Wilhelm Muster: Lebenslauf [1955]

in Objekt des Monats

Durchschlag eines Typoskriptblatts, undat. [1955], unpag., Archiv des Franz-Nabl-Instituts für Literaturforschung, Nachlass Muster, K 1/33.

Dieser selbstverfasste Lebenslauf des Grazer Autors Wilhelm Muster (1916-1994) stammt aus dem Jahr 1955. Zu diesem Zeitpunkt hatte der 1952 nach Madrid übersiedelte Muster, der seine Kindheit und Jugend in Mureck an der Grenze zu Jugoslawien verbracht hatte, immerhin bereits eine erste selbständige Publikation vorzuweisen: Vom Nutzen der Flaschenpost oder Der Weg über Westindien, eine nach heutigen Maßstäben bibliophile Rarität als Handdruck in der „Alpha Presse“ in Zürich (1953), illustriert vom vielseitigen Schweizer Künstler Paul Leber (1928-2015). Die Schlusssätze von Musters Text lauten: „So will ich denn in der Freude des Abschieds, in der Salzluft der Freiheit, bevor ich die Flasche siegle, auf den Zettel schreiben: ,Hier möchte ich nicht mehr gefunden werden‘.“ Die Neugier des Entdeckers, der dann seine Texte als Flaschenpost einem ungewissen Schicksal einer zeitversetzten, möglicherweise falschen Rezeption überantwortet, ist Musters Triebfeder. Was der entkorkten Flasche schließlich entströmt, ist dabei ebenso ungewiss und vieldeutig wie sich die Aneignung des sprachlichen Flaschengeists als interessengeleiteter, perspektivischer Zugriff darstellt: Es sind in Musters Poetik dann Ansätze zu Geschichten, abgebrochene Anläufe, ein fragmentarisches Weiterspinnen von Mythen, verklausulierte autobiographische Erfahrungen, herbeizitierte (historische) Kontexte – meist eingespannt in eine durchaus prall-lebendige Handlungsschilderung mit einem Figurenerleben, das zwischen den antagonistischen Polen Eros und Thanatos oszilliert. Musters Romane (Aller Nächte Tag 1960 bzw. unter dem Titel Silbermeister 1983; Der Tod kommt ohne Trommel 1980; Pulverland 1986; Auf den Spuren der Kuskusesser 1993) wurden entsprechend in der Rezeption dem „postmodernen“ Erzählen zugeschlagen, waren sie doch mit der Selbstthematisierung des Erzählprozesses, der multiplen Identität der Figuren, dem „Fälschen“ und Fingieren von Fakten, der bewussten Negation von (durch Anspielungen heraufbeschworenen) Erwartungshaltungen nicht nur gegenüber dem traditionell-linearen Erzählen abzugrenzen, sondern auch gegenüber demjenigen der „Avantgarde“ im Sinn der Moderne, vor allem auch deswegen, weil sich Muster nicht in die sprachkritische Tradition der „Wiener Gruppe“ oder in jene der (frühen) „Grazer Gruppe“ einreihen ließ. Die unbändige Fabulierlust der spanischen Literatur, welcher der Autor in vielen sprachlich höchst kreativen und genauen Übersetzungen seine Reverenz erweisen sollte, blieb nicht ohne Auswirkungen auf die eigenen Texte; damit fiel Muster allerdings zwischen allen lokalen und überregionalen deutschsprachigen Parteiungen durch: kein konservativer, naiver Geschichtenerzähler, kein sprachzertrümmernder Avantgardist, kein Mythenaktualisierer…

Ein buntes, widersprüchliches, vielseitiges Leben mit vielen Enttäuschungen, Irrtümern, mit überbordender Begeisterung – vor allem eine Persönlichkeit ausgestattet mit einer feinen Ironie auf melancholischem Hintergrund, von der sich der Verfasser dieser Zeilen Anfang der 90er Jahre selbst überzeugen konnte.

Musters autobiographische Skizzen (die letzte, sehr umfangreiche aus dem Jahr 1990, abgedruckt in der bislang einzigen Monographie Was ist das, so gewesen ist? von Jerzy Staus, 1996) sind allerdings trotz des locker-ironisierenden Grundtons auffällig um Faktentreue bemüht, oft kombiniert mit einer frappierenden Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber; keineswegs löst sich hier die Autorperson in widersprüchlichen Zuschreibungen, Fingierungen oder gar Erfindungen auf, denn möglicherweise wollte Wilhelm Muster ja doch „gefunden werden“. Der Fallstrick versteckt sich vielleicht in einer Formulierung unseres Texts: „[…] denn wer ist gerne unbedingt?“

Gerhard Fuchs