Franz Nabls Die zweite Heimat

veröffentlicht am 15. September 2026 in Objekt des Monats

 „Als ich den Weg zur zweiten Heimat fand“ – eine Erstausgabe mit Widmung und beigelegtem Zeitungsausschnitt.

Franz Nabl: Die zweite Heimat. Graz: Leykam 1963, 240 S.; Erstausgabe mit eigenhändiger Widmung und beigelegtem Zeitungsausschnitt aus der Südost-Tagespost; Schenkung an das Franz-Nabl-Institut, Neuzugang, noch ohne Signatur.

 

Manchmal nehmen Bücher Umwege. So auch ein Exemplar von Franz Nabls autobiografischer Textsammlung Die zweite Heimat, das vor einem halben Jahr dankenswerterweise als Schenkung an das Franz-Nabl-Institut gelangte. Das Objekt, eine Erstausgabe der Zweiten Heimat, die 1963 im Leykam-Verlag erschien[1], wechselte seither wohl mehrfach seinen Ort und tauchte schließlich auf einem Flohmarkt in Graz auf. Über die konkreten Umwege gibt es keine weiteren Informationen, jedoch enthält das Exemplar Spuren, die zumindest einen Ausschnitt aus der (Besitz-)Geschichte des Buchs belegen: eine eigenhändige Widmung Franz Nabls auf dem Vorsatz und ein zwischen den Seiten aufbewahrter Zeitungsausschnitt aus der steirischen Südost-Tagespost.

Die Widmung zeugt von einem Besitz des Buchs im freundschaftlich-familiären Umfeld Franz Nabls. Ein Datum fehlt; die Widmung muss 1963 oder später entstanden sein:

Unserer lieben Roswitha zum 13. Geburtstag

 

Als ich den Weg zur zweiten Heimat fand,

bot mir Dein Vater hilfreich oft die Hand.

Ich dank es ihm, muss ich ihn jetzt auch missen,

doch Du, sein Kind, sollst von dem Danke wissen.

Du weißt es schon? Ich brauche nicht zu mahnen?

Aus Deinen Augen spricht ein leises Ahnen

 

Dein Wahl-Ururonkel

Franz Nabl

Nabl wählt für seine Widmung an „Roswitha zum 13. Geburtstag“ ein kurzes Gedicht. Darin erinnert er an ihren offensichtlich verstorbenen Vater, der ihm auf dem Weg in seine „zweite Heimat“ „hilfreich oft die Hand [bot]“, und gibt seinen Dank an dessen Tochter weiter. Mit der vertraulichen Bezeichnung „Wahl-Ururonkel“ stellt er eine offenbar familienähnliche Nähe zur jungen Adressatin her. Wen Nabl mit „Dein Vater“ konkret meint, lässt sich aus den vorliegenden Quellen und Materialien nicht erschließen. Die Formulierung erinnert jedoch an das einleitende Prosastück des Bandes „Mein Weg in die Steiermark“, in dem Nabl Hans Kloepfer, Karl Adolph Mayer und Viktor von Geramb als jene Freunde nennt, die ihm bei seiner Ankunft in der Steiermark „die Hand entgegengestreckt hatten“ (11).

Der Titel Die zweite Heimat bezeichnet die Steiermark und insbesondere Graz als Nabls Wahlheimat. Der 1883 im böhmischen Lautschin geborene und vor allem in Wien und Baden aufgewachsene Autor lebte bereits von 1924 bis 1927 in Graz, wo er als Feuilletonredakteur des Grazer Tagblatts tätig war. Nach einigen Jahren in Baden kehrte er 1934 dauerhaft in die Steiermark zurück. Im 1963 veröffentlichten Band zeichnet Nabl diesen Weg in seine zweite Heimat durch Anekdoten, Erinnerungsbilder und Reflexionen nach. Er führt durch Landschaften, Orte, Arbeitswelten und kulturelle Traditionen der Steiermark. Der Text „Lug ins Land“ beginnt mit Kindheitserinnerungen an Aufenthalte am Semmering und entfaltet anschließend ein Panorama, das vom Ausseerland über die Niederen Tauern, das Gesäuse und das Hochschwabgebiet bis ins Murtal sowie in die Ost-, West- und Südsteiermark reicht. In „Die mütterliche Stadt“ beschreibt Nabl Graz, die Altstadt, den Schlossberg, den Stadtpark sowie die engen Gassen und Höfe. Die Stadt erscheint als ein Ort der Ruhe und Geborgenheit, als „gütige[s], mütterliche[s] Weib“, in dessen Schoß der vom Leben oder vom Arbeitstag müde Mensch sein Haupt bergen könne. (51) In anderen Texten reflektiert er über regionale Arbeitswelten und Formen der Volkskultur: die Eisenerzeugung und Schmiedekunst, die Arbeit der Holzknechte oder das ländliche Bauerntheater. Persönliche Erinnerungen verbinden sich dabei mit Darstellungen regionaler Kulturgeschichte. Texte über Peter Rosegger, Hans Kloepfer, Karl Adolph Mayer und Viktor von Geramb stellen Persönlichkeiten vor, die Nabls Leben in der Steiermark stark prägten.

Im Hinblick auf die Widmung ist besonders das Prosastück „Wege mit Viktor von Geramb“ aufschlussreich. Nabl berichtet darin von der Bekanntschaft mit dem Leiter des Steirischen Volkskundemuseums. Geramb habe ihn in einen „Kreis namhafter Männer“ (111) eingeführt und damit wesentlich zu seiner gesellschaftlichen und kulturellen Verankerung in Graz beigetragen. Als Nabl nach drei Jahren vorerst wieder Abschied von der Stadt nehmen musste, habe er gewusst, „daß [er] eine zweite Heimat gefunden habe“, und ebenso sicher gewusst, dass er eines Tages dauerhaft zurückkehren werde. (111) Der Band zeigt damit, dass Nabl unter seiner „zweiten Heimat“ nicht nur eine Landschaft oder einen Wohnort verstand. Zu ihr gehörten ebenso die persönlichen Kontakte, durch die er in der Steiermark und ihrer Kulturszene Fuß fassen konnte.

Der zweite Bestandteil der Schenkung, der das Widmungsexemplar zusätzlich kontextualisiert, ist ein undatierter Zeitungsausschnitt aus der Südost-Tagespost, einer von 1945 bis 1987 erschienenen Tageszeitung der steirischen ÖVP. Der auf Seite 7 erschienene Artikel „‚Die Zweite Heimat‘ ehrt Franz Nabl“[2] berichtet über eine Ehrung Nabls anlässlich seines 85. Geburtstags im Rahmen des Steirischen Herbstes. Ein Foto zeigt den Schriftsteller beim Empfang im Weißen Saal von Schloss Eggenberg, umgeben von Landeshauptmann Josef Krainer, Unterrichtsminister Theodor Piffl-Perčević und Landeshauptmannstellvertreter Hanns Koren, ein enger Vertrauter und Schüler von Nabls Freund Geramb.

Genauere Informationen zur festlichen Ehrung lassen sich durch Zeitungsberichte und Korrespondenzen aus dem Konvolut Auer [B. Nr. 8] rekonstruieren. Insbesondere eine offiziell versendete Einladungskarte für die Ehrung Nabls dokumentiert ein umfangreiches Programm. Hanns Koren, damals Kulturreferent, lud am 6. Oktober 1968 zur „Feier anläßlich der Vollendung des 85. Lebensjahres“ ins Schloss Eggenberg ein.[3] Die Bläservereinigung der Grazer Philharmoniker spielte Mozarts Divertimento Nr. 8, Koren selbst hielt die Festansprache und der Schauspieler Otto David las Nabls Erzählung Das Meteor. Nach einem weiteren Musikstück las Nabl selbst aus seinen Werken. Die Veranstaltung wie auch die Zeitungsberichte zeugen vom Rang, den Nabl damals im steirischen Kulturbetrieb einnahm. Auch der im Buch aufbewahrte Zeitungsausschnitt dokumentiert diese öffentliche Wertschätzung des gefeierten Schriftstellers, der von hochrangigen politischen Repräsentanten empfangen und im Rahmen des wichtigsten steirischen Kulturfestivals geehrt wurde.

Einen humoristischen Nachklang zu diesem Geburtstagsjahr bietet eine weitere Karte aus der Sammlung Auer.[4] Sie stellt der offiziellen Ehrung eine private, selbstironische Äußerung zur Seite. Da Nabl wegen seines Alters nicht auf die „überwältigende Menge von Zuschriften“ einzeln antworten könne, bedankte er sich mit einem vorgedruckten Text. Auf dem erhaltenen Exemplar ergänzte er am 4. August 1968 handschriftlich einige persönliche Zeilen, darunter ein scherzhaftes Gedicht über geschenkten Alkohol, Medikamente und seinen Gesundheitszustand:

Ich gestehe offen

Ich bin nicht besoffen

Doch trotz dem geschenkten Alkohol

Befinde ich mir nur halbwegs wohl.

Der Rest ist Ultrax [?] und [L/S]aradrin [?] [vermutlich alte Medikamentennamen]

Und Instenon, sonst wär ich schon hin.

 

Trotzdem hoffe ich Euren nicht zu verspäteten Forellenbesuch noch zu erleben.

Wie immer Euer Franzl.

Wer den Zeitungsausschnitt in das Buch einlegte, ist ebenso wenig bekannt wie der weitere Weg des Exemplars. Festhalten lässt sich lediglich, dass der Ausschnitt als Beilage des gewidmeten Exemplars erhalten geblieben ist und heute einen zusätzlichen Einblick in dessen Besitz- und Gebrauchsgeschichte gibt. Mit der Schenkung an das Franz-Nabl-Institut hat das Buch nach einigen Umwegen einen neunen Aufbewahrungsort, eine zweite Heimat, gefunden.

Sebastian Meißl

 

[1] Franz Nabl: Die zweite Heimat. Graz: Leykam 1963. In der Folge mit Seitenzahl im Fließtext zitiert.
[2] Rudolf List: Die „Zweite Heimat“ ehrt Franz Nabl. In: Südost-Tagespost (Graz), o.D., S. 7.
[3] Einladung zur Feier zum 85. Geburtstag von Franz Nabl am 06.10.1968 im Schloss Eggenberg, FNI-Nabl, Sammlungen 4.8, Konvolut Auer [B. Nr. 8], Einladungen.
[4] Dankeskarte zum 85. Geburtstag von F.N., gedruckt und hs. an unbekannte EmpfängerInnen., FNI-Nabl, Sammlungen 4.8, Konvolut Auer [B. Nr. 8], Korrespondenzen.