Theater im Palais, Leonhardstraße 15 © Jürgen Fuchs, KLZ
Theater im Palais, Leonhardstraße 15 © Jürgen Fuchs, KLZ

Irene Diwiak: Vom Träumeleben

in 15 Jahre Literaturhaus Graz

Ich bin in Graz geboren, das steht so in meinem Reisepass und macht mich für immer zu einer „Grazer Autorin“, gelebt habe ich dort aber nie. Meine Eltern arbeiten in Graz, meine Geschwister studieren in Graz, mein Mann kommt aus Graz – ich aber habe dort wenig anderes getan, als das Licht der Welt zu erblicken.
Nein, das stimmt so auch nicht. Ich denke da an die „berufspraktischen Tage“, in deren Rahmen Hauptschüler einen Hauch von Arbeitswelt atmen sollen, heißt also, in den meisten Fällen: Zuschauen. Zuschauen, wie Regale befüllt, wie Akten geordnet oder Hunde kastriert werden (warum wollen eigentlich so viele junge Mädchen Tierärztinnen werden?). Zuschauen und sich freuen, dass man nicht in der Schule sitzt, sondern, naja, in der echten Welt. Während dieser „berufspraktischen Tage“ also fuhr ich zum ersten Mal ohne elterliche Begleitung nach Graz und betrat ebenfalls zum ersten Mal dieses kleine, flache, hässliche Gebäude in der Leonhardsstraße, etwas unscheinbar zwischen den fast schon Schönbrunnergelben Altbauten. Ob es damals schon „Theater im Palais“ hieß, weiß ich nicht mit Sicherheit, ich glaube auch, dass es inzwischen renoviert wurde, vielleicht überhaupt nicht mehr so aussieht, wie es damals aussah, eine Dekade zwischen damals und jetzt, ich sehe ja auch nicht mehr so aus. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Leute dort immer noch so aussehen: Jung, mittlerweile jünger als ich, modisch gekleidet, aber immer bequem, ganz schwarz oder quietschbunt ohne Kompromisse, und sie sprechen hochdeutsch. Und damals wusste ich sehr genau, was ich werden wollte: eine von ihnen, eine Schauspielstudentin. Fast noch begehrenswerter schien mir das, als das eigentliche Ziel: Schauspielerin, denn die Uni war wie eine Schulklasse mit ausschließlich coolen Kindern, alle befreundet, alle extrovertiert und wahnsinnig witzig. Und ich, Hauptschülerin auf ihren „berufspraktischen Tagen“, schaute zu. Ich sah Fechtunterricht und Proben für die „Glasmenagerie“ und ein Referat über Heinrich Heine. Heaven!
Und ich kam wieder. Und wieder. Und wieder. Mit achtzehn, neunzehn, zwanzig. Ich kam als Ilse aus dem „Frühlings Erwachen“ und als Helena aus dem „Sommernachtstraum“, kam einmal sogar als Valerio aus „Leonce und Lena“, weil mir die interessanten Frauenrollen ausgingen. Die Aufnahmeprüfung bestand aus mehreren Runden, zwei Mal schaffte ich es in Runde zwei, dort war immer Endstation meiner Sehnsucht. Irgendwann wurde ich zu faul zum Vorsprechen, schließlich zu alt. So also bin ich weder echte Grazerin noch echte Schauspielerin geworden, ich bin eine Steirerin in Wien und schreibe. Manchmal durchaus auch Theaterstücke. Häufiger Prosa. Wenn ich doch einmal selbst ins Rampenlicht trete, dann stets im gleichen Bühnenbild: ein Tisch mit Lampe und Wasserglas.  Und dann bin ich doch ganz froh, dass ich keine Amerikanerin bin, weil Amerikaner immer ihren Traum leben müssen, komme was wolle: vom Tellerwäscher zum Millionär, von der Hauptschülerin zur Schauspielstudentin … „Life is what happens while you are busy making other plans“, sang hingegen John Lennon, der kein Amerikaner war (obwohl er’s immer sein wollte). Und das ist, finde ich, ziemlich wahr und auf jeden Fall richtiger als jeder schlaue Spruch vom Träumeleben.
Ich gebe zu: Hin und wieder packt es mich doch noch, dann rezitiere ich innbrünstig und schwinge den Totenkopf, „Alas, poor Yorick!“, aber das reicht dann auch wieder. Dann verschwinde ich hinter dem Laptopbildschirm in vollständiger körperlicher Ruhe, und lasst jetzt bloß keine extrovertierten, wahnsinnig witzigen Menschen an mich heran! Die nerven nur! Und im „Theater im Palais“ war ich schon seit vielen Jahren nicht mehr.