„Scheinbar unmündig“ – Doris Mühringer auf USA-Tournee, Hofmannsthal im Gepäck

Typoskript „Csokor  – Matthäus. Jandl – Anweisungen für Waldläufer”, undat., 11 Bl. [inkl. Beilagen, 9 Bl.] [inkl. zahlreicher hs. Beschriftungen], FNI-Mühringer-2

 

Im Oktober 1969 reist Doris Mühringer für eine dreiwöchige Lesetournee in die USA. Auf initialer Einladung von Prof. Dr. Karl van D’Elden von der Hamline University (Saint Paul, Minnesota), wie aus einem Typoskript des ersten Teilnachlasses im Franz-Nabl-Institut hervorgeht,[1] hält sie vier verschiedene Vorträge an sieben verschiedenen Universitäten im Land. In diesem Reisebericht erzählt sie von ihren Erfahrungen auf der Vortragsreise und von der Rezeption ihrer Vorträge durch das amerikanische Publikum. Interessanterweise spricht sie vor allem von handwerklichen Aspekten des Schreibens – zwei Vorträge tragen die Titel „Wie entsteht ein Gedicht?“ und „Gedichte und Interpretationen, vom Standpunkt des Autors aus“. Im erwähnten Bericht re­flektiert sie, dass die US-Student:innen für diese Themen auch ein größeres Interesse als für literaturgeschichtliche Ausführungen gezeigt haben. Als österreichische Delegierte – zwi­schen den USA und dem 1945 durch die Alliierten befreiten Österreich herrschte besonders in der Nachkriegszeit ein reger Kulturaustausch[2] – widmet sie sich in einem Vortrag, den die ausgebildete Übersetzerin auch auf Englisch halten kann, den­noch ganz direkt der österreichischen Gegenwartslyrik.

Eine nicht unkuriose Entdeckung ergibt sich aus dem dazugehörigen Typoskript: Mühringers Vortrag, der durch zwei Gedichte von Franz Theodor Csokor und Ernst Jandl eingeleitet wird, nimmt als Grundlage für den Status Quo der österreichischen Gegenwartsliteratur bzw. -lyrik, die in den 60ern eine dominante Form gewesen ist, „die Eigenart des Österreichers, daß er seiner Tradition eingedenk bleibt und sich ihr verpflichtet fühlt“[3] an. Entgegen der Auf­fassung einiger zu der Zeit präsenten Sprachwissenschaftler:innen „daß Österreich [ ] die literarische Provinz des deutschen Sprachraums schlechthin sei“[4], müsse Mühringer ihr Publikum „daher etwas besser mit Österreich und dem Österreicher, dem HOMO AUSTRIA­CUS, bekannt machen. Vorerst in seiner Andersartigkeit gegenüber seinem deutschen Nach­barn“[5]. Um die Abgrenzung zum (Bundes-)Deutschen zu verdeutlichen, zieht sie die Volksgruppen-Typisierung eines Literaten heran, dessen Biographie von der Frage nach dem Österreichischen (überhaupt und als kulturelle Identität) gezeichnet ist: Hugo von Hofmanns­thal differenziert in seinen privaten Notizen „Preuße und Österreicher“[6] zwischen den folgenden Wesensarten[7]:

 

Deutschland Österreich
Im Ganzen: mehr Tüchtigkeit Im Ganzen: mehr Menschlichkeit
Volk: Disziplinierteste Masse, grenzenlose Autorität Volk: Selbstständigste Masse, unbegrenzter Individualismus
Der Einzelne: Aktuelle Gesinnung (fast ohne Gedächtnis für vergangene Phasen) Der Einzelne: Traditionelle Gesinnung, stabil durch Jahrhunderte
Selbstgefühl Selbstironie
Scheinbar männlich Scheinbar unmündig
Unfähigkeit, sich in andere hineinzudenken Hineindenken in andere bis zur Charakterlo­sigkeit
Jeder einzelne Träger eines Teiles der Autori­tät Jeder einzelne Träger einer ganzen Mensch­lichkeit

 

Schwer verständlich, beinahe befremdlich-amüsant erscheint heute diese Gegenüberstellung. Im historischen Kontext des Wiener Fin de siècle sowie später der Wiener Nach­kriegsliterat:innen haben derartige Abgrenzungen jedoch einen offenbarenden Charakter. Denn Hofmannsthal, desillusioniert und erschüttert durch den Zerfall der Habsburger Monar­chie als Vielvölkerstaat, hat sich Zeit seines Lebens der Benennung der österreichischen Identität verschrieben.[8] Stark beeinflusst von konservativen Zeitgenossen wie Josef Nadler, sieht Hofmannsthal in der Traditionstreue und dem Herkunftsbewusst­sein „des bayerisch-österreichischen Stammes“[9] die konstitutiven Eigenschaf­ten von dessen nationaler Identität. Die Abgrenzung von Deutschland, die beinahe abwertend an­mutet, die vor allem die Zuschreibungen des Individualismus versus des Kollektivismus sehr uneinheitlich auf die deutsche und die österreichische Gesellschaft projiziert, ist im Kontext der revolutionären Ansprüche des deutschen Republikanismus des 19. Jahrhunderts und der mit ihm entstandenen Literatur (Kleist, Büchner, Heine, etc.) zu ver­stehen. Das diskursive Potenzial der österreichischen Literatur als kulturelle Trägerin österreichischer Identität hingegen solle nicht in dem des Wandels, sondern in dem der Stabilität liegen.[10]

Mühringer streicht im Nachgang händisch die meisten dieser Ausführungen im Typoskript, es ist also unwahrscheinlich, dass sie diese ihrem amerikanischen Publikum vorgetragen hat. Ob dies am vermuteten Unwissen der amerikanischen Student:innen um die habsburgische Ge­schichte lag oder daran, dass ihr die Inhalte doch ein wenig zu abenteuerlich gewesen sein könnten, lässt sich nicht sagen. Dass Mühringer diese Denktradition im Ausland zumindest weiterzuführen und das Österreichische in der deutschsprachigen Literatur so zu benennen gedachte, entspricht jedenfalls einem gewissen Zeitgeist in der österreichischen Kulturlandschaft der 1950er und -60er. Nachträglich haben viele Literaturkritiken dieser Zeit „der österreichischen Literatur [eine gewisse] Kontinuitätspflege nachgesagt“[11]. Ebenso sind „für die in Deutschland mit dem Kulminationspunkt 1968 feststellbare Politisierung der Literatur [ ] in Österreich wenig Gegenbeispiele zu finden.“[12] Wenn sich formal die österreichi­schen Nachkriegsliterat:innen und auch die Generation(en) danach formal für Progressivität entscheiden – gar nicht ohne sie auskommen – sind sie es strukturell (besonders durch den „Versuch, allgemeine Geschichte zu individualisieren“[13]) nicht unbedingt. Die Aus­einandersetzungen beispielsweise der sogen. Anti-Heimatliteratur mit der österreichischen Identität könne man oft nur sehr implizit in ihrer Politizität erschlie­ßen. Mühringer ist mit ihrem Vortrag vor allem Zeitzeug einer Kulturland­schaft, die sich zwischen politischer Nicht-Aufarbeitung eines Staates, was seine jüngste Geschichte der Nazi-Verbrechen betrifft, und einem fundamentalen gesellschaftlichen Wandel im Nachkriegseuropa verhalten muss. Sie jedenfalls unterstreicht das österreichische Traditionsbe­wusstsein und die (kulturelle) Besinnung auf die Gegenwart (und nicht auf die Zukunft), wenn sie schreibt: „Kurz gesagt also: österreichische Kultur ist eine Kultur des Seins, im Gegensatz zur deutschen, die eine Kultur des Werdens ist.“[14]

Lara Lengfellner

 

 

Abbildungsbezeichnungen für die Website:

  1. Typoskript „Csokor […]“, FNI-Mühringer-2
  2. Doris Mühringer bei einem American Football Spiel
  3. Einladung der Hamline University zu Mühringers Vorträgen

[1] Vgl. Typoskript „Notizen zu einer Lese- und Vortragstournee mit zeitgenössischer österr. Lyrik durch das nordöstliche Viertel der USA“, 5 Bl., FNI-Mühringer-6.29
[2] Vgl. Wien Geschichte Wiki: US-amerikanisch-österreichische Beziehungen im Nachkriegs-Wien. Kulturelle Kontakte [URL: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/US-amerikanisch-%C3%B6sterreichische_Beziehungen_im_Nachkriegs-Wien#Kulturelle_Kontakte, 14.05.2026].
[3] Typoskript „Csokor  – Matthäus. Jandl – Anweisungen für Waldläufer”, FNI-Mühringer-2, S. 1.
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Vgl. Frankfurter Goethe-Museum: Werknachlass Hugo von Hofmannsthal. Hs-29133 / E IVB 191. [URL: https://goethehaus.museum-digital.de/object/39995, 14.05.2026]
[7] Vgl. Typoskript „Csokor […]“, S. 2.
[8] Vgl. Nicoletta Dacrema: Josef Nadler und Hugo von Hofmannsthal. In: Zeitschrift für Germanistik 5 (1995), H. 3, S. 538.
[9] Ebd., S. 540.
[10] Vgl. Wendelin Schmidt-Dengler: Geschichten gegen die Geschichte. Gibt es das Österreichische in der österreichischen Literatur? In: Modern Austrian Literature 17 (1984), H. 3/4, S. 153.
[11] Ebd., S. 151.
[12] Ebd., S. 153.
[13] Ebd., S. 154.
[14]  Vgl. Typoskript „Csokor […]“, FNI-Mühringer-2, S. 2.

 

veröffentlicht am 26. Mai 2026 in Alles Objekt des Monats