Don Alphonso: Nähe.

in Dossier: Was wird Literatur?

Louis hat nie etwas aufgeschrieben. Er mochte zwar Bücher, in allen Zimmern des Bauernhofs gab es ein Regal, und es gehörte zum guten Ton, mitgebrachte Bücher dort stehen zu lassen. Seine Gäste kamen nur auf persönliche Empfehlung, was für eine bestimmte Qualität bei der Auswahl der Lektüre sorgte. Es gab zwar Strom, aber kein Radio und kein TV-Gerät und erst recht kein Internet, und ein Telefon hat auch nie geklingelt. Man war auf Bücher angewiesen, dort oben, hoch über Brixen, und auf Louis. Er hat die Geschichten, die er erzählte, nie aufgeschrieben, aber wenn auf der anderen Seite des Tales die Rosszähne rot erglühten, sprach er von der schlechten, schlimmen, schönen und wunderbaren Zeit seiner Jugend. Davon, dass sein Vater auf dem Kachelofen – genau auf dem, an dem wir sassen – starb und sie es erst am nächsten Morgen verstanden, weil der Körper vom Ofen noch so warm war, als lebte er noch.

Das geht nur, wenn man sich das Publikum selbst aussucht, wie es Louis Nussbaumer getan hat. Das geht im Rahmen eines abgelegenen Bauernhofs in Südtirol, hinter den dicken Steinmauern und mit Blick auf eine grandiose Bergwelt, und obwohl ich beruflich heute ebenfalls Geschichten erzähle, werde ich nie in der Lage sein, auch nur ansatzweise diese Vertrautheit und Intimität zu erschaffen, wie es die Menschen in diesem Tal ohne moderne Kommunikation beiläufig, selbstverständlich, ohne Mühe konnten. Meine Leser blicken nicht auf Almen und Berge, sie sind in der Regel Sklaven der neuen Zeit, das blaue Glimmen der Bildschirme bestimmt ihr Leben, und man sagt mir auch, ich müsste mich dem anpassen, kürzer schreiben und eventuell gar so, dass es auf eine iWatch passt. So weit soll man die Texte eindampfen, verdichten, überflüssiges wegschneiden und sich das Fabulieren verkneifen, die Konditionalsätze, die Neologismen, die Frechheiten, die geistigen Tretminen der Gemeinheit – um Himmels Willen den Leser mit seiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne nicht aus dem Konzept bringen. Oder gar verunsichern. Vielleicht auch einmal daran denken, dass andere Menschen ganz andere Empfindungen haben. Nett sein. Der moralisch richtige Haltung ein Brandopfer mit den schiachen Ideen bringen. Niemanden beleidigen und dem Gschlaf nicht sagen, dass sie Grattler sind.

Deren Hohepriester könnten nämlich beleidigt sein, wenn sie alle drei Tage in der FAZ darüber lesen, wie ein schlechterer Sohn aus besserem Hause ohne jede Existenzsorge meint, die Welt beurteilen zu müssen. Von oben nach unten, ohne Rücksicht auf soziale Vorstadtabgründe, in denen andere ihr Leben fristen müssen, und mit einer gewissen Verwunderung über die unzweifelhafte Tatsache, dass andere seine Probleme bei der Petersburger Hängung seiner Gemäldesammlung nicht nachvollziehen können. Das, finden manche, geht doch auf gar keinen Fall, so verstosse man gegen die guten Sitten, und eine Literatur des Klassismus und der Verhöhnung sei es ausserdem auch. Vielleicht haben sie damit recht. Trotzdem lebe ich davon, das zu schreiben.

Aber wenn wir über Literatur und ihren Weg reden, dann müssen wir auch darüber reden, was bei Lesern ankommt, was sie gern lesen und was sie zu lesen bereit sind. Wir stehen da nämlich als Autoren vor einer nicht ganz risikolosen Entwicklung: Dank des Internets, dank dessen, was wir dort veröffentlichen und an Bindungskräften entwickeln, können wir vielleicht etwas von der Intimität eines Abends in den Dolomiten zaubern. Nähe. Berührbarkeit. Die alte Trennung zwischen Leser und Autor, die das Medium Buch mit sich bringt, in den Kommentarspalten überwinden. Uns in das Wohlwollen der Leser wie in einen Sautrog voller Zwetschgendatschi legen, uns wie die Rosinen in den Apfelstrudel der Zuneigung einbacken lassen, und uns so, beliebt wie Mehlspeis am Sonntag, einen Vorsprung bei der Jagd nach Kontrakten und Plätzen im Katalog des Verlags verschaffen.

Da geht sie auch hin, die Literatur, wenn sie auf Erfolg aus ist, hinternwackelnd und lippenleckend, und wir lernen, wie man in Klagenfurt triggert und den Erwartungen der Rezensenten entspricht. In unserm Puff bekam frei nach unserem Paten Villon schon immer jeder, was er braucht, und für den Leser und seine direkten Wünsche haben wir auch noch einen Platz. Dauernd. Immer. Er hat ja sein blauschimmerndes Kasterl. Das ist ihm wichtig, und wer sein Dasein nicht mit Greisinnen und überspannten Bartträgern im Lyrikseminar verplempern will, macht sein Werk und seine Person zu einem untrennbaren Ganzen der fünfzig oder besser noch mehr Schattierungen der Aufmerksamkeitspersönlichkeit. Bei manchen Onlineauftritten lesen dann die Jungautoren ihre Texte in die Kamera und ins Quotennichts, und Millionen schauen lieber Dagibee zu, wie sie sich bei Youtube anmalt.

Das ist die Lyrik der neuen Zeit, das sind die neuen Vertriebskanäle, da schielen die Verlage hin und denken darüber nach, wie man einen Wort-Haul, einen Roman-Playthrough an die Kundschaft bringt. Der nächsten Generation der Autoren wird man das nicht mehr erklären müssen. Es wird ein paar Stars geben, und sehr viele, die scheitern. Wenn sich jeder voll einbringt, wenn jeder sein Publikum dauernd befeuert, ist es nichts Besonderes mehr, sondern eine Simulation der Intimität und des Anbiederns, die dem Textprodukt vielleicht eine Weile hilft, aber auf Dauer vermutlich kaum jemand durchhalten wird. Ich mache das schon recht lang, aber halt um den Preis, dass ich eine Kunstfigur vorschicke, die konfliktfreudig, zuspitzend und, sagen wir es freundlich, auf eine nicht sehr sympathische Art speziell ist. Konstruierte Vielschichtigkeit. Ist das noch Literatur oder schon eine Fälschung?

Ich sitze wie alle anderen auch vor diesem blauschimmernden Kasterl, diesem Endpunkt unserer kulturellen Fäulnis und Faulheit, diesem aufgekochten Brei kurz denkender Nutzer und Benutzter, und wundere mich auch, wie man in diesem System noch etwas überantworten kann, das eine Bedeutung in sich trägt und Fragen stellt. Als Autor werde ich regelmässig okkupiert, missverstanden und ausgelegt, solange ich in die Vorurteilsblasen der Leute passe, und gehasst, wenn ich mich mit eigenen Gedanken dagegen stelle. Das geht heute ganz schnell. Ich gehe in die Länge, meine Texte sind nie strukturiert und stringent, weil ich denke, dass ich damit die allzu simplen Zeitgenossen abschütteln kann und sie längst woanders sind, wenn die Vernünftigeren und Schrägeren am Ende auf den Kommentarknopf drücken und etwas anmerken. Das kann dann schon lauschig und warm werden, und manchmal sagen sie:

Schreib doch endlich ein Buch.

Aber ich habe ein sehr vorteilhaftes Abkommen mit der FAZ, dort genau das zu tun, was ich mache, viel besser als die meisten Buchverträge, und wenn es mehr Wege wie meinen gäbe, würden ihn sicher auch mehr Leute beschreiten. Dabei mache ich eigentlich gar nicht viel, ich sitze auf der Nordseite der Berge unter einem schwachen Licht, plaudere etwas und schaue hinüber zu den Felsen und Wäldern, wo die Zivilisation noch etwas bedeutungsloser als bei einem Amazon-Bestellvorgang eines e-Books ist.

Ich weiss nicht, wohin die Literatur geht, und ob sie nicht auch nur noch warm von der langsam erkaltenden Glut eines Kachelofens mit grosser Geschichte ist. Ich erzähle Geschichten, Menschen hören mir zu, und wenn es nicht viel ist, so ist es wohl genug, dass sie wiederkommen. Dann geht die Literatur zum Leser, wie es schon immer war und hoffentlich auch noch etwas länger sein wird. Aufhalten kann man keinen, aber unterhalten, das geht wohl noch.

Don Alphonso, alias Rainer Meyer, geb. 1967, ist Journalist, Buchautor und Blogger. Seine Blogs erscheinen in „blogbar“, „Rebellen ohne Markt“ sowie in der Online-Ausgabe der „FAZ“.