© Hannes Schwab, Literaturhaus
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Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie

Di 03.07.2018 - Fr 31.08.2018

Buchtipp für den Sommer von Elisabeth Loibner.

Luftig-leicht und zugleich poetisch-melancholisch, mit manchmal heiteren Untertönen entwirft Milena Michiko Flašar in ihrem neuen Roman behutsam die Welt eines Mannes, der bereits im Ruhestand, nichts so recht mit sich und der vielen Zeit, die er nun hat, anzufangen weiß. Angesiedelt ist das Romangeschehen wie schon in Ich nannte ihn Krawatte wieder in Japan, genauer in einem japanischen Vorort. Flašar beschreibt stille Alltagsroutinen des Rentners, das Nebeinanderherleben mit seiner Ehefrau, die Einsamkeit, das Gefühl der Nutzlosigkeit – ein durch die Pensionierung Aus-der-Bahngeworfen-werden, das als Syndrom bereits einen eigenen Namen hat: RHS – retired husband syndrom.

Die Kinder sind längst aus dem Haus, die Frau hat ihre eigenen kleinen Beschäftigungen und schickt ihren Mann regelmäßig zum Spazierengehen raus, wo er gehörig ins Schwitzen kommt: „Der Grund dafür: dass er völlig sinnlos unterwegs ist. Ohne Richtung. Ohne Ziel“.

Fast märchenhaft mutet es dann an, als der Rentner bei einem seiner Gänge von Mie angesprochen wird, die ihn unter dem Decknamen Herr Kato für ihre Agentur Happy family anheuert: „Wir helfen den Menschen dabei, sich zugehörig zu fühlen. Die Grundlage von Glück“. Im Geheimen spielt er ab nun für die Agentur bei fremden Menschen und Familien mal Familienangehörige mal einen Vorgesetzten, wobei die Konfrontation mit den Lebensarten und tragischen Schicksalen der anderen zu kleinen Wendepunkten in seinem eigenen Leben führt und der eine oder andere kleine Schwindel es ihm ermöglicht, den Alltag, ja das Leben überhaupt erträglicher zu machen – denn manchmal sind „Lügen wahrer als das Leben“.

Was mich u.a. bei der Lektüre fasziniert, ist – womit ich einen Ausdruck aus diesem Roman verallgemeinern möchte – die „leise Musik“ in der Sprache und in den Bildern der Autorin. Denn was inmitten der so sinnlos und ziellos scheinendenden Belanglosigkeiten, die Herrn Katos Leben ausmachen, immer wieder aufleuchtet, sind umso bedeutsamere, friedensstiftende Augenblicke und Bilder der Leichtigkeit, des Tanzes, eines Lächelns, oder sei es auch nur eines einfachen Schauens „in die Luft“. Und vielleicht gehen gerade damit auch jene kurzlebigen Momente einher, die die „Grundlage für Glück“ bilden können.

Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie. Wagenbach Verlag 2018, 176 Seiten