Die Corona-Tagebücher, Teil 8 („Ein Geruch von Zukunft liegt in der Luft.“)

in Die Corona-Tagebücher

Eine Auswahl aus den Einträgen von:
Helena Adler, Bettina Balàka, Birgit Birnbacher, Melitta Breznik, Ann Cotten, Nava Ebrahimi, Valerie Fritsch, Monika Helfer, Lisz Hirn, Lucia Leidenfrost, Christian Mähr, Robert Pfaller,  Benjamin Quaderer, Julya Rabinowich, Angelika Reitzer, Kathrin Röggla, Thomas Stangl, Michael Stavarič, Daniel Wisser.

[PDF der Gesamtexte]

Thomas Stangl, 26.4.2020
Es geht nicht darum, irgendetwas Originelles zu denken (darum bemühen sich Legionen von Leuten in allen Medien), sondern darum, Symptom zu werden, Symptom dieser Zeit.

Melitta Breznik, 27.4.2020
Die Gesichter der meisten Menschen, die ich treffe, sind gebräunt, alle hatten Zeit, sich bei dem Wetter draußen zu bewegen. Der Teint steht im krassen Gegensatz zu der Situation, die sich aber durch die Lockerungen und Ankündigung von etwas mehr „Normalität“ deutlich leichtfüßiger anfühlt. Die Menschen scheinen nicht mehr so still, es ist auch wieder mehr Verkehr im Tal. Heute öffnen die Gärtnereien, aber es ist noch viel zu früh auf 1400 Meter etwas einzupflanzen, der Schnee und der Frost kommen bestimmt im Mai. Es herrscht mehr Betrieb in den Lebensmittelläden, was mir unlogisch erscheint, doch die Menschen scheinen es zu genießen, wieder „unverdächtig“ zu lange vor dem Gemüse zu stehen, um vielleicht doch noch ins Gespräch mit jemandem zu kommen.

Lucia Leidenfrost, 27.4.2020
Es ist heiß und stickig unter der Maske, das Atmen fällt nicht so leicht. Und es ist noch nicht Sommer, sage ich mir. Meinen Kopf muss ich mehr nach unten beugen, um in mein Geldtascherl schauen zu können und ich muss ständig alles noch einmal sagen, weil mich die VerkäuferInnen, die Apothekerin scheinbar unter der Maske nicht verstehen können. Draußen auf der Straße dann fühle ich mich eigentlich ganz ok mit Maske. So ist das jetzt also, denke ich.

Lisz Hirn, 27.4.2020
Anruf. Endlich das ersehnte Gespräch mit dem Kindergarten. Das Kind darf/soll wieder kommen. Wir sprechen über die Essensbestellung für die kommenden zwei Wochen. Das Wort „Corona“ fällt kein einziges Mal. Ein Geruch von Zukunft liegt in der Luft.

Ann Cotten, 28.4.2020
Wer hat eigentlich den Gartenschlauch erfunden? Und warum heißt er auf Englisch Hose?

Daniel Wisser, 28.4.2020
Vom Lockdown zu Lockerungen: Sie werfen ihren Schatten voraus. Oder ihr Licht. Man kann nun ganz deutlich sagen, was Kultur in Österreich bedeutet: Ziemlich nahe bei einander stehend Bier aus Dosen zu trinken.

Robert Pfaller, 29.4.2020
Ich beginne zu träumen. Und zwar von einer Reihe öffentlicher Debatten für das Danach.

Benjamin Quaderer, 30.4.2020
Ich trage zum ersten Mal Mundschutz. Es ist ein dunkelblaues Stück Stoff mit Gummizug an den Seiten und einem Stück Draht, der die obere Kante stabilisiert. An der Innenseite ist eine Art Täschchen eingenäht, in das, wie mir die Schneiderin erklärt, ein Taschentuch oder, was noch besser sei, ein Teefilter eingelegt werden soll. Die Maske sitzt insgesamt gut, das Problem ist die Brille, die bei jedem Atemzug, den ich tue, beschlägt, dann kurz aufklart, ehe es wieder von vorne losgeht. Nehme ich die Brille ab, ist alles verschwommen. Lasse ich sie auf, sind da pulsierende Flecken. Hoffentlich wird sich mein Verhältnis zur Außenwelt nicht zu sehr verändern.

Lisz Hirn, 30.4.2020
Papstwarte. Über die morschen Stämme klettern die Betonstufen zu den dunkelgrünen Wipfeln hinauf. Die Weite bin ich nicht mehr gewöhnt, ebenso wenig die Höhe, fast habe ich das Gefühl, meine Augen wollen sich am Horizont festsaugen.

Nava Ebrahimi, 30.4.2020
Ich entblöße mich jetzt selbst, auch, um hier ein wenig authentisches Tagebuchfeeling zu verbreiten, und gestehe: Im Moment der Veröffentlichung meines Debüts sehnte ich mich danach, meinen Roman an einen vertrauten Ort zu tragen und zu präsentieren wie ein Neugeborenes (weitere Analogien: ET steht für Erscheinungstermin und Entbindungstermin, liber heißt Buch und Kind). Ich wollte Freunde, Bekannte, Verwandte versammelt sehen, wollte in ausschließlich mir wohlgesonnene Gesichter blicken, wollte, dass mein ehemaliger Deutschlehrer in der ersten Reihe sitzt und jedem zuraunt, dass er es eh schon immer gewusst habe.

Christian Mähr, 30.4.2020
Ich leide unter Fremdschämen, ich kann es schlecht ertragen, wenn sich andere Leute in der Öffentlichkeit blamieren. Infolgedessen habe ich auf weitere Äußerungen von Herrn Nuhr verzichtet. Ein Blick ins Hohle. Die anderen Kabarettisten waren auch nicht gut. Liegt vielleicht am fehlenden Publikum, die direkte Reaktion fehlt. Und der Applaus. Den brauchen Leute, die irgendwo auftreten, wie – nein, nicht wie den berühmten „Bissen Brot“, sondern wie die nächste Dosis. Sie sind süchtig. Jedenfalls benehmen sie sich so, wenn der Applaus fehlt: Unfreiwilliger Entzug. Das wird wahrscheinlich noch eine Zeit so weitergehen.

Angelika Reitzer, 30.4.2020
Die Träume werden wieder alltagsbezogener. So bespreche ich mit Oswald Wiener die Schullaufbahn meines Sohnes. Er sagt, er wäre auch gerne in diese Schule gegangen und ist gekränkt oder beleidigt, dass ich ihn für so alt halte, als ich gestehe nicht gewusst zu haben, dass es diesen Zweig schon vor dreißig Jahren gegeben hat; dabei will ich freundlich sein, ich selber habe damals maturiert. Wiener winkt ein bisschen traurig ab: „Wahrscheinlich wäre es eh nicht gegangen, ich bin in der Sechsten sitzengeblieben.“ Erst nach dem Aufwachen denke ich an den schicken Anzug, den er in der letzten Lesung getragen hat.

Monika Helfer, ohne Datum
„Der kommt mir gerade recht, der Abstand“, sagte ein Mann, den ich vom Sehen kenne. Er begegnete mir auf meinem Spaziergang, und ich wich ihm aus, stand am Rand der Kehre und nickte nur, als er an mir vorüber ging. Da sagte er diesen Satz, und ich wunderte mich, warum er nicht einfach nur weiterging, das mit dem Abstandhalten ist doch nicht neu. Er drehte sich sogar um. „Das finden Sie doch auch“, redete er weiter, im Befehlston. Meint er das jetzt ironisch, dachte ich mir, weil ich es ja war, die den Abstand vorgegeben hatte und nicht er. „Man könnte sich ja anstecken, und nicht nur am Corona“, sagte er noch. Also ironisch. Und doch vorwurfsvoll. Ich sagte nichts.  Er weiter: „Sie halten doch auch nichts vom Umarmen und Abküssen?“ Ich schaute ihn nur an. Dann setzte ich meinen Weg fort.

Daniel Wisser, 2.5.2020
Am Karmelitermarkt sind um 9:00 die Erdbeeren ausverkauft. Die Frau vom Obst-Gemüse-Laden geht zum Spar und kauft zwei Säcke mit Erdbeerentassen. Dann gibt’s am Markt für ein paar Minuten wieder Erdbeeren.

Ann Cotten, 2.5.2020
Recycling-Porno: richtige Freude, wenn man einen Quatsch wiederverwenden kann, wir haben die depperte Fake-Ziegel-Tapete als Abdeckplane benutzt und wandern damit und mit dem Falter von letzter Woche von Zimmer zu Zimmer. Immer wieder Lisa Eckhart in unterschiedlichen Stellungen im Türrahmen, immer wieder dieselbe Meinung, aber doch in einer anderen Kolumne, die Dolms der Woche in SZ, AZ, Bad und Küche.

Michael Stavarič, 2.5.2020
In der wohl erfolgreichsten Zombie-Fernsehreihe aller Zeiten, „The Walking Dead“, eine Art Dallas und/oder Denver-Clan-Serie mit Untoten, wird erstaunlicherweise das Wort „Zombie“ gemieden, man spricht hier vornehmlich von „Beißern“. Das Wort „Beissa“ gibt es freilich seit Ewigkeiten im Wienerischen, man verweist damit auf einen aggressiven, primitiven Menschen und verwendet es in Sätzen wie Da Pospischil is a Beissa, dea get urndlich los auf de Leit. Übersetzung? Nein, ich glaube das bekommen selbst deutsche Bundesbürger noch hin.

Benjamin Quaderer, 2.5.2020
Heute ist nichts passiert.

Julya Rabinowich, ohne Datum
Der Lockdown ist zu Ende, der Babyelefant nur noch in der neuen Gewichtsklasse der Eingeschlossenen zu finden, die Masken hängen lasziv auf Halbmast in einem provokanten Striptease. Ich beschließe, mich an dem Wiederaufbau vorläufig nicht zu beteiligen. Vor einiger Zeit haben sie das noch die Wiederauferstehung genannt, nun ist es schon der Aufbau statt der Erstehung. Konsum schlägt das Göttliche und die Wirtschaft alle Sicherheitsbedenken.

Kathrin Röggla, 3.5.2020
Die Woche beginnt… beginnt nicht mehr. Nein, die Woche beginnt mit der klaren Aussage von meinem Verlag. „Kathrin, in einem Jahr will das niemand mehr lesen.“ Alles, was ich jetzt schreiben würde, schriebe ich alleine für den Augenblick. Aber, ich weiß, in einem Jahr sieht auch meine „Vor-Corona-Fiktion“ gestrig aus. „Bücher sind da das falsche Medium.“, höre ich derweil weiter, die Aktualität lasse sich mit Büchern nicht einholen. Aber welches Medium wäre richtig? Das Theater existiert ja derzeit nicht (mein letztes Stück liegt auf Halde), online versendet sich – Radio? Radio! Der Verlag spricht aber schon weiter: „Alle sitzen jetzt da und schreiben an ihren Corona-Büchern. Wir werden dann im nächsten Jahr aus den vielen Projekten vielleicht einige auswählen, die zur Veröffentlichung taugen könnten.“

Bettina Balàka, 3.5.2020
„Zum Glück ist das jetzt eh bald vorbei, wenn alles wieder hochgefahren wird. Also nicht, dass ich jetzt gleich ins Fitnessstudio gehen werd. Ich lass mich doch nicht von unzähligen aerosolverbreitenden Personen aus nächster Nähe anröcheln. Mir ist das viel zu gefährlich.“

Valerie Fritsch, 3.5.2020
Die ersten Blumenwiesen sind verblüht und die Löwenzähne zu außerirdischen Kugeln geworden, die sich unter einem leichten Windstoß oder einem schweren Atem auflösen. Die Welt geht wieder los, hat geöffnet, füllt die verordnete Leere sorgfältig mit Altem, das mancherorts in der Maske des Neuen daherkommt. Noch bleibt der Überschwang aus, eine Zögerlichkeit wohnt in der Wiederherstellung, als fehlte ihr die Schubkraft, weil sie nicht nach vor, aber zurück will. Man versucht sich an die Einzelheiten von dem zu erinnern, was normal und unaufgeregt ist, sie zu reproduzieren und abseits eines kleinen Gefühls, dass man sich dabei selbst über die Schulter schaut, gelingt es auch leicht, man verlernt das Leben nicht, und die Tage. Die Gewohnheit geht gut von der Hand. Die Welt ist sich hinreichend ähnlich geblieben, und wer Glück oder Unglück hat, der, der er auch schon zuvor war.

Bettina Balàka, 3.5.2020
„Zum Wirten werd ich sicher auch nicht gleich gehen. Wer garantiert mir denn, dass da in der Küche nicht ins Essen gehustet wird? Es ist heiß, man glaubt vielleicht gar nicht an den Virus – schon hat man die Maske abgenommen. Dann wischt man sich mit der behandschuhten Hand den Schweiß von der Oberlippe und schält weiter die Karotterln. Das brauch ich nicht. Da koch ich lieber selber.“

Kathrin Röggla, 3.5.2020
Derweil ist der Ölpreis ins Minus gefallen. Man muss also zahlen, wenn man Öl loswerden will.
Minus 40 Euro das Barrel. „Schade, dass ich kein Öl kaufen kann, das wäre ja eine neue Einnahmequelle!“ – „Das habe ich jetzt nicht gesagt! Das habe ich jetzt wirklich nicht gesagt!“, schimpfe ich mit mir, was jetzt eine Wohltat ist, und prompt folgt die Stille.

Lisz Hirn, 3.5.2020
Aus. Ich packe alles wieder in die Kartons, mit denen ich hergekommen bin. Wie kann ich mein Exil verlassen, wenn ich weder in mein altes Leben zurückkehren noch ein neues beginnen kann? Was heißt es für den Schrecken, wenn es kein eindeutiges Ende gibt?

Lucia Leidenfrost, 3.5.2020
Nichts. Diesen Tagebucheintrag lese ich in einer Zeitschrift. Ja, denke ich, das kann ich heute unterschreiben.

Birgit Birnbacher, 3.5.2020
mittlerweile irritieren mich jene termine viel mehr, die nicht abgesagt worden sind, weil man nie weiß: wurden sie vergessen oder wartet man wirklich zu. wenn man zuwartet, wie ist das zu deuten? geht man ohnehin davon aus, dass niemand kommen kann, oder dass im juni, juli, september alles gut ist? parallel dazu werden neue herbsttermine ausgemacht, die eigentlich nur mit dünnem bleistift einzutragen wären, die ich trotzdem mit edding eintrage. brauchst du einen vertrag? schreiben sie mir. brauche ich einen vertrag? ich denke ja, nein, keine ahnung, wozu. mit oder ohne vertrag gilt doch ohnehin nichts von dem, was wir ausmachen, wirklich. seit mehr als sieben wochen kann alles immer anders sein als wir es kennen. seit mehr als sieben wochen machen ja nicht einmal mehr schöne kleider oder erste ahnungen von frühsommerabenden richtig spaß.

Helena Adler, 4.5.2020
Etwas zu Papier zu bringen, die Zeit und Möglichkeit zu haben, den Versuch zu wagen, etwas Literarisches zu fabrizieren, stellt für mich das größtmögliche Vergnügen überhaupt dar. Gewiss steckt auch viel Plackerei und Fingerknochenarbeit dahinter und, v.a. wenn es um autobiografische Elemente geht, viel Herzblut, und ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass alles auf Anhieb als poetische Vollendung auf einparfümiertem Briefpapier herausfließt. Ich habe das auch nie gelernt – irgendein sprachliches Handwerk – dafür war ich zu faul. Stattdessen habe ich am Abrissbauernhof gelebt und viel zu viel geraucht. Wenn dann aber etwas gelingt, bedingt das immense Euphorie meinerseits, da ist diese unheimliche Lust vorhanden, eine Gier danach, etwas in Worte zu kleiden, auch, es später selbst zu lesen, etwas verbal zu transportieren und zwar weniger analytisch als vielmehr emotional. Der ganze Prozess ist zweifelsohne nur interaktiv befriedigend. Ich möchte andere wohin mitnehmen.

Angelika Reitzer, 4.5.2020
Auf einmal stehen wieder Termine im Kalender. Es sind nur zwei, fühlt sich dennoch unwirklich an.

 

Die Corona-Tagebücher. Ein Projekt des Literaturhauses Graz

Konzept: Klaus Kastberger. Redaktion: Agnes Altziebler, Elisabeth Loibner.
© Bei den Autorinnen und Autoren. Nachdrucke nur nach deren schriftlicher Genehmigung und mit dem Hinweis: Der Text ist Teil des Projekts „Die Corona-Tagebücher“ des Literaturhauses Graz.

Weitere Infos: agnes.altziebler@uni-graz.at, Tel. (derzeit): 0664/8565146