Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 10 („Glücklich mit Zitaten.“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Hannah Zufall, 12.1.2021
Ein Freund ruft an, um mir die Quarantäne zu versüßen. Belustigt bis genervt erzählt er, wie er mit seinem neuen Date stundenlang am Kanalufer auf und ab lief. Keusch wie in den 50ern gingen sie spazieren und konnten sich nicht einmal wie zufällig mit den Füßen unter einem Caféhaustisch berühren. Die Romantik des Ganzen hielt sich dann auch in winterlichen Grenzen. Gleich zu sich nach Hause wollte er dann aber auch nicht; es wäre doch komisch, wenn man dort dann in der Küche säße und sich nicht sofort die Kleider vom Leib reißen würde. Manche treffen sich in der Not jetzt schon bei Spar und Edeka, klärt er mich auf. Was früher nur kreativen Hipster Kids eine ironische Geste wert war, wird nun vielleicht der neue Corona-Standard. Ein Rendezvous zwischen Käsetheke und Reinigungsartikeln! Durchaus praktisch. Die Liebe geht neuerdings durch den Einkaufskorb.

Günter Eichberger, 12.1.2021
Vor der Quarantäne habe ich mich nie gelangweilt, behaupte ich. Die Seuche ist eine Einübung in die Langeweile.

Birgit Pölzl, 12.1.2021
In manchen, sagen wir: seltenen Fällen erzielen sinnbefreite Aktionen kathartische Wirkung. Schreibe also schöne Wörter mit dem Anfangsbuchstaben Aa von einer, sagen wir, gut gemeinten Seite ab. Klang, Semantik, in manchen Fällen auch die Unmöglichkeit einer direkten Übertragung in andere Sprachen sollen die Schönheit der aufgelisteten Wörter begründen, naja. Ich lege dem solcherart Ausgewählten als weiteres Selektionskriterium die Nähe zum aktuellen Aberwitz über: abdanken abgebrüht Abgesang abgrasen abgrundtief absahnen abschwatzen Aktenordner Anbahnung armselig Armutszeugnis Augenwischerei.

Egon Christian Leitner, 13.1.2021
Einer redet am Telefon eine halbe Stunde lang auf mich ein; beantworte jede seiner ihm dringlichen Fragen & einmal muss ich aufs Klo. Als ich wieder da bin, sagt er, ich sei sehr geschwächt & er mache sich Sorgen. Fängt wieder an, auf mich einzureden; werde zornig. Vor ein paar Tagen hat er geglaubt, ich könne einfach weitermachen, als sei nichts passiert; aufstehen & weiter geht’s. Tut’s ja eh. Ich muss aber aufpassen. & er hat Angst, z. B. vor der Zukunft, z. B. seiner, z. B. beruflichen. Bemüht sich, guter Dinge & Laune zu sein. Sprudelt vor Lebensfreude. Schön ist das. Ich muss das Telefonat aber beenden, aus Schwäche.

Stephan Roiss, 14.1.2021
Ich stehe im Saft. Der Saft hat die Farbe des Granatapfels und schmeckt nach frischen Heidelbeeren. Telefonat mit der Familie. Isolation. Drückende Tage. Scheinbar nichts als Schnee. Ich setze mich.

Barbara Rieger, 14.1.2021
Weiß nicht, ob das ein Lager- oder ein Landkoller ist. Ob ich zugenommen habe oder es einfach nicht mehr gewohnt bin, Jeans anzuziehen. Ob alles zu viel ist oder zu wenig. Ob ich schreiben möchte oder schreien. Ob es nicht vollkommen überzogen und unmöglich ist, einen Roman schreiben zu wollen, wenn man Mutter ist, sogar wenn der Mann in Karenz ist. Ob die Lesung im Literaturhaus stattfinden wird, ob jemals wieder eine Lesung stattfinden wird. Ob es gut ist, wenn jemand mich fragt, wie ich mich fühle und ich versuche ehrlich darauf zu antworten. Ich glaube nicht. Glaube, es ist besser, ich lege mich auf die Couch und bleibe liegen, zumindest ein bisschen. Während mein Mann mit dem Baby in der Trage Schnee schaufelt, lese ich den Falter: Trump und die amerikanische Demokratie, der Sturm aufs Kapitol. Das Impfchaos in Österreich, das gar keines ist. David Schalkos neuer Roman usw. Später kocht mein Mann, das Baby spielt mit dem Beißring. Corona-Demos auch in Gmunden, lese ich am Titelblatt des Tips, der Bürgermeister von Grünau appelliert an die Lockdown-Touristen, wenigsten den Müll wieder mit nach Hause zu nehmen usw. Ich schlage das Veranstaltungsprogramm des Falters auf, unter Literatur steht nur ein einziger Eintrag: Die Corona-Tagebücher des Literaturhauses Graz. Unsere Namen. Wir, denke ich.

Günter Eichberger, 15.1.2021
Ich muss mich vom vorigen Jahr erholen. Das wird wohl ein ganzes Jahr brauchen. Es war mein objektiv erfolgreichstes Jahr. Subjektiv mein elendstes. Und ich werde das nicht näher ausführen.

Gabriele Kögl, 15.1.2021
Beim Datum lüge ich fast nie, im Gegensatz zu einigen meiner Mitschreiber. Ich beginne den Schreibtag meist wirklich mit einer Tagebucheintragung. Ich hätte zu viel Angst, dass mir am Sonntag oder Montag nicht genug einfällt, das dann glaubwürdig für eine Woche reicht. Und am Donnerstag freue ich mich immer darauf, die Eintragungen meiner Kollegen und Kolleginnen zu lesen. Dabei suche ich immer wieder den Like-Button und finde es schade, dass ich es nicht kommentieren kann. So muss ich in den Tagebucheintragungen der kommenden Woche mit ihnen in Verbindung treten. Kutzenberger hat einen Kalender, aber keine Termine. Ich beneide ihn um den Kalender. Denn ich habe Termine, aber keinen Kalender (ich wüsste nicht, wo ich jetzt einen kaufen könnte). Ich denke, sein Kalender wird dauerhafter sein als meine Termine.

Egon Christian Leitner, 15.1.2021
Einer sagt, er habe oft mit EU-Leuten zu tun. Wie die über Flüchtlinge reden, verwundere es ihn nicht, dass die Kinder & Frauen auf den griechischen Inseln & die Flüchtlingsmänner in Bosnien als Untermenschen behandelt werden. Subhumans sagt er dann, damit er nicht immer Untermenschen sagen muss. Der Seelsorger im Spital, Herzzimmer, fällt mir ein, der auf die EU hofft. & dann, dass es jetzt Zeltdemonstrationen in österreichischen Städten immer mehr geben soll, um unsere Regierung dazu zu bringen, wenigstens ein paar Kinder bei uns aufnehmen zu lassen. Kleine Untermenschen zwar eben, aber die täten da hier ja eh niemandem was, oder?

Stephan Roiss, 15.1.2021
Ich schreibe einen Song. „De bessan Leit hom im Gortn kan Salot / dafir Kameras und Stochödroht.“ Überarbeite ich noch. Keine Sorge. Morgen.

Verena Stauffer, 16.1.2021
Ich spaziere über den Ring in Richtung Burggarten. Vom Heldenplatz her tönt der Wiener Walzer. Es kommen mir verkleidete Menschen entgegen, sie tragen Hüte mit Früchten, Musikboxen, Engelsflügel, Kuhglocken, Arbeitskleidung, es scheinen Tischlerinnen, Bäuerinnen, Malerinnen zu sein, es sind aber auch Rassistinnen, Nationalsozialistinnen, Jüdinnen, Musliminnen und Katholikinnen, Esoterikerinnen, Ökosoziale und Impfgegnerinnen, Psychotherapeutinnen, Gastronominnen, Wirtschaftstreibende … Ich sehe keine Schülerinnen oder Menschen, die wie Studentinnen aussehen. Ich sehe viele Frauen, ich sehe viele Paare. Vor allem sehe ich ein Großaufgebot der Polizei. Später höre ich, die Straßenblockaden der Antifa seien brutal aufgelöst worden. Als ich zurückgehe, kommen mir untypisch viele verrückt gekleidete junge Menschen entgegen, die Mariahilfer Straße liegt neuerdings in Berlin.

Stefan Kutzenberger, 16.1.2021
Meine Mama schickt mir eine Textnachricht: Habe in deinem Tagebuch gelesen. Das erste Mal, dass sie das Corona-Tagebuch erwähnt. Ich rufe sie an, sie erzählt, dass meine Schwester mit ihrem Mann und den drei Kindern schon wieder eine Skitour macht und bereits auf einem Berggipfel ist. Bei dir schlafen sicher noch alle. Das tun sie, ich weiß aber gar nicht, ob das als Kritik gemeint ist oder als Faktum, vielleicht sogar als fun fact. Ich lese nun auch die Einträge unseres Tagebuchs, die sich immer mehr angleichen. Das wäre doch ein interessantes Experiment: Wie lange muss der Lockdown dauern, bis wir alle das Gleiche schreiben?

Günter Eichberger, 16.1.2021
Ich weiß nicht, was zu tun ist.

Günter Eichberger, 17.1.2021
Ich weiß immer noch nicht, was zu tun ist.

Gabriele Kögl, 17.1.2021
Ich habe mich für die Impfung angemeldet. Ich fühle mich erfolgreich! Im Stiegenhaus halte ich einem Nachbarn, der mit Säcken und Taschen links und rechts beladen ist, die Tür auf. Er bleibt in 5 Metern Entfernung von mir stehen. Ich verstehe nicht und halte weiter die Tür auf. Dann nimmt er Anlauf und rennt durch die offene Tür nach draußen und schreit von der Ferne ein „Danke!“ Ich hoffe, er hat sich auch angemeldet.

Heinrich Steinfest, 17.1.2021
Glücklich mit Zitaten: Nach langer Zeit wieder einen Film angesehen, der aus dem Jahre 1991 stammt, nur wegen einer bestimmten Szene, die ich immer schon mal für eine Romanstelle klauen oder zitieren wollte: der Film Schatten der Vergangenheit, die zweite Regiearbeit von Kenneth Branagh, der in dieser Geschichte um Mord, Reinkarnation und Hypnose die Rolle des Privatermittlers spielt. Dabei treten auch ein paar große Schauspieler in kleineren Rollen auf. Etwa Hanna Schygulla als Inga, und vor allem Robin Williams als ehemaliger Psychiater, der jetzt in einem Supermarkt arbeitet und der dem Detektiv, der wenig überzeugend behauptet mit dem Rauchen aufgehört zu haben, erklärt: „Es gibt nur Raucher oder es gibt Nichtraucher. Ein Mittelding gibt’s nicht. Der Trick ist rauszufinden, was Sie sind und das auch zu sein.“

Lydia Mischkulnig, 17.1.2021
Angela Merkel tritt den Rückzug an, sie ist sechs Jahre älter als ich. Ihr Nachfolger wird Armin Laschet. Er ist zwei Jahre älter als ich. Er hat kleine weiche Hände, wie Michael Ludwig. Er ist zwei Jahre älter als ich. Die Hände ahmen die Form von Schöpflöffeln nach. Peter Kaiser tut das mit seinen Händen nicht. Er ist fünf Jahre älter als ich. Rudolf Anschober hat keine besondere Gestik. Er ist drei Jahre älter als ich. Die über 65-jährigen sind im März geimpft, dann kommen wir Gleichaltrigen dran. Gernot Blümel ist 18 Jahre jünger als ich. Seine Hände liegen gern übereinander, er stützt sich immer auf den Stapel, den sie bilden. Sebastian Kurz hat lange gespreizte Finger, er hebt die Hände immer. Er ist 23 Jahre jünger als ich. Der amerikanische Präsident Biden ballt die Hände zu Fäusten, entweder eine oder alle beide, und beherrscht die Kunst, sie nicht zum Schlag zu zeigen, sondern um entschlossen zuzupacken. Er ist 21 Jahre älter als ich. Der Verrückte, der Bleichmittel gegen Corona zu schlucken empfahl (der rassistische Unterton ist ein Wahnsinn), ist 17 Jahre älter als ich. Er winkt mit erhobener Hand, die Innenfläche den Massen zeigend, sein Volk preisend. Den Einsatz des Belehrungsfingers richtet er nicht gegen Mohammed bin Salman al Saud. Dieser plant eine Stadt in der saudi-arabischen Wüste, die keine Emission ausstoßen soll. Kein Auto. Kein Öl. Er ist 22 Jahre jünger als ich. Unter seiner Herrschaft ist der Journalist Kashoggi in der saudi-arabischen Botschaft in der Türkei gemetzelt worden. Jamal Kashoggi war fünf Jahre älter als ich. Vor einem Jahr etwa verstarb der Whistleblower des SARS-Virus Covid-19 Dr. Li Wenliang in Wuhan. Er war 23 Jahre jünger als ich. Das ist die Geschichte und Zeitgenossenschaft meines heutigen Zweifingersystems.

Wolfgang Paterno, 18.1.2021
Corona-Sätze: „Es gibt nichts Traurigeres als eine erkaltete Wärmflasche.“
Eisbrechersatz: „Ich kann Corona nicht mehr hören.“
Online-Initiative am geschlossenen Königreichssaal der Zeugen Jehovas in der Nachbarschaft: „Bitte besuchen Sie für nähere Informationen stattdessen unsere Website (Informationen verfügbar in 1024 Sprachen).“ In Zungen reden.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept und Auswahl Kurzversion: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146