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Ursula Timea Rossel:
Babylonisches Bier

in Dossier: Was wird Literatur?

Ipiq-Aya war ein babylonischer Schreiber. Sein Epos Atrahasis aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus wurde Literatur: die Sintflut (die Ipiq-Aya natürlich nicht selber erfand) schlug sich in unzähligen Mythen und Erzählungen nieder und wurde Baustein heiliger Texte von Weltreligionen. Darum wissen wir, dass wir Menschen erschaffen wurden, um die Götter von ihrer gewaltigen Arbeit zu entlasten, als Sklaven also. Wir erzürnen mit unserem Lärm die schlaflosen Götter, so dass sie uns durch Seuchen, Hungersnöte, Kriege und schließlich durch die Flut, partielle Unfruchtbarkeit und die Einführung der Sterblichkeit in unsere Schranken weisen mussten und immer wieder müssen.

Hätten Sie Ipiq-Aya gefragt, was Literatur wird, er hätte sicher genausowenig eine Antwort gewusst wie ich heute. Jedenfalls dürfen wir Zeitgenossen nicht damit rechnen, dass man unsere Geschichten noch in 4000 Jahren liest und weiterverarbeitet, dass sie Eingang finden ins kollektive Bewusstsein der Menschheit. Ich unterstelle Ipiq-Aya einmal, dass auch er sich nicht mit solch vermessenen Ambitionen herumplagte; sicherlich tat er ebenfalls schlicht seine Arbeit, die ja stillsteht, sobald man sich auf die Metaebene begibt. Die Babylonier schauten ohnehin rückwärts, für sie lag das Goldene Zeitalter in der Vergangenheit. Wir heutigen Leser sind bedeutungslos für Ipiq-Aya. Doch immerhin hat er sein Werk signiert, eine überaus futuristische Anwandlung.

Die ZEIT entscheidet darüber, was Literatur wird. Ich meine nicht die Kalenderzeit, die verstreicht, damit man später siebe, was übrigbleibe. Die Zeit, die einen Schreiber umgibt (und seine Widerständigkeit gegen sie), ist gemeint, und die Zeit, die er in sich trägt, Zeit vor ihm, an die er sich erinnern kann. Es ist unabdingbar, dass der Schreiber sein Gedächtnis ausbildet. Es muss zurückreichen in unvordenkliche Zeiten, dann hin, wo längst noch keine Menschen existierten, noch nicht einmal Götter und Bakterien. Jeder Schreiber, so glaube ich, muss mindestens einmal in seinem Arbeitsleben eine Schöpfungsgeschichte schreiben, wobei er sich zwangsläufig komplett erschöpft. Nur so befähigt er sich auch zur Prophezeiung, zur Science Fiction, wenn wir Zukunftsliteratur so salopp bezeichnen wollen: ein weiteres Phänomen der Erinnerung.
Die andere Zeit, die Kalenderzeit, die nach dem Ableben des Schreibers weitertickt, liegt dann natürlich noch weniger in seiner Hand. Ipiq-Ayas Epos war so lebendig, dass es kopiert, verbreitet, neu erzählt, übersetzt wurde. Es wurde bereits von Zeitgenossen aufgenommen, im Gilgamesch-Epos variiert, landete in assyrischer Version in der Palastbibliothek Assurbanipals zu Ninive, fand zu den Hebräern und so Eingang ins Alte Testament. Wir alle kennen noch Atrahasis den Extra-Weisen, wenn auch vielleicht unter anderen Namen.
Wohlverstanden: Wir kennen Atrahasis! Nicht Ipiq-Aya; noch weniger die Sänger und Karawanenlagerfeuererzähler, die das Material vor ihm mündlich weiterreichten. Und so soll es sein.

Science Fiction! Spulen wir weitere knappe 4000 Jahre vorwärts, ins Jahr 5800 etwa, und nehmen wir an: es gibt noch Menschen, oder ein Menschenupgrade, oder eine andere Bewusstseinsform, die sich für unser „Goldenes Zeitalter“ (da lachen die Götter!) genug interessiert, um Archäologie zu betreiben. Nie ging die Weltbevölkerung dermaßen aus dem Leim, nie war sie so durchalphabetisiert, nie wurde quantitativ so monströs viel geschrieben wie in den Zwei-Nuller-und-Folgejahren. Dennoch werden diese Archäologen Augen machen wie Suppenteller und trotzdem kaum noch schriftliche Zeugnisse finden. Nichts als ein paar gut erhaltene Bibeln und Korane, wie in den Jahrhunderten davor; vielleicht einige entsetzlich langweilige private Tagebücher, oder nicht einmal das. Denn wir schrieben nicht, wir tippten, ohne verlässliche Speichermedien…

Es gibt Momentgedichte, Minuten- oder Stundentexte. Spoken Word, ein Blogpost, eine Ballade gestegreift am Lagerfeuer, oder ein billiges Taschenbuch, das auf die Dekade zielt, kann beträchtlich in die Breite wirken. Das alles ist manchmal Literatur, nicht minder als Atrahasis. Es kann vom Augenblick, vom Ambiente, abhängen, ob etwas Ephemeres Literatur wird. Es verglüht gleich wieder. Zum Sterben schön: ein Mandala, von buddhistischen Mönchen hingehaucht und sogleich wieder weggefegt. Wir wissen nicht, wie so etwas kommt und vergeht.

Für langsam Reifendes mit Tiefenwirkung vom Typ Atrahasis aber können wir einige Bedingungen ableiten, die erfüllt sein müssen, damit Literatur im besten Fall werden kann:
Es braucht die Schriftlichkeit, notabene die Handschriftlichkeit, denn Schreiben ist ein physischer Akt genau wie das Lesen. Mit Elektroden an der Schläfe wird dauerhafte Literatur weder verfasst noch rezipiert werden (Momentliteratur vielleicht).
Es braucht ein handfestes Medium, denn haltbare Literatur ist ein physischer Gegenstand. Ipiq-Ayas Tontafeln haben sich schier konkurrenzlos bewährt, obschon sie offensichtliche Nachteile mit sich brachten (die Geschichte der sumerischen Büroklammer, die einem heutigen Wäscheständer gleichen musste, habe ich an anderer Stelle bereits erzählt). Der Buchdruck liegt seit bald 600 Jahren gut im Rennen, und ich denke, wir tun gut daran, weiterhin auf ihn zu setzen. Unsere Generation wird nicht mehr erfahren, ob das Digitale dereinst auch ein sicheres, simpel und immer gleich zu bedienendes sowie energieunabhängiges Medium bieten wird. Bisher zeichnet sich nichts dergleichen ab. Unsere ZEIT, Kraft, und Arbeit sind zu teuer dafür.

Viele von uns sind sicher vorübergehend der „Saumode“ zum Opfer gefallen, aus Bequemlichkeit direkt am Computer zu tippen; besser, je schneller man sich das wieder abgewöhnt! Erstens ist es eine Täuschung, dass dies schneller geht; zweitens nimmt es massiven Einfluss auf die Qualität des Geschriebenen. Teure Notizbücher mit schwerem Papier und lichtechte Tinte sind kein Luxus, sondern ein Bekenntnis zur eigenen Arbeit.
Desgleichen zahlt es sich zwar vorerst nicht finanziell, aber sonst in allen Belangen aus, einen Verlag zu wählen, der ebenfalls auf zeitlose Qualität ausgerichtet ist, vom Lektorat bis hin zum physischen Gegenstand, dem sprichwörtlichen „Schönen Buch“.

Damit will ich nicht etwa sagen, dass jeder Furz, den wir notieren, ewiges Lesen verdienen würde. Doch in media res kann der Schreiber nicht einschätzen, ob der Text das Potential zu Literatur entwickeln wird. Das wird meist erst Jahre später ersichtlich, wenn die alten Fürze zur Überarbeitung hervorgekramt werden. Zumindest während der eigenen Lebensspanne sollte man doch seine Handschriften zur Verfügung haben und wiederfinden können! Man muss wirklich nicht alles selber sortieren und aufräumen; das hysterische „Ballastabwerfen“ ist auch nichts weiter als ein zeitgenössisches Symptom. Wichtiger ist, dass man seinen Nachlass regelt, jetzt, sofort!, diese Papiere jährlich überarbeitet, und eine Person des Vertrauens designiert, die im Falle unverhofften Ablebens die privaten Journale vernichtet. Den Rest können wir getrost der ZEIT überlassen. Wir müssen uns Zeit lassen, mehr denn je, unserer Zeit zum Trotz. Ein Buch, das sich in zwei Jährchen schreiben lässt, ist selten Literatur und bleibt es kaum je, das behaupte ich. Was Literatur wird, ist nicht unsere Sorge. Wir müssen nur unsere Arbeit tun.

Es ist aber nicht die ZEIT allein, die entscheidet. Es ist auch, obwohl Kulturmenschen es nicht gern hören, die NATUR. Ipiq-Aya hatte Wasser, Bier und Nahrung. Seine Gesundheit erlaubte ihm zu schreiben. Die Witterung war seinen Tontafeln wohlgesinnt. Vergessen wir nie, dass wir auf dem lebendigen Fleisch der Bäume schreiben: dann geben wir der möglichen Literatur ZEIT, unsere einzige Lebenszeit. Ich plädiere für mehr Demut, weniger Lärm, und vor allem dafür, dies alles nicht so babylonisch bierernst zu nehmen. Ohne Pathos keine Haltbarkeit!

Ursula Timea Rossel, Schriftstellerin und Ingenieur-Agronomin, geb. 1975 in Thun, gründete 2006 die Kryptogeographische Gesellschaft. Zuletzt veröffentlicht: „Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz“ (2011).