Urs Widmer: Brief an Klaus Hoffer

in Objekt des Monats

Typoskriptblatt (Seite 2), 3-seitiger, pag. Brief v. 5.1.2006 mit 3 hs. Korrekturen bzw. 1 Ergänzung. Vorlass Klaus Hoffer am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung, Karton 5 (Korrespondenz T – Z).

Den im April 2014 knapp vor seinem 76. Lebensjahr an Krebs verstorbenen Schweizer Autor Urs Widmer verband mit Klaus Hoffer, seinerseits Autor aus dem Kreis der Grazer Gruppe bzw. der Literaturzeitschrift manuskripte, ein langjähriger Briefaustausch sowie eine enge kollegiale und persönliche Freundschaft, die auch dadurch dokumentiert ist, dass die Zahl der Briefe Widmers an Hoffer jene der von anderen an den Verfasser des viel gerühmten Doppelromans Bei den Bieresch, bestehend aus Halbwegs (1979) sowie Der große Potlatsch (1983), gerichteten Briefe anderer Autoren, Wissenschaftler etc. bei weitem übersteigt.

Der Kontakt zwischen dem Autorenduo rührte zunächst von einer Begegnung im Hessischen Rundfunk im Jahre 1967 her, für den der zu dieser Zeit in Frankfurt lebende Widmer literarische Texte und eben auch solche des jungen Hoffer für das Radio bearbeitete. In der Folge blieb die Verbindung zwischen den beiden lebenslang aufrecht. Widmer knüpfte überhaupt ein enges Band zur Grazer literarischen Szene, besonders zu Alfred Kolleritsch‘ manuskripten – sein erster Text dort erschien im Heft 25 (1969), viele weitere sollten in den nächsten Jahrzehnten folgen. Es war Widmers ausdrücklicher Wunsch, dass in den manuskripten auch sein letzter Text (mit dem bezeichnenden Titel Im freien Fall – H. 204/2014) publiziert werde. Klaus Hoffer selber holte ihn in Zürich am Sterbebett des Freundes ab.

Schon die ersten Briefe Widmers sind erkennbar an einen sehr vertrauten Kompagnon gerichtet. In der unregelmäßigen, aber steten Korrespondenz der folgenden Jahre hielt man sich allgemein auf dem Laufenden, gab Bescheid über das jeweils eigene Befinden und wo es einen in der Weltgeschichte und im persönlichen Leben herumtrieb, immer wieder auch tauschte man sich über „Literatur und Literaten“, wie Hoffer in seiner Nachbemerkung zu dem erwähnten letzten manuskripte-Text Widmers notierte, und über das eigene Schreiben aus.

In dem 3-seitigen Brief vom 5. Januar 2006 dankt Widmer Hoffer „beeindruckt und berührt“ für dessen Essay Mutter, Vater, Kind – erstpubliziert in „Neue Rundschau“, H. 4 (2006), leichter zugänglich nun in Hoffers Essaysammlung Die Nähe des Fremden (Droschl 2008) –, in dem sich der Grazer Freund eingehend mit den beiden Erfolgsbüchern Widmers, den autobiographischen Romanen Der Geliebte der Mutter (2000) und Das Buch des Vaters (2004) befasst. Niemand noch habe, so schreibt Widmer, bei allem geäußerten Lob „so präzise, scharf und ernsthaft über das, was da erzählt wird, nachgedacht“. Widmers Elternerfahrung war bekanntermaßen traumatisch – in den beiden Büchern versuchte er den „Schmerz“, den das Zerbrechen der Elternehe für das Kleinkind bedeutete, weniger zu bewältigen als zu „verwandeln“ und zwar, wie er im Brief an Hoffer schreibt,  im Sinne des Satzes Walter Muschgs „Der wunderbarste Glanz eines Meisterwerkes ist der Schmerz, der nicht mehr schmerzt“. Lebensstoff in Literatur zu verwandeln, war ohnehin das offensichtlich große Schreibziel Widmers. Dabei war ihm weniger daran gelegen, tatsächlich Geschehenes zu erinnern als es zu erfinden. Das absolute Gedächtnis, wie Borges es fasste, die Frage, was Erinnern überhaupt ist, habe ihn, so in einem anderen Brief an Hoffer (v. 6.12.2007), immer schon fasziniert, nur wisse er, wie er in dem Jänner-Brief bekennt, gar nicht recht, „was `tatsächliche` Erinnerung ist und was eine Erfindung“. Deswegen wohl begriff er sein autobiographisches Schreiben ähnlich wie ein anderer bedeutender Schweizer Autor, Paul Nizon, als „Autofiction“. Im Schreiben über das eigene Leben wechsle, so Hoffer in seinem Essay Das Leben als schwebendes Provisorium (manuskripte 201, 2013), Widmer bald einmal „aus dem Reich der facta in das der ficta“, denn die Literatur diene diesem nicht der „Nachzeichnung, sondern der Konstruktion“.

Am Schluss sollen Leseempfehlungen stehen. Ans Herz gelegt seien ausdrücklich Widmers Der Geliebte der Mutter (2000), Das Buch des Vaters (2004), schließlich noch Reise an den Rand des Universums (2013). Ferner Klaus Hoffers oben erwähnte Essays Mutter, Vater, Kind sowie Das Leben als schwebendes Provisorium. Mit der Lektüre dieser Texte ist man gewiss wenigstens drei Wochen beschäftigt – das ist, wenn man im Alltag eingezwängt ist, schon recht viel, aber versprochen: es ist sicher sehr lohnend!

Harald Miesbacher