Gerhild Steinbuch: KONFETTI FÜR ALLE – zu „Geschichten aus dem Wiener Wald“

in Dossier: Ödön von Horváth

„Jetzt möcht ich in deinen Kopf hineinsehen können, ich möcht dir mal die Hirnschale herunter und
nachkontrollieren, was du da drinnen denkst“

Reinsehen, reingraben, reinbohren. Einziehen, einleben, zusammenwachsen mit dem anderen, bis
man sich, wie man einmal war, drin aufgelöst hat. Falls man einmal einer war. Wahrscheinlich war
man vorher auch schon niemand. So, und in der fröhlichen Verschmelzung angekommen, was ist
das dann? Ein schöner neuer Ort der schönen Sicherheit, würde ich sagen, würden sie sagen, ein
Standplatz gegen den Weltwind, den forschen, der einen vermutlich umweht. Was kommt, kommt
aber ohnehin. Egal. Noch weht der Wind nicht, zumindest hier nicht, haben Wände aufgezogen aus
Glas und eine Kuppel über unseren Weltabschnitt gestülpt, darin eine Straße: Fleischerei,
Puppenklinik, Trafik, Wohnung – und dann auch noch die Natur, damit das Glück irgendwo Fuß
fassen kann als zartes Pflänzchen, bevor es in der StadtStadt dann so dermaßen fest in den Boden
gerammt wird, dass es auch zu sterben nicht mehr in der Lage ist. Also Natur, die Wachau zum
Beispiel, Wiener Wald, Donau, und dann noch ein paar schöne Melodien, die immer dann abreißen
wenn wir uns, wenn sie sich daran erinnern, dass wir ja leider eine Welt hinter Glas. Wir und sie
und sie und sie und wir auch. Wir immer noch auch. Egal.

Es gibt die eine und die andere Welt, das Außen und Innen, und es gibt diese Dualität in zweifacher
Ausführung, in der WeltWelt und der Textwelt. In der Textwelt namens Horvath wird die Sau lange
nicht abgestochen, dafür wird immer wieder zugestochen. In den anderen Körper hinein, in die
anderen Sätze hinein, in die Welt hinein, die den Text umgibt, die den Lesenden, die das
Theaterpublikum umgibt. Die das Theater ist oder sein sollte, wenn es sich nicht in bloßer
Repräsentation der dritten ebenso repräsentativen Ableitung von Welt erschöpfen mag. Aber zum
Verhältnis Theater und Welt bzw. Theater Welt Horvath dann an späterer, an zweiter Stelle, damit
sich das Theater nicht, wie es das ja gerne macht, vor den Text schiebt, nein, damit es sich nicht vor
die Welt schiebt und die Welt nicht mehr durchkann.

„Ein Ziel ist immer etwas Erstrebenswertes. Ein Mensch ohne Ziel ist kein Mensch.“

Zuerst also der Text und die Figuren auf Papier. Oder aus Papier? Man wird hinundhergeweht, trotz
Kuppel und Welt vor den Toren und nur vor den Toren, vielleicht gerade deswegen. Die
Erschütterung, die nicht hereinrollen darf, die draußen gehalten wird, die nicht draußen gehalten
werden kann, trägt sich über Körper, in den Körpern fort, die ja aus der sogenannten Wirklichkeit
kommen und den Dreck nicht loswerden können – wie auch? Der Dreck ätzt aus den Mündern, er
verätzt die, den andren – damit dann vielleicht was Neues entsteht? Schlechtesten- und bestenfalls
ein gemeinsamer Standplatz. Was ist sie denn, die sogenannte Liebe? Man ist und bleibt allein, sagt
Oskar an einer Stelle in „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Allein im Warteraum zwischen den
Kriegen, allein in der abgeschlossenen Welt, allein im Körper und in der Glückserzählung, die
allerdings den zweiten braucht. Abgeschlossen, in Watte gepackt: In die Watte sticht der Mensch,
um sich des eher unfesten Untergrundes zu versichern, auf dem er dann hernach herumirrt, um nicht
darin zu versinken, planlos oder planvoll, mit Plänen, die nicht in die Welt passen, in die Zeit, zum
andren Menschen. Mit dem Glück in der Hand, das nicht recht zu wachsen beginnen mag, das
höchstens wuchert, wie ein Geschwür und vom eigenen ekelerregenden Körper und seinen Säften,
die immer irgendwohin wollen, nicht mehr zu unterscheiden ist, schiebt er sich vorwärts. Sticht aus
der wattigen Ummantelung in die Restwatte hinein, um zu überprüfen, ob da noch wer ist, dass da
noch ein andrer Körper ist. Krallt sich fest, wenn er des andren habhaft wird und stößt ihn
gleichermaßen von sich. Bohrt sich in den anderen hinein und weicht angewidert zurück. Ekelt sich
vor der gemeinsamen Geschichte und klammert sich daran fest. Verachtet und lässt nicht gehen oder
ziehen. Kommt nicht an den andren ran, wie der andre nicht an ihn herankommt. Und jede
Annäherung ein Krieg, die Sätze stechen, der Mensch gräbt mit dem Fleischermesser im anderen
herum, auf der Suche nach, ja, wonach eigentlich? Nach einer Schwäche, einem Geheimnis, einer
Gemeinsamkeit, einem Haltegriff? Wahrscheinlich nach einer Gewissheit: „Manchmal glaub ich
schon, daß du es dir herbeisehnst, daß ich ein böser Mensch sein soll.“ Um sich hernach grundlos
abwenden, anderem zuwenden zu können. Oder um gerade deswegen zu bleiben. Krieg als
Naturzustand, der als Weltereignis draußen bleiben muss, innen werden die Schläge, Stiche,
Schüsse im Sprechen verteilt, um danach den Sanitäter spielen zu können, der gleich drauf erneut
zusticht, wie das Bubi beim Spielen mit den Spielzeugsoldaten:

„drei Schachteln Schwerverwundete und zwei Schachteln Fallende – auch Kavallerie bitte, nicht
nur Infanterie – und daß ich sie nur übermorgen früh im Haus hab, sonst weint der Bubi. Er hat
nämlich am Freitag Geburtstag, und er möcht doch schon so lang Sanitäter spielen.“

Es wird nach dem anderen gezielt, am ihm herumgeschabt, ohne etwas freizukratzen, ist doch alles
längst da und sichtbar – auch das, was da noch kommt, kommen wird, an Welt. Masken müssen hier
keine mehr heruntergerissen werden, denn auch wenn in Ausflügen und mit Walzertakten der
schöne Schein gewahrt wird, wird hier immer schon in Grimasse und ansonsten nackt getanzt; und
obwohl der schöne Schein pro Forma in den Abläufen gewahrt wird, ist der Schein selbst bereits
deformiert, ist die Unschuld keine Unschuld, ist wie die weißgekleideten, hässlichen Kinder, die
den Familienausflug begleiten.

Die Menschen stolpern dahin, kommen aus dem Takt, die Musik bricht abrupt ab – wie auch die
Sprache plötzlich abbricht, aus dem Tritt kommt, weil die Welt längst aus dem Tritt ist. Aus der
Stille schaut sie einem dann entgegen, die Horvathwelt, die Zwischenkriegszeit, Europa 2016,
Österreich um den 4. Dezember, alles wackelt, nichts steht mehr fest. Reif für die Sintflut, mit ihrem
hässlichstem Gesicht schaut sie einem also entgegen, diese sogenannte Welt, die sich gerade
deswegen nicht draußen halten lässt, weil sie hier draußen gehalten wird, nur manchmal einbricht,
wenn der einzige, der sich orientieren kann, der einen Weg hat und ein Ziel, ein Antisemit ist, in
freudiger Erwartung dessen, was unvermeidlich kommt. Hass, ein einfaches Gefühl. Eine einfache
Wahrheit. Und eine einfache Wahrheit als Geschichte vom eigenen Glück – oder zumindest aus dem
eigenen (vermeintlichen) Unglück heraus – die ist schließlich schon was Schönes.
Kann man das so sagen oder: Was könnte man fragen? Nach dieser Glückserzählung vielleicht,
nach deren gegenwärtiger Entsprechung, nach der Jetztwelt in der Horvathwelt?
Dann also weiter, vom Text ins sogenannte Echt, zur WeltWelt bzw. zum Verhältnis des Theaters zu
dieser WeltWelt. Die sogenannte Aufführung ist ein ehrwürdiger Rahmen, der explizit Wahrheiten
verkündet und implizit Wahrheiten generiert, die zumeist nicht unbequem, wohl aber einfach und
unangenehm sind in ihrer Reproduktion außerhalb des Theaters befindlicher Ausschlusskriterien in
ein WIR und aus diesem Wir heraus. Wie also die Repräsentation als bequeme Wahrheit, in die
jeder getrost eintauchen, sich zurücklehnen und die eigenen Passivität abfeiern kann, durchbrechen
ins sogenannte Echt? Wie rankommen an den Zuschauerkörper, der sich am liebsten hinter einer
Geschichte und am zweitliebsten hinter einer Kopfkonstruktion versteckt, die ihn zwar begreifen,
aber gleichzeitig außen vor lässt? Vielleicht hilft es, einen Schritt zurückzugehen, zu den
verkündeten expliziten und den implizit generierten sogenannten Wahrheiten, zur Suche nach dem
Haltegriff, zum Glücksversprechen, zur einfachen Geschichte, zu den rechten Demagogen und ihren
einfachen Geschichten, zu Bundespräsidentschaftskandidaten und ihrem Konterfei zum
Ausschneiden, zu den zahlreichen Selfies im Dienste des Glücks, zur John Otti Band – und auch zu
den schwiegermuttergeil lächelnden Martin Sellners dieses nicht ganz so schönen Landes und ihrer
Rekontextualiserung geschichtsaufbrechender Interventionsstrategien, die die sogenannte Wahrheit
so schnell drehen und wenden, das die Autor*innen Acht geben müssen, mit dem Durch-Den-
Fleischwolf-Drehen des schönen neuen Europa-Verteidigen-Sprechs überhaupt hinterherzukommen,
um nicht als Demagogen oder schlimmer noch als AutorEN zu enden, mit repräsentativen Texten
fürs repräsentative Glück, an dem sich dann auch jeder und vielleicht jede, sicher aber nicht jede*r
gut festkrallen kann. Und hier also zurück zu Horvath, denn was ist diese Stille denn, zwischen den
Sätzen, zwischen den Menschen: In dem Moment kommt alles aus dem Takt, die heile Textwelt, die
Menschen, das Abspulen der Gemeinheiten – aber auch die Fiktion kommt aus dem Takt, die
bekommt Risse, und durch die Risse schaut die Welt. Insofern führen die Texte nicht nur die
Jämmerlichkeit ihrer Figuren vor, sondern die Jämmerlichkeit, überhaupt an Figuren, an eine
Geschichte, zu glauben, sie machen ein Dahinter sichtbar, greifen auf den Körper der
Beobachtenden zu, aber auch auf Körper, die unsichtbar waren, unsichtbar gemacht werden, die
verdrängt wurden, die nicht gesehen werden wollen. Diese Stille ist ein grässlicher Ort, aber sie ist
auch Schutzraum, für das, was nicht verschütt gehn darf in den einfachen Wahrheiten und ihren
zugehörigen Geschichten, also ist sie Möglichkeit, und das ist nicht viel, das ist auch deformiert,
aber es ist vielleicht der letzte Grund, der das Schreiben relevant macht als Tätigkeit, oder machen
könnte, heute, jetzt, hier.