© Ferry Radax, Literaturarchiv der ÖNB, Ausschnitt
© Ferry Radax, Literaturarchiv der ÖNB, Ausschnitt

Günter Eichberger: Die Ereignisse und ihr anderes Licht

in Neulich im Literaturhaus Graz

Statement zur Relevanz von Konrad Bayer.

Relevant erscheint mir ein Autor vor allem dann, wenn er andere literarisch anregt oder beeinflusst. Im Zusammenhang mit Bayer fällt mir leider zunächst ein anderer toter Dichter ein, der kürzlich verstorbene Helmut Schranz. In dessen letztem Buch birnall suada (2015) gibt es einen Abschnitt, in dem sich ein fiktiver Konrad Bayer mit einem Stadtplan von Graz in Wien zu orientieren versucht und dabei zu Tode kommt. „der intellekt bietet eine der möglichkeiten, mit allem möglichen nicht fertig zu werden.“ Dass sich auf der Folie biografischer Konstellationen neue Textebenen entwerfen lassen, erinnert an Bayers Romanfragment der sechste sinn. Auch die aus diesem Roman stammenden Namen Neuwerk, Braunschweiger und Goldenberg werden bei Schranz genannt und wieder durchgestrichen. Refrainartige Sätze von Bayer werden zitiert oder paraphrasiert. „doch die dinge nehmen irgendeinen verlauf.“
In H.C. Artmanns Erinnerungen an ihn ist Konrad Bayer ein Lebender, den er schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen habe. Und in der Tat ist Bayer, der sich 1964 mit 32 Jahren das Leben nahm, ungebrochen präsent: durch sein herausragendes experimentelles Werk und seine filmische Zusammenarbeit mit Ferry Radax und Peter Kubelka. Eine Präsenz allerdings, die sich trotz (oder wegen) seines Ruhms als Ikone der Nachkriegsavantgarde einer breiteren Öffentlichkeit verschließt. Bayer wünschte sich „den bemühten leser, der einige anstrengungen auf sich zu nehmen bereit ist“, was schon damals ein frommer Wunsch war. Seine Sprachskepsis führte ihn zur konsequenten Problematisierung literarischer Sinnkonstitution. Wegen dieser Radikalität blieb er laut Ulrich Janetzki ein „Autor für Autoren“.
Angesichts der Massenware und den vergleichsweise altbackenen Novitäten der Literaturbetriebsamkeit kann ein Monolith wie Bayer umso mehr faszinieren. Vor drei Jahren erschien ein umfangreiches Dossier der deutschen Literaturzeitschrift „Schreibheft“ zu Konrad Bayer. Im Verlag Jung und Jung kam 2014 eine Neuausgabe seiner langen Prosa der kopf des vitus bering heraus. Und in Mürzzuschlag fand ebenfalls im Vorjahr ein Bayer-Symposion statt, dessen Beiträge in dem heute vorgestellten Band gesammelt sind. Steht Bayer vor einem Comeback? Das wäre zu hoffen. Vorher müsste sich nur die gesamte Literaturlandschaft von Grund auf umgestalten.
Schwer vorstellbar, dass dem Solitär Bayer die Eroberung bildungsbürgerlicher Publikumsschichten gelingen könnte. Oder die Beeinflussung junger, traditionell erzählender Schreibender. Denn was sollen kreuzbrave Marktkonformisten mit diesem „Erzpoeten“ anfangen? Einem, dem es wie Rimbaud darum ging, „das Feuer wirklich zu stehlen“ und der dem Paternalismus staatlicher Einzäunung samt Kunstförderungsgießkanne sein Konzept eines „Einmannstaates“ entgegenstellte. Er wollte fliegen und nahm Äther, um in den Äther aufzusteigen. Er wollte sich vor aller Augen unsichtbar machen. (Reiner Eskapismus, sagen die Pflichtverteidiger des Realitätssinns dazu.)
Friedrich Achleitner berichtet, dass Bayer in seinen letzten Lebensjahren durchaus Zweifel an den Experimenten der „Wiener Gruppe“ hatte. Ihn beschäftigte die Frage, „ob wir uns nicht um einen strengen Realismus kümmern sollten.“ Es ist müßig, aber reizvoll, darüber zu spekulieren, welche künstlerische Entwicklung Bayer nehmen hätte können. „der sechste sinn“ weist in die Richtung eines am subjektiven Erleben orientierten, aber mehr oder weniger stark verfremdeten Erzählens. Also ähnlich wie die „franz“-Texte von Gunter Falk mit ihren Beschreibungsexerzitien. Wäre Bayer nach einer Schaffenskrise womöglich von der „Wiener Gruppe“ zu den postexperimentellen Grazern gewechselt? Nicht auszudenken! Die Ereignisse erschienen dann in einem gänzlich anderen Licht.
Der Roman „der sechste sinn“ ließe sich einem auf Voyeurismus scharfen Publikum als autobiografische Schilderung der Wiener Boheme aus der Schlüssellochperspektive verkaufen – wenn da nicht der Text selbst wäre, in dem Bayer seine assoziative Technik zur Vollendung bringt. „wir können in die welt nicht eindringen, wir haben nichts mit ihr zu tun, wir schaffen bilder von ihr, die uns entsprechen, wir legen methoden fest, um uns in ihr zu verhalten…“ Die Figuren, die hier auftreten, sind als Mitglieder der „Wiener Gruppe“ zu identifizieren, und doch wieder nicht. Erlebtes kippt innerhalb eines Satzes ins Traumhafte, die verstörende Komik des Arrangements schimmert mehrdeutig. Als Erneuerer realistischer Schreibweisen kann ich mir Bayer darum beim besten Willen nicht vorstellen.
In Esoterikzirkeln fände Bayer trotz seines Interesses an Schamanismus und Alchemie keine Aufnahme, denn spirituellen Heilserwartungen stand er skeptisch gegenüber. Sein Zweifel an Sprache als Verständigungsmittel und sein Solipsismus („die welt bin ich“) ließ ihn Widersprüche nicht in einem flüchtigen Sinnkonstrukt auflösen, sondern als Widersprüche in Schwebe halten. „seit ich weiss, dass alles meine erfindung ist, vermeide ich es, mit meinen freunden zu sprechen. es wäre albern. allerdings hüte ich mich, ihnen zu sagen, dass ich sie erfunden habe, weil sie schrecklich eingebildet sind und glauben, dass sie mich erfunden haben.“
Ist Bayers Ansatz fruchtlos, zumal – mit Wittgenstein – das Ich des Solipsismus „ein ausdehnungsloser Punkt“ ist? Die kognitive Neurobiologie bestätigt die Isolation unserer Welterkenntnis, denn das Gehirn ist von seiner Außenwelt und damit von allen anderen Gehirnen getrennt; es erfährt nur, was die Sinnesorgane ihm in der Sprache der Neurone mitteilen. Vielleicht war Bayers Dichtung ihrer Zeit voraus, weil sie erkenntnistheoretische Positionen vertrat, die gängigen Vorstellungen von Wirklichkeit Hohn sprachen.
Es scheint zumindest nicht abwegig, Bayer hätte als Musiker, Tänzer und Schauspieler zum Star werden können. „glaubst i bin bleed, das i waas, wos i wüü?“ sang Bayer zum Banjo. Und die Worried Men Skiffle Group drang damit 1970 ebenso in die nationalen Charts vor wie später Ronnie Urini mit seiner Punkversion von niemand hilft mir. Worried Man & Worried Boy haben erst unlängst bei einem Grazer Auftritt Glaubst i bin bleed gesungen.

„Nach einer ausführlichen (…) Befassung mit Konrad Bayer“, schreibt Franz Schuh, „beschloss ich eines Tages zu wissen, was das Problem von Dichtung, von Literatur als Sprachkunstwerk ist, genauer, in der Moderne ist, oder als moderne Dichtung ist; das Problem scheint schlechthin die Vermeidung von Klischees zu sein (…)“ Und dieses im Grunde bescheidene Programm ließe sich im Sinne von Bayer auch weiterhin mit Entschiedenheit verfolgen. Damit die Ereignisse in einem anderen Licht erscheinen.

Günter Eichberger

Anlässlich der Buchpräsentation Konrad Bayer. Texte, Bilder, Sounds am 6. Oktober 2015.