Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 11 („Goed, dank je wel!“)

in Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Egon Christian Leitner, 18.1.2021
Ein Arzt erklärt mir, wie harmlos es nach der Reha in der Realität sein wird, sobald ich meine optimale Herzfrequenz kenne: Je 30 Minuten 3x pro Woche soll ich mich auf den Heimtrainer setzen während der ZiB 1. Aber die ist sicher nicht gut für mein Herz, sag ich. Mit dem Hund spazieren könne ich stattdessen auch, aber nicht von Baum zu Baum, sondern zügig. / Keynes’ Vornamen, vom berühmten Steuermann, der die Leut’ gerettet hat; von dem echten John Maynard (Fontanes Ballade)? / Möchte eine Verhaltenstherapie machen & in eine Selbsthilfegruppe auch, damit ich mich auskenne & nicht so schnell in Rage gerate. (Schreckhaft bin ich seit heuer auch.) Hab keine Frustrationstoleranz & keine Impulskontrolle, bilde mir darauf sogar etwas ein. Ist ja oft wirklich richtig so. Ich halt’s halt nicht aus. / Soll mich vor der Impfung testen lassen, weil ich auf Lacke & Putz- & ein paar Lebensmittel allergisch bin.

Birgit Pölzl, 19.1.2021
Meine Tochter braucht Unterstützung, sie hat eben entbunden. Ich fliege in einer seltsam entspannten Atmosphäre in die Niederlande. Vom Sicherheitspersonal werde ich freundlich an den Check-in-Schalter zurückverwiesen, eine ausgedruckte Bordkarte ist erforderlich, im Flugzeug hat jeder eine Reihe für sich, die Sicherheits-Einweisung ist um den Hinweis ergänzt, der Mundschutz sei abzunehmen, bevor man sich die Sauerstoffmaske im Fall des Falls überzieht. Der Kaffee schmeckt wie immer. Ich freue mich auf die Kinder.

Barbara Rieger, 19.1.2021
Schreiben, Schnee schaufeln, laufen. Später beobachten wir vom Fenster aus vier Männer in Warnwesten, die unseren Bahnübergang erneut abschaufeln. Keine Maske, rufe ich, kein Abstand! Ich bekomme ein E-Mail von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, sie haben mir für Februar ein Hotelzimmer in Wien gebucht. Weiß nicht, ob ich bis Februar durchhalte. Habe das Gefühl, dass ich zwecks meiner psychischen Gesundheit dringend die Mariahilfer Straße entlang spazieren muss. Oder zumindest die Meidlinger Hauptstraße.

Günter Eichberger, 20.1.2021
Ein Käfer saß längere Zeit regungslos auf meinem Schreibtisch. Nun hat er eine andere Beschäftigung gefunden.

Lydia Mischkulnig, 20.1.2021
Nachts durchsuchte ich zur Beruhigung die Schränke, durchwühlte alte Kleider und tauchte nach einem dicken, fetten Federkissen. Wir hatten ein Familientreffen im Netz gehabt.
Nach dem Abschluss der Politikwissenschaften und des Informatikstudiums geht es für meinen Sohn wieder an die Jobsuche. Plötzlich hatte mich die Angst vor der Zukunft ergriffen.

Verena Stauffer, 19.1.2021
Nichts Umwerfendes geschieht in meiner nahen Umgebung. Ich sitze in Wien und beobachte die Welt. Ich suche, wo immer ich bin, nach Worten, nach den richtigen Ausdrücken für das Geschehen. Ich suche Substantive, die mich größer machen als ich bin. Wenn ich eines finde, ein besonderes, dann falle ich vor ihm auf die Knie, lecke es wie die erste Erdbeere im Mai.

Hannah Zufall, 19.1.2021
Hoch lebe die Multiplikation! Negative Stimmung mal negatives Testergebnis ergibt gute Stimmung. Die Tür zur Außenwelt darf sich wieder öffnen. Ein Glück, denn das befreundete Paar, in dessen Wohnung ich die letzten Tage hausen durfte, kam gestern von seiner Reise zurück. Was für ein Luxus, mal wieder jemanden umarmen zu dürfen. Und wie gut, mal wieder rauszugehen. Nicht zuletzt, weil meine Vorräte bedenklich zur Neige gingen. Wir saßen bis spät in die Nacht bei Wein zusammen, erzählten um die Wette und fielen trunken vor Nähe ins Bett. Ich freue mich selbst über den kleinen Kater, der sich im Schlaf zu mir geschlichen hat und lasse ihn schnurren.

Stephan Roiss, 19.1.2021
Ich träume die Schlacht von Hogwarts. Mittelalterliches Mauerwerk, zitternde Türme, Finsternis, Aufruhr. Ich stehe neben Professor Minerva McGonagall, habe eine Liste in der Hand und hake jede Verteidigungsmaßnahme ab, die getroffen wird: Schutzzauber, steinerne Wächter, Brückensprengung, etc. An das Ende des Traumes kann ich mich nicht erinnern, aber er muss eine seltsame Wendung genommen haben. Das schließe ich daraus, dass ich mit diesem Satz im Bewusstsein erwache: „Die Bundesregierung soll endlich den flächendeckenden Einsatz von Aura-Sprays beschließen.“

Stefan Kutzenberger, 20.1.2021
Heute, Mittwoch, war ich brav: Am Vormittag machte ich einen langen, dreistündigen Spaziergang mit meiner Frau durch den vereisten Wald, dann arbeitete ich an der Erzählung, deren Plot mir noch immer rätselhaft erscheint. Leider kann ich nicht mehr rekonstruieren, wie ich auf die Idee dazu gekommen bin, was das Ganze soll und ob die Geschichte auch nur irgendwie Sinn ergibt. Am späteren Nachmittag setzte ich mich endlich zum Schiele-Artikel und arbeitete ein paar Stunden daran, es könnte was daraus werden, ich glaube, es ist ein Ende in Sicht. Dann zwei Folgen von Crazy Ex Girlfriend, gemütlich mit der Familie vor dem Fernseher.

Verena Stauffer, 20.1.2021
Schau, schreibt dein Avatar zurück, das wird schon wieder. Du musst jetzt halt stark sein. Dass wir einander sehen, das läuft uns ja nicht davon. Im Frühling dann, wahrscheinlich. Ich werde eine Decke bringen, du holst Eis. Echtes Eis. Jetzt muss ich aber schlafen, richtet mir dein Avatar von dir aus, ich bin schon müde, es war ein langer Tag. Gute Nacht!
Gute Nacht! Schreibt mein Avatar zurück. Ich lege mich auf den Boden. Hätte ich noch einen Körper, wäre mir übel. Da fällt mir etwas ein, vielleicht dürfen wir zurück in unsere Körper, sobald das Virus ausgelöscht ist, dann werden wir wieder Menschen sein. Vielleicht haben sie uns in eine Fabrik gebracht, in der wir alle geimpft werden. Ich beginne zu verstehen, denke an dich und schlafe ein.

Birgit Pölzl, 21.1.2021
Wie schläft das Bett für dich?, fragt mein Schwiegersohn. Goed, dank je wel, antworte ich.

Lydia Mischkulnig, 21.1.2021
Die Fragen kreisen und sie demotivieren. Wie soll dieser Lockdown weitergehen? Wie ohnmächtig sind all die Maßnahmen und was wird geschehen, wenn der Handel weiter blockiert ist, auch der Handel mit Ideen?

Barbara Rieger, 21.1.2021
Freue mich, wieder die Corona-Tagebücher lesen zu können. Wie lange muss der Lockdown dauern, bis wir alle das Gleiche schreiben?, fragt Kutzenberger. Kögl schreibt, dass alles nur wegen ihr passiert, dabei passiert es doch wegen mir, damit ich ein Kind bekommen konnte, ohne dass jemand es bemerkt, damit ich in Ruhe Mama sein kann, ohne etwas zu verpassen. Frag mich, wie lange der Lockdown dauern muss, bis ich erneut schwanger werde.

Gabriele Kögl, 20.1.2021
Heute in der Nacht war ich mit allen meinen guten Freunden und Freundinnen in meinem Lieblingswirtshaus. Wir sind dicht gedrängt gesessen und hatten den Tisch voll Tabletts mit Köstlichkeiten, und wir haben einander die Tabletts gereicht und von allem gekostet. Auch von den Tellern der Sitznachbarn. Es war, als wäre ich von einem Traum aufgewacht und habe erstaunt herumgefragt: „Warum habe ich nicht mitbekommen, dass Corona vorbei ist.“ „Du hast es verschlafen“, haben sie geantwortet und überhaupt nicht mehr von Corona geredet, nur über ihre Zukunftspläne. Ich hingegen wollte wissen, wie das jetzt ausgegangen war, aber niemand hatte noch Lust, darüber zu reden. Und ich war skeptisch, und dachte, vielleicht ist das alles nur ein Traum, das kann doch nicht sein, dass ich den Link von der Krise zur Normalität verschlafen habe. Ich kiefle noch immer an meinem persönlichen Missing Link, so wirklich war diese Nacht.

Günter Eichberger, 23.1.2021
Meine Arbeit besteht darin, an meinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Nach drei Stunden, in denen ich auf den leeren Bildschirm gestarrt habe, stehe ich zufrieden wieder auf. Mitunter greife ich mir aber ein Buch, blättere darin und übertrage Sätze daraus, die durch diesen Vorgang der Übertragung zu meinen eigenen werden. Irgendwann werde ich gar nicht mehr Platz nehmen müssen, ich werde jeden Anschein von Tätigkeit vermeiden können, ich werde nur noch da sein.

Hannah Zufall, 23.1.2021
Vorzeitig aus meinem Zimmer im Priesterseminar ausgezogen. Eine befreundete Philosophin hat mir ihre Wohnung für die restliche Zeit angeboten. Ein Angebot, das ich mit Blick auf die immer gut besuchte Gemeinschaftsküche und das allzu kleine Zimmer im Priesterseminar gerne annehme. Statt Kreuz an der Wand und Domgeläut, nun Kronleuchterklirren und 20er Jahre Jalousien. Ein bisschen verloren in den Weiten der Architektenwohnung stoße ich mit einem freundlich knuspernden Raffaello bei einem Espresso auf meinen unerwarteten Umzug an.

Wolfgang Paterno, 23.1.2021
Das selbstgebastelte Tagestraumhoroskop (nach Vorlage der „Bild“-Zeitung vom 23. Jänner). Tages-Trend: Gut gelaunt, vergnüglich. Venus verleiht Ihnen besonderen Charme. Schwungvoll. Gelassen. Aufstrebend. Sie treten souverän und selbstbewusst auf. Sie haben eine klare Strategie, das erleichtert den Tag. Sie sind wie aufgedreht. Job/Geld: Gutes Gespür für günstige Angebote. Höchstleistungen wollen Sie nicht erbringen, der normale Alltag läuft aber gut. Sie brauchen die Möglichkeit, mal gedanklich abzuschalten. Ruhe und Konzentration helfen Ihnen bei einer klaren Entscheidung. Finanzielles lässt sich gut regeln. Liebe: Hier zeigen Sie, wie zärtlich Sie sein können. Als Partner sind Sie zuverlässig. Ihr Sex-Appeal ist stark und macht Sie offener für die Liebe. Im Miteinander beweisen Sie Fingerspitzengefühl. Mars intensiviert Ihren Wunsch nach Zärtlichkeit und Romantik. Tipps: Wärme wirkt heute günstig. Egal ob in Form von Tees oder einer Wärmeflasche. Vermeiden Sie es, beim Lebensgenuss über die Stränge zu schlagen. Der Tag bietet sich an, um Dekorfragen zu klären. Sie beweisen Stilgefühl.

Stefan Kutzenberger, 24.1.2021
Sonntag. Wir waren im Joglland Langlaufen (das erste Mal in meinem Leben! Langlaufen meine ich, im Joglland war ich schon zuvor).

Günter Eichberger, 24.1.2021
Mir graut vor jedem Tag. Darum habe ich nie ein Tagebuch geführt. Obwohl dann ja gar nichts Schreckliches geschieht. Und gerade davor graut mir.

Egon Christian Leitner, 24.1.2021
Plötzlich alle doch gut aufgelegt. Wegen der genialen Impfungen. & im Fernsehen gebieten in einem fort 90-Jährige das Impfen. Aber die sind nicht die, für die Pfizer keine Studien gemacht hat & AstraZeneca auch keine. Im Übrigen ist alles erpresserisch, die Zulassungen & Engpässe z. B. / Die FFP2-Masken & 2 Meter & Altenheimtests wären präventiv & simpel schon seit Monaten möglich gewesen. / Was das Sozialstaatsvolksbegehren helfen soll & könnte, kommt nicht in Gang! Die Volksanwaltschaften funktionieren stattdessen & zum Glück. Doch langsam alles & hinterdrein. Die Kirchen auch ewig langsam. Kara Tepe z. B., die Kirchen setzen sich ein. & die Regierung wird nachgeben, sobald es ihr von (propagandistischem) Nutzen ist. Aber die Aufnahme wird die Ausnahme sein: Keine Kinder mehr werden nachkommen & keine Familien. Doch sind jetzt die Dokumente erbracht, dass es böse ist, was in Kara Tepe usf. geschieht. = Bald werden die Guten Abhilfe schaffen können dürfen. (Gottes Engel weichen nie.)

Stephan Roiss, 24.1.2021
Das Traumtagebuch hilft. Immer öfter kann ich mich an die nächtlichen Gespensterzüge meines Unbewussten erinnern. Im heutigen Traum steht die Tages-Inzidenz bei 17. Wir sind zu viert und lassen uns impfen. Als wir bemerken, dass wir uns verlesen haben – die Tages-Inzidenz steht tatsächlich bei 117 – ist das plötzlich ein riesiges Problem. Warum auch immer. Wir streiten uns und diskutieren heftig darüber, ob wir Stillschweigen bewahren oder an die Öffentlichkeit gehen sollen.

Heinrich Steinfest, 24.1.2021
„Ein einfältiger Mensch, halb Genie, halb Trottel“. Soll Gustav Mahler über Anton Bruckner gesagt haben, auch wenn es in Wirklichkeit Hans von Bülow gesagt hat, aber es klingt für mich so viel besser, würde es von Mahler stammen. Seit Wochen höre ich mir Bruckners sogenannte „Nullte“ an, die nicht wirklich seine erste oder vorerste Symphonie ist, sondern seine zweite oder eigentlich dritte, jedenfalls von ihm annullierte, die er nach strenger Prüfung mit diversen Anmerkungen wie „ganz nichtig“ und zudem mit einer durchgestrichenen Null versehen hat (was ja genau genommen den später aufgekommenen Begriff „Nullte“ weniger vorwegnimmt als ihn konterkariert). Gar keine Frage, meine Begeisterung für diesen Komponisten liegt auch in seiner selbstquälerischen, zweiflerischen und zwanghaften Natur begründet. Daß er sich immer wieder von sich selbst und von anderen hat dreinreden lassen und fleißig seine Sache verworfen, korrigiert und verändert hat. Halb größenwahnsinnig, halb versunken im Gefühl der Minderwertigkeit. Wie doch einige von uns.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept und Auswahl Kurzversion: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146