Ödön von Horváth: Führerschein 1934 (Ausschnitt, © Ödön-von-Horvath-Gesellschaft Murnau)
Ödön von Horváth: Führerschein 1934 (Ausschnitt, © Ödön-von-Horvath-Gesellschaft Murnau)

Ödön von Horváth: Führerschein (1934)

in Objekt des Monats

Führerschein Nr. 1654i/34, ausgestellt in Berlin am 21. September 1934 auf Ödön von Horváth, geboren am 9. Dezember 1901 in Fiume, wohnhaft in Berlin, Kurfürstendamm 33. Sammlung Ödön von Horváth der Ödön-Horváth-Gesellschaft Murnau am Staffelsee, Oberbayern.

Autos sind in den Texten Ödön von Horváths (1901–1938) höchst gefährliche Objekte, in ihnen kulminieren Macht, Geld, Hierarchie und der Tod. Wo ein Auto involviert ist, stehen die mitfahrenden Fräulein als Waren zur Disposition. Anna Pollinger verkauft im Roman Der ewige Spießer (1930) gegen eine Autofahrt, ein Schnitzel in Feldafing und fünf Mark extra ihren Körper, die ambitionierte Karoline aus dem Volksstück Kasimir und Karoline (1932) steigt ebenso bereitwillig in den Wagen von Kommerzienrat Rauch. Ihre Fahrer sind Männer, die es sich leisten können und mit dem Wagen ihre nicht nur finanzielle Potenz zur Schau stellen. Der Besitz eines Kraftfahrzeugs ist eindeutiger Indikator dafür, wo im sozialen Gefüge oben und wo unten ist. Mit dem Auto kommt aber auch der Tod als ständiger Begleiter der Macht, seien es die vier ominösen Leichenbestatter im frühen Stück Niemand (1923) oder die fememordende Schwarze Reichswehr in Sladek (1929). Bei Horváth in ein Auto zu steigen, heißt im mehrdeutigen Sinne, mitgenommen zu werden.
In Anbetracht dieser schweren Symbolik scheint es eine biographische Hinterlist zu sein, dass Horváth am 21. September 1934 in Berlin seinen Führerschein erhält, der ihm erlaubt, „Verbrennungsmaschinen der Klasse 3 zu führen“. Über ein Jahr zuvor hatte er das Deutsche Reich nach der nationalsozialistischen Zerstörung der Republik verlassen. „Wird sich der Ödön noch wundern!“ drohte ihm der spätere „Reichsdramaturg“ Rainer Schlösser im Völkischen Beobachter in einer heute noch nachhallenden Diktion. Anfang 1934 kehrte Horváth aber zurück und versuchte, durch seine ungarische Staatsbürgerschaft geschützt und von finanziellen Sorgen getrieben, sich mit dem Regime zu einigen, was auch gelang. Nach seiner Aufnahme in den gleichgeschalteten Reichsverband Deutscher Schriftsteller im Juli 1934 fand er Arbeit als Filmtexter. Der Erhalt des Führerscheins ebenso wie die Übersiedelung in zwei Zimmer einer Villa nahe dem Berliner Wannsee kurz darauf zeigen, dass sich seine finanzielle Situation in nur wenigen Monaten merklich gebessert hatte. Nach seiner Anbiederung saß Horváth nun am Volant, an dem er zuvor nur die unsympathischsten seiner Figuren hat sitzen lassen.
1935 verließ er, angeekelt von seinem Opportunismus und der Lohnschreibarbeit, das Deutsche Reich endgültig. Seine Arbeit für den Film kommentiert er später kompromisslos: „Es war mein moralischer Tiefstand.“ Nur einmal noch hat Horváth später ein Auto besessen: Im Herbst 1935 fuhr er in einem Fiat an die Riviera, um die Komödie Mit dem Kopf durch die Wand fertigzustellen, eine Persiflage des Filmbetriebs. Sie fiel bei der Uraufführung durch.

Martin Vejvar

Der Führerschein Ödön von Horváths wird als Dauerleihgabe am Schlossmuseum Murnau am Staffelsee, Oberbayern, ausgestellt. Die Abbildung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Ödön-von-Horváth-Gesellschaft Murnau.