Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 7 („Tautropfen aus Gelee im Netzchen“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

 

Stefan Kutzenberger, 14.12.2020
Diese Woche will ich nur aufschreiben, was ich getan habe, keine Gedanken oder Reflexionen, die es ohnehin nicht gab. Erstaunlicherweise ist sogar was passiert: Ich habe der 94-jährigen Witwe bei einem Buchprojekt geholfen, das nun fertig geworden ist und der Presse vorgestellt wurde. Da es coronabedingt keine Pressekonferenz geben darf, einigte man sich auf einzelne Pressegespräche, die von Montag bis Mittwoch jeweils vormittags stattfinden. Nach dem dritten Gespräch fiel ich erschöpft vom Sessel, die Witwe hielt unbeirrt durch. So soll man alt werden.

Barbara Rieger, 14.12.2020
So viele LeserInnen wie gestern mit dem Artikel über meinen Onkel in der steirischen Kronenzeitung werde ich vermutlich nie wieder haben. Mein Mann meint, er sieht die Züge meines Onkels im Gesicht unseres Babys. Ich sehe immer nur meinen Vater. Ich weiß noch immer nicht, wo mein Vater begraben liegt.

Hannah Zufall, 14.12.2020
Schon ist der erste Monat, den ich Tagebuch schreibe, vorbei. Aus dem Grazer Schreibprojekt wird zwangsläufig ein Berliner Journal, denn ich sitze jetzt natürlich in meiner Wohnung fest – die österreichische Quarantäneregel für Rückkehrer vernichtet die Möglichkeit, die Tage vor Weihnachten in der Steiermark zu verbringen. Was soll’s. Pläne machen ist so 2019. Auch mal wieder schön, die volle Bandbreite des Kleiderschranks zur Verfügung zu haben und die wohlvertrauten Bücherrücken. Ansonsten ähnelt mein Berliner Alltag frappierend dem in Graz. Während dort vieles wieder öffnet, ist nun dafür hier alles zu. Berlin ist eine verschlafene Stadt geworden. Der Volllockdown bleibt treu an meiner Seite, wie es scheint.

Gabriele Kögl, 15.12.2020
Ein neues Spiel. Wünsche und Sehnsüchte auszutauschen. So schrieb mir ein geschätzter Kollege, dass er bald in einer dunstigen Kneipe nah beieinander richtig laut und speichelfroh mit Leuten brüllen und sich einen Bierrausch ansaufen möchte. Und ich, die ich Menschenansammlungen immer gemieden habe, träume jetzt davon, mich in ein dicht gedrängtes Rockkonzert zu stürzen und mitzuplärren, so laut, bis ich nur mehr wie Gabalier krächzen kann. Oder in einem überfüllten Zug mit vielen anderen auf dem Boden zu sitzen, die mitgebrachte Jause auszubreiten, jeder nimmt von jedem, und man lässt eine Flasche Wein reihumgehen.

Birgit Pölzl, 16.12.2020
Schneefrauen wachsen in den Himmel. Schneemänner auch. Stollenbrüste und Lärchenzweig-Haar. Die Schneemänner haben im Gegensatz zu den Schneefrauen keine besonderen Kennzeichen, die Karottennasen, Ästchenmünder, Bauchsteinknöpfe kennt man ja. Groß sind sie alle. Kolossal beinahe im Nebel, corossal.

Gabriele Kögl, 16.12.2020
So viele Massentestgeher fotografieren danach ihren Negativbescheid und posten ihn auf Facebook wie einen neuen Verlagsvertrag, den viele auch posten. Wie ein Verdienstorden, ein Zeugnis mit Vorzug oder gar eine Promotionsurkunde wird der Negativtest präsentiert, mit der Werbeschrift: Mach es wie ich. Lass dich auch testen! Und dann kommen die Gratulationsschreiben, als hätte die Person mit diesem Negativbescheid etwas ganz Großes geleistet. Ich habe aber niemanden gefunden, der seinen positiven Test gepostet und dazugeschrieben hätte: Lass dich testen! Positiv! Ich hätte mir nie gedacht, dass ich positiv sein könnte. Mach es wie ich!

Günter Eichberger, 17.12.2020
Tom Waits bekommt von mir eine Geburtstagstorte. Er hat heute nicht Geburtstag, aber das macht nichts, geboren wird man jeden Tag. Ich frage ihn, was er denn so mache. „Ich jage den Speck um die Pfanne“, sagt er. „The world is not my home/ I’m just passin’ thru.“ Aber das kannte ich schon, ich spreche ja auch nicht wirklich mit ihm. Das macht das Gespräch leichter. Ein neues Album? Er zeigt mir ein Fotoalbum. Darauf sind nur Fotos von Pflanzen und Pferden. Er sei jetzt in den Stimmbruch gekommen, das mache neue Aufnahmen schwierig. Aber er werde wieder für den Film arbeiten, als Lichtdouble. Langsam gehe ihm das Geld aus, auch habe er schon alle verklagt, die ihm etwas schuldig seien: Anerkennung, Liebe, Antworten. Und wie gehe es Kathleen, seiner Frau? Die habe ihn schon vor Jahren verlassen, ohne Angabe von Gründen. „Vielleicht war ich ihr zu schweigsam.“ Dann sieht er sehr lange zum Fenster hinaus. „Ich frage mich, ob du wohl dasselbe siehst wie ich. Aber das kann nicht sein, nein, das kann nicht sein.“

Egon Christian Leitner, 17.12.2020
Eine Bekannte telefoniert: Wir werden viel verzeihen müssen & Vorher ist vorbei & gibt’s nie mehr. Vor Corona, meint sie. Glaubt die Sprüche & sagt mir, wer die geklopft hat. Ein Politiker, ein Arzt & eine Moderatorin waren’s. Meine Meinung: 1) Verzeihen: Voraussetzung, dass verlässlich kein Schaden mehr angerichtet wird & dass unverzüglich Wiedergutmachung erfolgt. 2) Alles, was jetzt ist, ist schon geschehen (siehe Thukydides). Die 1. Republik war die präventive Lösung unserer Probleme jetzt. In der 2. war’s der Sozialstaat.

Birgit Pölzl, 17.12.2020
Ich stelle mein Rad ab und höre einen Mann sehr laut ins Handy sagen, wie elend sie gestorben ist! Es ist mir unangenehm, wie selbstverständlich mein Hirn die Todesursache ergänzt. Ich trete rasch ins Geschäft.

Verena Stauffer, 17.12.2020
Heißluftballone, Fliegenpilze, Erdbeeren und Himbeeren mit Schneehauben, glitzernde Gablonzer, filigrane Glaskugeln, Tautropfen aus Gelee im Netzchen, Fondantringerl, Geleeringerl. Linzer Augen, Zimtsterne backen, Rumkugeln rollen, Windringerl spritzen. Sternspritzer und Honigkerzen besorgen, Seidenpapier. Schuhe und Airpods für Frido, ein Buch noch für Hannah, Gewand für Paul und ein Stethoskop für Max. Bücher noch für alle. Für Max noch eine Bommelmütze von der MedUni. Für Paul auch eine Bommelmütze? Nein, ohne Bommel. Eine PS5 für alle? So etwas würde mir keiner zutrauen. Alte Weisheit: Sorge an Weihnachten immer für einen Paukenknall. Natürlich nur die Geschenke betreffend. Die Weihnachtspost!

Hannah Zufall, 18.12.2020
Ein Freund und ich knacken zusammen Nüsse auf Skype. Wir diskutieren verschiedene Nussknacker-Techniken – er setzt auf die Schönheit der gebrochenen Schale. Ich auf Effektivität. Die allzu harte Schale meiner Walnuss springt gegen die Laptop-Kamera. Volltreffer! Er lacht und verschluckt sich an seiner Pekannuss. Modern Friendship in a Nutshell. Er schwärmt von seiner digitalen Weihnachtsfeier am Vortag. Alle haben ein vorbereitetes Menü und die gleiche Flasche Wein zugeschickt bekommen und zusammen gegessen. Könnten wir so etwas nicht auch machen im unvertrauten, aber trauten Literatenkreis? Ich würde auch vorab Nüsse an alle verschicken.

Wolfgang Paterno, 18.12.2020
Netflix abbestellt. Auf Whiskey umgestiegen. Gute Entscheidung, verlorene Monate.

Günter Eichberger, 18.12.2020
Debbie Harry zeigt mir die Stelle, wo sie sterblich ist. Über diesen Satz komme ich nicht hinaus, vielleicht, weil ich sie wirklich näher kennengelernt habe.

Heinrich Steinfest, 19.12.2020
Vormittags im Buch der Tagebücher geblättert und im Abschnitt über den 19. Dezember auf die Eintragung von Klaus Mann aus dem Jahr 1933 gestoßen, in der er davon berichtet, im Traum Stefan George begegnet zu sein und „aus einer Art Höflichkeit“ ein Stück Fleisch aus ihm herausgebissen zu haben. Ein Fleisch, das leider grauenhaft schmeckte, das er heimlich ausspucken mußte, dann aber, erneut aus jener „Höflichkeit“ heraus, noch einmal in den Herrn George hineinbiß.

Egon Christian Leitner, 19.2.2020
Einen Freund ärgert die rührende Babyelefantenwerbung im Fernsehen: Ein kleines Kind droht zerquetscht zu werden. Aber die Moria-Säuglinge, die von Ratten angefressen werden, interessieren nicht! Dass Bischof Glettler ohne Kinder zurückkommen muss, kann mein Freund nicht fassen. Sagt, wir alle werden von der Regierung dazu gezwungen, Beihilfe zu leisten. Er sei kein Jurist, aber für ihn sei es Mord. Unterlassene Hilfeleistung, sage ich. Mit Todesfolge, sagt er: Quälen von Unmündigen & fahrlässige Tötung.

Barbara Rieger, 19.12.2020
Ich erstelle Videos für einen Instagram-Channel, der Friss oder stirb in der KW53 als Buch der Woche featuren will. Vor einem Paravent, der ein Erbstück von meinem Onkel ist, beantworte ich Fragen wie die, ob das Buch eine Triggerwarnung braucht. Später kriecht der Nebel unter meine Haut, ich sollte die Kälteschutzcreme des Babys auch für mich verwenden. Zu wissen, dass es eine KW53 gibt, erfreut mich sehr, es ist wie eine Tür zu einem neuen Raum. Wenn ich Zeit habe, möchte ich in meinen alten Kalendern nachschauen, ob es diese Woche immer schon gab.

Stephan Roiss, 19.12.2020
Heiße Suppe hastig gelöffelt. Meine Zunge ist taub. Ich gewinne das Vertrauen in den Arzneischrank zurück und hacke ihn in Stücke. Gerade rechtzeitig für den Videodreh zur nächsten Single. Alle drei Beteiligten sind negativ getestet und maskiert, halten Abstand, alle sind selbstständige Kulturschaffende und gehen somit hochoffiziell ihrer Arbeit nach. Wir tanzen kurzärmlig auf einer Obstwiese, kleiden die Garage mit einem Greenscreen aus, spielen Schlagzeug im Auto. Das genügt.

Lydia Mischkulnig, 20.12.2020
Die Regierung hat einen Werbefilm in Umlauf gebracht, der für die Abstandshaltung in der Bevölkerung sorgt. Ein Kind trägt das Elefantenkostüm aus Teddyplüsch. Es hat weiche Stoßzähne. Wohlgenährtes Gesicht, Lächelgrübchen. Ist es ein Bub oder ein Mädchen?  Ein asexuelles Menschentier, das für den Werbefilm gecastet und eingekleidet worden ist. In vielen Beziehungen sind Kinder der Kitt um Eltern zusammen zu halten. Sie werden dafür eingesetzt. Es wird um sie gerauft und um sie gestritten, es wird auf sie zugegriffen. Der Familiensinn wird vertieft. Auch die Regierung macht das so. Sie sieht die Österreicher und Österreicherinnen als eine Familie mit Problemen. Maßnahmen gegen Probleme muss das Kind ins Herz schleusen.

Heinrich Steinfest, 20.12.2020
Ich versteh mich nicht, daß ich mir immer wieder Fußball im Fernsehen ansehe. All diese unsympathischen jungen Menschen, die gleich wilden Göttern einen Ball, ein Feld und ein Gehäuse zum Vorwand nehmen, Narziss zu persiflieren. Nur schlimmer sind deren Trainer, die Hampelmänner am Rande, die als Erzieher der jungen Götter sich selbst zu veredeln meinen.
Und dennoch: Der gute Huub Stevens trainiert jetzt die arme, verzweifelte Schalke-Mannschaft, trägt auch während des Spiels Maske, und ich denke mir den alten Satz, daß die Holländer die besseren Deutschen sind. Und wer sind die besseren Österreicher?

Wolfgang Paterno, 21.12.2020
5.350.000 Treffer erhält man, wenn man bei Google das Suchwort „Corona Tagebuch“ eingibt. (Abfrage Montag, 21. Dezember 2020, 9 Uhr)

Wolfgang Paterno, 21.12.2020
Beim Ordnen der Papierberge auf einmal eine Zeitungsanzeige von Dezember 2019 in Händen, „Schnäppchen-Reisen“, Nachrichten aus einer früheren Welt: „Der Sommer ist vorbei, der Urlaub gefühlt ewig her. Jetzt heißt es, sich warme Gedanken zu machen und die kalte Jahreszeit zu überbrücken. Ski-Begeisterte und Schneewanderer gewinnen auch dem Winter etwas Positives ab. Die anderen igeln sich ein und hoffen auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Dabei ist jetzt die beste Zeit, sich bereits mit dem Urlaub für den nächsten Sommer zu beschäftigen.“

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept und Auswahl Kurzversion: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146