Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 5 („Weihnachtsödling“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

 

Stefan Kutzenberger, 30.11.2020
Meine Volksschullehrerin (!) schreibt mir, sie hat meinen neuen Roman gelesen und ist so stolz. Sehr lieb von ihr. Dann fügt sie hinzu: sie hofft für mich, dass der Lockdown bald vorbeigeht, denn wie will man denn in solchen Zeiten schreiben können?

Stephan Roiss, 1.12.2020
Legaler Einkauf. Als ich im Lebensmittelgeschäft den Apfel abwägen will, bleibt das Display der Waage schwarz. Der Verkäufer kommt mir zu Hilfe. Doch auch ihm werden weder Gewicht noch Preis angezeigt. Er versucht es mit einer Banane.

Verena Stauffer, 1.12.2020
Eines Tages werden die Menschen einander wiedersehen. Vielleicht wird es ein Fest geben, ein Wendefeuer, eine rauschende Nacht des Triumphes über die Seuche. Die Theater werden monatelang durchspielen, es wird Lesefeste, Marathons, Symposien zur Lage, mehrtägige Ausflüge und Gelage geben. Eine Delegation an Dichterinnen wird auf Weltreise aufbrechen, bis nach Kolumbien. Es wird getrunken, geraucht, gefressen und geliebt werden als wären es die ersten Tage der Freude!

Birgit Pölzl, 1.12.2020
Kein Kaffee zum Frühstück, kein Kaffee im Café König, keine Lesung im Literaturhaus, kein Konzert im Stockwerk, kein Theater im Schauspielhaus, Grant. Coronagrant. Der sich in die Laune meines Liebsten und in Alexander Kluges Brief an Giorgio Agamben verbeißt – und in den eigenen Grant-Reduzierungsversuch.

Egon Christian Leitner, 1.12.2020
Einer zurück aus der Internen nach etlichen Wochen; immer dünn gewesen, dennoch noch 10 Kilo abgenommen; hat zum Glück keinen Krebs. Sich vormals lustig gemacht & geärgert, wie viel hintangestellt wird wegen Corona. Im Spital dann plötzlich 3 Zusatzzimmer für Coronakranke, auf demselben Gang, da in den vorgesehenen Krankenhäusern kein Platz mehr. Er habe diese Menschen schreien & weinen gehört aus den Zimmern heraus seinem gegenüber.

Gabriele Kögl, 1.12.2020
Langsam gewöhne ich mich an den Lockdown. Seit es Advent geworden ist, stelle ich mir vor, Locken von Engeln fallen auf die Erde und bringen alles zum Stillstand. Und die Lockenberge sind so hoch, dass einer nicht mehr zum anderen kommt. Als würde Gott seinen liebsten Geschöpfen die Haare schneiden. Wenn Schnee auch noch kommt in großen Flocken, dann wird mein Bild perfekt sein.

Verena Stauffer, 1.12.2020
Manche werden sich jedoch still und ratlos gegenüberstehen, einander nicht wiedererkennen, in die jeweilige Leere ihrer Augen starren und wieder andere werden die verlorene Zeit versuchen zu löschen, wie eine falsche Rechnung auf einer Kreidetafel. Die Nächsten wiederum sind vielleicht selbst andere geworden, begegnen einander zusammen neu und einige Menschen aber, sie werden sich gar nicht wiedersehen, auf Grund unüberbrückbarer Differenzen. Da ist ein Spalt entstanden, ich will gar nicht hineinschauen.

Günter Eichberger, 2.12.2020
Seht doch, mir gelingen nur noch Seufzer!

Lydia Mischkulnig, 2.12.2020
Zu langsam sinken die Zahlen.

Hannah Zufall, 2.12.2020
Die beiden Straßenlaternen im Stadtpark sprechen nicht mehr miteinander. Vielleicht ist jetzt endlich alles gesagt worden. Doch wenige Minuten später höre ich das Forum Stadtpark raunen. Das ist nicht metaphorisch gemeint – es murmelt tatsächlich vor sich hin. Es ist ok, sage ich, manchmal muss es einfach raus, altes Haus. Ich erinnere mich an erste Begegnungen dort, als das Forum noch offen war und an ein wunderbares Konzert, das die Atacama Wüste als Sound nach Graz gebracht hat.

Egon Christian Leitner, 2.12.2020
Eine Lehrerin in Istanbul; geträumt, sie halte es nicht mehr in der Wohnung aus, gehe irrtümlich zur falschen Zeit aus der Haustür. Ein Polizist hält sie sofort auf. Sie stößt ihn weg & läuft davon. Schlägt sich zu Fuß zu einer Freundin am Stadtrand durch. Ist jetzt dort. Wie jetzt zurück? Braucht Zugang zu ihrer Arbeit. Hat auch nichts bei sich.

Barbara Rieger, 2.12.2020
Im Dorf gibt es kein Geschäft, das zu- und wieder aufsperren könnte, es gibt ein Geschäft, in dem die VerkäuferInnen ohne Maske und die KundInnen zu zehnt herumstehen, es gibt keine Polizei. Das Wasser im Freibad gefroren, das Café geschlossen. Die Cocktailbar liefert Cocktails, die Bücherei liefert Bücher, vor dem Restaurant eine Tafel mit der Aufschrift: Freitag und Samstag Abend kochen wir für euch zuhause. Wir verkochen das letzte Gemüse aus dem Kisterl. Einmal die Woche Großeinkauf beim Geschäft im Ort, immer ist irgendein Bier, irgendeine Schokolade im Angebot. Der Rauchfangkehrer erklärt meinem Mann, dass die Ursprungsfamilie das Allerwichtigste ist und verabschiedet sich schnell, als ich mit dem Baby auf dem Arm vors Haus trete. Der Postler bringt mir den neuen Falter, die Furche und noch immer nicht die paar Bücher, die ich lesen will, bevor das Baby tatsächlich zu krabbeln beginnt.

Gabriele Kögl, 3.12.2020
Die Wörter und Unwörter des Jahres sind entschieden und ich bin enttäuscht. Natürlich hätte „kulturverliebt“ als Unwort des Jahres gewinnen müssen. Aber bei der Entscheidung darüber waren wohl nicht genügend Kulturmenschen dabei.

Wolfgang Paterno, 3.12.2020
Einer dieser vielgescholtenen Möbelhändler hat auf der Wiese gegenüber ein sehr rotes und sehr großes Werbeplakat mit immens greller Werbeschrift affichieren lassen. Der Slogan ist leicht zu merken: „Aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-aller-allergrößte Eröffnung“. Ende Dezember sperrt das Kaufhaus neu auf, mit „10.000 Eröffnungsangeboten“. Es muss ein wirklich Mega17-Ding sein, die reine Herrlichkeit. Am avisierten Eröffnungswochenende ist man leider Gottes nicht in der Stadt.

Lydia Mischkulnig, 3.12.2020
Decke fiel auf den Kopf.  Las bei den anderen Coronatagbuchverfassern nach, wie sie schreiben. So viele kommen wirklich sympathisch rüber. Bin negativ. Kann rüberkommen. Homeoffice bei Freunden im Großraum.

Stephan Roiss, 3.12.2020
Manchmal träume ich davon ein Theaterstück zu unterbrechen, die Spielenden und das Publikum des Saales zu verweisen, um danach alleine, ungestört, durch das Bühnenbild zu wandeln. Keine Handlung, keine überraschende Wendung, kein Drama kann mich so ergreifen wie eine Anordnung von weißen Steinen (mag sie zufällig entstanden sein oder durch liebevolles Abwägen). Dieser Tage träume ich von Theaterstücken, die ich in meinen Träumen unterbrechen könnte.

Günter Eichberger
, 4.12.2020
Das Land Steiermark nötigt mich zu einem Verwendungsnachweis für die mir gewährte Förderung. Ich schreibe gehorsam: Das Projekt nahm, nachdem der Grundeinfall exakt drei Monate, zwei Wochen und einen Tag in meinem „Kollerkopf“ (Hans Arp) herumgewälzt worden war, seinen streng planmäßigen Verlauf.

Gabriele Kögl, 4.12.2020
„Massentestungen“ ist kein gutes Wort. Es erinnert an Massenmord, Masseverwalter, Massensterben. Dabei will ich jetzt gar nicht mit Elias Canetti und Max Weber anfangen, oder gar mit Gustave Le Bon und der „kollektiven Ansteckung der Gefühle“.

Verena Stauffer
, 4.12.2020
Ich habe Fieber. Meine Backen sind Kirsch und H legt, während ich noch schlafe, seine Hand auf meine Stirn. Ich versteh im Schlaf nicht, was er von mir will, doch später, als er es immer wieder macht, die eine Hand auf seiner Stirn, die andere auf meiner, da verstehe ich langsam, was er befürchtet.

Heinrich Steinfest, 4.12.2020
Gestern hatte ich einen Dreh. Gott, wie das schon klingt, einen Dreh haben. Als hätte man jeden zweiten Tag ein Fernsehinterview. […] Aber es war nun mal ein Dreh, ein ganz kurzer, zehn Minuten lesen bloß, um dann hinter dem Türchen von irgendsoeinem digitalen Adventskalender zu landen. Es ist komisch, aber sobald ich in diesem verfluchten Jahr wo auftrete, empfinde ich eine gewisse Zwergenhaftigkeit des eigenen Körpers. Als würde der viele Raum um mich herum meine eigene Gestalt verkleinern, mich schrumpfen lassen. […] Zwergenhaft auf einer Kiste sitzend, lese ich aus meiner „Gebrauchsanweisung fürs Scheitern“ – so eine Art vergnügter Autobiographie – die Frittatengeschichte, darüber, wie man beim Kochen scheitern kann. Das ist meine Adventsgeschichte, Scheitern an den Frittaten.

Hannah Zufall, 4.12.2020
Ich schreibe dieses Tagebuch beim Laufen und daher wohl auch immer wieder über das Laufen. Ein literarischer running gag. Der Stadtpark tippt mit und schaut mir über die Schulter. Wenn es gut läuft, ist es wie träumen. Die Atmung wird ruhig, tief und gleichmäßig. Die Assoziationsketten wickeln sich um das Geäst über meinem Kopf, manchmal zuckt das Auge über etwas hinweg. Am Rande der Lichtungen sammeln sich Erkenntnisse. Nach dem Laufen streckt man sich, wie frisch auferstanden und trinkt, als wäre es der erste Schluck des Tages.

Barbara Rieger, 4.12.2020
Nachts in der Stadt, vereinzelt sitzen Leute auf der Straße, niemand, den ich kenne, niemand, der mich interessiert, nur ein Schuspieler aus dem Tatort, ich überlege, ob ich ihn um eine Zigarette anschnorren soll, ich weiß nicht recht, mir ist kalt, das Baby liegt dicht bei mir, wieder bin ich beim Stillen eingeschlafen, wieder ist es im Bett zu gemütlich, um wirklich schon aufzustehen.

Egon Christian Leitner, 4.12.2020
Einer regt sich über die Lehrer auf, die sollen sich, wenn’s ihnen wirklich um die Kinder geht, die Masken notfalls selber kaufen. Verdienen eh so viel. Ich dann: 1 Maske für 3 Stunden = 2-3 Masken pro Arbeitstag; eine kostet zwischen 7 & 9 €, = ca. 400 € im Monat. Viel, oder? Geht nicht durch, mein Argument. Er, Betriebsrat, kein Lehrer, sollte, sag ich dann, schnell im eigenen Dienstleistungsbetrieb schauen, dass seine paar 100 Leute FFP2-Masken bekommen vom Arbeitgeber.

Stephan Roiss, 5.12.2020
Lieber kein Wort.

Lydia Mischkulnig, 5.12.2020
Es gibt Singverbot in der Schweiz für das Festtagspaket. Endlich muss man nicht mehr mitbrummen und steht auch nicht mehr als Weihnachtsödling da.

Stefan Kutzenberger, 5.12.2020
Nun, nach der vierten Episode der zweiten Staffel der Corona Serie, habe ich schön langsam das Gefühl, die Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen. Wir sollten uns im Frühling alle ausgelassen treffen, ein Exzess tut not, wir brauchen hemmungslose Feste, wenn alles vorbei ist.

Heinrich Steinfest, 5.12.2020
Und schon wieder nicht die richtigen Lottozahlen. Die beruhigende Konstante in meinem Leben.

Birgit Pölzl, 6.12.2020
Es ist kein Landhaus in den Hügeln von Florenz, es ist eine Almhütte im Saualmgebiet, wir sind acht Personen und nicht zehn, auch sind wir wissenschaftsgläubiger als die Damen und Herren anno 1348 und ließen uns testen, bevor wir uns, anders als die Regeln es empfehlen, aus verschiedenen Teilen des Landes zusammenfanden und bei winterlichen Verhältnissen zur Almhütte aufstiegen, um statt zehn, bescheidene drei Tage gemeinsam zu verbringen, wandernd, harschem Wind ausgesetzt, anstatt in heiteren Gärten zu wandeln und einfachere Speisen als besagte Damen und Herren zu uns nehmend. Was ähnlich ist, ist die Lust am Wein – unser Wein schmeckt vermutlich besser als jener anno 1348 – und die Lust am Erzählen, wenngleich wir es weniger kunstvoll und geradliniger tun als Pampinea, Philomena, Neiphile und wie sie auch hießen, und die Pandemie, die uns bedroht, ein Kindergeburtstag ist, verglichen mit jener im 14. Jahrhundert.

Günter Eichberger, 6.12.2020
Nebenrechte-Abrechnung: 20 Cent für Schulbuch. Kein Scherz. In Reinhard Stockingers Lehrbuch „Sprachbausteine für den Deutschunterricht“ ist ein Kapitel aus einem frühen Buch von mir abgedruckt. Von den Fragen dazu kann ich die nach der Zeit, in der das Kapitel spielt, nicht überzeugend beantworten. Vermutlich zu keiner Zeit.

Wolfgang Paterno, 8.12.2020
ORF.at vom 1. Dezember 2020: „Die Summe aller Weihnachtsumsätze steht heuer vor einem beispiellosen Einbruch. Das prognostiziert der Standortberater RegioPlan.“ Standard.at vom 4. Dezember: „Folgt man einer repräsentativen Umfrage, die das Gallup-Institut gemeinsam mit dem Institut für Handel & Marketing der Wirtschaftsuniversität Wien vom 25. bis 29. November durchgeführt hat, ist im heimischen Einzelhandel mit einem regelrechten Sturm auf die Geschäfte zu rechnen.“ To be continued.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146