nenik

Francis Nenik: Eine Geschichte aus der Geschichte der Zukunft der Literatur

in Dossier: Was wird Literatur?

Am 4. Oktober 1798 erklärte der aus Jena stammende und im Botanischen Garten der Stadt tätige „Sämereyencatalogisirer“ Johann Gottfried Hebelmann: „Wir müssen uns die künftige Poesie als einen Thurm aufein­andergestapelter Igel vorstellen.“1
Nun, die These ist gewagt, und sie wird es umso mehr, wenn man bedenkt, dass sich Hebelmann selbst als einen „Dilettanten in dichterischen Dingen“ beschreibt, weshalb es nicht wundernimmt, dass seine Ansichten inzwischen fast völlig vergessen sind, und selbst in der älteren Literaturgeschichte taucht der Hebelmann’sche Igelturm nur unter der Rubrik „Kuriosa“ auf. Und doch, betrachtet man besagten Satz näher und zeichnet – was wir nach der Durchsicht von Hebelmanns Nachlass sowie dem Studium der zur Verfügung stehenden Sekundärliteratur nunmehr tun zu können glauben – seine Entstehungsgeschichte nach, so erkennt man, dass die zwölf Worte Hebelmanns ein ganzes Universum enthalten – eines, das bis zu seinem gepunkteten Rand voll ist mit Racheplänen und Romantik, Pflanzen und Papier, Taxonomien und Topographien, Dichterfürsten und Dilettanten, Brüderpaaren und, nun ja, Banalitäten.
Allein, es stellt sich die Frage: Wo beginnen? Einen ersten Anhaltspunkt zur Herkunft des Igelbezugs in Hebelmanns Satz liefert die Zeitschrift Athenaeum, jenes kurzlebige Zentralorgan der literarischen Frühromantik, das die Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel zwischen Mai 1798 und August 1800 herausgaben und – ’s waren eben Frühromantiker – mit Hunderten Fragmenten vollstopften. Und in einem davon, es ist das Bruchstück Nummer 206, heißt es: „Ein Fragment muss gleich einem kleinen Kunstwerke von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel.“2
Die Herkunft des Igels ist damit geklärt, doch fällt dem auf Feinheiten achtenden Forscher sogleich auf, dass Hebelmann nicht von einem, sondern von mehreren Igeln spricht, weshalb sich die Frage stellt, wie es zu dieser Vervielfältigung kommen konnte – und wie zum Bilde des Turms?
Nun, die Vielzahl der veröffentlichten Athenaeum-Fragmente ließe – zumindest theoretisch – auch auf eine Vielzahl an Igeln schließen, doch ist, wie wir gleich sehen werden, der Hebelmann’sche Satz ungleich konkreter, ja geradezu praktisch gemeint. Und um das zu erklären, kommt an dieser Stelle eine Schere ins Spiel. Mit selbiger nämlich rückt Hebelmann – wie ein Blick in seine nachgelassene Privatbibliothek zeigt – dem ersten, damals noch bei Friedrich Vieweg in Berlin gedruckten Athenaeum-Band zu Leibe und schneidet sämtliche darin befindlichen 451 Fragmente aus. Allein, dabei bleibt es nicht, denn Hebelmann schneidet die Seiten mit den Athenaeum-Fragmenten3 nicht nur heraus, sondern er zerschneidet sie auch – und zwar in genau 451 Teile. Die von den Romantikern hochgeschätzte Form des Fragments hat dadurch eine physische Dimension erlangt.4
Die Geschichte des Satzes ist damit geklärt, doch ergibt eine Reihe von Papierschnipseln noch längst keinen Turm, schon gar keinen aus Igeln. Sollte der Hebelmann’sche Igelturm also nur eine Metapher sein? Nun, Hebelmann war auch in diesem Punkte wesentlich praktischer veranlagt. Und um das aufzuklären, kommt an dieser Stelle ein reichlich fragwürdiger Aufruf ins Spiel. Selbiger ist auf den 8. September 1798 datiert und fordert die Jenaer Bürger auf, „sämmtliche in der Stadt umherstreunenden Igel zum Zwecke der Ueberwinterung im Botanischen Garten abzugeben“. Unterzeichnet ist der Aufruf von Hebelmann höchstselbst, dem im Botanischen Garten nicht nur die Katalogisierung der Sämereien, sondern auch „die Aufsicht über sämmtliche Laub- und Composthaufen obliegt, stecke ich doch nicht selten den ein oder anderen exotischen Samen in diese, in der Hoffnung, daß er sich in dem gärheißen Boden entfalte“.
Ob Hebelmanns Zuchtversuche von Erfolg gekrönt waren, ist nicht überliefert, wohl aber die Tatsache, dass – laut einem von ihm selbst angelegten Verzeichnis – insgesamt 247 Igel abgegeben wurden. Allein, Hebelmann denkt gar nicht daran, die Tiere zur Abhaltung des bevorstehenden Winterschlafs in die zahlreichen Laubhaufen des Gartens zu stecken, sondern sperrt sie „in eine kleine, eigens dafür errichtete Hütte, an die ich groß Vorsicht: Sämereyenstaub schrieb, was jedermann vom Betreten abhielt“.
So denn, die Sache mit den Igeln ist damit geklärt, und die Tiere sind von der papiernen Metapher zum Tier an sich geworden. Allein, es dauert nicht lange, und die Igel verwandeln sich unter Hebelmanns Händen wieder zurück zu Papier, werden zumindest mit einem solchen beklebt, schließlich hat der gewitzte Botaniker die Tiere einzig und allein zu dem Zwecke erworben, „um die Athenaeumsfragmente an ihre Stacheln zu heften, so wie man Annoncen an einem Brette aushängt“.
In der Folge laufen also 247 mit philosophischen Fragmenten tapezierte Igel kreuz und quer durch die Sämereienstaubbude, derweil Hebelmann in der Mitte des Raumes steht und sich „wie eine von Planeten umschwärmte Sonne“ fühlt. Und weiter schreibt er: „Die Igel sind jetzt wahrhaft kleine Kunstwerke geworden und die Fragmente von der sie umgebenden Welt zur Gänze getrennt.“
Allein, Hebelmann fehlt in dem Durcheinander der „nach Winterschlaf gierenden Igel“ schon bald „der rechte Sinn, die Uebersicht, die Einheit in den Fragmenten“, und er stellt sich die Frage, wie sich die „fleischgewordenen Fragmente“ im Sinne einer progressiven, alles Getrennte vereinenden Universalpoesie verbinden lassen. Hebelmanns Lösung ist von ebenso einfacher wie praktischer Natur. Er schreibt: „Die einzige Möglichkeit, die Igel zu verbinden, ohne den Charakter des Fragments aufzugeben, ist es, die Spitzen des einen ins Bauchfleisch des anderen zu rammen.“
Die logische Folge dieses Vorgehens ist – natürlich – ein Turm.
Der Hebelmann’sche Satz ist damit endgültig geklärt, doch ist er es nur dem bloßen Wortsinne nach. Was sich aber dahinter verbirgt, ist von wesentlich komplexerer Natur, denn der Turmbau zu Jena gestaltet sich schwierig. Will sagen: Obwohl Hebelmann sofort beginnt, die Igel „aufzutürmen“, gelingt es ihm nicht, mehr als zwölf Igel übereinanderzustapeln. Und doch: Anstatt aufzugeben, macht Hebelmann unermüdlich weiter und nimmt die Unmöglichkeit, mehr als zwölf Igel übereinanderzustapeln, als Beweis für die Richtigkeit von Athenaeum-Fragment Nummer 116, demnach die romantische Dichtung auf ewig im Werden begriffen ist und es eine Vollendung nicht geben kann.5
Damit aber ist der Satz nun endgültig entschlüsselt, verstanden und wohl auch erklärt. Allein, direkt unter Hebelmanns Notizen zu den „widerborstigen Igeln“ finden sich folgende kryptische Worte: „Die alte Ordnung der Pflanzen ist hin, und auch bei den Thieren funktioniert sie nicht mehr.“
Welche Ordnung aber, so fragt sich der um die Einordnung des Erklärten besorgte Forscher, ist hiermit gemeint? Einen Hinweis liefern erneut die Athenaeum-Fragmente, die in Nummer 196 von jenen „sorglichen Gemütern“ sprechen, „die vor ihrem Tode noch das kleinste Stäubchen in Ordnung bringen möchten, und sich selbst nicht ohne Erläuterungen aus der Welt gehen lassen können“.6
Nun, dass Hebelmann dieses Fragment kannte, steht außer Frage – und doch gibt es gute Gründe, anzunehmen, dass er mit seinem Satz von der nicht länger funktionierenden alten Ordnung den Bereich der Literatur verlassen hat und zurückgekehrt ist in die Welt der ihm ungleich besser vertrauten Botanik. In dieser nämlich – und hier müssen wir unsere Kreise ein wenig größer ziehen und den feinen Stift gegen einen gröberen tauschen – setzt sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts eine grundlegend andere Sichtweise auf die Natur durch. Statt des bisherigen Modells einer entwicklungsgeschichtlichen Stufenleiter entsteht – gerade in der Botanik – ein netzartiges, nichtlineares und am Raum ausgerichtetes Klassifikationssystem, kurzum: eine grundsätzlich neue Ordnung, in der sich die Welt der Natur „nicht mehr als eine hierarchische Serialität, nicht als kontinuierliches Nacheinander bzw. diktatorisches Untereinander der Formen, sondern eklektisch als ein freiheitliches Nebeneinander“ zu erkennen gibt.7
Die Bezüge sind offensichtlich – und Hebelmann kann ungehindert von der nicht mehr funktionierenden alten Ordnung schreiben und zugleich weiter Igel auf Igel stapeln. Und wenn der Turm umstürzt, dann ist das nicht schlimm, dann beginnt er einfach von vorn, und zwar „mit frischen, unverbrauchten Igeln, denn die alten sterben nach und nach ab und werden beiseite gelegt und neue, lebendige in den Thurm eingefügt“.
Was auf diese Weise entsteht, ist jedoch nicht nur eine neue Ordnung, sondern ein dreidimensionales und zudem höchst dynamisches Modell von Natur – eine in praxi gewonnene (und immer wieder zerronnene) Vorwegnahme jenes dreidimensionalen Systems der Natur, das führende Botaniker und Biologen jener Zeit wiederholt in ihren Schriften forderten, an deren Einlösung sie jedoch ausnahmslos scheiterten.8 Mit anderen Worten: romantische Universalpoesie, neuere taxonomische Vorstellungen sowie die Unmöglichkeit, mehr als zwölf Igel übereinanderzustapeln, gingen hier Hand in Hand – bis Goethe kam.
Wir schreiben noch immer das Jahr 1798 – und nichts und niemand kommt zu dieser Zeit an Goethe vorbei. Weil auch Goethe an nichts und niemandem vorbeikommt. Und so steht er eines Tages auch vor Hebelmanns Blütenstaubbude.
Goethe, der nicht zufällig den Botanischen Garten besucht, sondern die Umsetzung des neuen, an den natürlichen Verwandtschaftsbeziehungen der Pflanzen orientierten Entwurfs der Gartenanlage überwacht, begibt sich am Nachmittag des 4. Oktober „zum Zwecke der Beurtheilung der Anschaffungsbücher“ zur Sämerei, findet jedoch „statt des von mir gesuchten Hebelmann einen mir bis dato unbekannten Bau, dessen Innerstes mit dutzenden toten Igeln übersäet war, zwischen welchen der vollkommen zerstochene Sämereyencatalogisirer saß, die Thiere mit irrem Blick übereinanderstapelte und mir, kaum daß er mich erblicket hatte, mittheilte, wir müßten uns die künftige Poesie als einen Thurm aufeinandergestapelter Igel vorstellen“.9
Nun, um es kurz zu machen: Goethe war anderer Ansicht. Er, der wenige Jahre zuvor das Dorf Igel samt der dort stehenden Igeler Säule besucht, beschrieben und schließlich auch gezeichnet hatte, konnte mit Hebelmanns These nicht viel anfangen und rief die Gendarmerie, die den „geistig offenkundig Verwirrten“10 kurz darauf abholte und nach Weimar ins Zuchthaus steckte11 , wo er acht Tage später an einer Blutvergiftung starb.
Im Angesicht des bevorstehenden Todes – und offenbar noch immer in der Erinnerung an sein Experiment befangen – teilte Hebelmann dem Gefängnisarzt mit, man möge den Boden seines Sarges „mit Igeln aus- und mich entkleiden, damit meine Seele angestachelt werde, die Universalpoesie ins Himmelreich zu tragen“.
Es war Hebelmanns letzter Wunsch. Ihm wurde, wie die Akte vom 12. Oktober vermerkt, „nicht stattgegeben“.


1 Dieses wie auch alle folgenden Zitate Hebelmanns stammen aus seinem Nachlass. Uni­versitätsarchiv Jena, Bestandsgruppe A, Akteneinheit 2118, Bl. 13–457.
2 August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Athenaeum. 1. Bd., 2. Stück, Berlin 1798, S. 54.
3 Die ebenfalls in dem Band befindlichen Blüthenstaub-Fragmente des Novalis lässt er dagegen unversehrt. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden, doch mag das letzte von Novalis publizierte Fragment (Nr. 114) den Sämereienkatalogisierer Hebel­mann zum Einhalt bewogen haben. Es lautet: „Die Kunst Bücher zu schreiben ist noch nicht erfunden. Sie ist aber auf dem Punkt erfunden zu werden. Fragmente dieser Art sind litterarische Sämereyen. Es mag freylich manches taube Körnchen darunter seyn: indessen, wenn nur einiges aufgeht!“ Was für Hebelmann aufgehen sollte, das war – zumindest zunächst einmal – die literarische Saat der Athenaeum-Fragmente. Zudem: Wenn die Kunst, Bücher zu schreiben, noch nicht erfunden ist, so ist das Vorhaben, ebensolche zu zerschneiden, eine Unmöglichkeit. Zumindest an jenen Stellen, die eben­das behaupten.
4 Vgl. zum Ausschneiden von Blättern auch August Wilhelm Schlegel, Beyträge zur Kri­tik der neuesten Litteratur, in: Athenaeum, 1. Bd, 1. Stück, S. 141–177, hier: 142.
5 Athenaeum, 1. Bd, 2. Stück, S. 28–30.
6 Ebd., S. 51f.
7 Igor J. Polianski, Die Kunst, die Natur vorzustellen. Die Ästhetisierung der Pflanzen­kunde um 1800, Köln 2004, S. 166. In Jena selbst wurde, wie Polianski zeigt, das neue taxonomische System vom Direktor des Botanischen Gartens, August Johann Georg Karl Batsch, vertreten.
8 Vgl. dazu Polianski, S. 164.
9 So Goethe in einem Brief an Batsch vom 16. September 1798.
10 Die Akten zur „polizeylichen Einschätzung“ Hebelmanns sowie jene zu seinem Zucht­hausaufenthalt finden sich in einem separaten Anhang seines Nachlasses im Universi­tätsarchiv Jena, Bestandsgruppe A, Akteneinheit 2118/2, Bl. 1–7.
11 Zum – im Übrigen oft höchst erbärmlichen – Zustand der Zuchthäuser im Allgemei­nen und desjenigen in Weimar im Besonderen siehe Marcus Ventzke, Das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach 17751783, Köln 2004, bes. S. 437 ff.

Francis Nenik, Schriftsteller, lebt als Bauer auf dem Land und schreibt in seiner Freizeit. Er veröffentlichte den Loseblattroman „XO“ (2012) sowie ein Buch mit Texten in Alliterationen (2013). Neniks Text steht unter einer Creative Commons Zero Lizenz und ist Public Domain. Er darf deshalb ohne Einschränkungen kopiert, verändert, verbreitet, aufgeführt und auch über­setzt werden.