Skizze © G. Büchner a. d. Originalmanuskript zu Woyzeck, wikipedia, gemeinfrei
Skizze © G. Büchner a. d. Originalmanuskript zu Woyzeck, wikipedia, gemeinfrei

Ferdinand Schmatz: Büchners Woyzeck in 5 Minuten

in Klassiker in fünf Minuten

Büchners Woyzeck ist ein Ausgesetzter, ein Getriebener, ein Unterworfener, er dient im Militär und ist in diesem System ein Ausgebeuteter und Verletzter, was allerdings auf sein gesamtes Leben Auswirkung hat. Er ist in diesem Feld von unheilvollen Wirkungen nicht die Ursache, wie er nie die Ursache für das Geschehen abgibt, und dennoch einem nie faktisch begründeten gesellschaftlichen Zugriffsrecht auf allen Ebenen ausgesetzt ist. Es gibt diese Fakten, aber sie sind die eigentlichen Wahngebilde einer Gesellschaft des Nutzgewinns auf Kosten anderer, einer Vorwegnahme der kommenden Verwertungsideologie wie sie ein Jahrhundert danach im Nationalsozialismus fürchterliche Verwirklichung erfuhr. Woyzecks ihm zugeschriebene Dummheit und der damit verbundene Status des Tiers ist nicht die Ursache eines allgemeinen Zustandes, der sich im einzelnen manifestiert. Er ist nicht die Ursache, dass ihn seine Geliebte Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat, mit dem Tambourmajor betrügt, er ist nicht die Ursache, dass er mit Erbsen gefüttert wird, um angeblich wissenschaftliche Erkenntnisse der Medizin zu erweitern, was in Wahrheit kapitalistische Frühformen einer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Ernährungsindustrie darstellt. Er ist nicht die Ursache, dass seine Freunde Außenseiter sind wie der einfache Soldat Andres und der
Narr und ein Kind, sein Sohn Christian. Aber wenigstens hier hat er so etwas wie eine Wahl, sich zu entscheiden, wen er an sich heranlässt und damit die Möglichkeit, so zu kommunizieren, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und nicht im Jargon des Systems, von ganz unten bis ganz oben, dem er sich ausgeliefert sieht, dem er sich aber auch zu entziehen versucht: dies mit Krankheit, mit Fieber, das ihn durch dessen Einwirkungen wie Stimmen-Hören und Halluzinationen zum Anderen macht. Franz Woyzeck ist dadurch auch nicht die Ursache seiner geistigen Verwirrung. Alles was Ursache in ihm ist, wird ihm zugeschrieben, und damit geht er unter, weil er nicht davonlaufen kann, was er ständig versucht. Das ist sein Schicksal, das er nicht unter den Füßen hat. Und keinen Grund – aber jenen, auf dem die Unterwerfer wie die Lemuren der Gesellschaft stehen, den will er gar nicht leben. Er sucht nicht den Schnaps als Ausweg, wie er ihm zugetragen wird, und statt dem Hauptmann das Rasiermesser anzusetzen und ihm die Kehle aufzuschneiden, tötet er das in sich selbst, was ihn ausmacht: die nicht erwiderte Liebe, die gar nicht aufblühen konnte in ihm, so stark war der Druck der gesellschaftlichen Verrohung. Es reicht nicht einmal zum Kuss um Pfingsten herum, das Fest, an dem die Engelszungen sprechen. Er sticht seine Liebste tot und hält sie dadurch am Leib, spürbar in seinem. Das ist nicht unbedingt moralisch, aber nach der realen Vorlage des tatsächlichen Täters Woyzeck stellt der Autor Bücher eine Schicksal auf die Bühne oder in ein Buch, das seinesgleichen in der Literatur nicht nur der Goethezeit sucht. Er weist damit tief in unsere Gegenwart hinein – dieser so früh verglühende Dichter, mit 23 Jahren hat er zu sterben, in zwei Jahren schreibt er uns ins Herz, was der Geist nicht vergessen darf: Unbestechlichkeit, Anteilnahme, Machtkritik, Spiel mit den Wirklichkeiten, Freiheit durch Anderssein. Lenz, Danton, Leonce und Lena sind dafür eindringlichste Textwirklichkeit.