#WasKannLiteratur – Ilma Rakusa

in #WasKannLiteratur - Statement

WAS KANN LITERATUR?

Die Frage klingt so, als stünde die Literatur unter Rechtfertigungszwang und müsste beweisen, wozu sie taugt. Warum eigentlich? Wem ist sie Rechenschaft schuldig? Wer wagt es, an ihrem Sinn zu zweifeln? Es genügt, auch nur eine einzige Seite von Dostojewski, Döblin, Joyce oder Mayröcker zu lesen, und die Antwort ist parat: Die Literatur kann alles, wenn sie es denn kann und will. Das heisst, wenn sie ihren Anspruch nicht herunterschraubt oder gar opfert zugunsten von Marktgängigkeit usw. Die Gefahr heute ist gross, der Mainstream übt massiven Druck aus.
Wir leben bekanntlich in einer Zeit inflationärer Meinungsmache, wo jede beliebige (noch so dürftige) Äusserung im Netz tausendfach verbreitet wird. Tempo und Emotion zählen mehr als Gedanke und sorgfältige Formulierung, klare Durchsagen mehr als differenzierte Erwägungen. Hauptsache, man erzielt Wirkung und wird ge“like“t. Alles andere gilt als zu anstrengend.
Gute Literatur lässt sich nicht vereinnahmen und schielt nicht auf Erfolg. Sie tut, was sie muss: indem sie der Phantasie Raum gönnt, differenziert, statt sich in Schwarzweissmalerei zu ergehen, indem sie mit poetischer Vieldeutigkeit, Metaphern und Wortspielen operiert und den Reichtum der Sprache auch klanglich ausschöpft. Ganz egal, wovon sie handelt, auf dieses Wie kommt es an. Denn nur dadurch wird Literatur suggestiv, innovativ, provokativ, entfaltet sie visionäre Kräfte und vermag den Leser zu berühren, ja aufzurütteln, oder für Details, aus denen das Leben ja grösstenteils besteht, nachhaltig zu sensibilisieren.
Gute Literatur hat das Zeug zur Zeitlosigkeit. Anders als die schnellen Medien setzt sie auf Gestaltung, ja Verwandlung: indem sie ihr Material kunstvoll formt, entzieht sie es willkürlichem Verschleiss und raschem Konsum.
Und selbstverständlich ist Literatur, die diesen Namen verdient, komplex (im Unterschied zu politischen Verlautbarungen oder massentauglichen Ratgebern) und bewegt sich nicht in einer Komfortzone. Auch fordert sie dem Leser einiges an Mitarbeit ab. Das mag anstrengend sein, lohnt sich aber allemal.
Ein Beispiel, denn ohne Beispiele bleibt das Gesagte zu abstrakt. Ich wähle ein Gedicht von Marion Poschmann aus dem Band „Geliehene Landschaften“ (2016). Es heisst „Vorschriften zum Gebrauch des Gemüts“ und spielt in Finnland:

Nur weil die Dinge sich änderten, ein gelbes Blatt seinen
Platz verliess, lässt ihre Überzeugungskraft nicht nach.
Nur weil die Blätter in glatten Spiralen auftreiben,

hat diese Landschaft noch keine Rückseite. Übe
Genügsamkeit. Hüt dich vor Überdruss. Es ist die Stunde
nachmittagsstiller Birken, bevor alle Dinge

kippen. Es ist die Stunde schmelzender Polkappen,
tauender Taiga. Jeder gefilzte Felsen im
Dekorationsgeschäft möchte ein guter Verlierer sein.

Neun Zeilen – und eine ganze Welt. Mit Birken, Klimawandel, leichter Melancholie und ironischen Fingerzeigen. So redet im Alltag keiner; das ganze Diskurs-Blabla, das täglich über uns hereinschwappt, ist meilenweit entfernt. Und doch geht es nicht um irgendein Stimmungsbild, das uns egal sein könnte. Der elegische Ton ist begründet und trifft einen Nerv unserer Zeit, in den Kippmomenten des Gedichts oszillieren Weisheit und Witz. Was sich im Übrigen auch am Titel ablesen lässt.
Literatur? Und ob. Auf knappstem Raum tun sich hier Perspektiven auf, die uns angehen. Und die Sprache weiss in jedem Laut, wozu sie gut ist.
Das weiss sie auch bei Friederike Mayröcker, wenn auch auf ganz andere Art. Ich zitiere aus „Mythos und Schwalbe“ (2018), dieser sprachekstatischen Text-Collage, deren Assoziations- und Zitatfülle im Leser einen „Flow“ auslöst:
„…Schwester Margareta im Plüschsessel ihre Beine vor sich hin streckend ausstreckend: war dies eine Pose heimlicher Schamlosigkeit, das menschliche Hirn ist nicht kommunistisch! die vergilbte Mutter, auf alter Fotografie, was ist denn aus uns geworden, schreibe ich an Valérie B., Aristoteles beklatschte die Einheit von Zeit und Raum, usw., möchte die ganze Zeit nur im Bette liegend im Mondschein im powder room (Ann Cotten), habe eine Stunde lang gefrühstückt, schlafe gerne auf rechtem Ohr dessen Läppchen…… Schwester Reinhild hält grosze Lupe über den Text des Stundenbuchs, habe einen Lichtenberg und die Notizbücher v.Achim Freyer bestellt. Ist die frz.Sprache eine Sprache der raison? ich werde gewaschen gewogen ich werde gemessen gezogen ins Himmelreich Puls 95, Allegorie eines Traums.“
Das ist radikal subjektiv, exzentrisch und exzessiv, aber von einem unwiderstehlichen Sog, der – zumindest bei mir – die Phantasiearbeit enorm anregt. Man muss nicht alles verstehen (wollen), denn Mayröckers Denken und Syntax gehorchen eigenen Gesetzen. Aber man sollte sich diesem rücksichtslosen Alterstext mit seinen „Erfindungen und Delirien“ anvertrauen und seine existenziellen Abgründe und dunklen Erinnerungslabyrinthe ausloten. So wie Mayröcker hat noch niemand von ihnen gesprochen.
Gute Literatur ist einzigartig und unverwechselbar. Ein Gemeinplatz? Sei’sdrum. Mehr muss auch nicht gesagt werden. Literatur will gelesen sein.