Wolfgang Bauer an Gerhard Roth

in Objekt des Monats

 Zwei Ansichtkarten von Wolfgang Bauer an Gerhard Roth, eine aus Paris, undat. [Poststempel: 13.11.1977], eine aus San Francisco, undat. [1978 oder 79] aus dem Gerhard Roth-Vorlass am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung, Korrespondenz: Karton 5: Bas- bis Bax-.

                                                                                                                                                                                                                                                                                               Lange Briefe waren seine Sache nicht. Lieber telefonierte er und schickte seinen Freunden Ansichtskarten, die wie vieles bei Wolfgang Bauer zwischen Klamauk und Ernsthaftigkeit schwankten. Bunte Kassiber aus nah und fern, Zustandsstenogramme, manchmal ganz lapidar, dann wieder etwas ausführlicher, die Banales lustvoll stilisierten und das Pathetisch-Erhabene ironisierten. Chiffren einer Art Privatsprache, kleine „poetische Akte“. Erst in der Serie entfalten diese Poststücke ihre Wirkung.
Mit dem um ein Jahr jüngeren Gerhard Roth verband Bauer eine lange, aber nicht immer friktionsfreie Freundschaft, die von Ende der 50er Jahre mit intensiven Phasen und jahrelangen „Aussetzern“ bis zu seinem Tod im Jahr 2005 andauerte. 30 Korrespondenzstücke von Wolfgang Bauer sind im Gerhard Roth-Vorlass am Nabl-Institut enthalten – 28 Ansichtskarten, ein Brief und eine als Leserbrief an die Kronenzeitung gerichtete, gemeinsam verfasste und später in der „Neuen Zeit“ abgedruckte Polemik anlässlich des Erzherzog-Johann-Jahrs 1982. Sie markieren den Zeitraum der engsten Relationen, die sich auch künstlerisch niederschlugen, von den drei gemeinsamen Amerikareisen 1972, 73 und 75 bis zu jener „Ohrenverletzung“ (Roth), die zu einer langen Funkstille führte. Datiert sind sie von 1975 bis 1987 – die frühesten sind undatierbar – sowie mit 2004, also dem Wiederaufflackern der Beziehung kurz vor Bauers Tod. Sie stammen aus aller Herren Länder und Kontinente, zu einem Drittel aus den USA, aber auch aus Ägypten, Indien, Jamaica, Marokko, Mexiko, Singapur und aus diversen europäischen Städten (Budapest, Helsinki, London, Paris, Stockholm und Venedig) und weisen „Magic Wolfi“, den exzessiv Suchenden und Reisenden, als – wenn auch ironisch gebrochenen – Romantiker zwischen fiktionaler Selbstsetzung und rauschhafter Selbstauflösung aus. Die Weiten der Natur und das weite Feld urbaner Rauschzustände (schwindelerregende Skylines, Hotelbars und Frauen) sind folglich Motiv und Thema der postalischen Kontaktnahmen und die rauschhafte Weltsuche als Selbstsuche wohl das Bindeglied zwischen den beiden Autoren, die mit je unterschiedlichen Methoden Leben und Kunst miteinander zu verbinden trachten.
Beide stammen aus bürgerlichen Familien mit autoritären Vätern, besuchen das Grazer Lichtenfelsgymnasium und treffen erstmals beim Fußball aufeinander – Bauer allerdings als GAK- und Roth als Sturm Graz-Fan. Beide sind kunst- und theaterbegeistert, lesen die Existentialisten und lieben die amerikanische (Film- und Musik-)Kultur. Der Revoluzzer und Bummelstudent Bauer wählt in der Folge die (gemäßigt aktionistische) Kunst der (und als) „Lebensfreude“ („Happy Art & Attitude“, 1965), ist von Beginn weg im Forum Stadtpark engagiert, Gemeinschaftsarbeiten und Komasaufen mit Gunter Falk, Rollenspiele wider den Regelzwang in der Kunst wie im Leben stehen an der Tagesordnung. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre feiert Bauer mit seinen Stücken „Magic Afternoon“, „Change“ und „Gespenster“ seine größten Erfolge und avanciert in dieser Zeit zum Theater-Pop-Star.
Der Arzt-Sohn Roth wiederum steht, von Bauer dazu animiert, in dessen erster Uraufführung von zwei Einaktern („Der Schweinetransport“, „Maler und Farbe“) 1962 im Forum Stadtpark als Schauspieler auf der Bühne, entscheidet sich aber zunächst, halbherzig dem väterlichen Wunsch gehorchend, für ein Medizinstudium. Als junger Vater von drei Kindern übernimmt er vordergründig das elterliche Familienmodell, Brotberuf (im Rechenzentrum Graz) inbegriffen. Zum Schreiben blieb da nur „nachts im Badezimmer auf der Wäschekiste“ Platz. Als 1972 der experimentelle Kurzroman „die autobiografie des albert einstein“ bei Suhrkamp erschien, stand Wolfgang Bauer am Höhepunkt seines Erfolgs, der sich freilich einem Missverständnis in der Rezeption als Autor hyperrealistischer Milieustudien verdankte. Die Zeit der intensivsten freundschaftlichen Kontakte war auch die Phase einer beinahe zeitgleichen künstlerischen Krise. Der „Konstruktionskünstler Bauer“ (Wilhelm Hengstler) fühlte sich als „Realist“ missverstanden und suchte mittels „Traumlogik“ und autopoetischen Schleifen Anschluss an seine frühen absurd-avantgardistischen Bewusstseinstexte, während Roth, als experimenteller Dokumentarist schizophrener Wahrnehmungsweisen erfolgreich, nach Modellen fahndete, die ins Künstliche mehr Wirklichkeit einlassen sollten.
Die gemeinsamen Amerika-Aufenthalte wurden für Roth zur Initialzündung einer neuen Schreibweise, die beinahe pointillistisch Realitätspartikel an ein wahrnehmendes Bewusstsein und dessen subjektive Wirklichkeitssicht rückbindet und es so ermöglicht, in noch so künstliche Konstrukte Realität, von der Vergangenheitsbewältigung bis zu den sozialen Missständen der Gegenwart, einzulassen. Mit dem 1974 erschienenen, Wolfgang Bauer gewidmeten Amerika-Roman „Der große Horizont“, in dem die Detektivfigur O’Maley als literarisches Alter-Ego Bauers gestaltet ist, findet Roth eine Form, die er bis heute in umfangreichen Zyklen und in der Tradition der großen Erzähler weiterentwickelt.
Bauers metafiktionales Theater der sog. dritten Phase, ab dem Gerhard Roth gewidmeten „Kriminalstück“ „Magnetküsse“ (1975), ist vergleichsweise weniger ortsgebunden, spielt es sich doch weitestgehend in (Kopf-)Innenräumen ab. Amerika als ekstatische Erfahrung eines halluzinogen intensivierten Lebensgefühls, wie es nicht nur in den O’Maley- und Harlem-Kapiteln aus „Der große Horizont“ authentisch und nach Aussage Roths auch autobiografisch fundiert beschrieben wird, mag an der Entwicklung jener rauschhaft-zeitenthobenen, wahnwitzigen Bewusstseinszustände durchaus beteiligt gewesen sein, die für die späten Bauer-Stücke charakteristisch sind.
Die abgebildeten Postkarten aus Paris (1977) und San Francisco (undat., anlässlich der Aufführung von „Shakespeare the Sadist“ (1978) oder von „Magnetic Kisses“ (1979) am Magic Theatre) geben dieses Lebensgefühl wieder: mittels Namensfiktionalisierungen – hat sich doch Josef Roth bekanntermaßen am Ende seines Lebens in Paris zu Tode gesoffen –, aber auch durch schlichte Beschwörung. Bauer, selbst offensichtlich wie seine Figuren in einer Zeitschleife gefangen, suchte – wie die Postkarten zeigen – zeitlebens gern immer wieder dieselben Orte auf. Die Bar Spiveys kommt denn auch als „Spivey’s Swiss Chalet, Cocktail Lounge“ mehrfach in Roths Amerika-Roman von 1974 vor. Wie die „alten Zeiten“, die Bauer beschwört, beschaffen waren, kann man der Lektüre des Romans deutlich entnehmen. Bauer wiederum hat darüber ein Gedicht geschrieben, dessen erste Strophe lautet:

„Spivey’s Swiss Chalet“

Die Sonne friert alles ein
in der Tür von Spivey’s Swiss Chalet
summt der wespengelbe Commodore
die Scotch-Flasche schläft auf den flatternden Dollars
und der Ventilator äugt
auf stehend erstarrte Chinesen
so bin ich tot in San Francisco.

Daniela Bartens