Gerhard Roth und die Bienen

in Objekt des Monats

Doppelseite mit hs. Anmerkungen und Unterstreichungen von Gerhard Roth aus dem Bienen-Recherchematerial im Roth-Vorlass am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung. Auszug aus: Horst Stern: Bemerkungen über Bienen. Reinbek: Rowohlt 1974. (= rororo sachbuch. 6881.) S. 68f.

„Bienen hatten für mich immer etwas mit dem Gehirn, dem Denken zu tun: Die Bienenstöcke erinnern an den Kopf, die Waben an die grauen Zellen, die Bienen an Wahrnehmungen und Gedanken, und pausenlos und unsichtbar wirkt die Sexualität“, schreibt Gerhard Roth in seinem 1989 erschienenen Essay „Über Bienen“, der auch als poetologischer Selbstkommentar zu verstehen ist. Wie die einzelnen Wahrnehmungen und Gedanken als Teil eines größeren Ganzen so treten auch die einzelnen Bienen zu einer Art „Summ-Geist“, dem sogenannten „Bien“, zusammen. „Der Bien ist der Organismus, der sich aus allen Bienen eines Bienenvolkes zusammensetzt. Er hat kein bestimmtes Aussehen … Er ist ein ungewöhnliches, in sich tanzendes und pulsierendes Tier aus frei beweglichen Körperzellen, das eher dem flüssigen oder gasförmigen Aggregatzustand zuzurechnen ist als dem festen.“ Als ein Imker mit seinem Sohn Anfang der 80er Jahre 40 Bienenstöcke in unmittelbarer Nähe von Roths Haus im südsteirischen Obergreith aufstellte, begann dieser – zunächst aus der Angst vor Stichen –, sich in die Thematik einzulesen. Ein 82 Blatt starkes Vorlass-Konvolut mit Kopien von Zitaten aus Bienentexten u.a. von Vergil über Maurice Maeterlinck bis Rudolf Steiner und Karl von Frisch, das ursprünglich als Anhang zu seinem Roman „Landläufiger Tod“ (1984) hätte erscheinen sollen, gibt darüber Aufschluss.
Der Autor hatte seinen Roman „Der Stille Ozean“ (1980) abgeschlossen und suchte nach einem Modell, um das verbliebene, in zahlreichen Notizbüchern und Fotografien festgehaltene Material aus dem Obergreither Kosmos strukturieren zu können. Ein wüstes Sammelsurium von Lebensläufen, Zeitläuften, Jahreszeitlichem, dem Lauf der Natur und dem Einbruch der Geschichte, eine vielstimmige Oral History in Fragmenten über eine Grenzregion zwischen Archaik und Moderne, Fantasmagorie und Wirklichkeit. Im Bien, jenem arbeitsteiligen Organismus, in dem die „Arbeitsbienen die Gliedmaßen und inneren Organe darstellen, die Königin und die Drohnen das Geschlecht, die wächsernen Waben das Skelett und die Summe des Ganzen das Gehirn“, wie er 2014 in einem Essay „Über die Apis mellifera carnica“ schreibt, in der Analogie zum Denkmodell jenes Bien fand Gerhard Roth schließlich eine Erzählstruktur, die genügend flexibel war, um die labile Balance zwischen einer Fokussierung auf die einzelnen, höchst unterschiedlich langen Partikel und deren Integration in den Erzählkosmos zu halten. Denn ums Ganze (der Natur, der Naturgeschichte und des Menschen mit seiner Geschichte als eines Tierchens unter anderen in ihr), um ein Ganzes, gebaut freilich aus Teilchen, scheint es in Roths opus magnum „Landläufiger Tod“ zu gehen, dessen Bienenblick in Facetten – und das heißt in Ausschnitten und unterschiedlichen Perspektiven – die Präsentation des Materials gliedert.
Die Fokussierung auf die Bienen lässt freilich auch die Menschen als Bienenzüchter in den Blick geraten. Der stumme – und daher schreibende – Imkersohn Lindner, aus dessen vorgeblich schizophrener, ver-rückter Wahrnehmungsperspektive die beeindruckendsten Passagen des Romans verfasst sind, sieht sich folgerichtig selbst als Biene. Lindners poetische Sätze und die „Sprache der Bienen“, die mit ihren unterschiedlichen Tänzen eine „lebendige Schrift“ (Roth im Film „Der Bien“, 1990) in die Luft malen, werden so mit dem Bereich der Kunst in Verbindung gebracht. Weder der geistes-gestörte Lindner noch die Bienen scheinen dabei allerdings frei in der Wahl ihrer Mittel zu sein.
Die Stellung des Menschen in der Natur aus transhumaner Perspektive zu erforschen, im Mikrokosmos Obergreith den Makrokosmos durchscheinen zu lassen, dies lässt sich unterschwellig als Erzählanliegen ausmachen. „Was wissen wir von den sprachlichen Vorgängen in Pflanzen, Steinen, einem Wassertropfen?“, fragt sich Roth in seinem Kommentartext „Über Bienen“ und zeigt dort prototypisch eine utopische Chance auf Gleichrangigkeit im Verhältnis von Tier und Mensch auf. Der Text durchläuft eine Entwicklung von den wie „Astronauten“ auf einem „Bienenplaneten“ landenden Imkern, die (aus Bienensicht als Demiurgen) die Bienenvölker zur Honiggewinnung kolonisieren, bis zur schmerzfreien Mensch-Tier-Symbiose in der „Umarmung“ des Bien, in der sich ein ganzes Bienenvolk zur Schwarmzeit auf dem Imker niederlässt, ohne ihn zu stechen. Eine Entwicklung auch vom analytisch-sezierenden Forscherblick, der die Natur zur leblosen macht, hin zum lebendigen Zusammenhang. „Die Natur ist ein unendliches Geflecht … ein lebendiger Gordischer Knoten, dessen Fäden sich nur mit Gewalt voneinander trennen lassen.“ Eine andere Möglichkeit sei freilich, „über all das zu schreiben“, wie Roth in „Der Bien“ formuliert.
Die Doppelseite aus dem völlig auseinandergefallenen und mit zahlreichen Anmerkungen und Bearbeitungsspuren versehenen Buchexemplar von Horst Sterns „Bemerkungen über Bienen“ (1974), das Roth wohl zur populärwissenschaftlichen Erstinformation diente und von ihm erst 2014 in den Vorlass gegeben wurde, ist – abgesehen von den Aufschlüssen über Roths akribische Arbeitsweise – auch insofern interessant, als die beiden ersten Absätze beinahe wortgleich in „Landläufiger Tod“ am Beginn des Kapitels „Der süße Honig“ zitiert sind, was Roth zu einem aufklärungskritischen Schlenker inspirierte:

„In diesem letzten Satz verbirgt sich der Stoff für zwei Bücher“, schreibt ein Stern unter den Bienenforschern. Er bedenkt nicht (typisch für den Naturforscher im Gegensatz zum Zauberer, der seine Tricks verrät, indem er die Zuseher in neue verwickelt, typisch also für den Naturforscher, der meint, mit dem Verstehen sei schon alles gewonnen. Im Freudegefühl des Pudels, der zum ersten Mal auf den Hinterbeinen zu stehen vermag ((aufgeregt seine Neuigkeit herausbellend)), übersieht er, dass er sich nur neue Probleme eingehandelt hat), er bedenkt also nicht, dass das Nichtverstehen seine Vorzüge hat.

Wird doch das Nicht-Verstehen zum Motor, der die ästhetischen Forschungen weiter antreibt, oder wie es in „Der Bien“ heißt: „Die Bienen sind ein offenbares Geheimnis. Aber die offenbaren Geheimnisse bilden den Stoff für neue Geheimnisse.“
Gerhard Roths Faszination für die Bienen hat bis zum heutigen Tag angehalten. Wie eine Typoskriptfassung aus dem Vorlass zeigt, wird sein im September 2017 erscheinender Roman „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“ gleich im ersten, mit „Reise in den Kontinent der Erinnerung“ überschriebenen Kapitel eine Hommage an den Nobelpreisträger Karl von Frisch enthalten, in deren Rahmen auch die den weiteren Text strukturierenden Begriffe der „Mimikry“ und der „Metamorphose“ fallen. Und gerade eben ist – anlässlich des 75. Geburtstags des Autors – eine um die seinerzeit ausgeschiedenen und getrennt publizierten Texte erweiterte Neuausgabe seines wuchtigen „Landläufigen Todes“ erschienen, in deren Anhang auch die beiden Bienen-Essays von 1989 und 2014 abgedruckt sind.

Daniela Bartens