Robert Menasse: Mein Leben mit Doktor Faust

in Klassiker in fünf Minuten/Neulich im Literaturhaus Graz

Robert Menasse war am 19.10. zu Gast im Literaturhaus Graz. Lesen Sie hier seinen Vortrag zu „seinem“ Faust nach:

1.

Goethes „Faust“: keiner versteht ihn ganz, dennoch ist die Figur des Doktor Faustus zum Prototyp des bürgerlichen, zumindest bildungsbürgerlichen Selbstverständnisses geworden, zum Paradigma von Geist und Welthaltung des bürgerlichen Zeitalters.
Liebt der Bürger sein Wesen nur, wenn er es nicht ganz versteht?
„Faust 1“ ist Jahr für Jahr bis heute das meistinszenierte und -gespielte Stück auf deutschen Bühnen, wahrscheinlich sogar weltweit. Und „Faust 2“, eher ein großer Essay mit Formelementen des vormodernen Reihenspiels, als Stück aber völlig unspielbar, wird immer wieder von den ehrgeizigsten Regisseuren auf Bühnen gestemmt, mit dem völlig unangemessenen Anspruch, auf höchstem Niveau zu scheitern. Unangemessen ist der Anspruch deshalb, weil er radikal anti-faustisch ist. Dass es genüge, sich strebend zu bemühen, um erlöst zu werden, ist ja nur die Pointe, die das Stück beendet, aber nicht die Idee, die das Stück trägt. Durch die Pointe wird Mephisto ausgetrickst, aber sie nimmt nichts zurück vom irdischen Wesen und Anspruch dessen, was man eben das Faustische nennt: nämlich nichts als unmöglich und als nicht-machbar anzuerkennen.
Fast jeder, der im Gymnasium gezwungen war, sich mit Goethes Faust zu beschäftigen, schien zunächst für Goethe, wenn nicht überhaupt für die Literatur verloren. Ist das nicht die Erinnerung von uns allen? Und dennoch finden die unzähligen Repertoire-Aufführungen und Neuinszenierungen des „Urfaust“, des „Faust 1“ und die hybriden Produktionen von „Hohem Scheitern am Faust 2“ enormes Publikumsinteresse und großen Zulauf.
Mit dem analytischen Besteck der Literaturwissenschaft ist weder der Text, noch seine phänomenale Karriere ganz zu entschlüsseln. Und es erklärt auch nichts, wenn man raunt, dass vielleicht genau darin die Erklärung für die Faszination liegt, die Goethes „Faust“ letztlich ausübt: dass wir es mit einem Text zu tun haben, der nie ganz entschlüsselt werden kann. Denn Texte, über die man dies sagen kann, gibt es einige, um nicht zu sagen viele, sie sind unser großes literaturgeschichtliches Vermögen. Beim Faust-Stoff aber muss noch etwas anderes dazukommen, das mehr ist als das, was man gemeinhin den „Rätselrest“ nennt.
Ich kann das natürlich auch nicht erklären, aber ich kann erzählen, warum mich Goethes „Faust“ zu faszinieren begann, wie ich schöpferisch wurde, indem ich Verdacht schöpfte, und wie mich der Faust-Stoff in der Folge immer mehr beschäftigte, bis ich schließlich die Faust-Inszenierungen, aber nicht mehr den Faust todlangweilig fand.

2.

Zunächst war ich natürlich auch gymnasiumsgeschädigt. Ich weiß nicht, ob es der Lehrplan zwingend vorschrieb, oder ob es der Liebe meines Deutschprofessors zu Goethe zu verdanken war: Wir mussten „Der Tragödie Erster Teil“ als „Hausübung“ lesen, was die wenigsten taten, und auch ich nur höchst gelangweilt und widerwillig, obwohl ich damals lesesüchtig war. Aber wir entkamen nicht, denn dann wurde der „Faust 1“ in den Unterrichtsstunden mit verteilten Rollen gelesen, was für mich Demütigungen und Hohn in der Klassengemeinschaft zur Folge hatte. Denn wir waren eine reine Bubenklasse, und es war meiner damals noch hellen Stimme zu verdanken, dass ich das Gretchen geben musste. Aber ich war es gewohnt, weil ich schon beim jährlichen Krippenspiel zu Weihnachten immer die Rolle der Maria zugewiesen bekam.
Wir hatten einen sehr guten, engagierten Deutsch-Lehrer, dem ich viel verdanke, aber vielleicht muss selbst der beste Pädagoge daran scheitern, bei Schülern  Interesse am „Faust“ zu wecken.
Wie liest ein Pubertierender den „Faust 1“? Ein Mann, der alles Mögliche studiert hat, bekennt, dass das alles nichts genützt hat, er ist ein Tor geblieben. Seine Torheit stellt er umgehend unter Beweis, indem er glaubt, einen Pakt mit dem Teufel eingehen zu müssen, nur um ein Mädchen verführen zu können. Das ist natürlich verrückt und besonders  in Knittelversen mühsam.
Ich erwähne diese Lesart deshalb, weil ich von einigen Selbstzeugnissen von Geistesgrößen weiß, dass sie sich von der Mühsal des Sich-Bildens auch sexuellen Profit erwarteten, wobei es nicht selten mit dem Teufel zugehen musste, wenn es klappte. Aber natürlich ist das nicht des Pudels Kern.
Die Qual war damit noch nicht zu Ende. Der Lehrer beschloss, nun den „Urfaust“ mit dem Schultheater, dem ich angehörte, auch noch zur öffentlichen Aufführung zu bringen. Vom Gretchen wurde ich zwar erlöst (die Tochter des Schuldirektors übernahm die Rolle), aber nicht von der Tragödie, die es bedeutet, bei unzähligen Proben stundenlang zuzuschauen, wie dieses Stück durchgekaut und deklamiert wird, auch wenn ich selbst als Bürger mit aufgeklebtem Bart beim Osterspaziergang nur für einen Satz auf die Bühne musste. Bei der Aufführung beobachtete ich dann die Eltern und die Würdenträger vom Stadtschulrat und vom Kulturministerium, wie sie da saßen mit ernster Miene, die sich in rhythmischen Abständen glücklich aufhellte, wenn ein geflügeltes Wort kam. Irgendwie beschlich mich dabei eine Ahnung, die ich damals natürlich nicht in Worte fassen konnte, aber rückblickend kann ich es vielleicht so formulieren: für viele, die sich als Bürger definieren wollen, sind die Orgien des Wiedererkennens der sinnliche Lohn für die Mühsal der Bildung.

3.

Ich studierte Germanistik. Goethe Pflicht. Es gab hochinteressante Angebote, lehrreiche Übungen zu Goethes Lyrik, zu „Wilhelm Meister“, zu den „Wahlverwandtschaften“. Und der „Faust“? Ein bisschen Werkgeschichte, ein bisschen Rezeptionsgeschichte, exemplarische Textanalyse. Im Grunde Vorbereitung auf die Lehramtsprüfung. Ich machte nicht Lehramt. Ich rutschte da irgendwie durch oder vorbei.
Vor der Uni traf ich eines Tages zufällig den ehemaligen Mitschüler, der damals bei der Schulaufführung des „Urfaust“ den Mephisto gespielt hatte. Er war, nach einhelliger Meinung aller, in dieser Rolle großartig gewesen, ein Theatertier, ein junges Schauspielgenie, mit den Worten des Direktors: „Unser neuer Gründgens!“ Vom Ehrgeiz des Lehrers angetrieben, und berauscht vom Talent, das er in sich entdeckte, hatte er nur noch für das Lernen des Textes, für die Proben, unermüdlich für die perfekte Ausarbeitung der Rolle gelebt, und dabei alle anderen schulischen Aufgaben vernachlässigt. Dieser Schüler war nicht in die Rolle des Mephisto geschlüpft, sondern Mephisto in diesen Schüler. Er hatte stehende Ovationen erhalten – war dann mit drei Nichtgenügend durchgefallen und unbedankt von der Schule geflogen.
Nun stand er vor der Uni und verteilte Flugblätter der „Aktion Neue Rechte“.
Er hatte sich um einen Platz im Reinhardt-Seminar bemüht, erzählte er, war aber nicht aufgenommen worden. Nun schlug er sich mit kleinen Rollen in Kellertheatern durch. „Aber wichtig ist jetzt die politische Arbeit“, sagte er, und dann, entsetzlich schmierentheatralisch: „Wir kommen wieder!“

4.

Gerade als ich mein Studium abgeschlossen hatte, kam István Szabós Film „Mephisto“ in die Kinos. Ich weiß nicht, ob ich mir den Film angesehen hätte, wenn ich nicht von meiner damaligen Freundin gedrängt worden wäre, sie zu begleiten. Dazu kam vielleicht auch, dass ich als „Gutmensch“, wie man heute sagt, von der Uni abgegangen war, und da gehörte Klaus Mann, dessen bis dahin gerichtlich verbotener Roman die Vorlage für den Film war, selbstverständlich zum kritischen literarischen Kanon.
Lauter falsche Voraussetzungen.
Ich war von Klaus Maria Brandauer als Höfgen/Gründgens/Mephisto natürlich sehr beeindruckt, aber irgendetwas störte mich an dem Film, irritierte mich so sehr, ohne dass ich es benennen konnte, dass ich mir den Film einige Tage später noch einmal alleine ansah. Aber ich kam nicht dahinter. Ich sah, was ich sah. Aber der Fehler war nicht zu sehen. Er war so perfekt in Szene gesetzt, dass man ihn nicht sah, weil man in Regie und Darstellung keinen Fehler sah.

5.

Es ist eine banale Erkenntnis, aber man muss sie erst einmal machen: alt zu werden, bedeutet, ein anderer zu werden. Das muss nicht bedeuten, dass man Grundsätzliches aufgibt, aber das Grundsätzliche besteht auch nur aus vielen kleinen Steinchen, die ein neues Muster ergeben, wie in einem Kaleidoskop, das die Zeit weiterdreht. Der Vorteil des Alterns im Computer-Zeitalter ist, dass man das Vergessen als eine Art längst fälliges Durchputzen der Festplatte sehen kann, solange man nicht ernsthaft dement wird. Und wenn man doch auf Vergessenes gestoßen wird, kommt die anthropologische Süße des Alterns dazu, nämlich die Sentimentalität, mit der man zum anderen, der man gewesen ist, „ich“ sagt. (Dies alles natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man das Privileg hatte, leben zu können, ohne Bedrohung von Leib und Leben.)
Mehr als zwanzig Jahre waren Faust- und Mephisto-frei vergangen, als ich vom Staatstheater Darmstadt die Einladung erhielt, einen neuen Faust zu schreiben. Das Theater plante ein „Faust-Jahr“. Inszenierungen von „Urfaust“, „Faust 1“ und „Faust 2“ waren in Auftrag gegeben, den Abschluss sollte die Auseinandersetzung eines zeitgenössischen Autors mit dem Faust-Stoff bilden. Der Theaterdirektor schrieb tatsächlich „zeitgenössischer Autor“, wodurch ich mich mehr herausgefordert fühlte, als es der Fall gewesen wäre, wenn er „lebender Autor“ geschrieben hätte. Zugleich aber fühlte ich mich überfordert. Ich hatte meine Erfahrungen. Aber ich hatte sie vergessen. Und auf jeden Fall nie geklärt.
Jetzt entschuldige ich mich im voraus für ein paar pathetische Sätze, die nun folgen müssen: ich bin dankbar dafür, wenngleich ich auch nicht weiß, wem, dass ich bisher ein Leben führen konnte, in dem ich nichts anderes tat, als das, was mich interessiert: träumen, lesen, diskutieren, ein bisschen schreiben. Wenn ich ein übergeordnetes Interesse hatte, dann war es dieses: meine Lebenszeit, also meine Zeitgenossenschaft und ihre Gewordenheit zu verstehen. Das ist nicht nur pathetisch, sondern auch und vor allem eine sehr zweifelhafte Geschäftsgrundlage. Mein Vater hatte mir prophezeit, dass ich in der Gosse landen werde, und mir erscheint es selbst als Wunder, dass seine Prophezeiung nicht eingetreten ist. Ich war nie leichtlebig. Umso schwieriger war es manchmal, aber letztlich blieb es dabei: ich habe immer nur gemacht, was mich interessierte.
Ende des pathetischen Intermezzos.
Und nun also die Einladung, einen „Faust“ zu schreiben.
Und zum ersten Mal konnte ich nicht begründen, warum ich „Ja“ sagte.

6.

Ich beschäftigte mich mehr als ein Jahr mit Goethes Faust, ohne dass ich mehr schrieb als einige Notizen. Ich las die beiden Teile von Goethes Faust, alle mögliche Sekundärliteratur und Kommentare, besorgte mir die auf DVD erhältlichen Faust-Inszenierungen von Gustav Gründgens, Dieter Dorn und Peter Stein. Was mich zunehmend faszinierte, und worauf die Sekundärliteratur natürlich auch immer wieder verwies, war die Aktualität des Stoffes. Vor allem bei genauer Lektüre von „Faust 2“ war ich verblüfft, wie stimmig manche Bilder und Szenen noch Auskunft über unser zeitgenössisches Handeln und Denken zu geben schienen, beziehungsweise wie leicht sie entsprechend interpretier- und aktualisierbar waren. Zugleich kam mir das aber zunehmend als völlig unangemessenes Spiel vor: in jeder Faust-Szene die ewige Gültigkeit des Goethe´schen Worts herauszuschälen und die alten Roben durch moderne Klamotten zu ersetzen. Es dauerte einige Zeit, bis ich begriff: ich bin in eine doppelte Falle gegangen: in die Regiefalle, und in die Ideologie-Falle, genauer gesagt, in die Falle der Selbstlegitimations-Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft (und die gibt es, auch wenn es ein bisschen altbacken marxistisch klingt).
Zunächst die Regie-Falle: Natürlich hat jeder Regisseur, zumal nach 1945, der Goethes Faust auf die Bühne stemmte, den Anspruch gehabt, die bleibende Aktualität des Stücks herauszuarbeiten und zu zeigen, dass er zeitgenössische Probleme, Irrungen und Wirrungen, mit dem Stück durchdeklinieren kann. Das ist der natürliche Anspruch jedes Regisseurs in Hinblick auf die Klassik im Allgemeinen und auf Goethes Faust im Besonderen,  von Gustav Gründgens´ Wiederaufbau-Inszenierung, die voller Anspielungen auf die gnadenlose Verführungskunst des Nationalsozialismus ist, sich daran abarbeitete und dadurch den ewig strebend sich bemühenden Zuschauer gleich miterlöste, bis zu Nicolas Stemanns Inszenierung des ganzen Faust bei den Salzburger Festspielen auf der Pernerinsel, in der Faust ein T-Shirt mit dem Logo der Deutschen Bank trägt. Letzteres Beispiel zeigt besonders deutlich, worin die Regie-Falle besteht: so legitim der Anspruch ist, die bleibende Gültigkeit eines Stücks herauszuarbeiten, es ist – auch nicht bei Goethes Faust – auf Teufel komm raus zu bewerkstelligen.
Ich hatte dadurch, dass ich mir immer wieder verschiedene Faust-Inszenierungen anschaute, mir den Blick des Regisseurs zu Eigen gemacht, der überprüft, was Goethes Text uns heute sagen kann – aber ich bin kein Regisseur, kein reproduzierender Theatermann, ich bin Autor, Dichter, mein Zugang musste also ein ganz anderer sein. Ich musste, wenn der Fauststoff aktuell noch etwas hergab, den Faust als Zeitgenossen neu schreiben und nicht „aktualisieren“. Es gab nur einen Weg aus der Falle: ich musste – auch wenn es wahnsinnig klingt – den Anspruch Goethes und nicht den der Goethe-Regisseure zu meinem machen.
Aber das ist keineswegs größenwahnsinnig, solange es keine Selbstgewissheit in Hinblick auf das Glücken impliziert. Es ist einfach logisch. Goethe hatte im Faust-Stoff die aktuellen Implikationen seiner Zeit gesehen, und er hatte Christopher Marlowes Faust-Stück gekannt. Wir wissen, dass er in Marlowes Faust vieles sah, das sich mit seiner eigenen Auffassung von Faust als einem Paradigma der Moderne deckte: Faust als Renaissance-Mensch, mit seiner Verachtung der Theologie und ihrer Jenseits-Orientierung, seine Sympathie für die maßlosen Ansprüche an die Welt, die Gier nach Sinnlichkeit und die Anmaßung, gottlos den Gottesauftrag zu erfüllen: Mache dir die Erde untertan! Dies unterschied, so Goethe, Marlowes Stück von allen anderen Bearbeitungen des Faust-Stoffs, die den Faust bloß als Schauergestalt oder als Witzfigur zeichneten. Übrigens: Auch der Wiener Hanswurst, der Wurstl, den keiner erschlagen kann und der ununterbrochen wie durch Zauberei das Unmögliche schafft, geht auf eine Verballhornung von seinerzeit populären Faust-Legenden zurück.
Wäre Goethe der Meinung gewesen, dass es genügte, Christopher Marlowes Faust neu zu inszenieren und mit einer Reihe von Regieeinfällen dessen Aktualität herauszuarbeiten, er hätte als Prinzipal des Weimarer Staatstheaters jede Möglichkeit dazu gehabt, und er hätte es getan. Aber er hat es nicht gemacht. Er hat den Faust neu geschrieben.
Mir wurde klar, dass dies also der Anspruch sein musste: Nicht Goethes Faust neu zu interpretieren, sondern den Typus Faust neu zu fassen. Der Nachkomme ist mit dem Vorfahren verwandt, mag gleiche Züge haben, in ihm manches wiedererkennen, aber er ist nicht mit ihm identisch.  Damit war ich auch – zumindest theoretisch – der Ideologie-Falle entkommen. Denn es ist selbstverständlich, dass die bürgerliche Gesellschaft, beziehungsweise was sich heute so nennt, und der liberale Kapitalismus sich als die beste aller Welten sehen, als ein Ende, das sich immanent weiterentwickeln und sich ausdehnen kann und muss, aber selbst kein Ende hat, keinen Untergang, keinen Übergang in etwas qualitativ Anderes und Neues haben kann. In Goethes Faust hat das Bürgertum den Prototyp des bürgerlichen Menschen erkannt, und in dem Maße, in dem Goethes Worte unausgesetzt als ewig gültige neu inszeniert und  in ihrer ewigen Unauslotbarkeit zelebriert werden, öffnet sich natürlich die ideologische Falle: der bürgerliche Mensch zeigt sich als der Mensch schlechthin. Nimmt man aber den Dichter ernst, und nicht den ideologischen Baldachin, der über ihn gespannt wurde, ist es natürlich umgekehrt: der Mensch schlechthin zeigt sich natürlich auch im bürgerlichen Menschen. Also auch im Doktor Faustus, wenn er denn dessen Prototyp ist. Als solcher ist er heute, wenn nicht am Ende, so doch in einer Krise, die völlig anders geartet ist, als es alle Aporien und Widersprüche der Erfahrungswelt Goethes waren. Zumindest hat er etwas, das Goethes Faust nicht haben konnte: die historischen Erfahrungen seither, das Wissen um die Verbrechen, die unermesslich größer waren als das zynische Spiel mit dem unschuldigen Gretchen und größer noch als die Ermordung von Philemon und Baucis.

7.

„Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…“
So kam es, dass ich wieder auf István Szabós „Mephisto“-Film stieß, ihn bestellte und nach langer Zeit noch einmal anschaute. Und nun, nachdem ich mich einige Zeit mit dem Faust-Stoff beschäftigt hatte, wurde mir klar, was mich seinerzeit so rätselhaft an diesem Film irritiert hatte. Szabós „Mephisto“ ist, nicht zuletzt durch Klaus Maria Brandauers virtuose Interpretation der Rolle von Höfgen/Gründgens, die faszinierende Studie eines Opportunisten, der bereit ist, seiner Karriere zuliebe alle menschlichen Prinzipen und Tugenden zu verraten. Er bringt mehr als nur Talent mit, glaubt also ein Anrecht auf seine Karriere zu haben, aber wie auch immer, er macht sie als Opportunist und nicht als Genie. Dies aber mit dem Faust-Stoff kurz zu schließen, ist völlig schief, Höfgen schließt seinen Pakt mit einer irdischen Macht und ist dann just als Mephisto deren Marionette. So gehen die steten Verweise auf das Faust-Stück nicht auf, denn der Faust ist nicht die Tragödie des Opportunisten, der sich einer irdischen Macht unterwirft und dabei seine Menschlichkeit verrät, sondern die Darstellung des Menschen, der radikal menschlich keine irdischen Zwänge und Beschränkungen akzeptiert, der bereit ist, jedes Bündnis einzugehen, das ihn ermächtigt sie zu sprengen, sie abzuschütteln und eine neue Welt zu erschaffen, selbst gegen die vordergründigen Grenzen der Naturgesetze.
Der Opportunismus ist eine eigene, oftmals mörderische menschliche Eigenschaft. Aber sie gleichsam zu mephistophilisieren, erzeugte letztlich eine unangenehme Spannung zwischen ihrer künstlerischen Überhöhung und metaphorischen Banalisierung. So irgendwie empfand ich es. Und auf keinen Fall hat sie etwas mit dem Faust-Stoff zu tun. Aber das zu begreifen, wurde mir auch wichtig. Nicht die Opportunisten und Karrieristen machen die Welt, sie bevölkern sie nur. In solchen Massen, dass manche eben in die Auslagen gestoßen und gerempelt werden.

8.

Seltsame Fügung, dass ich kurz nach Szabós „Mephisto“-Film den Schulkollegen wiedersah, der seinerzeit im Schultheater den Mephisto gespielt hatte. Ich sah ihn als Leiche in einem „Tatort“-Krimi.
Seither habe ich ihn nie wieder gesehen.

9.

Ich beschäftigte mich immer intensiver und mit wachsender Faszination mit Goethes „Faust 2“. Dem Leiter des Darmstädter Theaters sagte ich übrigens ab. Ich teilte ihm mit, dass ich außer Stande sei, das Stück zeitgerecht zu liefern. Er antwortete: „Nun machen Sie sich mal keinen Kopf, Herr Menasse. Bei uns hat noch nie einer pünktlich geliefert. Das ist selbstverständlich einkalkuliert. Sie haben also noch Zeit.“
Mein Stand der Dinge war mittlerweile der: Goethes Faust insgesamt ist eine große Erzählung der Geschichte der Moderne, vom Beginn der Aufklärung mit ihrem enzyklopädischen Bildungsanspruch, der übergeht in den Anspruch, die sinnliche, die materielle Welt zu beherrschen, durch die Naturwissenschaften, mit denen sich die Moderne von der mittelalterlichen Magie löst, die sie in gewissen Sinn dem Anspruch nach fortsetzt, im „Faust 2“ geht das bis zur In-vitro-Fertilisation, politisch durch die Entwicklung neuer rationaler Herrschaftsformen, bis hin zur Experten-Technokratie, und wirtschaftlich über die Entwicklung der Börse und der Erfindung des Papiergelds bis hin zum Heuschrecken-Kapitalismus am Ende des Stücks.
Aber worin lag nun mein zeitgenössischer Blick? In diesem Wiedererkennen? In der Rückschau?
Also gut, Rückschau. Da wird die Differenz deutlich.

10.

Was seither geschah.
Goethe hat mit der poetischen Durchdringung des „Faustischen“ eine geniale Metapher, letztlich den stimmigen Begriff für die systemische Dynamik der bürgerlichen Welt entwickelt. Alle konkreten sozialen Fesseln wurden in ihr in einem abstrakten Freiheitsbegriff aufgehoben, der sich für jeden konkretisierte, der sich die Freiheit nehmen konnte, alle Grenzen, die die sinnlich erfahrenen Naturgesetze den Menschen gesetzt hatten, wurden nach und nach durchbrochen, die Grenzen des Machbaren in allen gesellschaftlichen Bereichen immer weiter hinausgeschoben, das Wachstum des Möglichen, des Alles-Möglichen wurde zum Prinzip, zum Motor einer Welt, in der es den Anschein haben musste, dass es mit dem Teufel zuging.
Dass der Teufel seine Hand im Spiel hatte, ist sozusagen der mittelalterliche Rest im Bewusstsein der beginnenden Moderne, festgeschrieben im alten Faust-Stoff, von dem Goethe ausgegangen war. Im nie befriedigten Wissensdurst zeigt sich der Übergang. Aufklärung und Moderne haben allerdings nicht nur mit enzyklopädischer Wissenssammlung begonnen, sondern wesentlich mit Religionskritik, also dem Anspruch, die Geschicke des Menschen in die Hände des Menschen zu legen. Schließlich war Gott für tot erklärt – und dem Menschen alles möglich.
Darum war es gegangen.
Dostojewskis Verdikt, „Wenn Gott tot ist, dann ist alles erlaubt“, hat sich in der Folge zwar erwiesen – am Radikalsten in Auschwitz -, aber, und das ist neu, das ist sozusagen das „Faustische“ nach Goethe, es hat sich doch wieder und definitiv das Gegenteil durchgesetzt: Mit Gott ist auch alles erlaubt, aber besser, nämlich zugleich auch moralisch legitimiert.
Das ist das Erstaunliche: Goethe hatte aus der Religionskritik, der Verachtung der Theologie, dem mittelalterlichen Teufelspakt eine seinerzeit moderne Begründung gegeben, und davon in großer dichterischer Hellsichtigkeit die Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft abgeleitet: zunächst den Anspruch, die sinnliche Welt, das Diesseits, gewissenlos zu erobern, wovon sich im zweiten Teil der Anspruch auf ewiges Wachstum ableitet, der schrankenlosen Vermehrung aller Möglichkeiten – eine Dynamik, die so fundamental ist, dass, würde sie gestoppt, der Zusammenbruch der bürgerlichen Welt die Folge wäre.
Und die bürgerliche Welt funktioniert noch immer und immer schneller und hemmungsloser nach diesem Prinzip, weil sie nicht anders kann, zugleich erleben wir sie als angekränkelt und bedroht von einer tiefen Krise, nicht erst heute, aber auf jeden Fall heute. Goethe zeitgenössisch weiterdenkend kann man diese Krise nur so erklären: der ursprüngliche Pakt ist sinnlos geworden, hat seine gestaltende Wirkung verloren.
Denn heute wissen wir: nicht Gott ist tot, sondern der Teufel. Wir haben uns die Konsequenz dieses Sachverhalts noch viel zu wenig bewusst gemacht. Gott ist wiederbelebt, alles geschieht in seinem Namen. Der Export bürgerlicher Werte genauso wie der Kampf dagegen. Der Terror genauso wie der Kampf gegen den Terror. Der amerikanische Präsident telefoniert mit Gott, bevor er Truppen losschickt, und beendet seine Fernsehansprachen, in denen er seine Entscheidungen verkündet, mit „God bless America“, auf der Gegenseite wird „Gott ist groß!“ gerufen, wenn Ungläubige geköpft werden.
Niemand beruft sich mehr auf den Teufel, kein Mensch phantasiert einen Teufelspakt, um die Welt unter seine Kontrolle zu bringen. Nein, der Teufel ist tot, und Nietzsche paraphrasierend möchte man ausrufen: „Und Ihr habt ihn umgebracht!“ – mit jedem Menschen, den Ihr im Namen Gottes getötet habt!
Und weiters wissen wir heute, dass der Wunsch des rastlosen Doktor Faust, Erlösung im Verweilen zu finden, in einem Glücksmoment, der so schön ist, dass er stillstehen möge, eine Katastrophe wäre. In der Welt, die eben dieser Faust aufgebaut hat, ist alleine dieser Wunsch Geschäftsstörung, seine Verwirklichung wäre der Zusammenbruch des Systems, das unausgesetzte Dynamik und stetes Wachstums als Prinzip hat.
Ein zeitgenössischer Faust hätte, nein: hat diese historische Lektion gelernt. Ihm wäre, nein: ihm ist klar, dass er einen neuen Pakt braucht, um seine Welt zu retten.
Dieser Pakt muss nun mit Gott geschlossen werden. Und was Faust sich in diesem notwendigen neuen Pakt wünscht, kann ihm tatsächlich nur von einem Gott gewährt werden: nämlich in einer endlichen und begrenzten Welt mit schrumpfenden Ressourcen das Wunder zu vollbringen, unendliches Wachstum zu erzeugen.

11.

Wenn das gelänge, hätten wir einen Gottesbeweis. Aber alle Evidenz spricht dagegen. Und so lasse ich meinen Faust, nach zwei spannenden Jahren, die ich mit ihm verbrachte, am Ende vollends aufgeklärt – sterben.
Endlich. Endlich ist die Welt!