Zur Aufnahme
Zur Aufnahme

Gunter-Falk-Lesung im Café Grammel

in Objekt des Monats

Gunter-Falk-Lesung im Café Grammel, Graz, 1.4.1983, privater (Teil-)Mitschnitt, weitere Mitwirkende: Karlheinz Bartos, Günter Eichberger, Herwig von Kreutzbruck u.a., 30’, [digitalisierte] Audio-Kassette Maxell UL 90, Audio-Sammlung Franz-Nabl-Institut, Nr. 89. [Geschenk Karlheinz Bartos]

Diese mehr als 35 Jahre alte Kassettenaufnahme vom Karfreitag des Jahres 1983, in dem Gunter Falk am Christtag mit gerade 41 Jahren verstarb, hat primär dokumentarischen Charakter. Mangelhaft ist sie sowohl von ihrem nur halbstündigen Umfang mit den undokumentierten „Löchern“ her als auch von der verbesserungswürdigen Tonqualität: das im Vergleich zu heute vorsintflutliche Aufnahmegerät, das Speichermedium, die problematische Anordnung der Mikrophone, die fehlende Abstimmung der Lautstärke, die ständigen Unterbrechungen und Störungen durch das Publikum oder durch die Autorenkollegen. Gerade in dieser fehlenden Professionalität der Aufnahme und des Entstehungssettings liegen aber auch der Reiz und der Charme dieses in der Entstehung einigermaßen hausbackenen Tondokuments: Es zeugt von zentralen Merkmalen der Literaturveranstaltungen der „Forum“-Autoren seit den 60er Jahren: Improvisation, Spontaneität, Tabubruch, der alkoholische Exzess sollten die Ablauffolie „Dichterlesung“ in Frage stellen, das aktionistische Happening die geregelt-sterile Präsentationsform mit einer weihevollen Vorstellung eines abgeschlossenen „Kunstwerks“ zerstören. Der zugrunde liegende Wunsch nach einer Beseitigung der Grenze zwischen Kunst und Leben, nach einem Einbezug der Alltagsrealität in die Textentstehung und nach einer transmedialen, transgressiven Auflösung von bedeutungsvoller, respektgebietender Darbietung von Literatur zugunsten einer spielerischen In-Szene-Setzung von oft widersprüchlichen Kunstpartikeln ohne Repräsentationsanspruch verstand sich als Aufstand gegen jene Bedeutungs- und Sinngebote, die von den Vertretern zeitgenössischer steirischer Gesellschafts- und Kulturnormen erhoben wurden: Vor diesem Hintergrund proklamierten Wolfgang Bauer und Gunter Falk 1965 ihr „1. Manifest der HAPPY ART & ATTITUDE“ (vgl. dazu im Detail das „Objekt des Monats“ von Daniela Bartens). Die Aufhebung der „Unterdrückung des Lustprinzips“  sollte in einem künstlerischen Artikulationsrahmen sinnfällig werden, der das Kunstwerk seines Machtanspruchs ebenso entkleidet wie den Künstler, was sich in verbalen und optischen Thematisierungen der Sexualsphäre immer wieder sinnfällig wurde. Zentral war aber vor allem die modifizierte Aufführungspraxis von Texten.
Der Jazz war in diesem Zusammenhang für Autoren ein willkommener Begleitungs-, aber auch Interaktionspartner. Die schriftliche Fixierung in Form einer fixen Partitur, die dann quasi nur noch unterschiedlich „nachgespielt“ wird, ist hier von vornherein nicht zentral, die individuelle Umsetzung offener Themen und Motive demgegenüber – natürlich vor allem beim „Free Jazz“ – im Vordergrund. Gunter Falks Lyrik mit ihrem rhythmisierten Sprachduktus, ihrem appellativen Charakter, der vom Rezipienten eine unmittelbare Reaktion einfordert, der prinzipiellen Offenheit aufgrund des trotz der streng formalisierten Konstruktion meist fehlenden Reim- und Strophenkorsetts ist ebenfalls auf eine performative Realisation hin angelegt, wobei dazu noch die unverwechselbar-eindrückliche  Stimme des Autors kommt. Insofern ist das Umsetzen von Texten als Sprech- und Aufführungsgedichte im Kontext einer Jazzbegleitung – wie auch etwa bei Ernst Jandl – eine naheliegende Option. Weder musikalisch noch textuell wird dabei „nachgespielt“, der für Falk so zentrale Spielbegriff erfährt  seine akustische Realisierung in Form eines prinzipiell offenen Klang-Wort-Teppichs, vorangetrieben durch einen Beat, der als „Herzschlag“ des Jazz auch den lyrischen Rhythmus von Falks Texten vorantreibt.
Im Fall der Karfreitagslesung von 1983 ist es der drive des Schlagzeugers John Preininger (1947-2002), der das Grundtempo der (eben nicht im Sinn von „getragen“) vorgetragenen Texte vorgibt, Falks Stimme wirkt wie ein – ständig die Intensität steigerndes – melodisches Instrument, das gegen den Beat aufbegehrt und ihn gleichzeitig stützt, ein In- und Miteinander, das zu diesem Anlass ebenso nachdrücklich seine Wirkung entfaltet wie in der allerletzten Lesung Falks am 22.12.1983, wo er mit der formidablen Jazzgruppe „Neighbours“ (Dieter Glawischnig, Ewald Oberleitner, John Preininger – an diesem Abend ergänzt durch Julean Simon) auftrat, wobei dieser denkwürdige Gig in zwei beiliegenden CDs zu einem 2000 erschienenen „Dossier extra“ dokumentiert ist. Bezüglich der – vergleichsweise (im Sinn Wolfgang Bauers?) viel „schlechter“ überlieferte Karfreitagslesung – lassen sich einige Eckdaten der abgebildeten, einzigen Tageszeitungs-Besprechung von Karl Hans Haysen (1926-1986) entnehmen. Die erhaltene Aufnahme enthält als ersten Text Falks „drei parafrasen zu georg trakl“, die – wie in der der paratextuellen Anweisung des Autors gefordert – von zwei Sprechern gleichzeitig verschränkt dargeboten werden. Als Leser von Trakls Originalgedichten „Die Sonne“, „Sommer“ und „Sommersneige“ versucht sich diesfalls der Grazer Lyriker und Bohemien Herwig von Kreutzbruck (1939-2008), wobei Falk am Ende der offenbar aus den „manuskripten“ (H. 75/1982)  gelesenen Eigentexte ab- oder unabsichtlich auf der nächsten Seite weiterliest, wo Günter Eichbergers „Auch ich war einst ein Jüngling“ beginnt, der dann quasi volley übernimmt. Dann bringt Falk sein, wie er anmerkt, am selben Tag geschriebenes „karfreitagslied“ zum Vortrag und verweist auf die Widmung für Julius Heilmann, einen an diesem Tag im Krankenhaus befindlichen Hausmeister und Freund, in dessen Wohnung Falk dann am Ende des Jahres sterben sollte. Nach einigen wirkungsmächtig intonierten Strophen aus dem Gedicht „spiegelbilder“ (begleitet von Karlheinz Bartos mit einer Übersetzung ins Französische)  folgt ein offensichtliches Gelegenheitsgedicht – „irdische liebe“ – in dem die weniger erfreuliche Sexualität an unterschiedlichen Orten (im Stehen, Küche, Klo, Wasser, Himmel) mit jener „im erdreich“ verglichen wird, wo dann eine befriedigende Sinneslust post mortem möglich sei. Nach dem Vortrag eines eigenen Gedichts durch Herwig von Kreutzbruck folgt auf der vorliegenden Aufnahme Falks Veralberung von Schnitzers Diktum „Die Seele ist ein weites Land“ und eine radikal antiidealistische, gesellschaftskritische Adaption von Volkslied- und Sprichwort-Sentenzen – „des winters wenn ich früh aufsteh“ –, jeweils grundiert von John Preiningers drumset.
Falks Texte, die sich fast alle in der im Dezember seines Todesjahrs erschienenen Sammlung „Die dunkle Seite des Würfels“ nachlesen lassen (und natürlich in der von Günter Eichberger herausgegebenen Gesamtausgabe) werden in der „Jazz und Lyrik“-Aufführung fast zu einem „Gesamtkunstwerk“, in dem die stimmliche Umsetzung – gleichzeitig Ergänzung wie Vereindeutigung der „Bedeutung“ –, die Interaktion mit dem musikalischen zweiten performativen Akt, die Multiplikation oder Anonymisierung der Autorinstanz durch Textübernahme oder Parallellesung, der akustisch-aktionistische Einbezug des Publikums (die spontanen Reaktionen auf Einwürfe) und die aktuellen alltagspraktischen Hinweise ein unwiederholbares Amalgam eines synästhetischen Gesamterlebnisses ergeben, das sich durch die vorliegende Konserve aufgrund der fehlenden (seinerzeitigen) physischen Präsenz selbstverständlich nicht reproduzieren lässt. Diesen Gesamteindruck jenseits einer analytisch-historisierenden Rekapitulation beschreibt der „Zeitzeuge“ Günter Eichberger in einer Mail an den Verfasser folgendermaßen: „ansonsten ist es eine berührende erinnerung. „happy“ war der abend nicht, statt „arty“ eher punkig wie das grindige ambiente, die „attitude“ von falk bei aller mitschwingenden verzweiflung energiegeladen. preininger spielte, als hätte er sechs hände.“

Gerhard Fuchs