Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 12 („Ob wir es noch können, wenn wir wieder dürfen?“)

in Zweite Welle. Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Barbara Rieger, 25.1.2021
Ich setze die neue FFP2-Maske auf, muss niesen. Die Maske sitzt gut, ich sehe aus wie ein Vogel. Das Baby mag ja Kopfbedeckungen lieber als Masken, es freut sich über rote Hauben, quietscht meine rosa Kopfhörer an und ist fasziniert von meinem hellgrauen Stirnband. Heute lacht es über meine mittlerweile ziemlich langen Haare, die ich nach dem Waschen offen trage. Es lacht aus voller Kehle, wie das so heißt, sein mittlerweile gar nicht mehr so kleiner Körper schüttelt sich vor Lachen. Ich beutle also meine Haare hin und her und wünschte, ich wäre so leicht zu unterhalten, wünschte, ich wäre so fröhlich wie mein Baby. Auf der Verpackung der FFP2-Maske steht tatsächlich made in Wuhan.

Günter Eichberger, 25.1.2021
Ich suche und suche nach der CD, aber finde sie nicht. Ein anderer würde daraus eine Horrorgeschichte machen. Statt der gesuchten CD finden sich, was weiß ich, Blutspuren auf CDs, die mir nicht gehören. Oder eine CD zieht mich in sich hinein, ich bin dann drinnen, weiß augenblicklich, dass es kein Entrinnen gibt. Und nur, wenn mich jemand abspielt, führe ich eine Art Leben, weil ich jetzt eine Tonfolge bin, nichts als Klang.

Hannah Zufall, 26.1.2021
Wieder einen Termin gestrichen. Täglich grüßt der Radiergummi. Gelernt, dass Flummis Flummis heißen, weil sie fliegende Gummis sind. Soweit die Nachrichten, nun zum Wetter.

Gabriele Kögl, 26.1.2021
Ich habe noch immer keinen Kalender für 2021, aber wie es aussieht, werde ich ihn sowieso nicht brauchen. Vielleicht, und höchstens, um einen Impftermin einzutragen, wenn ich denn einen bekommen werde. Mich nervt die Impfwerbung überall. Im Fernsehen, in den Zeitungen, ich glaube nicht, dass die Werbung die Impfskeptiker überzeugen wird. Überzeugen werden nur die Ergebnisse. Also die Nichterkrankung der Geimpften. Und so eine Überzeugungstäterin wäre ich gerne, wenn man mich endlich ließe.

Stephan Roiss, 26.1.2021
Vormittags Aufzeichnung für das Literaturhaus Frankfurt. Laura Lichtblau, Marina Frenk und ich lesen aus unseren Debüts und versuchen, gescheite Antworten auf die Fragen von Carolin Callies zu geben. Ich kann die Lichtverhältnisse in meinem Zimmer ändern wie ich will, meine Laptop-Kamera lässt mich stets kreidebleich erscheinen. Die Gespräche sind interessant, die Atmosphäre angenehm, ich bin währenddessen ruhig und danach zufrieden. Wir Lesenden vereinbaren, einander unsere Bücher zu schicken. Einerseits bin ich des Streamens überdrüssig, andererseits froh, dass wenigstens irgendetwas passiert.

Birgit Pölzl, 26.1.2021
Wir gehen täglich die Gasse entlang, linkerhand Fahrräder, die am Gehsteig außen einen bunten Zaun bilden, vorbei an steilen Stufen, die rechterhand in Hauseingänge münden, an einer Glasfront vorbei, hinter der ein dicker Hund auf einem Kissen ruht, ein Schreibtisch daneben, an dem ein Mann arbeitet, an einem Fietslookal vorbei, in dem alte Fahrräder, die hoch im Kurs zu stehen scheinen, repariert werden, an einer Wohnung, deren Mieterinnen Kinderregenstiefel, eine Winkekatze und Windeln direkt hinter die Glasfront gelegt haben als Zunftzeichen der besonderen Art. Ich bleibe vor jeder Lache stehen, die mit den kleinen Gummistiefeln durchpflügt werden muss; jeder Lastwagen, jeder Hund wird, trak und wau, benannt, und, krah, auch die Möwen, die durch die Gasse fliegen.

Hannah Zufall, 27.1.2021
Heute die zweite Lesung gehabt, dieses Mal in den Räumen der Akademie Graz. Die offizielle Abschlusspräsentation meines Steiermark-Stipendiums. Drei Anläufe mit einer Lichtkünstlerin genommen, doch irgendwie eine richtige Veranstaltung daraus zu machen. In einem Park! In einem leerstehenden Haus! Im Schnee? Im Palmenhaus! So wie damals. Mit Musik und Performance, Sekt und allem Drum und Dran. Man kann sich denken, was daraus geworden ist. Nüscht.

Gabriele Kögl, 27.1.2021
Ob wir es noch können, wenn wir wieder dürfen? Ob ich es noch kann, wenn ich wieder darf? Den Mini-Koffer packen nach einem ausgeklügelten System, das Buch nicht vergessen, aus dem ich lesen werde und wo ich die entsprechenden Stellen angestrichen habe? Rechtzeitig am Bahnhof oder am Flughafen sein? Und soll ich mich mehr über die Impfwerbung ärgern oder über die Werbung mit den Schigebieten. So viele Karotten vor der Nase hält nicht einmal ein Schneemann aus.

Birgit Pölzl, 27.1.2021
Die Oostenrejkse Ambassade Den Haag weist in ihrem Newsletter 1/2021 auf die Corona-Tagebücher – jetzt Die Zweite Welle – hin und fragt, ob es sich hier um das langweiligste Tagebuch der Welt handle. Soll diese Frage, frage ich mich, zum Lesen unserer Beiträge motivieren oder zeitigen sie bereits Wirkung?

Egon Christian Leitner, 28.1.2021
Die ersten Tage: Der Primar sagt zu uns: Ihr Körper kann, was Ihr Auto nicht kann. Gefällt mir, weil ja sonst immer alles Auto ist weltweit, Covid jetzt auch, Bekämpfung inklusive. Gesund werden im Laufe der Zeit kann der Körper jedenfalls wie von selber, wenn man sich entsprechend benimmt & fleißig ist. Selbstreparatur. Ja, passt! Prima! Mach ich. / Höre Zeitlupenmaul, dann Herzohr. Später, dass Coca Cola nicht preisgibt, wie viel künstlicher Süßstoff (= darmschädigend) in Light & Zero steckt & dass die Kornspitze Weißmehlsemmeln sind, die zur Täuschung braun eingefärbt werden & dass die EU die Transfette (= am gefährlichsten) partout nicht kennzeichnen lässt auf den Verpackungen. / Auf der Skala, die mir gezeigt wird, wenn ich auf dem Rad sitze, schnaufe & schwitze, zeige ich prinzipiell jedes Mal auf Dunkelgrün, Nr. 13 = etwas anstrengend. Dabei werde ich vermutlich jetzt wochenlang bleiben, weil’s die Wahrheit ist.

Stephan Roiss, 28.1.2021
WG-Treffen. Wie geht es uns? Sind wir noch vorsichtig genug? Wer trifft sich mit wem, wo und wie lange? Werden die Hände noch gewaschen? Funktioniert der Putzplan? Wem gehört das rote Handtuch? Jemand ist ausgezogen, aber vorerst schreiben wir das freigewordene Zimmer nicht aus, sondern richten uns stattdessen ein Wohnzimmer ein. Ein Beamer fürs Heimkino, dicke Vorhänge, schummriges Licht. Wenn nicht jetzt, wann dann. Ist heute Vollmond? Wunderschön.

Verena Stauffer, 29.1.2021
Hong Kong. Shirley Leung lebt in einer subdivided flat, einer Einzimmerwohnung mit nur einem Bett, das sie sich mit ihrem erwachsenen Kind teilt. Die Nacht über schläft sie selbst darin, tagsüber ihr Sohn, der im Schichtbetrieb arbeitet. Es ist Hongkongs erster Lockdown. Shirley Leung zählt und rationiert das Gemüse, die Dosengerichte und Instantnoodles, welche die Regierung verteilt hatte, als die Restriktionen verhängt wurden. Es sei zu wenig Nahrung und die Qualität schlecht, sagt sie.

Heinrich Steinfest, 29.1.2021
Okay, das war jetzt mal ein wahrhaft lichter Traum, wenn schon kein klarer. Das Bett, in dem ich liege und schlafe, steht in Stuttgart, aber träumend befinde ich mich im tief verschneiten Wien, genauer gesagt am Zaun des elterlichen Hauses in Inzersdorf. Das geheiligte Inzersdorf, von dem Peter Henisch in seinem Gedicht Abbruch einmal schrieb, er hätte x-mal versucht, das zu beschreiben, „aber die gegend entzieht sich und wird mir entzogen“ (was ihm aber in mehreren Versionen des Gedichts wunderbar gelingt, die Gegend zu fassen, und das ist ja wohl die Kunst, im scheinbaren Scheitern ein Gelingen zu vollziehen). Es endet mit: „die bagger fressen mir mein gedicht“.

Lydia Mischkulnig, 29.1.2021
Nach der blauen Stunde trudelte sie ein. Die Diskutantin von der Front. Wir verbrachten mehrere Flaschen guten Weins mit der Aussicht auf ein paar Tage im Schwelgen. Wir waren ja gemeinsam am Theater gewesen, und das war wie ein Traum. Welche Stücke probten die Schauspieler bis zum Erbrechen? Probten und probten und kamen nicht zum Ende, weil das Stück vom Spielplan verschwand, bevor es seine Premiere und seinen Durchfall erlebt hatte? Eine Premiere war immer ein Schlusspunkt. Ohne ihn gab es keine Entwicklung für das ganze Theater. Heute ist das nicht anders.

Verena Stauffer, 29.1.2021
London. Britische Autos laufen Gefahr, durch den Brexit abgehängt zu werden. Großbritannien rittert mit der Europäischen Union um Impfstoffe. Den Briten gehen die Schachteln aus.

Barbara Rieger, 29.1.2021
Es regnet. Die Welt ist mir unerträglich. Muss mich zusammenreißen. Für mein Baby, für meine Familie. Es gelingt mir nicht. Ein Ast ist aufs Auto gefallen und hat die Windschutzscheibe zerschlagen.

Heinrich Steinfest, 29.1.2021
Selten habe ich so viel Schnee gesehen – und noch nie einen so reinen Wiener Schnee. Es geht eben doch immer noch ein bißchen weißer als in Wirklichkeit. Was mich freilich erschreckt, ist, jetzt erkennen zu müssen, daß mein 88jähriger Stiefvater mitten auf der Straße steht, und zwar allein mit seiner Unterhose bekleidet. Es hat immerhin ein paar Minusgrade, der Wind bläst arktisch und die Straße ist von vereistem Schnee gefährlich glatt. Ich rufe ihm zu, er solle schnell von der Straße. Er bleibt aber stehen, schwenkt nur ein wenig seinen Kopf in meine Richtung und lächelt auf eine betörende Weise. Ein vollkommenes Winterlächeln. Aber klar, ein alter nackter Mann mitten auf der Straße geht natürlich gar nicht. Er ist es ganz gewiß: seine dünnen Arme und dünnen Beine und seine noch immer gewaltigen Hände (da konnte ich trainieren, was ich wollte, beim Armdrücken hatte ich verloren, sobald auch nur mein Handerl in seiner Pranke verschwand). Allerdings ist sein schöner kugeliger Altherrenbauch verschwunden. Und mit einem Mal spüre ich überdeutlich, daß ich selbst diesen Bauch gerade an mir habe. Seinen Bauch.

Verena Stauffer, 29.1.2021
Washington. Der amerikanische Präsident küsst seine Frau im Garten vor dem Weißen Haus.

Lydia Mischkulnig, 31.1.2021
Beim Blick vom Balkon hinunter auf die Ringstraße, wo das Gejohle der Maskenlosen anhob, kann man nur sagen, Idioten. Dann kam das Spielzeug der Identitären zur Ansicht, kleine Rot – Weiß – Rote Fahnen von der Stiegl Brauerei wehten auf Augenhöhe der armen Passanten. Die Idioten spuckten ihnen ins Gesicht. Vom Standpunkt des Balkons aus, wo im Hintergrund Musik von Nina Simon lief, mit der Grandezza und Eleganz und einer Stimme, die bestätigte, black lives matter, war das okay. Freilich dachte ich an Thomas Bernhard. In seinem Stück „Elisabeth die Zweite“, oder wie es heißt, brach der Balkon hinunter, als sie am Ring vorbeifuhr.

Wolfgang Paterno, 31.1.2021
Wer das nächste Mal „Licht am Ende des Tunnels“ sagt, der kommt in das unterste Zitatenschränkchen und bleibt dort mindestens zwölf Stunden lang eingekerkert.

Günter Eichberger, 31.1.2021
Alle wollen wissen, wie denn mein Alltag aussehe. Wie soll er schon aussehen? Noch vor dem Frühstück koche ich eine Portion Crystal Meth. Dann genehmige ich mir einen Kathreinerkaffee. Nach der Messe tröste ich meinen Beichtvater, der unglücklich in einen Ministranten verliebt ist, und stecke ihm etwas Crystal zu. Ich gehe eine Liste mit Leuten durch, die ich lieber heute als morgen tot sehen würde. Mit Erstaunen entdecke ich meinen eigenen Namen darauf. Dann kommt mich meine blinde Konkubine besuchen. Wir spielen verstecken. Immer gewinnt sie. Am Nachmittag gebe ich mehrere Interviews zur Weltlage und meinem persönlichen Befinden, die Welt geht unaufhaltsam ihrem Ende entgegen, sage ich, und ich fühle mich großartig. Abends gehe ich, nachdem ich ein gehöriges Quantum Haferschleim zu mir genommen habe, früh zu Bett. Ich träume von warmen Handfeuerwaffen.

Stefan Kutzenberger, 1.2.2021
Mir kommt vor, ich bin in letzter Zeit plötzlich erwachsen geworden. Es begann erstaunlicherweise mit diesem Tagebuch, vor in der Zwischenzeit dreizehn Wochen. Ich bin Jahrgang 1971 und wahrscheinlich so ungefähr im mittleren Altersbereich unserer coolen gang. Gleichzeitig bin ich aber der Jüngste, da meine erste literarische Veröffentlichung erst drei Jahre her ist. Im Februar 2018 erschien mein Debütroman Friedinger – und mit einem Schlag war ich, was ich immer schon „eigentlich“ war, nämlich Schriftsteller. Nachdem ich aber fast dreißig Jahre lang im Verborgenen geschrieben habe, fiel es mir unglaublich schwer, mich auch offiziell als Schriftsteller zu sehen. „Ich bin Schriftsteller“ zu sagen geht noch immer nicht, was aber kein Problem ist, da man im echten Leben (zumindest im Corona-Leben) ohnehin kaum gefragt wird, was man von Beruf ist. Ich glaube, ich habe diesen Satz, „Ich bin Schriftsteller“, erst einmal gesagt, und der Taxifahrer glaubte daraufhin, ich sei Millionär. […]
Vielen Dank, liebe Tagebuchgemeinschaft. Mir kommt vor, dass Ihr mich zu Euch hochgezogen habt, dass Ihr den kleinen Benjamin, den Jüngsten unter euch, großzügig teilnehmen habt lassen am kollektiven Schriftstellerspielen in Coronazeiten, so lange, bis ich wie selbstverständlich mitspielte, schließlich selbst daran glaubte, und nun so deutlich fühle, wie noch nie: Ich bin Schriftsteller.

Wolfgang Paterno, 1.2.2021
Suchabfrage im Verzeichnis lieferbarer Bücher (1. Februar 2021), Suchbegriff „Corona“ – „Suchergebnis (4586)“. Auswahl: „Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens“; „Märchen aus Corona-Tagen“; „Corona-Angst. Was mit unserer Psyche geschieht“; „Pest und Corona – Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft“; „Der Corona-Schock – Wie die Wirtschaft überlebt“; „Street Art in Zeiten von Corona – 50 Statements von Graffiti-Künstlern“; „Typisch Corona. Peter Gaymanns Tagebuch“; „Corona – Das entfesselte Virus: Fakten, Risiken, Chancen und Antworten.“; „Corona zwischen Mythos und Wissenschaft – Mit Tonic Water & Co. in 13 Experimenten die Pandemie verstehen“; „Conni macht Mut in Zeiten von Corona – Eine Conni-Geschichte mit kindgerechtem Sachwissen rund um das Thema Corona“; „Die Welt nach Corona – Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands und der kommenden Gesellschaft“; „Corona Nights Hamburg“; „Die Corona-Häschen: Corona-Krise verstehen – Eine Geschichte für Kindergartenkinder“.

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept und Auswahl Kurzversion: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146