Die Suppe schmeckt in Graz

Durchschlag eines Typoskripts (DIN A4) des Kurzprosa-Texts „die gute suppe“ von Friedrich Achleitner (1930–2019) mit dem handschriftlichen Vermerk „20 etc. fortlaufend“ sowie Korrekturen von Hand aus der ersten Lieferung des manuskripte-Redaktionsarchivs, das sukzessive dem Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung übergeben wird (FNI-Manuskripte-271769 III/AR160,17).

Das im manuskripte-Redaktionsarchiv befindliche Typoskript zu Friedrich Achleitners ikonischem Text die gute suppe wurde im zehnten Heft der manuskripte (1964) veröffentlicht, in dem neben Achleitner auch Ilse Aichinger, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Heimito von Doderer, Gunter Falk, Ernst Jandl, Raoul Hausmann, Andreas Okopenko, Gerhard Rühm und viele weitere hochkarätige Proponenten des damaligen Literaturbetriebs vertreten sind. Der Oberösterreicher Achleitner, dessen Todestag sich im März bereits zum fünften Mal jährt, zeichnete sich ganz besonders durch ein offensichtlich geführtes Doppelleben aus: Er war nicht nur Doyen der österreichischen Architekturkritik, sondern auch Literat und Mitglied der Wiener Gruppe. Innerhalb dieser nahm er gewissermaßen eine Sonderstellung ein: Nach seinem Architekturstudium (1950–1953) war er als freischaffender Architekt tätig, ab 1955 bestand enger Kontakt zur Wiener Gruppe, bis er die Architektur 1958 vorerst ganz aufgab, um freier Schriftsteller zu werden.

Just in dieser Zeit wurden in Graz die Vorkehrungen getroffen, die die Stadt zur Hauptstadt der Literatur machen sollten – untrennbar damit verbunden ist freilich die Literaturzeitschrift manuskripte, die von Anbeginn unter der Ägide von Alfred Kolleritsch (1931−2020) stand und für viele Autorinnen und Autoren eine erste Veröffentlichungsmöglichkeit darstellte – und es bis heute tut. Kolleritsch betont in der Marginalie der zehnten Nummer, dass sie „der neuen österreichischen Literatur vorbehalten“[1] sei, die seinem Verständnis nach dezidiert Texte von Autor:innen unterschiedlicher Generationen einschloss. Wichtig war ihm die strikte Abgrenzung von Heimattümelei und Österreichertum: „Wesentlicher als austriazensische Selbstbespiegelung ist der Ausdruck der Gemeinsamkeit mit anderen, der Abbau des österreichischen Mißtrauens ist wichtiger als die Reserve gegenüber jedweder Modernität […].“[2] So ist auch diese Ausgabe der manuskripte als ein Zeitzeugnis in der Auseinandersetzung zwischen den reaktionären, faschistoiden Kräften und den mehrheitlich jungen, avantgardistischen Vorkämpfer:innen für eine (welt-)offene, zeitgemäße Literatur zu sehen.

Den Prosatext die gute suppe hat Achleitner bereits im Juni 1958 verfasst, als Materialgrundlage diente ihm dafür das Deutschlehrbuch für Amerikaner:innen German Through Pictures.[3] Für Oswald Wiener handelt es sich bei der guten suppe gar um „eines der stärksten werke der wiener gruppe überhaupt.“[4] Auch Klaus Kastberger hält den Text, neben Achleitners quadratroman, für besonders prägnant, weil von der Lektüre ‒ nicht zuletzt durch die Wahl des Quellenmaterials ‒ auch all jene profitieren können, die nicht perfekt Deutsch sprechen, da durch die spezifische Sprachverwendung ein völlig neuer Bedeutungshorizont bereitstehe.[5] Das Verwerten beliebigen vorgefundenen Sprachmaterials durch den Autor bewirkt bei der guten suppe eine doppelte Verfremdung, die wiederum den ‚Gegenstand‘ Sprache ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Die exakte Beschreibung im Text wirkt bizarr, die Satzfolge bestimmt die Handlung und nicht die Handlung die Abfolge der Sätze, was abermals für einen Verfremdungseffekt sorgt. Die Beschreibung eines basalen Kochvorgangs zeigt durch den Gebrauch der Deutschfibel die Simplizität von Vokabular und Syntax nicht nur im Bereich des Spracherwerbs, sondern der Sprache generell. Der Text führt nach Oswald Wiener vor Augen, wie lächerlich eine Beschreibung im Angesicht eines Ereignisses, einer Handlung ist.[6] Wenn es um die Darstellung bzw. Beschreibung der Wirklichkeit geht, ist Sprache ein völlig inadäquates Mittel – die Schilderung stammt nicht von ‚frau kreil‘, die in der Küche die Suppe zubereitet, sondern wird vom Vorrat an Sprache, an Gedanken und (musterartigen) Sätzen vorgegeben.

7

herr kreil ist froh. das ist blutiges fleisch. das ist saueres brot. das ist ein stück saueres brot. das ist magerer käse. wir machen mageren käse aus weisser milch. weiche butter. die weiche butter ist auf dem feuchten teller. wir machen weiche butter aus weisser milch. frau kreil hat die weiche butter und die weisse milch im bunten eisschrank. sie hat auch den mageren käse dort. rote äpfel. süsse orangen. süsse birnen. süsse pflaumen. süsse kirschen. süsse pfirsiche. süsse himbeeren. süsse erdbeeren. süsse stachelbeeren. süsses obst. wie spät ist es. es ist fünf uhr. frau kreil wird die gute suppe machen.[7]

Die Sprache im Text wirkt zunächst unverdächtig, ja harmlos – Ereignisse, die angekündigt werden, treffen ein, es wird eine Ordnung in der ‚realen‘ Welt suggeriert, die auch sprachlich abgebildet werden kann. Die präzise Ausgestaltung des zehnteiligen Texts manifestiert sich bei genauerer Betrachtung als bröckelig und fraglich – das Vokabular ist denn doch zu begrenzt (es werden z. B. ausschließlich die Verben sein, haben, werfen, nehmen, machen, liegen, kommen, hängen, schreien und gehen verwendet). Auffällig ist zunächst die artifiziell anmutende Beiordnung von Attributen zu den Nomina. Die kleinen Tranchen einzelner Sätze in Erzählform sind Sprachspiele, deren Gestaltung zwar den Konventionen der Grammatik folgt, nicht jedoch denen der Pragmatik. Sie sind weder absurd noch symbolisch-surreal – der Text verfügt gerade noch über so viel Realitätsbezug, dass durch das Arrangement der Sätze Sprachwitz entsteht. Auch hier verdeutlicht Achleitner geistreich, wie beliebig die Benennung von Dingen, Handlungen, Zuständen oder Emotionen ist, wodurch sich die tautologische Organisation der Sprache zeigt, die der Autor im letzten Satz pointiert: „die gute suppe ist gut.“

Lisa Erlenbusch

 

[1] A[lfred] K[olleritsch]: Marginalie. In: manuskripte 4 (1964), H. 10, S. 1.
[2] Ebd.
[3] German Through Pictures. 6. Aufl. Hrsg. von Ivor Armstrong Richards [u. a.]. New York: Pocket Books 1956.
[4] Oswald Wiener: das ‚literarische cabaret‘ der wiener gruppe. In: Die Wiener Gruppe. Hrsg. von Gerhard Rühm. 2. Aufl. Reinbek b.H.: Rowohlt 1985, S. 401−418, hier S. 407.
[5] Vgl. Klaus Kastberger: Friedrich Achleitner. In: Stichwörter zur oberösterreichischen Literaturgeschichte. Hrsg. von Petra-Maria Dallinger [u. a.]. Linz: StifterHaus 2015. URL: https://stifterhaus.at/index.php?id=167&no_cache=1&tx_news_pi1%5Bnews%5D=2233&tx_news_pi1%5
Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=5101d1f4ff8a9b25b693b
1081107e75f
Aufgerufen am: 17.12.2023; Klaus Kastberger: Vorbereitungen für eine Einrichtung. Für Friedrich Achleitner zum 80igsten [sic!] Geburtstag. In: Der Hammer 47 (2001), S. 2−5, hier S. 3.
[6] Vgl. Wiener: das ‚literarische cabaret‘ der wiener gruppe (wie Anm. 4), S. 408.
[7] Friedrich Achleitner: die gute suppe, FNI-Manuskripte-271769 III/AR160,17, Blatt 8. Im Original findet sich eine mit Bleistift vorgenommene Markierung vor „pflaumen“, die einer öffnenden eckigen Klammer gleicht. Weiters wurde das „ri“ in „krischen“ bei Achleitner mit schwarzem Fineliner mit „ir“ überschrieben. Siehe auch: F. A.: die gute suppe. In: manuskripte 4 (1964), H. 10, S. 10. Die Schreibung mit ss wurde in der Zeitschrift zugunsten von ß abgeändert.

 

veröffentlicht am 16. Januar 2024 in Objekt des Monats