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Robert Menasse: Doktor Faust in 5 Minuten

in Klassiker in fünf Minuten

Christoph Columbus entdeckte Amerika, die Europäer hatten, ohne es noch zu wissen, das Mittelalter verlassen und waren in die Neuzeit eingetreten, und just in diesem historischen Moment wanderte ein Mann durch Süddeutschland, der als Alchimist, Wunderheiler und Wahrsager sein Auskommen zu finden suchte, einen zweifelhaften Ruf erwarb, der, immer mehr ausgeschmückt und weitergesponnen, zu legendärem Ruhm anwuchs, bis dieser Mann, der ganz am Anfang der neuen Epoche stand, zum Inbegriff des modernen Menschen schlechthin wurde, zur Inkarnation der Epoche, an deren Ende wir heute leben, und sein letztlich erdichtetes Leben zu ihrer verdichteten Geschichte. Dieser Mann hieß Doktor Johann Georg Faust und er soll von 1480 bis 1540 gelebt haben. Aber die Lebensdaten sind so wenig gesichert wie selbst sein Name: gut möglich, dass er ganz anders hieß und den Namen Faustus – gleichsam als Künstlername – angenommen hatte, wie es bei Gelehrten in der Zeit der Renaissance verbreitet gewesen war: das lateinische „Faustus“ bedeutet „der Glückliche“, und wer sich so nannte, wollte damit ausdrücken, dass er humanistisch gebildet und, kraft seiner Bildung, so glücklich wie glückbringend sei, einer, dem glückt, was die Menschen in Wahrheit ersehnen. Aber was immer nun wahr oder erfunden, historisch verbürgt oder Legende ist, das Beispiel Doktor Faustus zeigt, dass es zwei Wahrheiten gibt: die unsichere und oft zweifelhafte Wahrheit historischer Fakten und die objektivierbare Wahrheit ihrer historischen Wirksamkeit – und dass es wesentlich um die letztere geht, wenn wir „unsere Wahrheit“ suchen, uns selbst verstehen wollen, als Produkt wirkender Geschichte.
Heute denken wir bei „Faust“ automatisch an Goethe, an seinen „Faust 1“, der seit Jahrzehnten zu Tode gespielt wird, und doch nicht umgebracht werden kann, und den „Faust 2“, der unspielbar, als Stück eine Totgeburt ist, dem aber doch immer wieder Bühnenleben einzuhauchen versucht wird. Tatsächlich aber war die Geschichte des Doktor Faustus und seines Pakts mit dem Teufel der am weitesten verbreitete und am öftesten literarisch verarbeitete Stoff in der europäischen Literatur seit dem 16. Jahrhundert. Durch unzählige Bearbeitungen und Fortschreibungen in Stücken, Erzählungen, Legenden, Romanen, Kalendergeschichten und Balladen entwickelte sich Doktor Faustus zur beliebtesten Kunstfigur der Populärkultur, er war gleichsam ein fiktiver Pop-Star, als Goethe sich mit dieser Figur zu beschäftigen begann und sie auf völlig neue Weise deutete. Aus dem Alchimisten und Scharlatan am Ende des Mittelalters, der vom Teufel geholt wird, wurde bei Goethe der moderne Mensch, der aus dem Mittelalter hervortritt und mit seinem skrupellosen Erkenntnis- und Machtstreben die Dynamik der Neuzeit repräsentiert. Der Pakt mit dem Teufel wird bei Goethe gleichsam säkularisiert, also aufgeklärt: sein Zweck ist nicht mehr irrationale Macht, also die Fähigkeit, Wunder vollbringen zu können, sondern rationale Macht, also die Beherrschung der Natur und ihrer Reichtümer und die Herrschaft über Menschen. Es geht nicht mehr um Glauben, sondern um das Wissen, was die Welt zusammenhält, sowohl die Materie, als auch das soziale Leben, es geht nicht mehr um Magie, also das Unmögliche, sondern um die Ausweitung der menschlichen Möglichkeiten, es geht nicht mehr darum, in der Welt, wie sie ist, sich sein Glück zu erschwindeln, sondern die Welt zu seinem größtmöglichen Glück zu verändern, mit allen Mitteln, die dem menschlichen Geist zur Verfügung stehen, und alle Grenzen und Hemmnisse des Menschen zu sprengen. Nicht mehr innere Einkehr und Fügung definieren den modernen Menschen, sondern Rastlosigkeit und – in jedem Wortsinn, nicht zuletzt auch ökonomisch: – ewiges Wachstum. Das „Wunder“, das Faust begehrt und das er nicht magisch, sondern naturwissenschaftlich begründet, ist die Prämisse noch unseres zeitgenössischen Lebens: Ewiges Wachstum in einer begrenzten Welt mit endlichen Ressourcen.
Man kann Goethes „Faust“ als Geschichte der Moderne lesen, von ihrem Anbeginn an bis zum Ende, das mit uns erreicht ist. Es beginnt in „Faust 1“ mit der Grundlegung aufgeklärten Denkens, nämlich mit Religionskritik und zugleich dem Zweifel am überlieferten Wissenschaftskanon. Die starre und unproduktive Dogmatik mittelalterlicher Wissenschaften wird auf den Müll geworfen und die Macht der Religion durch die Zerstörung der reinsten gläubigen Seele gebrochen. Dann, im „Faust 2“, wird in einem szenischen Reihenspiel die weitere Entwicklung vorgeführt: die Befreiung der Sinnlichkeit, die Entfesselung der Produktivkräfte, die Erfindung des Papiergelds und der Staatsanleihen als politisches Machtinstrument, die Überwindung der Fesseln der Naturgesetze (nicht durch Magie, sondern kraft der Natur des Menschen), zum Beispiel durch In-Vitro-Fertilisation oder durch Landgewinnung, wo kein Land war, bis hin zum Raubtier-Kapitalismus.
Wo es früher hieß: „Das muss mit dem Teufel zugehen!“, da gibt es heute keinen Zweifel mehr daran: das alles war und ist menschengemacht. Und weil es just darum in der Moderne ging, um die unendliche Ausreizung des Menschenmöglichen (im Schönsten wie im Entsetzlichsten), kann der Teufel schließlich auch betrogen und um seinen Lohn gebracht werden. Mit einem zutiefst menschlichen Trick, der am Ende von Goethes „Faust“ Gott in den Mund gelegt wird.
Das ist das Ende, und damit sind wir mit Goethes Stück in unsere Zeitgenossenschaft begleitet worden: denn heute ist der Teufel tot, niemand beruft sich auf ihn, niemand ruft ihn zu Hilfe, niemand strebt mehr mit ihm einen Pakt an. Der Mensch ist sich selbst Teufel genug.
Allerdings ist Gott wieder auferstanden. Aber das ist ein eigenes Stück.

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Robert Menasse, Schriftsteller, Essayist und Übersetzer, geb. 1954 in Wien. Zahlreiche Preise, u.a. Erich-Fried-Preis (2003), Österreichischer Kunstpreis für Literatur (2012), Heinrich-Mann-Preis (2013). Zuletzt erschienen „Heimat ist die schönste Utopie. Reden (wir) über Europa“ (Suhrkamp 2014) und „Europa sich ändern muss“ (Springer 2015).