Programmheft und Originaltyposkript zu Der Schulmeister vom Himmelpfortgrund von Lois Groß

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Er war einer der prägendsten Gestalten des Grazer Theaterlebens in der Zwischenkriegszeit und doch wird er in kaum einer Überblicksdarstellung erwähnt, geschweige denn in seiner Bedeutung für die populäre Schauspielkunst entsprechend gewürdigt: der Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und Dramatiker Lois Groß.
Geboren 1893 als Sohn einer Dienstmagd und eines Schuhmachers in Trautmannsdorf und auf den Namen August Frankl getauft, tritt er bereits 1910 mit seiner Schwester Milla beim Sommertheater Gleichenberg auf. Nach dem Ersten Weltkrieg gründet Groß in Andritz die Alpenländische Volksbühne, die 1923 mit Aufführungen eines Passionsspiels im Grazer Minoritensaal und des Hofmannsthal‘schen Jedermanns in der Dialektadaption von Franz Löser als Freilichtspiel erste größere Erfolge feiert. Für seine Inszenierung des Wandertheaterstücks Niemand und Jemand, das bereits 1608 von englischen Schauspielern in der Grazer Burg aufgeführt worden war, ließ Groß vom ‚Steirischen Werkbund‘ im Stefaniensaal eine mobile Bühne errichten, die ihm ein finanzielles Desaster bescherte.
Ab April 1924 findet die nunmehr unter dem Namen Steirische Landesbühne auftretende Truppe im Sommerrefektorium des Grazer Minoritenklosters eine fixe Bleibe; auch der zweite Innenhof wird bei Bedarf zum Theaterraum umgestaltet. Im folgenden Jahr, in dem Groß mit seinen ‚Bildern aus Alt-Wien‘ Die Welt ist ein Komödienhaus auch erstmals als Autor hervortritt, muss der Name der inzwischen bestens etablierten Theatervereinigung auf behördlichen Druck hin zu Volkskunstheim geändert werden. Star der Truppe ist der vielseitig begabte Theaterleiter selbst, der als hervorragender Charakterdarsteller und Komiker zumeist auch die Hauptrollen übernimmt und ein zugkräftiges, vielseitig verwendbares Ensemble um sich aufbaut, mit dem er vor allem Volksstücke und Singspiele auf die Bühne bringt. Die instrumentalen Teile trägt in diesen Jahren zumeist ein Schrammel-Quartett bei. Ziel des von namhaften Künstlern und Kritikern unterstützten Theaterprojekts war es, ein Publikum, das sich die Produktionen der städtischen Theater nicht regelmäßig leisten konnte oder wollte, mit qualitätsvollen Aufführungen zu „volkstümlichen Preisen“ zu unterhalten.
1931 feiert der – seit einem Jahr als Grazer Volkstheater firmierende – Verein bereits die 1000. Vorstellung. Werke von insgesamt 146 Autoren standen seit 1924 auf dem Programm, neben den häufig gespielten Werken Anzengrubers, Morres, Neuerts oder Ganghofers auch Arbeiten von Lokalheroen wie Kalchberg, Rosegger oder Schrottenbach sowie zahlreiche eigene Stücke von Groß – zumeist handlungsarme Potpourris und Genrebilder, die geschickt altes Liedgut, beliebte Musiknummern, Tanzeinlagen und literarische Motive integrieren, aber auch zahlreiche Romanbearbeitungen, Geschichtsdramen und Gelegenheitsstücke. Auch an Klassikern wie Schillers Wilhelm Tell oder Wilson Barrets Im Zeichen des Kreuzes versuchte sich das Ensemble. 44 Inszenierungen waren Uraufführungen, darunter Stücke von Burghauser, Fraungruber, Grogger, Mell oder Weinhandl. Bis 1937 sollte die Gesamtzahl der gespielten Stücke auf beinahe 400 anwachsen, viele davon wie etwa Heinz Nonveillers Besuch vom Himmelvater oder Eduard Hoffers Unser Erzherzog Johann kamen erstmals auf die Bühne. Schon 1929 hatte Groß auch eine tragende Rolle im ersten österreichischen Tonfilm, Hans Otto Löwensteins G’schichten aus der Steiermark, übernommen.
1937 zieht man in die Grenadiergasse um, wo man in den Sommermonaten das ‚Biergartltheater‘ bespielt. Nach dem Anschluss Österreichs erhält Groß ab Dezember 1938 Gelegenheit, am Schauspielhaus zu inszenieren; im Rahmen von KdF-Veranstaltungen ist die Steirische Volksbühne auch vermehrt auf Tournee. 1941 wechselt Groß ans Stadttheater Memmingen, 1942 ans Grenzlandtheater Marburg an der Drau, wo er ab 1943 auch Regie-aufgaben übernimmt. Nach Kriegsende versucht er das Grazer Volkstheater zu reaktivieren, doch mit schwindendem Erfolg. Vor allem mit Gastspielen in der steirischen Provinz hält man sich bis 1955 über Wasser. Weitgehend vergessen und von der Theaterwelt unbeachtet stirbt Groß 1971 in Graz.

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Sein im Sommer 1934 am Rechberg geschriebenes ‚Wiener Singspiel‘ Der Schulmeister vom Himmelpfortgrund bringt die sattsam bekannten Schubert-Klischees vom schüchternen Mädchenverehrer, herzensguten Hilfslehrer und von Selbstzweifeln geplagten, doch seiner Begabung bewussten Genie denkbar simpel auf die Bühne. Thematisch, nicht aber musika-lisch greift es dabei Motive aus Heinrich Bertés Operetten-Welterfolg Das Dreimäderlhaus (1916) auf, dessen Libretto bekanntlich auf dem Schubert-Roman Schwammerl (1912) des Grazer Erfolgsautors Rudolf Hans Bartsch beruht. Es ist Groß‘ zweites Schubert-Stück. War das erste – zu den Grazer Stadtfeierlichkeiten und zum Schubert-Gedenkjahr 1928 aufgeführt – noch ein Potpourri inszenierter Anekdoten aus dem Leben, versucht der Autor hier mit einer bescheidenen Handlung die musikalische Entwicklung des großen Komponisten zu psychologisieren. Der Pasticcio-Charakter bleibt durch Schubert-Klassiker wie Ungeduld gewahrt, die als Gesangseinlagen leidlich handlungslogisch montiert werden; weiteres Liedgut steuerte der Mojsisovics-Schüler Emil Kaiser bei. Lokalkolorit bekommt das Stück durch ‚Wiener Typen‘ wie den trinkfreudigen ‚Hausmasta‘ Grundner, die lebenskluge alte Jungfer Grabenmarie oder den böhmakelnden Bedienten Wokaun, deren sozio- bzw. regiolektale Eigenheiten mit Gusto herausgearbeitet sind. Auch wenn negative Aspekte des ‚Alt-Wiener‘ Alltags nicht gänzlich ausgeblendet sind, dominiert doch eine historisierend-verklärende Volkstümlichkeit. Eben solche sentimentalen Singspielidyllen, die die vergangene Größe Österreichs identitätsbildend beschworen, waren die Vorlagen, an denen sich das kritische Volksstück der 1930er abarbeitete. Erfolg war dem Stück, in dem Groß die Hauptrolle spielte, nur bedingt beschieden. Nach der Uraufführung am 16. März 1935 folgten lediglich zwei Wiederholungen, darunter die 1600. Aufführung des Grazer Volkstheaters. Welche/r Illustrator/in sich hinter der beinahe chinesisch anmutenden Paraphe auf den beiden Titelblättern verbirgt, konnte bislang noch nicht eruiert werden.

Christian Neuhuber

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