© Andrea Gutschi
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Eine Topographie der Toten. Versuch einer visuellen Aufschlüsselung von Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten

in Objekt des Monats

„Das Land braucht oben viel Platz, damit seine seligen Geister über den Wassern ordentlich schweben können.“
Das Land, von dem in Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten die Rede ist, ist einmal mehr Österreich, von den Mürztaler Alpen bis Wien, von Mariazell bis Graz, von 1945 bis in die Gegenwart und die seligen Geister, die da schweben, sind namhafte Prominente und namenlose Unbekannte, sie heißen „Karl Schubert, Franz Mozart, Otto Hayden“ und unter ihnen tummeln sich auch noch „ein paar Millionen zerquetschte“. Jelinek hat einen Großteil der Handlung ihres Romans mit der Obersteiermark, der Region ihrer Kindheit, genau verortet. Eine Vielzahl an Schauplätzen – von einem aufgelassenen Speicherbecken am Fuße des Niederalpls bis zur ominösen Bergpension Alpenrose – basieren auf konkreten Orten, Bezugspunkten aus der frühen Biografie der Autorin. Die körperlosen Geister der Toten, die Wiedergänger und Untoten suchen eben diese Orte heim – das Unheimliche schleicht sich in das Heimatliche. Die Kollektivschuld der Verbrechen des Nationalsozialismus stellt sich dem idyllischen Bild der österreichischen Alpenwelt der Nachkriegszeit entgegen und verkehrt im Text die „schöne Landschaft“ der heimischen Tourismusgebiete in Berge von Haaren, Zähnen und Leichenteilen.
Als der Text 1995 zum 50. Jubiläum des Kriegsendes zum ersten Mal erschien, stieß er von Seiten der meisten Kritiker und Rezipienten überwiegend auf Überforderung. Ein unzugängliches Opus Magnum, das seiner Autorin in eben jener Qualität in nichts nachsteht, so der Tenor. „Sperrig und abweisend“ wurde der Roman genannt, oder auch als „Text-Massiv“ bezeichnet, wobei vor allem die Dichte an Sprachspielen, die Fülle an Inhalten und die unzähligen intertextuellen Verweise hervorgehoben wurde. Doch Jelineks Roman ist mehr als dieser suggerierte Überfluss, mehr als eine sprachmächtig drohende Mure, die im Roman so vieles zutage befördert. Jelinek baut ihren Roman auf feinen Strukturen auf: Wiederholungen, Doppelungen und Loops, die auf den 667 Seiten des Romans die Handlung des Textes führen.
Die Zeichnungen, die im Rahmen einer Lehrveranstaltung zu Jelineks Roman am Franz-Nabl-Institut entstanden sind, versuchen eben jene Tiefenstrukturen zu veranschaulichen und anhand von inhaltlichen Bezugspunkten zu visualisieren. Die Studenten haben sich ein ganzes Semester mit dem Roman auseinandergesetzt, um neben der Topographie der einzelnen Handlungsorte, die unterschiedlichen medialen Kanäle zu analysieren, in denen sich Jelinek mit ihrem Roman bewegt, die sie wiedergibt, kontrastiert und konterkariert. Dies reicht von den Werbeikonen der 90er Jahre, dem von privaten TV-Sendern getragenen Hype um Extremsportarten (Red Bull & Co) bis zu den mannigfachen intertextuellen Anspielungen, die sich von Bezügen auf Elias Canetti und Martin Heidegger bis zu Verweisen auf den Satanismusforscher Josef Dvorak erstrecken.
Die Aufschlüsselung der realen Schauplätze des Romans, deren Abfolge ebenso einer gewissen Logik zu folgen scheint wie die scheinbare Häufung von gewissen Motiven, die als eine Art Videoloop den Handlungsverlauf prägen, sollte dabei als Grundlage dienen, um die bereits erwähnte Fülle an Inhalten in ihrer Systematik wiedergeben zu können, denn die Handlung des 667 Seiten fassenden Romans lässt sich trotz seiner inhaltlichen Fülle verkürzt auf einige sich immer wiederholende Motive reduzieren, die in deutlichen und weniger eindeutigen Variationen auftreten und so eine der Grundlagen des Romans bilden.

David Wimmer

Im Rahmen des heurigen Jelinek-Schwerpunkts des Steirischen Herbsts findet vom 19. bis 21. Oktober im Literaturhaus Graz ein Symposion zu Elfriede Jelinek Toten-Roman statt. Lesungen, wissenschaftliche Vorträge, Performances und eine Ausstellung sollen unterschiedliche Perspektiven auf den Roman eröffnen und neue Lesearten und Interpretationen ermöglichen.

Andrea Gutschi
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Kerstin Hatzi / David Wimmer
Kerstin Hatzi / David Wimmer