Olga Flor: Loslassen

in Writers' Blog

Jemanden, den man liebt, gehen zu lassen, gehört wohl zum Bittersten, das man als Mensch bewältigen können muss, will man nach dem depravierenden Ereignis wieder einigermaßen zu einem psychischen Gleichgewicht zurückfinden; nicht immer gelingt dieser Versuch. Ritualisierungen sollen den Übergang von Gegenwart zu Verlust erleichtern, sie bieten einen Rahmen, an dem man sich festhalten zu können glaubt – ob das wirklich so ist, ob Abschiedsgesten wirklich eine Stütze bilden, wer will das sagen, der Gegenbeweis ist schließlich nicht anzutreten, in keinem individuellen Fall jedenfalls.

Allerdings kann man in einem Raum voller in sich versunkener, trauernder oder zumindest nach außen hin so scheinender Menschen sitzen und dabei nichts fühlen außer einer tiefen Leere, einer Unfassbarkeit des Empfindens, das sich angesichts des äußeren Rahmens, der Besinnung vorgibt, umso entschiedener entzieht, selbst wenn die Trauermusik auf die Emotionen drückt und wenigstens das Laufenlassen, von Tränen nämlich, nahelegt. Man kann sich überlegen, was es sonst noch loszulassen gilt: Großbritannien, oder wenigstens einen Teil des dann gar nicht mehr so United Kingdom, die EU als politische Gemeinschaft, oder ganz generell die Idee, dass über die Gewährleistung des freien Flusses von Waren- und Geldströmen hinausgehende supranationale Konstrukte irgendeine Bedeutung hätten? Dass Flüchtende irgendwie auch Menschen wären?, auch wenn man da nicht pauschalisieren sollte.

Oder man denkt über die Frage nach, wie viel es braucht, um so einen menschlichen Körper, dieses wandelnde Entropieminimum auf zwei Beinen, also einen höchst unwahrscheinlichen Zustand für so eine Materieanhäufung, die er nun mal ist, in Form zu halten: all die Moleküle, die, anstatt durcheinanderzufließen und miteinander und ihrer Umgebung zu reagieren, was unweigerlich passiert, sobald der Herzmotor stillsteht, schön brav und beharrlich in ihren Zellstrukturen bleiben, Wände bilden und Transportwege für den Energie- und Informationsaustausch. Wie, kaum fällt die Durchblutung weg, die Zellen absterben und die Moleküle darin endlich ihrem thermodynamischen Drängen entsprechen können und sich auf den Weg zum wahrscheinlichsten Zustand – der maximalen Vermengung bei ausgeglichener Temperatur, also dem Zustand höchster Entropie – begeben, wie alle Teile eines Systems bis zur Erreichung des sogenannten thermischen Gleichgewichts. Darin herumwandernde und durch die Haut klar abgegrenzte Zweibeiner, die allerdings zu jeder Zeit im Wärme- und Gasaustausch mit ihrer Umgebung stehen, sind ein höchst unwahrscheinlicher Fall, der nur mit einem irrwitzigen Aufwand an Energie, also Nahrungszufuhr und körperinterner Logistik, aufrecht erhalten werden kann.

Ein simpler Herzstillstand, und diese real existierende Unfassbarkeit beginnt sofort mit der eigenen Auflösung, solange, bis sie sich – tierischem, bakteriellem und Witterungseinfluss ausgesetzt – irgendwann von ihrer Umgebung nicht mehr unterscheidet.

Fragil, die Sache, und durchaus beeindruckend, könnte man denken, wenn man gleichzeitig nicht daran denken müsste, dass man an den Menschen denken möchte, der nunmehr fehlt, dessen Körper etwa vorne aufgebahrt ist, dessen Präsenz aber eigentlich – vor allem durch die Tatsache, dass der Blick auf das Gesicht des oder der Toten in Österreich der Trauergemeinde traditionell verweigert wird – hier nicht realer zu greifen ist als an einem beliebigen anderen Ort. Dennoch braucht es Orte, an denen die Trauer ganz konkret festzumachen ist, Gräber, Erinnerungsstätten, Waldfriedhöfe, wo man immer wieder hingehen kann, oder auch Gegenstände, bei denen nur ihr immaterieller Wert von Wert ist, Bilder, Klänge, Texte, mit deren Hilfe man sich auf die Erinnerung konzentrieren und die man dann auch wieder hinter sich lassen kann: um der Trauer Raum zu geben und sie an dieser Stelle dann auch zu lassen, um ein gewisses Stück an Versöhnung mit der Trauer und daraus resultierend vielleicht eine gewisse Ruhe in das weitere eigene Leben mitzunehmen.

 

Flor_Portraet2Olga Flor, Schriftstellerin, geb. 1968 in Wien, lebt in Graz und Wien. Sie studierte Physik und arbeitete im Multimedia-Bereich. Jüngste Romane: „Die Königin ist tot“ (Zsolnay, 2012), „Ich in Gelb“ (Jung und Jung 2015).

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