konversation vorgeführt (…) Ich habe keine Zeit, die anstrengend banalen vor Selbstgefälligkeit gesättigten Dialoge zu lesen. Wie sich selber humanisieren, wenn die Politik Gier und Hybris sät? Corona ist mir darüber fast abhandengekommen. Ich mach mir eine Wärmeflasche für die kälter werdenden Tage. Eine Sozialpartnerschaft.

Heinrich Steinfest, 4.4.2021
Während ich gerade sehr, sehr angestrengt nachdenke, womit ich denn meinen letzten Corona-Tagebuch-Text gestalten soll, werde ich sehr, sehr müde. Natürlich soll der letzte Text ein besonderer sein, ungewöhnlich, brillant, spannend, aber dieses Bemühen ums Besonderssein höhlt mich geradezu aus. Es weht ein heftiger Wind in meinem Hirn wie durch ein verlassenes Tal. Und der Wind (Föhn) macht natürlich noch müder. Meine Augen fallen mir zu und ich bette meinen Kopf auf dem Schreibtisch, gleich neben das leere Blatt auf meinem Bildschirm … nur ganz kurz, sage ich mir – und schon bin ich eingeschlafen.
Im Schlaf muß mir glücklicherweise weder eine supergute Idee einfallen, noch muß ich dabei in diese Maschine tippen. Nein, vielmehr gerate ich in einen Traum.
Mein letzter Tagebuchtraum.
Das war’s.

Egon Christian Leitner, 5.4.2021
Der argentinische Staatspräsident hat Corona trotz Impfung. Schwächling! Nein, Corona durch Impfung ganz schwach. / Die Hausärzte werden uns retten. Die impfen gut. (Kennen uns gut.) / Portischs Marshallplan für ganz Afrika die Lösung auch für alles da hier. / Plotin: alle umarmen & küssen. War unappetitlich (Lepra, TBC). Malewitsch hat von ihm die Schönheit gelernt. & von Thukydides die hiesige Menschheit die Ideologiekritik. Wollte daher in „meiner“ VA von Österreich erzählen. & Wichtiges zur 19.3.-VA (Liessmann, Blaha & die vielen = hoi polloi). Denn bin anderer Ansicht = parrhesia, falls nicht über die Dörnerexperimente & fürs Sozialstaatsvolksbegehren geredet wurde. / Nur 12-h-Tests ok.

Verena Stauffer, 5.4.2021
Ich werde bald ein Auto mieten und dorthin fahren, wo der Erie See in den Ontario See übergeht, nämlich durch oder über die Niagarafälle. Dort fällt er in den ihm fremden See, der ihn fängt. Vielleicht wird mir das Fallen des Wassers helfen, nicht zu fallen. Und wenn ich doch falle, dann weiß ich, dass ich wieder aufstehe, weil das schon immer so war und immer so sein wird.

Hannah Zufall, 5.4.2021
Es ist soweit. Heute letzte Abgabe. Wie bringt man die bloß über die Bühne? Ein bisschen Pathos mit Sahnehäubchen? Zurecht gestutzte Lakonie? Ein lieber Gruß in die vertraute, aber unbekannte Runde? Fühlt sich auch ein bisschen an wie Schlussmachen. Liebes Tagebuch, du und ich, das war schön. (…) Mensch, wie enden Tagebücher? Üblicher Weise wohl mit dem Tod. Es bietet sich also an, mit einer Grabinschrift zu schließen. Da hat Günter Eichberger doch letzte Woche schon einen eleganten Aufschlag mit Bukowski gemacht. Ich halte es daher heute mit Herbert Marcuses Inschrift: „weitermachen!“

Wolfgang Paterno, 5.4.2021
Alles gesagt? Heute schon. Morgen wieder.
Kein Resümee, kein Leitwort, keine Trostsätze. Nur Luftschnappen.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept und Auswahl: Klaus Kastberger. Redaktion und Auswahl Kurztexte: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146