Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 4 („Die Nachbarin hat es auch.“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Günter Eichberger, 22.11.2020
Ich bin nicht fürs Leben, ich bin fürs Kino gemacht. Ein Blick auf meinen Schreibtisch: So haust also ein weher Geist! Alles, was man beinahe ist oder geworden wäre, für sich ins Treffen führen.

Günter Eichberger, 23.11.2020
Ein waschechter Tagebuchschreiber hätte schon vormittags Seiten mit einer vorläufigen Chronik von Scheinereignissen gefüllt. Wie die Temperatur des Tees war, wie der Neigungswinkel der Morgenerektion. Das soll nicht heißen, dass Erfahrungen keinen Wert haben, sie finden nur hier keinen Eingang.

Hannah Zufall, 24.11.2020
Sehr sympathisch, dass Süßigkeitenläden in Graz zur täglichen Grundversorgung zählen und daher geöffnet haben dürfen. Ebenso die Maroni-Stände! Maroni schmecken draußen am besten, während man friert und sich die Zunge am heißen Nussfleisch verbrennt. Beim abendlichen Laufen kühlt die frostige Luft die wunde Zungenspitze, an der Lippe bilden sich Kondenstropfen statt Schweißperlen. Läuft man eigentlich, um irgendwo anzukommen oder rennt man eher davon? Schwer zu sagen, wenn man im Park nur Achten zieht.

Egon Christian Leitner, 24.11.2020
Waldspaziergang, jetzt täglich Massenauflauf. Ein Mann sagt zu mir, dass er früher da hier auch Gämsen gesehen habe. Weiße Elefanten auch? frag ich. Aber hier gehen jetzt ja wirklich an einem Tag so viele Leut’ wie früher in einem Jahr. Die Rehe, Kitze haben sich heuer auch völlig zurückgezogen, im Frühling schon. Sind sonst insgeheim zu den Häusern gekommen oder in den Wiesen gelegen.

Verena Stauffer, 25.11.2020
H und ich schmelzen Käse, trinken Wein, übersetzen Claudel. Spät nachts beschließen wir, trotz Ausgangssperre, spazieren zu gehen. H fällt Oskar Maria Graf ein. Oskar Maria Graf, so beginnt er zu erzählen, als wir uns durch den Hof tasten, habe als Kind Goethe und Schiller gelesen, wonach er von seinen Eltern geschlagen wurde. Als er dann als Jüngling nach München kam, lernte er u. a. den Schriftsteller Franz Jung kennen, der ihn dazu anhielt, Goethe und Schiller erst mal zu vergessen, er solle lieber schon am nächsten Tag zu seinem Anarchistentreffen kommen. Er aber fand den Ort nicht, fragte – nun der Grund, weshalb H Oskar Maria Graf überhaupt eingefallen ist – die Polizeistreife, ob sie wisse, wo das Anarchistentreffen sei. Die Streife nahm ihn in Gewahrsam, wir befinden uns Anfang des 1. Weltkriegs.

Stephan Roiss, 25.11.2020
Es verhärtet sich der Verdacht, dass wir in Wahrheit alle in einem riesigen Escape-Room sitzen. Bis wir den erlösenden Code finden, gönne ich mir jeden Tag eine kleine Dummheit. Heute buche ich einen Flug nach Portugal. Ich kenne meinen Vater nicht. Vermutlich hieß er Darkwing Duck. Zwo, eins, Risiko. … Diego ist tot.

Verena Stauffer, 25.11.2020
Wir gehen nun noch schnelleren Schrittes voran, es ist kalt. Richtiger Winter, sagt H. Plötzlich liegen Menschen in dunklen Ecken, in Mauervorsprüngen, direkt neben uns, sie sind in viele Decken gehüllt, auch ihre Köpfe. Eine Frau begegnet uns, mit Kopftuch, gefülltem Einkaufstrolley und voller Handtasche, sie ist ebenfalls in mehrere Mäntel gepackt, tut so, als käme sie gerade vom Einkauf. Das sieht nicht gut aus, sage ich. Nein, sagt H. Warum gehen sie nicht in eine Obdachlosenunterkunft? Oder zur Caritas? Vielleicht haben sie Angst vor Corona, sagt H. Vielleicht wollen sie frei sein. Mich nimmt das mit.

Hannah Zufall, 25.11.2020
Zum ersten Mal erlebt, dass Nebel gefriert und zu Boden fällt. Spektakulärer wird’s heute nicht mehr.

Stefan Kutzenberger, 25.11.2020
Heute hätte ich meine Lesung in Graz gehabt, auf die ich mich so gut vorbereitet habe, dass ich in den Herbstferien mit der Familie auf Kurzurlaub dort war, weil die Mädels noch nie dort waren – und ich erst zwei Nachmittage lang. Wir hatten eine sehr schöne Zeit an der Mur, samt Frühstück auf einer Terrasse am Grieskai, den ich bis dahin nur von DKT oder Monopoly kannte und den es anscheinend tatsächlich gibt. Immer wieder magisch, wenn es etwas vom Reich der Fantasie in die Realität schafft. Wir rutschten im Schlossberg nach unten, nachdem ich versehentlich eine Liftfahrt gekauft hatte, die wir nicht brauchten. Ich unterstützte Graz, nun unterstützt Graz mich. Danke Literaturhaus. Am Abend trafen wir Verena Stauffer vor dem Theater, wo sie mit ihrem Lebensabschnittspartner stand und mich trotz Dunkelheit und Familie erkannte. Ich freute mich sehr, aber es waren bereits Zeiten ohne Umarmung. Jetzt treffen wir uns im Coronatagebuch wieder.

Barbara Rieger, 26.11.2020
Die Nachbarin hat es auch.

Hannah Zufall, 26.11.2020
Eben glitt ein Blaulicht durch die dunkle Straße zwischen mir und Domfront, kurz flackerten melancholische Erinnerungen an Konzerte auf. Ich habe lange nichts mehr im Scheinwerferlicht betrachtet.

Lydia Mischkulnig, 26.11.2020
Ein Herz für Nerz. Schade ist es um die Nerze. Ja, ja gewiss, die Tiere litten in ihrer Tierhaltung. Sie hatten tiefschwarze, wache Augen und ein weißes Schnäuzlein mit dem sie dauernd ihre Lage schnuppernd checkten. Schimmer-Fell, nicht grobhaarig und fest wie beim Waschbär. Das weiße bis hellbraune Fell wurde dem Nerz zum Verhängnis, geriet zum Objekt der Begierde und fand sich auf Damenschultern wieder. Bevorzugter Umhang zum Ballkleid. Auch die Ballsaison ist gekeult. Wir Menschen leiden auch.

Gabriele Kögl, 26.11.2020
Ob wir über Covid-19 einmal reden werden wie die Generation davor über den Krieg? Das waren harte Zeiten. Da haben wir etwas mitgemacht, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Wir hätten uns niemals gedacht, was da über uns hereinbricht. Und am Anfang haben wir alle brav mitgemacht, weil wir dachten, in ein paar Wochen ist es vorbei. Die Ärzte und Pfleger werden vielleicht von der Front berichten, an der sie gestanden haben. Von Siegen und Niederlagen, von untauglichen Mitteln, mit denen sie ausgestattet waren, um erfolgreich zu kämpfen. Die Wissenschaftler erzählen vielleicht von den Bomben, die sie entwickelt haben, in der Hoffnung, die Koronen zu zerstören. Und die arbeitslosen Leute zu Hause von ihrem tristen Dasein daheim und der Zermürbung, nicht zu wissen, wann es vorbei sein würde. Und ein paar, die sagen werden: Alles war nicht schlecht an Corona. Da hat es schon auch einen Zusammenhalt gegeben. Da war einer für den anderen da, wenn es darauf ankam.

Stefan Kutzenberger, 26.11.2020
Heute wäre eine Lesung in Linz gewesen. Obwohl ich keine Meldung bekommen habe, dass diese abgesagt wurde, fuhr ich nicht in die Heimatstadt, der drittgrößten von Österreich, viel fehlt nicht auf Graz. Ich nehme mal an, dass man nicht auf mich gewartet hat.

Egon Christian Leitner, 26.11.2020
Eine Frau will wissen, ob die weit über 100 Corona-Todesfälle pro Tag die Intensivstationen entlasten, denn so werden ja regelmäßig wieder viele Intensivbetten frei, oder? Ich weiß nicht, wen ich da fragen kann. Trau mich gar nicht.

Barbara Rieger, 27.11.2020S
Montags Kritik der Literaturkritik, dienstags Corona verstehen; Bettina Balàka über die Ungeheuerlichkeiten des Fleischkonsums, Thomas Stangl über die Unmöglichkeit als AutorIn ein Tagebuch zu führen, vor allem ein öffentliches. Bei Isabella Feimer hängt das Bild und das Baby wird unruhig. Wir brauchen Ziele, Perspektiven, sagt Alain in Dortmund, am Bildschirm meines Computers. Im Sommer, sage ich, machen wir eine Gartenparty, im Sommer, sage ich, fahren wir ans Meer. Statt der Tagung Vom Unbehagen in der Fiktion schauen wir den Usedom Krimi an, erwischen die Folge, in der die Kommissarin stirbt, obwohl ihr fast die Flucht gelingt, obwohl sie den Typen, der sie vor dem Mord noch vergewaltigen will, mit einem Geweih – ich hatte es kommen sehen – ersticht. Davor lässt er sie mit ihrer Tochter telefonieren, sie sagt mit schwacher Stimme ins Telefon: Egal, wo ich bin, ich bin immer bei dir. Du bist das Beste, was in meinem Leben passiert ist.

Lydia Mischkulnig, 27.11.2020
Vorm Hofer auf dem Gehsteig sitzt der Waschbär mit der Bettlerschale.

Birgit Pölzl, 27.11.2020
Rudolf Anschober schaut so schlecht aus, dass man ihm helfen möchte, sagt meine Mutter am Telefon. Er wirkt ein wenig, als müsse er Österreichs Corona-Leid auf seinen Schultern tragen, sage ich. Stell dir vor, wie viel der arbeitet, sagt meine Mutter. Jetzt bitte keinen Rudolf-Anschober-Gebetskreis ins Leben rufen, sage ich und beginne zu lachen, meine Mutter lacht nicht mit, sie findet meine ironischen Kommentare zunehmend unangemessen. Auch ich beginne an ihnen zu zweifeln. Brauchte es neue Ironie-Formen und Begriffe, die sie bezeichneten, statt Ironie Oronie etwa, eine coronabedingte, schneeflockenförmige Ironie, die sich durch Leichtigkeit und Empathie auszeichnete?

Lydia Mischkulnig, 28.11.2020
Die Tiere aus dem Himmelreich – nein, es gibt keine Tiere im Himmelreich – außer sie sind Symbol, außer es handelt sich um das Pferd, weil die himmlischen Reiter ja in der Apokalypse vorkommen.

Heinrich Steinfest, 28.11.2020
Astronomie ist eine wunderbare Form des Eskapismus. Den Satz notierte ich rasch auf einen Zettel, um nicht zu vergessen, worüber ich demnächst schreiben wollte, bevor ich mich dann zu meinem täglichen Waldlauf nach draußen begab. In der Folge war ich aber doch ein wenig erschrocken ob des Gedankens, daß, falls bei diesem Lauf, dieser freudvollen Ertüchtigung, im Zuge eines Zuviels an Ertüchtigung mein Ende kommen sollte, dieser also rasch hingekritzelte Satz mein letzter sein würde.

Birgit Pölzl, 28.11.2020
Treffe E, mit der ich gern über Politik rede, um spazieren zu gehen. Das Gespräch kommt nicht in Schwung. Ich bin keine versierte Gehrednerin, schweige und schaue lieber, lasse mich von Gedanken besuchen. Ich finde, sie arbeiten gut, selbst wenn sie Fehler machen, sagt E plötzlich, auf die Regierung bezogen. Ein Firnis aus Ernst und Dringlichkeit um den Satz. Ich wechsle das Thema.

Heinrich Steinfest, 29.11.2020
Gerade eben stieß ich auf meinem Lieblingsablenkungskanal im Internet auf einen Bericht über die Frage, ob denn das Universum ein Gehirn sei, da die Strukturen von Galaxienhaufen und Filamenten dies nahelegen würden. Diese fraktale Ähnlichkeit zu neuronalen Bahnen. Das Universum ein Hirn. Das ist nicht ganz neu, diese These, aber auch aufgewärmt ist sie nicht schlecht. Wie ja oft das Aufgewärmte sich als das Bessere herausstellt, man nehme Gulasch oder Sauce Bolognese (fleischlich wie vegetarisch) oder aber auch Bücher, die jahrzehntelang gleichsam verschollen mit einem Mal erneut ins Bewußtsein drängen, noch wirkungsvoller als zuvor, siehe Sándor Márais Die Glut.

Wolfgang Paterno, 29.11.2020
Das Virus schleudert alles aus der Bahn. Im Dunkel des anbrechenden Abends spielen die Buben auf dem seit Wochen verwaisten Hartgummiplatz der Schule. Es ist so finster, dass man den Ball kaum mehr sieht, es ist so kalt, dass es einem die Gliedmaßen einstülpen will. Ein im Grunde unmögliches Match im schütter besiedelten Dorf-Nirgendwo. Ein Anrainer sorgt sich dennoch um das Volkswohl, er lässt sich leicht zum Fußballplatzplatzwart hinreißen: Schau auf dich, schau auf mich. Er schaut auf sich. Und er schaut mit Habichtaugen auf die Buben auf dem Fußballplatz. Schau auf sie, schau genau. Und er ruft die Polizei. Zwei kurz darauf eintreffende Beamte notieren sich die Namen und Telefonnummern der Kicker, zerstreuen dann die Fußballkids, was sollen die Polizisten anderes tun. Die Buben haben seitdem Angst, auf den Fußballplatz zu gehen. Schau auf dich, schau auf mich. Schau genau.

Stephan Roiss, 29.11.2020
Lachen hilft gegen Schwermut, Hirnversagen, Blähungen, Engegefühl, Neoliberalismus und Warzen. Ich kitzle mich selbst, aber die Resultate stellen mich nicht zufrieden. Spaziergang. Eine graue Steinhütte mit wuchtigem Schieferdach kauert zwischen Brombeersträuchern und Brennnesseln im zerfurchten Hang. Vor Jahrzehnten ist der Efeu eingezogen. Im Garten eine alte Badewanne, die unter dem Haselnussstrauch rostet und den Schnee weiß hält. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Ich arbeite. Ich mache Musik und es macht Spaß. Der erste Arbeitstitel der nächsten Nummer („In Würde versagen und chillen“) wird verworfen. … War ich letzte Woche nicht in Quarantäne? … Doch. Ja. Zeit ist ein Duft.

Egon Christian Leitner, 30.11.2020
Die Rosen um diese Zeit heuer; blühen von neuem, duften; & die vielen Knospen, Farben. Freundlich. Übermorgen ist wirklich Winter. Da sind die dann weg. Fehlen. Einmal ein Rosenwunder. Zwei Liebende, die sich trennen. Wann werden wir einander wiedersehen? ‒ Wenn die Rosen im Winter blühen. War dann der Fall.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept und Auswahl Kurzversion: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146