GÜNTER EICHBERGER: VON MUMIENPRÄPARATOREN, MENSCHENFRESSERN & ANDEREN MYTHOMANEN

in Objekt des Monats

Deckblatt einer Arbeit für das Fortsetzungsproseminar „Experimentelle Prosa“ bei Dr. Gerhard Melzer, 12 Bl., 4.4.1980, Archiv des Franz-Nabl-Instituts für Literaturforschung

Seit jeher ist das Verhältnis zwischen den AutorInnen und „den tüchtigen burschen von der germanistik“ (H.C. Artmann) ein leicht gestörtes, ist doch für die ersteren der Pegasusritt meist mit einer vergleichsweise massiven ökonomischen und (literaturbetrieblich determinierten) Unsicherheit verbunden. Nichtsdestotrotz fungiert das Germanistikstudium häufig als Bestandteil von Schriftstellerbiographien, so auch bei Günter Eichberger, der im Sommersemester 1980 bei Gerhard Melzer ein Proseminar über „Experimentelle Prosa“ absolviert. Als Abschlussarbeit schreibt er über den ihm freundschaftlich verbundenen „Autorenkollegen“ H.C. Artmann, den er bereits 1977 als Achtzehnjähriger zu Hause in Judenburg anlässlich einer Lesung kennen gelernt hatte. Artmanns Lebenshaltung, sein literarisches Spiel mit Autorschaft und Authentizität, seine poetisch-artifizielle, gleichzeitig individualisierend-auratische Sprache faszinieren (nicht nur) Eichberger. Wie aber ein Poetenbewusstsein in Sekundärliteratur einfangen? In Melzers Proseminar ist Raum für Ansätze jenseits der ausgetretenen Pfade einer akademisch-trockenen, autoritativen statt autorzentrierten Germanistik, die um 1980 in Graz vorherrschend war.
Eichbergers Deckblatt imitiert weitgehend die Simulation eines barocken Buchtitels, wie sie Artmann in Zeichensetzung (kaufmännisches &, Virgeln…) und Orthographie mit seiner 1959 bei Piper erschienenen Kurztextsammlung Von denen Husaren und anderen Seil-Tänzern in Szene setzte, ersetzt aber bezeichnenderweise die dort apostrophierten „Historien auß dem Lauff der Welt“ durch „interpretationen aus dem lauff der lettren“ und verweist damit auf die unterschiedliche Textsorte. Zutat des Proseminaristen ist auch die Aufzählung von (trivial)mythischen Figuren von „handlesern“ bis zu „hampelmännern“, welche die analysierten Artmann-Texte (insbesondere Enthüllungen und Grünverschlossene Botschaft) bevölkern. Nach durchaus herkömmlichen Textanalysen bricht Eichberger in seiner Arbeit dann aus dem germanistischen Korsett aus und liefert auf den letzten vier Seiten „Materialien zu einer Freundschaft“ mit gemeinsamen Erlebnissen und Aussagen Artmanns, wenn sich auch einiges als pseudo-(auto)biographische Fiktion erweist, etwa die Behauptung des Verfassers, über Artmann dissertiert zu haben – erfolgte doch dieser akademische Ritterschlag erst vier Jahre später mit einer Arbeit zum Thema Die Theorie der Praxis, die Praxis der Theorie. Das poetologische Selbstverständnis österreichischer Gegenwartsautoren. Eichbergers Sekundärliteraturtexte über Artmann, Wolfgang Bauer, Alois Brandstetter, Gunter Falk oder Peter Rosei oszillieren ständig zwischen klassischer Sekundärliteratur, essayistischer Literaturkritik und (auto)biographischer Erinnerung, eine Unentschiedenheit eben zwischen Theorie und Praxis, die aus der Unzufriedenheit mit den vorgegebenen Sprachregelungen resultiert.
Wie sieht der Autor seine Flirts mit der Literaturwissenschaft heute – fast 40 Jahre eines Schriftstellerdaseins (mit 17 literarischen Buchveröffentlichungen, etwa 20 Stücken, 12 gesendeten Hörspielen…) später? „Immer habe ich mich gefragt, wie denn über Literatur zu schreiben sei. […] Das Deckblatt dieser Proseminararbeit zeugt von einem mich heute fast rührenden Kunstwillen. […] Wie wirklich über Literatur geschrieben werden soll, weiß ich nicht. Es beschäftigt mich nicht mehr so. Ich habe anderes zu tun. Und über dieses ‚Andere’ möchte ich lieber sprechen als über klägliche Gehversuche in ausgetretenem Gelände.“ (aus einem Mail an G.F.) Wohlan: am 7.2.2017 wird im Grazer Literaturhaus der Dramenband Ferienmörder vorgestellt. Eichberger liest und kommentiert Eichberger mit verteilten Rollen.

Gerhard Fuchs