Rosegger (Portrait 1906) © gemeinfrei, wikipedia.de
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Josef Winkler: Roseggers „Weltgift“ in 5 Minuten

in Klassiker in fünf Minuten

„OHNE HABEN UND MIT VIEL SOLL ODER DER ANGRIFF DES STRAFENDEN ENGELS“.
Beim Lesen des Romans „Weltgift“ von Peter Rosegger

„Ich bereue nicht die Sünden, die ich je begangen, ich
bereue nur die Sünden, die ich nicht begangen.“
Peter Rosegger

Im Fabrikkomplex, der „Fletz“ genannt wurde, stellte der Vater des achtunddreißigjährigen Hadrian Hausler, ein schwerreicher Industrieller, ständig neue Dampfmaschinen auf, baute neue Schlote, so daß die Sonne am Himmel nur mehr als schmutzige rote Scheibe zu sehen war. Diese Schlote standen, wie es im Roman „Weltgift“ von Peter Rosegger heißt, wie Riesenstifte ins schmutzige Morgenrot hinein. Der Vater, Guido Hausler, nannte seine Arbeiter die „Bestien“. Hadrian war das einzige Kind der Familie, die schwerkranke Mutter starb früh auf der griechischen Insel Korfu. Hadrian glaubte, das Geld wäre zum Leben da, aber sein Vater war der Meinung, daß man leben müsse, um Geld zu machen. Die langwierigen Geschäftsreisen durch Italien, die Schweiz, Frankreich, England und Rußland, entmenschlichten ihn, er „vertierte“, wie er  sich ausdrückte, er kehrte von jeder Reise als gebrochener Mensch zurück. Die Leute beneideten den Millionärssohn um sein luxuriöses Leben, aber Hadrian hatte Sehnsucht nach einem einfachen und bescheidenen Leben und rechnete in der Buchhaltung der Kanzlei die Tausender genauso gleichgültig, wie die Hunderter oder die Zehner, während ihm seine die „Bestien“ ausbeutender Vater zu verstehen gab, daß „Gold nicht nur die Herzen, sondern auch die Nerven härtet“, und sich die Arbeiter beklagten, daß sie wie Tiere arbeiten müssen und zum Essen nur Milchsuppe und Erdäpfel bekommen würden. Als Hadrian einmal die Gelegenheit hatte in die schlichten Stuben der Arbeiter, besonders einer Wäscherfamilie, zu blicken, fühlte er sich als ihresgleichen und fand es in der dürftigen Behausung der „Bestien“ weitaus heimeliger als in den prächtigen Räumen seines väterlichen Herrenhauses, wo der Diener auf einem silbernem Tablett die Post brachte. Als er danach einmal in der Stadt seinen Vater und seine Freundin Helene in einem protzigen und eleganten Wagen „fast lautlos“ dahinrollen sah, hätte er das ungleiche Paar, wie er es nannte, am liebsten erdrosselt.

Eines Tages eröffnete ihm der Vater, daß er ihn, seinen Sohn Hadrian, als gleichwertigen Kompagnon in seinem Betrieb anstellen, da er die Last und Verantwortung der kaufmännischen Obliegenheiten nicht mehr alleine tragen möchte. „Hausler & Sohn“ sollte von nun an die Firma heißen. Als sich der Sohn diesem Ansinnen verweigert, wirft ihm der Vater vor, daß er nicht arbeiten und seine „Moralanfälle“, besonders, wenn er sich für die ausgebeuteten Arbeiter einsetzen möchte, nur Ausflüchte seien, nicht arbeiten zu müssen. Der Vater gestand schließlich seinem Sohn, daß er seinen ganzen „Plunder“ an eine Aktiengesellschaft verkaufen, ein Landgut erwerben und sich mit seiner Freundin Helene auf dem Ruhesitz zurückziehen möchte, worauf ihn Hadrian verhöhnte und seinem Vater ins Gesicht sagte: „Na also! Endlich wär‘s heraus! Dahin geht’s. Deshalb sollen Bauern betrogen werden. Darum wird einer gesucht, der die Last und Verantwortung trägt. Damit der Herr mit der Zote ein vergnügtes Leben führen kann. Ich gratuliere!“

Am darauffolgenden Tag ließ der Vater seinen Sohn um die Mittagsstunde ins Büro kommen. Er empfing ihn schweigend und feierlich, legte ihm ein Schriftstück vor, das er zu unterschreiben hatte. Hadrian wurde von seinem Vater enterbt. Den Pflichtteil, so der Vater, könne er sich beim Notar Dr. Kerbholz abholen, für ein Leben in Saus und Braus reiche es immer noch. Die beiden Männer, Vater und Sohn, verneigten sich schauspielerisch voreinander und zogen sich zurück, der eine hinter seinem Büroschreibtisch, der andere ging durch eine Tür, die direkt zu einer Frei-Treppe führte. Der enterbte Hadrian quartierte sich in ein Hotel ein und schrieb in seinem Tagebuch: „Heute endlich bin ich gestorben – und neu geboren!“ Hadrian feierte seine Wiedergeburt ganz alleine mit Sekt auf den roten Samtmöbeln im Hotelzimmer. Er fand sich erlöst und frei. Und so beginnt auch der Roman „Weltgift“ von Peter Rosegger: „Heute endlich bin ich gestorben“. – „Mit dieser Neuigkeit beginnen die Aufzeichnungen eines Mannes, der nach seinem Tod ein Leben anfing, so wunderlich und heillos, daß man darüber ein Buch schreiben muß. Es wird geschrieben auf Grund und mit teilweiser Benutzung vorhandener Blätter.“ … Und:  „Es hat Mühe gekostet, bis ich so anständig wurde, daß mein Vater mich enterbt hat. Nun ist es aus. Ich schließe die alte Buchhaltung, um eine neue zu beginnen. Eine ohne Haben und mit viel Soll.“