Abbildung aus Ödön von Horváth: Wiener Ausgabe Sämtlicher Werke, Bd. 3 (Berlin: de Gruyter 2015), S. 382 (© Wienbibliothek im Rathaus)
Abbildung aus Ödön von Horváth: Wiener Ausgabe Sämtlicher Werke, Bd. 3 (Berlin: de Gruyter 2015), S. 382
(© Wienbibliothek im Rathaus)

Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald

in Objekt des Monats

Das vorliegende Blatt entstammt dem genetischen Konvolut von Geschichten aus dem Wiener Wald. Die Entstehung des bekanntesten Stückes von Horváth zieht sich über mehr als ein Jahr, etwa von Frühjahr 1930 bis Sommer 1931. Im Rahmen der Werkgenese des Stückes ist das vorliegende Blatt relativ spät, in Konzeption 4 (von 5 laut Bd. 3 der Wiener Ausgabe), zu verorten und wurde wohl im Frühjahr oder Frühsommer 1931 beschrieben. Es enthält drei Entwürfe.
Wahrscheinlich hat Horváth auf dem Blatt, das gefaltet war, zunächst die rechte Seite beschrieben. Dort trägt er drei so genannte Konfigurationspläne zum 3., 4. und 5. Bild ein. Dabei wird erkennbar, wie Horváth die Bilder in kleine Szenen aufteilt. Das 3. Bild spielt im Stephansdom und zeigt zunächst Alfred und Marianne, dann Marianne mit Kirchgängern, mit dem Beichtvater und schließlich allein. Das 4. Bild spielt zu diesem Zeitpunkt noch beim Heurigen. Wenig später wird der Heurige ins fünfte Bild verschoben. Hierzu notiert Horváth die Figuren Mathilde (die spätere Valerie), Erich, Rittmeister, Mister, Oskar, Zauberkönig und Alfred. Die zu Alfred notierte Replik, die an Mathilde adressiert ist: „Wenn ich Dich seh, muss ich immer an ein Rennpferd denken – seit ich von Dir fort bin, war ich auf keinem Rennplatz mehr“ verschiebt der Autor durch einen für seine Entwürfe charakteristischen Pfeil und eine Markierung mit violett schimmerndem Kopierstift ins 6. Bild, das in der „Stillen Strasse im achten Bezirk“ spielen wird. Das 5. Bild ist, wie aus der Figur des Conférenciers erkennbar wird, zu diesem Zeitpunkt noch im „Moulin-bleu“ situiert, später wird dieses durch das „Maxim“ ersetzt. Im weiteren Verlauf der Genese der Fassung in sieben Bildern verschmilzt Horváth das Heurigen- und das Maxim-Bild zu einem einzigen Bild. Die Notiz „Rittmeister: (hat es gewusst, wo Marianne auftritt.)“ erteilt dieser Figur eine besondere Funktion bei der Konfrontation des Zauberkönigs mit der von ihm verstoßenen Tochter Marianne in dem Nachtclub.
Der zweite Entwurf, der von Horváth auf dem Blatt eingetragen wurde, ist jener auf der linken Seite des Blattes. Es handelt sich dabei um eine fragmentarische Besetzungsliste. Obwohl der Autor zu diesem Zeitpunkt mit der Ausarbeitung seines Stückes noch keineswegs fertig ist, spekuliert er schon über mögliche Rollenverteilungen. Dabei bedient er sich beim „Who is who“ des Berliner Theaterbetriebs der Zeit, mit Schauspielern wie Oskar Sima, Carola Neher und Peter Lorre. Bei der Uraufführung des Stückes am 2. November 1931 im Deutschen Theater Berlin spielte schließlich Hans Moser den Zauberkönig, Carola Neher die Marianne und Peter Lorre den Alfred.
Zwischen die beiden erwähnten Entwürfe zwängt Horváth einen weiteren Entwurf hinein. Es handelt sich dabei um ein Werkverzeichnis, wie sich viele in seinem Nachlass finden. Immer wieder stellt er in solchen Werkverzeichnissen bereits abgeschlossene und noch im Entstehen oder in der bloßen Planung befindliche Werkprojekte zusammen. In diesem Fall sind es zwei abgeschlossene Werke: Der satirische „erbauliche“ Roman Der ewige Spießer, der im Oktober 1930 im Propyläen Verlag (Berlin) erschienen war, und das Volksstück Italienische Nacht, das am 20. März 1931 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm unter der Regie Francesco von Mendelssohns seine erfolgreiche Uraufführung erlebte (mit Oskar Sima als Stadtrat Ammetsberger). Wenige Monate später, am 4. Juli 1931, wurde es in Wien im Raimund-Theater (unter der Regie Oskar Simas) erstaufgeführt. Das ebenfalls in dem Werkverzeichnis erwähnte Volksstück Geschichten aus dem Wiener Wald war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in der ersten Fassung, jener in sieben Bildern, fertig. Das zuletzt genannte Werkprojekt Kinder und Militär die Hälfte blieb ein auf wenige Entwürfe beschränktes Fragment.

Nicole Streitler-Kastberger