Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle, Teil 13 („Erweiterung der Schmerzzone“)

in Die Corona-Tagebücher. Zweite Welle

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Günter Eichberger, Gabriele Kögl, Stefan Kutzenberger, Egon Christian Leitner, Lydia Mischkulnig, Wolfgang Paterno, Birgit Pölzl, Barbara Rieger, Stephan Roiss, Verena Stauffer, Heinrich Steinfest und Hannah Zufall.

[PDF der Gesamtexte]

Barbara Rieger, 1.2.2021
Ich mag Montage, aber ich kann die Wochentage kaum mehr voneinander unterscheiden. Jemand schickt mir ein Video von den Demonstrationen, sogar die Polizei ist mitmarschiert, dazu ein Smiley. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.

Hannah Zufall, 1.2.2021
Zum krönenden Abschluss meiner Zeit in Graz auf die Hütte gefahren. Dort die Musik im Schnee aufgedreht und bis in die Morgenstunden getanzt. Der Marder fühlte sich gestört und urinierte ans Auto. Rausch geht auch in kleinem Kreis, denn wo sich zwei oder drei in seinem Namen versammeln, da ist er mitten unter ihnen. Wusste schon Jesus.

Birgit Pölzl, 1.2.2021
Der Flug nach Graz ist gecancelt, nur Wien wird angeflogen, auch gut. Ankunftszeit, 22.50. Im Flugzeug sitzen wir Arm an Arm in den hinteren Reihen, während die vorderen Reihen frei sind, was zu einer Diskussion mit dem Bordpersonal führt, das ein Umsetzen erst nach dem Abheben erlaubt – Hauptsache, wir stecken uns an, sagt die Frau hinter mir. In Schwechat werden meine Einreise-Daten von einem Flughafen-Mitarbeiter geprüft, der mir beim Hinweis auf die Quarantäne-Pflicht so eindringlich in die Augen schaut, dass ich zu nicken beginne; dann gehe ich an den verwaisten Gepäcksbändern vorbei in die Ankunftshalle und weiter durch die Drehtür nach draußen. Da steht er, mein Mann, wie ein Agent im Halbdunkel, Kragen hochgestellt, um mich vor einer Fahrt im Bus zu retten; wie gut die Küsse und das Lachen über das surreale Setting tun.

Gabriele Kögl, 1.2.2021
Am Nachmittag drehe ich fast täglich meine Augartenrunde. Und denke immer wieder mit Schaudern daran, dass dies beim ersten Lockdown nicht möglich war. Heute bewegen sich Kinder auf den Spielplätzen, laufen und lachen, und auf der Wiese beim Flakturm höre ich ein paar von ihnen rufen: „Hey, spielen wir impfen!“ Zwei Kinder brechen Holzstäbchen von den Ästen und laufen damit den anderen Kindern nach, die davonrennen. Wer erwischt wird, wird geimpft und scheidet aus. Am Ende werden alle erwischt.

Günter Eichberger, 1.2.2021
Balzac trank pro Tag bis zu 50 Tassen Kaffee. Er stärkte sich mit 100 Austern und zwölf Koteletts. Auch Menschenfleisch soll er zumindest einmal probiert haben, wenn auch irrtümlich. Stendhal trank täglich zwei Kessel Tee zu je 25 Litern. Er aß während des Schreibens ein ganzes ungekochtes Schwein, drei Bund Petersilie und unzählige härtest gekochte Eier. Gerüchten nach hat er einen schwarzen Sklaven bei lebendigem Leibe aufgegessen. Flaubert trank ein Dutzend Fläschchen Lebertran, womit er seinen unmäßigen Landweinkonsum auszugleichen gedachte. Er aß bei der Arbeit drei Scheiben trockenes Brot. Menschen kostete er nur bei Hungersnot. Proust reagierte allergisch auf Madeleines, litt an Laktose, Fructose und Osmose. Sartre trank Blut, das man Camus heimlich abgezapft hatte. Camus kurierte sich mit Eigenurin, der ihm allerdings regelmäßig ausging, weshalb er auf Simone de Beauvoirs Reserven angewiesen war. Ich esse ein Joghurt, zwei Scheiben Vollkornbrot mit Käse und trinke dazu eine Tasse Earl Grey. Dann gehe ich in meine Vorratskammer, wo meine Opfer erwartungsvoll auf mich warten.

Stefan Kutzenberger, 2.2.2021
Vor zwei Wochen ist mir aufgefallen, dass ein ehrliches Tagebuch mehr Platz benötigt als ein Fake. Auch wenn sich nichts ereignet, kann man mit einer Auflistung der paar Nichtigkeiten, die so geschehen, weil ja selbst im Lockdown nicht nichts passieren kann, Zeilen füllen. Es ist diese Woche so wenig vorgefallen, dass mir also nichts anderes übrigbleibt, als ein echtes Ereignis-Tagebuch zu faken, das heißt, rückblickend den ereignislosen Alltag aufzulisten, denn Gedanken hatte ich keinen einzigen und bringe nun, Sonntagnacht, sicher auch keinen mehr zusammen, um ihn hier im Tagebuch auszubreiten.

Gabriele Kögl, 2.2.2021
Interessant, dass bei den gestrigen Verkündigungen der leichten Lockerungen nicht einmal mehr erwähnt wurde, dass Kulturveranstaltungen nicht stattfinden dürfen. Dass Restaurants und Hotels noch warten müssen, war immerhin eine Erwähnung wert. Manchmal frage ich mich, ob ich es noch erleben werde, über diese Zeit in der Vergangenheit zu reden.

Lydia Mischkulnig, 2.2.2021
Wer Corona nicht mehr aushält, hat die Möglichkeit zu fliehen und die Zufallsbegegnung zu suchen. Man gehe zum Bahnhof, kaufe sich ein Ticket und begebe sich auf Reisen. Zwei bis drei Stunden Richtung Süden sind schon genug für ein Mahl im Speisewagen. Auf Schiene gesetzt ist das Verspeisen von Gerichten in einem Lokal erlaubt. Das Bistro im Railjet hat bis 18 Uhr offen und man kann sich auch das Essen im Waggon bestellen und zum Sitzplatz servieren lassen, währenddessen reisen.

Verena Stauffer, 2.2.2021
Es gibt Neuigkeiten: Die Kirchen werden wieder geöffnet, mehr kann man derzeit nicht verlangen. Grade jetzt, wo Maria Lichtmess ist und die Frau von ihrer Unreinheit gereinigt werden muss. Da müssen die Pfarrer jetzt echt viel dreckige Arbeit erledigen, die kommen ja sonst nicht nach.

Barbara Rieger, 2.2.2021
Verschwörungstheorien sind einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte, denke ich, und dass ich das alles auch nicht verstehe. Wenn jemand alles zu verstehen meint, wird es sowieso immer gefährlich, wenn jemand weiß, wer oder was genau schuld ist. Letztlich sei es Mathematik, meint mein Mann. Mathematik war noch nie meine Stärke. Ich meine, so werden wir dieses Virus nie wieder los, so geht das Wochen, Monate, Jahre so weiter. Februar war schon immer der schlimmste Monat. Manchmal weiß ich nicht mehr, was der Sinn von allem ist, sage ich zu K., die auf Bali sitzt bzw. schon im Bett liegt. 42, antwortet sie. 42 Bücher? Wir lachen. Vielleicht.

Stephan Roiss, 2.2.2021
Der junge Herr trägt einen Weltraumanzug für Arme. Er zückt ein Stäbchen. „Rachen, Nase hinten oder Nase vorne?“ Bei meinem insgesamt fünften Corona-Test liegt ein Hauch von Burger King in der Luft. „Was ist der Unterschied zwischen Nase hinten und Nase vorne?“, frage ich. „Nase vorne ist für Sie ein bisschen angenehmer, Nase hinten ist ein bisschen genauer.“ Während ich nachdenke, summe ich Fear Factory. „Nase hinten.“

Stefan Kutzenberger, 3.2.2021
Keine Ahnung. Kein Eintrag im Terminkalender, keine Erinnerung, den Mittwoch tatsächlich erlebt zu haben. Vielleicht hat er gar nicht existiert.

Verena Stauffer, 3.2.2021
Herrrrrreinspaziert! heißt es am Eingang des Praters. Nachdem ich eislaufen war, spaziere ich nun tatsächlich durch sein Tor hindurch und mitten hinein. Schokofrüchte und Schaumbecher To-Go steht auf einem Stand, aber die Läden sind heruntergelassen. Jedoch, man arbeitet bereits, da und dort wird gekehrt, der Schmutz des Winters mit Schläuchen abgespritzt. Ein Zeichen des nahenden Frühlings, ein Zeichen des Endes der Pandemie, möchte ich denken. Ich sehe Dinge, die ich sonst nie gesehen habe, sonst, wenn der Würstelprater voller Menschen ist.

Lydia Mischkulnig, 4.2.2021
Ich bin Tiroler! Ein Mensch mit Gewinn! Welchen? Ich hab ein Gewehr, es hängt an der Wand und es ist gepolstert. Es stammt von der Künstlerin Gudrun Kampl. Sie hat es mir vermacht als Gegenleistung für einen Text, den ich ihr einst schrieb. Die Welt, die man vor Hoteliers schützen muss, da sie während Corona zum Spaß nach Südafrika reisen, ist insgesamt bedroht. Müsste man den Hoteliers nicht ein paar Kugeln um die Ohren schmeißen, gepolsterte freilich?, damit sie sich auch daheim vielleicht wie Freiheitskämpfer vorkommen?

Stephan Roiss, 4.2.2021
Eine Diskussion, die über eine Mailinglist der Freien Szene geführt wird, eskaliert. Es tritt zu Tage, dass auch in diesem scheinbaren Refugium kreativ-kämpferischer Vernunft, kreativ-kämpferischer Idiotismus Platz greift. Es wird Zeit, dass diese Pandemie in die Schranken gewiesen wird. Aus hunderten Gründen. Einer davon: Sie beschleunigt unheilvolle Radikalisierungen, bietet dem Feuer Futter. Angst essen Seele auf. Abendliches Wunder im Posteingang: eine Konzertanfrage.

Hannah Zufall, 5.2.2021
Es sind zu viele Menschen um uns herum, die sich das Leben nehmen. In meiner Familie arbeiten alle außer mir im sogenannten sozialen Bereich. Sie erzählen, dass es gerade erst losgeht. Meine Großmutter sagt, es erinnere sie an die Zeit nach dem Krieg, als sich auch so viele umgebracht haben. Über diese Dinge kann oder will ich nicht schreiben. Es ist noch zu früh. Auch zu persönlich. Selbst für ein Tagebuch und ganz besonders für dieses hier.

Egon Christian Leitner, 5.2.2021
Die Liste, soweit mir erinnerlich: die Wolken am Himmel anschauen & in der Nacht den Mond, mit Freunden zusammen sein, in einer schönen Landschaft sein, freimütig & offen reden, jemanden loben, jemandem Komplimente machen, helfen, in der Natur sein & ihre Geräusche & Klänge hören & die Vögel & einen Fluss sehen & durch einen Wald gehen, gebraucht werden, lachen, anlächeln, angeschaut werden, Rätsel lösen, herauskönnen immer & wohin können, Ruhe & Frieden haben, jemanden berühren, küssen, liebkosen, eine schwierige Aufgabe ausführen, eine Sache gut gemacht haben, gute Einfälle & Pläne haben & eine erfreuliche Wohnung & mit anderen Menschen glücklich sein, über etwas Gutes in der Zukunft nachdenken. Gott kommt auch vor. Vorfreude auch. Geliebt werden. Gegenwart spüren. Um Rat gefragt werden. Guten Rat bekommen. Der geliebte Mensch ist da für einen & man selber für ihn. Zusammen halt dass man ist mit dem geliebten Menschen. Blumen. Ausflüge. Die Liste hat mir gut gefallen. Find’ sie nimmer. Macht nix. Hab sie ja irgendwie intus. Tut gut. Gute Liste. Vorher war mir sehr viel nicht recht. Aber das da passt jetzt alles. Ist o. k. Angenehme Erlebnisse. Heißt so. Sind’s. Kein Falsch. Kein Fehl. (Find ich.)

Barbara Rieger, 5.2.2021
Manchmal stehe ich um 5:00 auf und schreibe. Mein privates Tagebuch, mein öffentliches. Einen Text, den ich im Kopf habe. Ein Konzept. Und dann: Ein paar E-Mails. Zu viele E-Mails. Zu wenige E-Mails. Immer zu viele oder zu wenige E-Mails. Sehne mich nach meinem Roman, nach der Fiktion.

Hannah Zufall, 6.2.2021
Unseren täglichen Nasenhöhlenabstrich gib uns heute. Meine Freunde und ich sind Spezialisten im gegenseitigen Testen geworden. Stäbchen rein, Stäbchen raus, das fast schon alte Spiel. Das sind Stellen im Körper, die man vorher nicht wahrgenommen hat. Anfangs ein so ungewohnter Schmerz, dass man gar nicht weiß, was man von ihm halten soll. So wie wenn einem mit einem Cursor über den Augapfel gefahren wird oder eine Gynäkologin einem das erste Mal in den Unterleib greift. Erweiterung der Schmerzzone. Man gewöhnt sich schnell an das eigenartige Herumtasten von Wattestäbchen hinter dem eigenen Wangenknochen. Nun wissen wir alle, wo unsere Nebenhöhlenwand verläuft und wie eng es um die Nase steht. Immer gut, seine eigenen Grenzen zu kennen.

Wolfgang Paterno, 7.2.2021
Die „Bleiben-Sie-gesund“-Wünsche, die „Bleib-gesund“-Aufforderungen – verschwunden. Fast alle E-Mails wieder wie gehabt, leider.
Im Fernsehkrimi simuliert die Kommissarin einen Niesanfall. Sie macht es à jour in die Ellbogenbeuge. Händewaschen nicht im Bild.
Gebremst, gemästet, gelangweilt, gefrustet. Locki Docki Horror Show.
Aus der Sammlung Also sprach: „Im Stadtbild merkt man das an mittlerweile wilden Frisuren.“ (Wiens Bürgermeister Michael Ludwig über den Dauerlockdown.) „Viele Leute sind schon wuggi.“ (ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian) „Die hellen Tage werden kommen.“ (Anonymus)

Heinrich Steinfest, 7.2.2021
Kleine Genüsse mit großer Wirkung in nicht ganz einfachen Zeiten!
Ja, ich weiß, das klingt wie Schokoladenwerbung. Wenn einem suggeriert wird, daß der Biß in die Praline zu einer geschmacklichen Erfüllung führt, die den Genießer einen jeden Mist auf der Welt, vor allem den höchstpersönlichen Mist vergessen läßt. Verdrängung also.
Zen und die Kunst warten zu können.

Stefan Kutzenberger, 7.2.2021
Gestern las ich endlich die Tagebücher und freute mich sehr, dass sich Hannah Zufall auch so kompetitiv zeigt wie ich: Seit Wochen hoffe ich, dass ich es zu einer Überschrift schaffe, doch war ich nie pointiert genug. Irgendwann sollte es sich aber schon noch ausgehen, notfalls mit Beziehungen.

Egon Christian Leitner, 7.2.2021
Jemand, der mich liebt, will, weil ich schnell in Anstrengung gerate, nicht, dass ich am 16.2. dabei bin online. Sorgt sich. / Meine Botschaft: Das Sozialstaatsvolksbegehren endlich wiederholen & sobald’s irgend geht, spielen wir jetzt einmal Tischtennis miteinander. Bitte!

Heinrich Steinfest, 7.2.2021
Die Kartoffel. Von der ja soeben als bloßer Abfall die Rede war, als Schale im Biomüll. Aber so lächerlich, übertrieben und absurd das sein mag, sobald irgendeine Form von äußerer oder innerer Krise und möglicher oder tatsächlicher Not besteht, greife ich zur Kartoffel. Vorher schon auch, aber im Krisenfall mit der größten Begeisterung für diesen Apfel aus der Erde: das Schälen, das Kochen, das Reiben, das Braten, das Zermanschen, das Spalten, das Halbieren, das Vierteln. Und stets die Vorstellung, was man aus so einem Sack Kartoffeln alles herzustellen vermag zwischen Erdäpfelgulasch und Erdäpfelsalat und Erdäpfelsuppe und Petersilerdäpfel und Puffern und Auflauf und Püree – und ja, wenn man sich dabei mal verbrennt, sich eine geriebene Kartoffel auf die Wunde tun kann. Auch bin ich mir sicher, daß die Erdäpfelsuppe eine psychoaktive Wirkung besitzt (umso mehr, wenn man Petersilie drüberstreut).
Zen und die Kunst beim Erdäpfelschälen einmal an rein gar nichts zu denken.

Wolfgang Paterno, 8.2.2021
Das Ticken der Uhr im Zimmer der Tante so laut, dass man das Verstreichen und Verfliegen der Jahre fühlt. Erster Tantenbesuch seit Monaten.
Am Morgen der Blick durch das Fenster nach draußen, auf das riesige Stillstandwimmelbild.
Alles, was man tun muss, mit großem Unernst tun. Freudig in den neuen Tag! Ein Hoch auf den Refrain! Ängstlichkeit dimmt das Licht.

Stephan Roiss, 8.2.2021
Ich sollte aufstehen.

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion und Auswahl Kurzversion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel.: 0316/3808372 oder 0664/8565146