Erstdruck 1779 © Wikimedia, Foto H.- P. (bearb.)
Erstdruck 1779 © Wikimedia, Foto H.- P. (bearb.)

Robert Vellusig: „Nathan“ in 5 Minuten

in Klassiker in fünf Minuten

Lessings religionsphilosophisches Gedankenspiel

Lessing gehört zu den dichtenden Pfarrerssöhnen. Wie so viele Intellektuelle des 18. Jahrhunderts konnte auch er sich in den ihm zugedachten Lebensweg nicht finden. In Leipzig, wo er nach dem Willen des Vaters Theologie studiert, gerät er in Kontakt mit der Bühne der Neuberin und nimmt sich nach dem Erfolg seines ersten Lustspiels vor, „ein deutscher Molière“ zu werden. Als die Eltern davon erfahren, dass der hoffnungsvolle Sohn sein Studium abgebrochen hat und sich mit Freigeistern und Komödianten herumtreibt, sieht er sich mit dem Vorwurf moralischer Haltlosigkeit konfrontiert. In einem Brief an den Vater verteidigt er sich auf bemerkenswert souveräne Weise: „Die Xstliche Religion“, so sein Argument, „ist kein Werk, das man von seinen Eltern auf Treue und Glaube annehmen soll. Die meisten erben sie zwar von ihnen eben so wie ihr Vermögen, aber sie zeugen durch ihre Aufführung auch, was vor rechtschaffne Xsten sie sind.“ Was er für sich in Anspruch nimmt, ist nichts Geringeres als die Freiheit zur Selbstbestimmung und zum religiösen Freidenkertum:

„Die Zeit soll lehren ob der ein beßrer Xst ist, der die Grundsätze der christl. Lehre im Gedächtnisse, und oft, ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche geht, und alle Gebräuche mit macht, weil sie gewöhnlich sind; oder der, der einmal klüglich gezweifelt hat, und durch den Weg der Untersuchung zur Überzeugung gelangt ist, oder sich wenigstens noch darzu zu gelangen bestrebet. So lange ich nicht sehe, daß man eins der vornehmsten Gebote des Xstentums, Seinen Feind zu lieben nicht besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Xsten sind, die sich davor ausgeben.“

Dem Geist des klüglichen Zweifels ist auch die Frage verpflichtet, die Lessings Saladin 30 Jahre später dem weisen Juden Nathan stellen wird: „Was für ein Glaube, was für ein Gesetz / Hat dir am meisten eingeleuchtet?“ Brisant ist sie, weil sie die Entscheidung über das Seelenheil der „trockenen Vernunft“ überantwortet: „Ein Mann, wie du, bleibt da / Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt / Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, / Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.“ Eine solche Frage kann im Ernst nur jemand stellen, der aufgehört hat, sich selbst über seine Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zu definieren, gilt sie doch nicht irgendeiner Religion, sondern einem kulturhistorisch singulären Typ von Religion: den Offenbarungsreligionen und ihren heiligen Büchern. Mit ihnen kommt ein exklusiver Wahrheitsanspruch in die Welt, der Kultreligionen fremd ist. Nur Offenbarungsreligionen kennen neben der einen Wahrheit auch den Irr- und Aberglauben der Ketzer und Heiden. Dem nicht zu leugnenden „Nachteil, welchen geoffenbarte Religionen dem menschlichen Geschlechte bringen,“ ist Lessings dramatisches Gedicht gewidmet.

Seine Antwort auf die Frage nach der besten aller Religionen lautet: Es gibt keine wahren oder falschen Religionen; es gibt nur wahre und verheerende Weisen, das religiöse Erbe zu deuten und zu leben. Die Offenbarungsreligionen verwalten kein Wissen, das man haben und aufsagen kann. Im Gegenteil. Wer sich mit den „Satzungen und Formeln“ (Kant) seiner Religion im Besitz einer Wahrheit wähnt, von dem alle Un- und Andersgläubigen ausgeschlossen sind, unterliegt dem „Joch des Buchstabens“ und macht sich darüber selbst zum „betrogenen Betrieger“. Dass das buchstäbliche Verständnis der Bibel die Bilder und Gleichnisse der religiösen Verkündigung prinzipiell missversteht, stand für Lessing ebenso außer Zweifel wie der Gedanke, dass die religiöse Gleichnisrede prinzipiell deutungsfähig und auch deutungswürdig ist.

In seinen theologiekritischen Schriften versucht er das, was er die „innere Wahrheit“ der Religion nennt, philosophisch auf den Begriff zu bringen; im Nathan übersetzt er sie ins parabolische Spiel. Hier wie dort geht es ihm um die Überwindung eines Denkens in Lohn und Strafe und um die bittere Einsicht, dass es gerade der naive Glaube an die Gnade exklusiver Gotteskindschaft ist, der das Böse in die Welt bringt: Der eigentliche Skandal der Offenbarungsreligionen, den die Ringparabel sinnfällig macht, besteht darin, dass sich die väterliche Liebesgabe in den Händen der Söhne in ihr Gegenteil verkehrt. Die Alternative zu einer Ausrichtung des Lebens am Heilversprechen göttlicher Gebote liegt deshalb in der Verpflichtung des eigenen Willens auf das Gute, von dem man erkannt hat, dass es das Gute ist. Der Inbegriff dieses Guten ist das von Lessing sogenannte „Opus supererogatum“, das „überpflichtige Werk“ der Feindesliebe, das er als Ausdruck des wahren Christentums und der wahren Freimaurerei begreift.

Auf einer wundersamen Verkettung solcher guten Werke beruht auch Lessings dramatisches Spiel: An seinem Ursprung steht die Adoption des verwaisten Christenkindes durch den Juden, der seine „sieben hoffnungsvollen Söhne“ bei einem christlichen Pogrom verloren hat; fortgesetzt wird es mit der Begnadigung des christlichen Tempelherrn durch den muslimischen Sultan, vollendet durch die Rettung des Judenmädchens aus dem brennenden Haus, die den christlichen Ritter auf die Spur von Nathans Geheimnis bringt. Die bitterböse Pointe dieser Plotkonstruktion besteht darin, dass die Samaritertat, in der der verwaiste Nathan sein Lebensglück findet, ihm nun zum Unheil auszuschlagen droht: Der fromme Patriarch kann in ihr nur die Todsünde der Apostasie erkennen und verurteilt den unbekannten Juden deshalb zum Tod auf dem Scheiterhaufen.

Das „Märchen“ von den drei Ringen und die Geschichte von Rechas Adoption gehören zusammen. Das dramatische Spiel veranschaulicht die Parabel, so wie diese das dramatische Spiel deutet. Sein ganzer Reiz und sein intellektueller Reichtum offenbaren sich freilich erst dann, wenn man sich von der Vorstellung verabschiedet hat, auf Lessings Bühne werde die Toleranz zwischen den drei miteinander konkurrierenden Buchreligionen gepredigt. Lessings religionsphilosophisches Gedankenspiel macht etwas anderes: Es lässt die traditionelle Gestalt dieser Religionen hinter sich.

Buchempfehlung: Gisbert Ter-Nedden: Der fremde Lessing. Eine Revision des dramatischen Werks. Hrsg. v. Robert Vellusig. Göttingen: Wallstein 2016.