Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 6 („I have a stream.“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Stefan Kutzenberger, 7.12.2020
Es ist auffällig, dass ich beim Schreiben von Büchern nie an die Öffentlichkeit denke, beim Schreiben fürs Internet aber sehr wohl im Auge behalte, dass der Text, zumindest potentiell, von der ganzen Menschheit gesehen werden kann. Und es zeigt sich, dass Literatur mit Blick auf die Leserschaft nicht funktionieren kann, Literatur geht nur ohne Fallschirm, nur im freien Fall bekommt man die notwendige Wucht, sonst kann man es gleich bleiben lassen.

Hannah Zufall, 7.12.2020
Einen der so seltenen wie kostbaren Spaziergänge zu zweit unternommen. Am Johannes Kepler Denkmal vorbei. Ich und mein Begleiter teilen eine angenehm morbide Stimmung, angeregt von den welken Blättern am Boden. Der feuchte Boden atmet Fäulnis und Zersetzung. Im Dämmerlicht sehen die Gesichter der Passanten angemessen fahl und erschöpft aus. Je schlechter es den anderen geht, umso besser fühlt man sich selbst – wir diskutieren, ob das stimmt. Wohl eher nicht. Gerade daher werde ich diesen Spruch einer meiner Figuren unterjubeln.

Lydia Mischkulnig, 7.12.2020
Jeff Bezos verdient wie wahnsinnig, die Chinesen auch. 20 % Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes. Europa steht, China produziert. Die Nachschau in den Nachrichten-Archiven ergibt, dass die Chinesen entweder so diszipliniert sind, dass es keine Infektion gibt, oder sie verschweigen die Zahlen. Im ersten Lockdown wurde von der Isolation der positiv Getesteten berichtet und im Fernsehen wurde die Vernagelung ihrer Wohnungstüren dokumentiert. Ob die Seuche in die neue Literatur eingehen wird? Romeo und Julia sind schon wegen einer Seuche nicht mehr lebendig zusammengekommen. Nicht die Liebe, das Virus hat die Kraft, die Welt zu verändern und Eingang in die Liebesgeschichten zu finden.

Günter Eichberger, 8.12.2020
Ich schaue zum Fenster hinaus und habe eine unbestimmte Empfindung. Es macht keinen Unterschied, ob ich das aufschreibe oder nicht.

Birgit Pölzl, 8.12.2020
Ich besuche den Gedenkgottesdienst eines Freundes. Willkommen, steht auf den Plätzen, die zur Verfügung stehen, was ich sympathisch finde. Der Pfarrer setzt auf Pathos und eine engagierte Modulationstechnik, wippt mit den Armen nach, wenn er sie öffnet oder hebt. Obwohl er tapfer zu Mariä Empfängnis predigt, schleicht sich Corona – das Virus, nicht die Heilige – heimtückisch bildflüsternd ein, keiner war Jesus so hautnah wie Maria, lässt es den Pfarrer zu uns, die wir mit Mundschutz, die Abstandsregeln übererfüllend in den Bänken sitzen, sagen, und zum Schluss hin schubst Corona ein Adjektiv in die Satzgirlanden des Pfarrers, zu heißen Orgelklängen singen wir das Marienlied.

Stefan Kutzenberger, 8.12.2020
Von den Corona-Tagebuch-Schreiberinnen und -Schreibern kenne ich persönlich: Lydia Mischkulnig, Verena Stauffer und Heinrich Steinfest. Ich kenne die drei nicht gut, aber doch, und bin stolz darauf. […] Den anderen traue ich übrigens auch mit keinem Wort, sie sind nicht besser als ich im Umgang mit der Wahrheit. Alle verbiegen ihr Leben, alle verstecken ihre Lebensabschnittsmenschen hinter Chiffren und Codes, niemand gibt sich und andere preis. Ich werde nächste Woche einmal versuchen, einen Tag tatsächlich zu beschreiben, nur äußerlich, erst hab ich das gemacht und dann das. Wäre zwar fad, aber authentisch.

Egon Christian Leitner, 9.12.2020
Der Schwarzafrikaner, der früher einmal im Monat um ein paar Euro hierher kam. Seit Februar nie. Sagte immer: Servus Chef!, lachte, zählte die kleinen Münzen & wünschte der Familie alles Gute & viel Glück. Denke oft an ihn; erreiche ihn nicht, sein Handy außer Betrieb; Sorge: die Lockdowns, krank, sonst irgendwas. Behördliches? So: & heute ist er wieder da! Gott sei Dank! Wartet, friert. Rechnet mit gar nichts. Waren nicht da. Ist zermürbt, bedrückt, leise. Nicht wie sonst. Wünscht aber wieder alles Gute & Glück. (Viel weggelassen.)

Günter Eichberger, 10.12.2020
Es gibt ja immer so viel zu tun. Ich kehre aus, ich kehre um, ich kehre allem den Rücken. Oder ich sitze da, schaue und seufze, weil mich etwas schwer ankommt, ohne dass ich sagen könnte was. Die Luft vielleicht, die Luft drückt mir auf die Brust. Nirgendwo ist die Luft ja so drückend wie bei uns. Bei uns auf der Welt. Ich schaue aus dem Fenster, aber ich sehe nichts. Ich lege meine Hände ineinander, als sollte diese Geste etwas bedeuten. Dann sage ich etwas, ich höre mich sprechen, ich höre mir gut zu.

Gabriele Kögl, 10.12.2020
Den Journalisten und Journalistinnen, die Schlagzeilen fabrizieren, muss es auch schon ordentlich fad in der Birne sein. So lese ich jetzt täglich Meldungen wie: „Buchungen in der Reisebranche sind massiv eingebrochen!“, oder: „Heuer weniger Fernreisen als in den vergangenen Jahren!“, oder: „Die Arbeitslosigkeit ist im Jahr 2020 deutlich gestiegen!“ Ich frage, was erwartet man sich bei solchen Meldungen? Dass der Leser oder die Leserin bestürzt die Hände zusammenschlägt und sich fragt: Wie kann das nur sein? In meinem Kopf arbeitet es doch ständig und in Gedanken buche ich eine Reise nach der anderen.

Egon Christian Leitner, 10.12.2020
Kirchgang im Parlament; mein frommer Bekannter außer sich: Diese Heuchelei! Was ist mit den Flüchtlingskindern auf den griechischen Inseln? Ein Bub auf Moria hat zu seiner Mutter gesagt, es wäre besser gewesen, sie beide wären verbrannt. Was sind das für Politiker bei uns, warum sind die bloß so, ich versteh die wirklich nicht.

Lydia Mischkulnig, 10.12.2020
Einer nach dem anderen kam dran. 7 Personen im Raum und darunter ein Achtzigjähriger, der gefeiert wurde. Er wurde 1946 mit 600 anderen Kindern aus dem hungernden Wien nach Belgien gebracht. Täterkinder. Die Transporte der 10.000 jüdischen Kinder nach London begannen am 10. Dezember 1938. 20 Kinder aus Rumänien kamen zur Pflege nach Kärnten im Jahre 1989 und besuchten die Schule. Mutter hatte sich damals als unterstützende Lehrerin erwiesen. Die rumänischen Kinder hörten Nachrichten aus Rumänien und hielten die ausgestreckten Zeigefinger waagrecht an die Gurgel, um den Finger mit einem Ruck über den Kehlkopf zu ziehen. Die Securitate waren die Halsabschneider nach der Hinrichtung Ceaușescus. Erinnert man sich in einigen Jahren an die Kindertransporte, wäre es schön in der Liste die Kinder von Moria 2020 aufzählen zu können, Weihnachten zum wärmenden Auftakt für eine sinnvolle Initiative. Man stelle sich vor: Kinder aus Moria in Österreich zum Aufpäppeln, Und die Kinder von Moria sind nicht einmal Täterkinder, wie damals 1946 aus Wien. Was konnten jene und können diese Kinder dafür?

Birgit Pölzl, 11.12.2020
Ich beschließe was Gutes zu kochen und denke ans Sterben. Nicht an mein Sterben, ich denke an das Sterben der Heimbewohner. Nein, ich denke auch an mein Sterben.

Stephan Roiss, 11.12.2020
Telefonate mit mehreren Exil-ÖsterreicherInnen: Sie alle reisen am 18. Dezember nach Österreich ein, denn einen Tag später würden sie sich in Quarantäne begeben müssen. Weihnachten verhält sich unauffällig. Die einschlägigen Märkte, der Strohsternkapitalismus, die Punschorgien fehlen. Noch kein einziges Mal Last Christmas gehört. Telefonat mit meinem Lieblingsschlagzeuger: Wir werden heuer noch ein Konzert spielen. Freilich wird es kein Live-Publikum geben und der Gig wird gestreamt, aber immerhin. Bühne. Mucke. Gage. Resonanz. Vorfreude. Wir werden für das Christkind die Tür eintreten. Und hinter ihm werden einströmen: die Weihnachtsfrau, Rudolf, eine Schar von Elfen, Anubis, Shiva, Captain Janeway und eine unglaublich intransparente Klarsichtfolie.

Verena Stauffer, 11.12.2020
Ich sehe meine Freundin, freue mich, sie erzählt mir sogar etwas Schönes, sie wolle im Sommer vielleicht heiraten, ich solle ihre Trauzeugin werden. Doch meine Freude ist verhalten, ich sage, überleg es dir gut und denke, was wird denn im Sommer sein? Wie wird es weitergehen? Ich schlichte Holz im Garten, entzünde ein Feuer, es brennt lichterloh, ich werfe einen Tannenzweig hinein, er knistert, Funken steigen in die Dunkelheit. Meine Freundin erzählt mir auch von einer ärztlichen Fortbildung, die online stattgefunden hat, ein 89-jähriger schwerhöriger Professor sprach über sexuelle Störungen via Live-stream wie ein junger Arzt. Wir lachen, finden es toll, sprechen über diverse Dysfunktionen und sind froh, einmal nicht über die Pandemie zu reden, für Momente vergesse ich sie. Ich brate Würste, röste Kartoffeln, schenke Glühwein aus, alle loben meine Bratwürste, als hätte ich sie selbst gemacht. Doch bald ist es acht Uhr abends, die Ausgangssperre tritt ein und das Treffen im Garten ist zu Ende.

Heinrich Steinfest, 12.12.2020
Diese Woche an den Rand des Odenwalds umgezogen. Randmäßig ideal, um jetzt jeden Tag vom Rand aus direkt hinein in den Wald zu marschieren – praktisch mit einem einzigen dramatischen Atemzug –, in der Folge laufend und gehend und gänzlich alleine vor mich herkeuchend, in der Natur mein Glück zu finden. Ich weiß schon, die Wanderwege hat weder der liebe Gott noch ein fleißiges Feenvolk und auch nicht der wilde Wind in den Boden geschaufelt, aber dennoch spürt man in solcher Gegend, was für eine großartige Konstruktion die Welt ist. Wie man so sagt: Hätte es sie nicht schon gegeben, man hätte sie erfinden müssen.

Stephan Roiss, 12.12.2020
Vormittags lese ich die heitere Triceratops-Rezension im Kurier: „Da geht’s nicht um Saurier, leider.“ Nachmittags versuche ich das ausgeborgte Supermikrofon mit meinem Laptop zu befreunden. Treiberinstallationen, Phantomspeisungen, Interfaces, Linuxbefehle. Vergeblich. Die Geräte bleiben einander spinnefeind. Abends gebe ich auf. Muss aufgeben. I have a stream.

Wolfgang Paterno, 12.12.2020
Die Welt schrumpft. Aktuelle Länderliste für Annahmestopps von Briefsendungen lt. Österreichischer Post AG vom 3. Dezember 2020: Anguilla, Antigua und Barbuda, Äquatorialguinea, Armenien, Aruba, Ascension, Bahamas, Bahrain, Barbados, Belize, Benin, Bermudas, Bhutan, Bolivien, Bonaire, (inkl. St. Eustatius, Saba), Botsuana, Brunei, Burkina Faso, Burundi, Cayman-Inseln, Chile, Cook-Inseln, Côte d‘Ivoire, Curacao, Dominica, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Falklandinseln, Fidschi, Französisch-Guayana, Französisch-Polynesien, Gabun, Gambia, Grenada, Guadeloupe, Guatemala, Guinea, Guinea-Bissau, Guyana, Haiti, Honduras, Jamaika, Jemen, Jordanien, Kamerun, Kap Verde, Kirgistan, Kiribati, Komoren, Demokratische Republik Kongo, Republik Kongo, Demokratische Volksrepublik Korea, Kuba, Laos, Lesotho, Liberia, Libyen, Malawi, Mali, Martinique, Mauretanien, Mauritius, Mayotte, Föderierte Staaten von Mikronesien, Mongolei, Montserrat, Mosambik, Namibia, Nauru, Neukaledonien, Nicaragua, Niger, Palästinensische Gebiete, Panama, Papua-Neuguinea, Paraguay, Peru, Pitcairn-Inseln, Réunion, Russland, Salomonen, Sambia, São Tomé und Príncipe, Sierra Leone, Simbabwe, Sint Maarten (Niederländische Teil), Somalia, St. Christopher (St. Kitts) und Nevis, St. Helena, St. Lucia, St. Pierre und Miquelon, St. Vincent und Grenadinen, Südsudan, Suriname, Swasiland (Eswatini), Syrien, Tadschikistan, Timor-Leste, Togo, Tonga, Trinidad und Tobago, Tristan Da Cunha, Tschad, Turkmenistan, Turks- und Caicos-Inseln, Tuvalu, Usbekistan, Vanuatu, Venezuela, Vereinigte Arabische Emirate, Virginische Inseln (Britischer Teil), Wallis und Futuna, Westsamoa, Zentralafrikanische Republik, Zypern.

Barbara Rieger, 13.12.2020
Sonntag und ich habe nichts geschrieben. Ich ziehe meinen dicksten Wollpullover an, öffne das Fenster, es regnet. Ich setze mich zum Schreibtisch, kippe den letzten Schluck Kaffee in mich hinein, stehe wieder auf, fülle meine Wasserflasche voll, trinke. Neben dem Computer liegt der Kalender, darin in Rot die Abgabetermine (10.12. Steirerkrone, abgehakt), in Lila meine Veranstaltungen (keine), mit Bleistift Termine und Pläne, mit Kugelschreiber das, was wirklich passiert ist und in Grün (seit neuestem) das, was das Baby die Woche gemacht hat. Der lila Fineliner liegt offen neben dem Kalender, ich mache ihn zu, lege ihn weg. Dann fällt mir ein, dass ich nächste Woche eine Lesung habe (online natürlich), dass ich die wohl eintragen wollte. Ich öffne den Feinliner, denke darüber nach, ob er ein– oder ausgetrocknet ist.

Heinrich Steinfest, 13.12.2020
Heute beim Waldlauf – und zwar im Zuge von mangelndem Zeitgefühl, falsch eingeschätzter Körperkraft und defekter Stirnlampe – gänzlich in die Dunkelheit des Waldes geraten. Dieser schöne Schrecken erschien mir wie eine ungemeine Verdichtung meiner Kindheit. Diese Urangst, in eine andere Welt zu geraten.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146