Werner Schwab: Musikkassetten

in Objekt des Monats

3 Audiokassetten mit handschriftlicher Beschriftung von Werner Schwab, undatiert, mit diversen Radio-Mitschnitten, aus dem Nachlass des Schriftstellers am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung.

Das oststeirische Dorf Kohlberg, wohin Werner Schwab (1958–1994) nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Wien übersiedelte, war in den 1980er Jahren Ort eines (sub)kulturellen Transfers, der sich in Radio-Mitschnitten auf dem mittlerweile veralteten Medium Musikkassette dokumentiert hat, und dessen Latenzzeit erst Anfang der 1990er Jahre – als Schwab zum Star an österreichischen und deutschsprachigen Bühnen avancierte – sichtbar wurde. Schwab, der in Wien erfolglos versucht hatte elektroakustische Musik zu studieren, zunächst als Musiker figurieren wollte, verfolgte passioniert von seiner Landwirtschaft aus die Entwicklungen des musikalischen „Undergrounds“ in den USA, (West-)Deutschland, England und Jugoslawien. Dabei spielte nicht nur die Sendereihe „Musicbox“ des österreichischen Radiosenders Ö3 eine wichtige Rolle, sondern auch die Sendung „Novi Rok“ des slowenischen Senders Ljubljana 2, die Schwab – der Mitschnitte der Sendungen anfertigte – verfolgte, informierten sie ihn doch, ebenso wie sein Abo der westdeutschen Musikzeitschrift „Spex“, über aktuelle musikalische Entwicklungen. Auffallend ist Schwabs Interesse an Bands, die avantgardistischen und experimentellen Musikrichtungen wie (Post-)Punk, Industrial, Noise Rock oder No Wave zuzuordnen sind. Er rezipierte so unterschiedliche Formationen, deren Gemeinsamkeit v. a. darin bestand, sich außerhalb des Mainstreams zu bewegen, wie u. a. Sonic Youth, Big Black, Foetus (alias J. G. Thirlwell), Diamanda Galás, Nick Cave, Laibach, Swans und Einstürzende Neubauten, für die Schwab Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm (UA 1994) verfassen sollte.
Was für die von Schwab rezipierten Musikrichtungen, etwa den Industrial gilt, der kunst- bzw. musikferne Materialien vermischt, bearbeitet, verfremdet und in Samples verzerrt, rhythmisiert und reproduziert – wobei alles potentiell Tonerzeugende zweckentfremdet wird und sich Klangkörper von Schrotthaufen und Müllkippen rekrutieren –, zeichnet graduell auch Schwabs Werk aus. In produktionsästhetischer Hinsicht waren diese Musikgenres für sein Schreiben zentral, begleiteten seine exzessiven Hörgewohnheiten doch seine Schreibarbeit. Einen maßgeblichen Einfluss hatten diese Gruppen nicht nur auf seinen Habitus, das von ihm selbst so benannte und inszenierte „Projekt Schwab“, sondern auch auf das sogenannte „Schwabische“. Affinitäten ergeben sich bezüglich der Wirkungs-Ästhetik, „Sounds“ und Motive seiner Text. Das Stück Kerosene der Noise-Rock-Band Big Black auf dem Album „Atomizer“ (Homestead 1986) korrespondiert mit Schwabs existenzieller Situation in der oststeirischen Isolation. Das intrikate Spiel mit Versatzstücken faschistischer Ideologien der jugoslawischen Band Laibach kehrt bei Schwab in seiner hochartifiziellen literarischen Sprache wieder und Songs wie Raping a Slave auf dem Konzeptalbum „Cop“ (K.422 1984) der New Yorker Band Swans, über sexuelle Depravation und autoritäre Mächte, korrespondiert motivisch mit Schwabs Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos (UA 1991).

Stefan Maurer