© mitSpracheEgon Christian Leitner: Einfache Wunder, erfreuliche Wahrheiten
Jährliche LEITNERfragen seit kleinen Ewigkeiten: Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? Auf jedem Sender, was man wo tun kann, und in der Schule Helfen als Pflichtfach für da hier.
Ausweg suchend detto LEITNER. Mithilfe von Gesprächen z.B. mit dem kritischen Mediziner Werner Vogt, dem Kriegsberichterstatter Fritz Orter, dem Sozialstaatsökonomen Finanzminister Markus Marterbauer, dem Antifaschisten Peter Henisch, dem Religionskritiker Adolf Holl; bei Pierre Bourdieus eingreifender Wissenschaft samt Elend der Welt, im eigenfabrizierten Sozialstaatsroman und während Abschweifs in naturwissenschaftliche Mathematik. Überall zu finden: einfache Wunder, erfreuliche Wahrheiten. Leicht.
Einfache Wunder, erfreuliche Wahrheiten
(Variation Wiener Schauspielhaus)
Tag, Monat, Jahr
Mir immer gegenwärtig: Bin zufällig in einer Gruppe Anonymer Alkoholiker. Bin zutiefst beeindruckt. Von den Leuten da. Diese Unaufdringlichkeit, Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit! Die AAs erzählen einander ihre Leben und wer wofür gut war. Sie sind nicht zerstört worden. Von den Zufällen, den Augenblicken erzählen sie. Vom Glück statt vom Schicksal. Menschen, die schon alles verloren oder zerstört haben, plötzlich einen lieben Menschen nicht verlieren wollen, die Frau, das Kind. Oder die plötzlich nicht dermaßen entstellt aufgefunden werden wollen. Im Tod. Oder irgendjemand fällt ihnen plötzlich noch ein, ein Gesicht. Ein geliebter Mensch. Zwischendurch ist das Ganze religiös. Aber das ist gut so, nur so ist Religion gut. Die AAs helfen einander, sind da, wenn sie gebraucht werden. Da ist jemand, ganz sicher, immer, egal, was geschieht. Man ist nicht allein, nutzt niemanden aus, bringt einander nicht um. Die anderen und der lebendige Gott und die Gewissenserforschung geben den Halt und alle Sicherheit. Die ersetzt, ersetzen die Sucht. Diese AAs da finden diese Art Gott wirklich plötzlich, die Erlösung, das Leben. Was mich besonders beeindruckt, ist das, was die AAs furchtlose Inventur nennen. Da erforschen sie, was sie selber anderen angetan haben. Antun, in der Sucht, durch die Sucht. Überlegen sich, wie sie das abstellen und wiedergutmachen können. Tun das dann auch. Aber unaufdringlich. Quälen niemanden mit ihrer Suchtvergangenheit, ihren Schäbigkeiten, wenn es den anderen, den früheren Opfern der Suchtkranken, von neuem Schmerzen bereiten würde; wollen niemandem neue Probleme machen. Sagen die volle Wahrheit denen, die sie hören wollen und denen sie vielleicht hilft. Jedenfalls haben mich die Anonymen Alkoholiker im tiefsten Herzen getroffen. Eine junge Frau, die nicht zugrunde gegangen ist, wird jetzt Jugendarbeiterin, ist überglücklich darüber. Glaubt, sie werde wirklich helfen können. Ich glaube ihr das auch. Sie wird von der Stadt angestellt. Eine Frau, die ihr Kind durch Suizid verloren hat, arbeitssüchtig gewesen war, hat die Anonymen Alkoholiker in die Veranstaltung eingeladen, bei der ich zugehört habe. Wirklich gelungen, weil durchdacht, weil durchlebt, war das Ganze. Das Beste, was ich je wahrgenommen habe. Die AAs sind eine wirkliche Hilfe. Der Anstand, der Charakter der AAs, der hilft. Jedem Menschen, glaube ich. Zu wissen, dass es das doch gibt! Dass es möglich ist! Alles ein Können! Alles Sicherheit. Hilfe. Man muss nicht sterben. Will leben, kann es. Wenn Kinder erzählen, sagt an dem Tag eine Kinderärztin, Therapeutin, fangen sie damit eben an und hören auf, wo es ihnen passt. Reden dann etwas ganz anderes. Und dann irgendwann einmal fangen sie wieder beim Schlimmen, Betrüblichen an, hören aber wieder auf und reden vom Guten, jauchzend, himmelhoch, und dann sind sie wieder betrübt oder vorsichtig und schweigen. Je nachdem, wie der Mensch ist, dem sie erzählen, erzählen sie selber. Zum Beispiel, wie schlimm die Sache ist. Sie schauen zwischendurch immer, ob sie dem, dem sie berichten, vertrauen können oder ob sie ihn in Schwierigkeiten bringen oder Schmerzen oder Schaden zufügen. Da hören sie dann sofort auf.
Durchs Reden ersparen wir uns das Sterben. Denn wir lassen da unsere falschen Sätze, unsere falschen Ideen, an unser statt untergehen. Sind wie Affen, die von Baum zu Baum springen; ist der Satz, den der Affe tut, falsch, dann ist der Affe auf der Stelle tot oder bald. Für viele Evolutionsbiologen und Gehirnforscher ist das die Funktion der Sprache. Reden erspart Leid. Könnte. Wie diese Anonymen Alkoholiker behutsam reden oder behutsam wie diese Kinder. Das zu lernen – das wär doch was! Von den Anonymen Alkoholikern Behutsamkeit lernen just jetzt! Akzeptieren, was sich nicht ändern lässt. Doch was sich ändern lässt, ändern. Und nicht das Eine verwechseln mit dem Anderen, das Änderbare nicht mit dem Unabänderlichen. Und einander ohne Herrschsucht vom Lebenkönnen berichten. Vielleicht mag’s wer, das Leben.
Tag, Monat, Jahr
Die Berufshelferin, die seit den Jugoslawienkriegen Flüchtlinge in Österreich in Arbeit & Beruf bringt, sie darauf bedarfspädagogisch vorbereitet & gemäß den Anforderungen der Arbeitgeber & im Auftrag des AMS vermittelt. Meistens mit überdurchschnittlicher Erfolgsquote. Aus dem zweiten Arbeitsmarkt in den ersten. Problemfälle. Wie man so sagt. Noch und noch. Ganz am Anfang befürchtete sie, die vielen in den Herkunftsgebieten verfeindeten Kriegsflüchtlinge werden nicht miteinander kooperieren. Es werde ständig Konflikte geben, schwere gar. Das völlige Gegenteil war der Fall. 30 Jahre lang. Die Menschen waren froh, dass sie einen sicheren & gemeinsamen & gewaltfreien Raum hatten & die Chance auf ein neues & tätiges Leben. Einfach ist das Ganze zugegangen. Denn dergestalt waren & sind Bedarf & Bedürfnisse. Sagt sie. Man interessiere sich für die Fähigkeiten & Probleme der Fluchtmenschen & Vertriebenen wirklich, erkläre ihnen in & mit großer Ruhe, was sie bislang nicht verstanden haben, & gebe ihnen Zeit. & dann staunt man & wundert sich, was alles möglich ist.
Beispiele: Die Afghanin, die mit ihren vier Töchtern hierher geflohen ist. Den schwerkranken Ehemann zurücklassen hat müssen. Analphabetin & voller Angst. Permanent Körperschmerzen. Die Töchter im Volksschulalter. In der 4. Klasse rät die Lehrerin, die Älteste in ein Gymnasium zu geben. Die Mutter will nicht, denn das könne nicht gut ausgehen für ein Mädchen. Inzwischen ist es Ärztin. Auch ihre Schwestern haben gute Ausbildungen, z. B. Handelsakademieabschluss. Ohne das der Mutter beistehende Helferinnenteam mit den guten Nerven wären die happy ends vermutlich nicht möglich gewesen. Im Nachhinein betrachtet war es ganz einfach, sagt „meine Helferin“. Der Syrer, seine Frau will das Kopftuch tragen, ihm ist das überhaupt nicht recht, aber sie fühlt sich sonst völlig schutzlos da hier. Er arbeitet in Hotels als Küchenhilfe, Abwäscher, empfindet sich ausgenützt, erniedrigt, will den Situationen entkommen, wird Zusteller, kommt zugleich immer wieder um Rat zurück zu seinen Helferinnen in der Hilfseinrichtung, die eigentlich gar nicht mehr zuständig wären für ihn, & schafft die hochoffizielle Lehrabschlussprüfung als Koch, ist ein exzellenter Koch & mit seinem Leben zufrieden. Aber wenn er nicht die Helferinnen gehabt hätte, die ihm & an ihn geglaubt haben, & weit weg im namhaften Ausbildungszentrum den Berufsschullehrer, mit dem sie redeten & der ihn oft zuhause bei der Frau bleiben & dort lernen hat lassen & nicht auf die übliche Internatspflicht bestand, sondern ihn daheim des Lernstoffes wegen regelmäßig anrief, hätte der Syrer keine Chance gehabt. Aber es ist alles gut geworden. War nicht schwer, sagt „meine Helferin“. Und wiederum: Im Nachhinein betrachtet. Sie hat in all den Jahren nicht einzig & allein Geflüchtete in Arbeit & Beruf gebracht, sondern genauso österreichisch geborene Klientel. Frauen und Männer. (Das Wort „Job“ verwendet sie nie, empfindet das Wort „Job“ als seltsam.)
Tag, Monat, Jahr
Spreche mit einer Ethnologin, seit Jugend Tiertrainerin & nun in Psychotherapeutinnenausbildung sich befindend; kein Migrationshintergrund. Sie sagt gerne Allparteilichkeit. & Unbefangenheit. Ihr Brotberuf bringt sie immer schon quer durch die Schichten & Milieus: z. B. juristische, ärztliche, sprachwissenschaftliche, alte Menschen, junge, mit niedrigsten Einkommen, mit hohen. Leute, die sich warum auch immer Tiere halten. Sie hat auch viel mit solchen Problemtieren zu tun, die niemand will oder wollte. Mit zermürbten Tierhalterinnen und Tierhaltern sowieso. Oder eben mit sehr verantwortungsbewussten & vorausschauenden. Tiergestützte Psychotherapie interessiert sie, derlei tun und dergleichen werden will sie. Was sie zuvorderst bei Hunden & deren Menschen zustande bringt (partnerschaftlich, gleichberechtigt, mittels antiautoritärer Erziehung, absolut frei von Gewalt & fast jeglichem Zwang), ist, vermute ich, staunenswert & zwischendurch wie ein, würden vielleicht viele Leute sagen, Wunder. Die Tiere sind sehr oft auch körperlich schwer beeinträchtigt. Chancenlos. Aufgegeben. Für die Trainerin ist wichtig, dass sich jedes Verhalten durch Grundbedürfnisse logisch erklären lässt. Daher verwendet sie auf Nachfrage das Wort Wunder einzig wie folgt: Wenn man X nicht tut, ist es kein Wunder, dass Y nicht geschieht. Da braucht man sich dann über nichts wundern. Das Verletzen der Grundbedürfnisse von Lebewesen & die Folgen meint sie. „Meine Helferin“ sagt Ähnliches von ihrer Klientel.
Tag, Monat, Jahr
Rede mit „meiner Helferin“ über berufliche dolmetscherartige Mehrsprachigkeit. Schlage Notfallsvokabular vor. Wenn man selber attackiert wird oder wenn man dazwischengeht, in Gefahr ist. Die fremden Wortschätze & Verhaltensweisen nehmen als Werkzeug, um Probleme zu lösen. Lebensprobleme. Weltprobleme. Sowohl mittendrinnen als auch präventiv. Wie viele Wörter, Werte, Verhaltensweisen kann man leicht & einfach lernen als Österreicher? Und als von Berufs wegen Helfende, Helfender wie viele? 200, 300, 400, 500 Wörter, Worte, elementare, herzens- & lebens- & überlebenswichtige in 2, 3, 4, 5 Sprachen? & können die Geflüchteten hier Frieden aushandeln, planen & realisieren miteinander für dort? Selbstverständlich! Für hier wie für dort. Jeden Versuch wert ist das!, sagt „meine Helferin“. 5 x 500 kommt mir zumutbar vor, 5 x 200 ausreichend, auch schon 100 in jeder Sprache. „Meine Helferin“ sagt, sie sei in all den Jahren als Betreuerin fast immer mit Deutsch ausgekommen. Ich habe Angst heißt auf Persisch Mitarsam. Natars! heißt Hab keine Angst! Anneschda! Anneschda! Zu Hilfe, zu Hilfe! – Arabisch. Hebräisch: Hatsilu, hatsilu! Rettet, rettet!
Tag, Monat, Jahr
Unglück in Glück drehen, gemeint ist die Fügung, wie wenn eine Hebamme das Kind im Bauch dreht, so das Baby und die Mutter außer Gefahr bringt. Diese zuversichtliche Handgrifffolge bei der Geburt wird vollführt – und alles geht gut aus in dem Moment. Kein Schicksal waltet. Das Leben und die Chancen sind doch da. Der Unfallchirurg, erste Wiener Pflegeanwalt, ausgebildete Volksschullehrer, Kreiskyvertraute Werner Vogt sagte die Worte oft: Unglück in Glück drehen. 2002 zusammen mit Johanna Dohnal z. B. realisierte er ein Sozialstaatsvolksbegehren. Ein österreichweiter Diskussions- und Lernprozess mitten quer durch die Bevölkerungsgruppen, Berufe, Lebenswelten hätte es werden sollen zum Zwecke der gemeinsamen Prävention vor künftigen Katastrophen. Im Gesundheits-, Pflege-, Bildungswesen, Wirtschaftsgebaren und Arbeitsleben. Die Sicherung ausreichender Grundversorgung in allen Bereichen. Geschützt dies durch die Verfassung. Wäre die Idee, es zu wiederholen, in den letzten bald 25 Jahren nicht ständig am internen Konkurrenzkampf von Parteien, Verbänden, Interessensvertretungen gescheitert, wäre vielleicht viel jetzige Unbill erspart geblieben. Ebenso durch folgende durch die Lebensbilanz des Kriegsberichterstatters Fritz Orter 2014/2015 grundgelegte präventive Idee: Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? In der Schule ein Lernfach, das Helfen heißt, und im Fernsehen ein paar Stunden pro Woche ein Friedensprogramm! Auf jedem Sender die Analysen, was man wo tun kann, und in jeder Schule Helfen als Pflichtfach für da hier. Weder öffentliche noch private Sender waren interessiert. Und wie gesagt am präventiven Sozialstaatsvolksbegehren Rot, Grün, Kirche und Gewerkschaft nicht.
Tag, Monat, Jahr
Die Wunderfrage. Man wacht auf und die quälendsten Probleme sind plötzlich nicht mehr da. Es gibt die Probleme gar nicht mehr. Dieses Leben sich vorstellen. Es sodann leben. So in etwa ist die Wunderfrage gedacht. Eine Provokation eben: Fritz Orter z.B., jahrzehntelang weltweit Kriegsberichterstatter aus, die Revolutionen nicht mitgezählt, 14 Kriegen. In diesen hat er die Mörder, Schänder und Quäler immer und immer wieder dasselbe sagen hören, nämlich: Wer zu uns gehört, braucht keine Angst zu haben! Den bringen wir nicht um. Wir bringen nur die um, die uns umbringen. Denen ist egal, dass wir verrecken, also ist es uns egal, dass die verrecken. Damit ist das entsetzliche Problem benannt, zugleich aber die Lösung, Befreiung daraus. Durch Orters Beschreibung der Kriegspsychologie ist, kommt mir vor, die Herstellbarkeit von Frieden sichtbar gemacht. Zitat Spinoza: Damit Menschen einträchtig leben und einander hilfreich sein können, ist es nötig, dass sie einander sicherstellen, künftig nichts zu tun, was den anderen schädigen könnte. Eine Art Staatsdefinition für da hier jetzt ist das auch. Sozialstaatsdefinition. Von Spinoza eben kommt die, 17. Jahrhundert, Dreißigjähriger Krieg usw., die Schlussfolgerung daraus, z. B. die Wunderfrage.
Tag, Monat, Jahr
Das Sozialstaatsvolksbegehren, Werner Vogt. Der erzählte im Herbst 2015 in Graz öffentlich, dass er gehört habe, dass in Österreich zurzeit massenweise Waffen gekauft werden. Das sei unheimlich und besorgniserregend und müsse unterbunden werden. In einer Veranstaltung mit dem Titel „Vom Helfen und vom Wohlergehen oder Wie die Politik neu und besser erfunden werden kann“ war das, in der Pfarre St. Andrä. Fritz Orter und Markus Marterbauer waren ebenfalls als Vortragende zum Gespräch eingeladen. Ich war auch mit von der Partie. Pfarrer Glettler, jetzt Bischof von Innsbruck und jahrelang ein Kandidat fürs Amt des Wiener Erzbischofs, war der Gastgeber. Altbürgermeister Stingl hielt die Begrüßungsrede. Der Saal war bis tief in die Nacht zum Bersten voll. Ich erfinde nichts. Alles ist dokumentiert. Es ging wesentlich – ich berichte 1:1 – um die beitragenden Worte eines Lehrers, das größte Problem in der Schule, in der Mittelschule, im Gymnasium, an dem er unterrichte, aber überhaupt das schulische Grundproblem, seien seiner Meinung nach die Entwertungen. Vor allem werden die Probleme, welche die Kinder und Jugendlichen haben, sagte er, ganz gewiss nicht gelöst, sondern das werde von Jahr zu Jahr und von Klasse zu Klasse aufgeschoben. Und die Konzentrationsfähigkeit sei nun einmal sowieso futsch. Alles müsse schnell gehen, damit es ja niemandem langweilig oder bange wird. Er könne das alles nicht mehr ernst nehmen. Man setze sich mit nichts und niemandem mehr wirklich auseinander, da nichts und niemand, meinte er, mehr wichtig genug oder gar als kostbar erscheint. Das seien eigentlich alles gegenseitige Grundrechtsverletzungen, was da in der Schule stattfinde. Man drücke sich vor den konkreten Lernproblemen, statt die Schüler und sich selber mit diesen Lern- und Lebensproblemen zwecks Abhilfeschaffens zu konfrontieren. Stütz- oder Integrationslehrer werden, das könne er sich sehr wohl auch vorstellen. Ein wenig wäre das wie die Seiten wechseln, meinte er. Und dass ehrlicherweise eigentlich der gesamte Unterricht stütz- und integrations- und grundschulartig erfolgen sollte. Das wäre eine Erleichterung für alle Beteiligten. Zumindest an den Gymnasien, die so lernbehindert seien wie diejenigen, an denen er in den letzten 30 Jahren gearbeitet habe. Der viele Schein nämlich mache den vielen Stress. 2015 in Graz wie gesagt sagte der Lehrer das genau so. Vier Fächer hat er unterrichtet in seinem Leben und Beruf, unter anderem auch in – wo? Raten Sie!
Der viele Schein macht den vielen Stress; Helfen als Pflichtfach in der Schule, sodass sie selber ein Ort des Helfens sein kann; im ORF präventives Friedensfernsehen, also eine Berichterstattung, die Konflikte und Kriege bereits im Entstehen systematisch und mediatorisch analysiert. Konsequent deeskalierende Friedensberichterstattung somit statt Kriegsberichterstattung. Darum ging’s damals. Um die mögliche Prävention, reelle, realistische, realisierbare. Z. B. von Fritz Orter in seiner Lebensbilanz so benannt. Und um die tatsächliche Versorgungssicherheit der Republik.
Markus Marterbauer replizierte an jenem Abend sofort auf das Vorbringen des Lehrers, baute gewissermaßen darauf den Sozialstaat auf, erklärte den so. Nämlich als Schutz vor der zerstörerischen Entwertung von Menschen. So einfach war das damals. Ein wenig, wie der weltweit meistzitierte Menschen- und Wirklichkeitswissenschafter Pierre Bourdieu einmal gesagt hat, dass der Staat sein muss, nämlich mitfühlend. Ein mitfühlender Staat. Ein paar Jahre später, 2020, hat Marterbauer als leitender AK-Ökonom öffentlich ausgerechnet und beizeiten geraten, ab sofort jedes Jahr 10 Milliarden € für Investitionen alleine in Pflege und Klima zu budgetieren. In Kinder und arme Menschen sowieso. Denn die Kredite waren zu diesem Zeitpunkt seit längerem schon nicht bloß extrem billig, sondern, so Marterbauers Wortwahl, nahezu gratis. Diese Zeiten sind inzwischen offenkundig ungenutzt und falsch genutzt vorbei und das Geld ist futsch für fast nix.
Tag, Monat, Jahr
In Glettlers Pfarre St. Andrä im Problembezirk Gries September 2015 war Marterbauer an besagtem Abend für die wirtschaftswissenschaftliche Ideologiekritik zuständig, also fürs Entbluffen. Zu dem, was entbluffenderweise wahr war, gehörte beispielsweise, dass eine eventuelle Gefährdung des Industriestandortes Österreich am ehesten davon ihren Ausgang nehmen würde, dass österreichische Unternehmen ihre Exportgewinne nicht in die eigenen Unternehmen, nicht in die Fachkräftenachwuchsausbildung und nicht in die Löhne ihrer Arbeiterschaft und Angestellten investieren, sondern für Dividendenausschüttungen und Börsengeschäfte verwenden statt zur Stärkung der Binnennachfrage und des österreichischen Binnenmarktes. Zur Wahrheit gehörte vor allem auch, dass in der Weltwirtschaftskrise 2007ff. der antineoliberale Sozialstaat in der ansonsten neoliberalen EU tatsächlich Millionen Arbeitsplätze gerettet und die Massenarmut verhindert habe und dass sozusagen wir Österreicherinnen und Österreicher uns andererseits bei denen massiv verschuldeten, die wir retteten, nämlich bei den Banken und Finanzmärkten. So einfach war das alles damals und ist’s wohl immer noch. Vor den Ostgeschäften, inklusive denen mit Russland und der Ukraine, hatte Marterbauer die Banken damals auch gewarnt gehabt und kritisiert, diese immensen Ostkreditvergaben der Banken könnten die Finanzen der Republik Österreich massivst gefährden. Auch hatte Marterbauer, am WIFO jahrelang mit- und hauptzuständig für die Konjunkturprognosen, 2005 in einer Studie 2, 3 Jahre vor dem weltweiten Platzen der Immobilienblase genau davor gewarnt und vor einer daraus entstehenden Weltwirtschaftskrise.
Tag, Monat, Jahr
Bleierne Zeit, von Hölderlin ist der Begriff, ist das kleine Versstückchen, bilde ich mir ein. Komm! Ins Offene! Freund! steht auch im Gedicht, bilde ich mir auch ein. Und ein Happy End ist’s auch. Von Friedrich Hölderlin ein Happy End. Sachen gibt’s. Komm! Ins Offene! Freund! Ist ja auch wirklich so. Zirka. Komm, ins Offene, Freund!
[Flugblatt, denn der Schluss entfällt heute aus Zeitdisziplin
Tag, Monat, Jahr
Kreisky nannte die österreichische Sozialdemokratie den Arzt am Krankenbett des Kapitalismus. – Ja, aber was ist, wenn der Arzt sich ansteckt? Außerdem sagte Keynes (!), auch die besten Ökonomen seien lediglich Zahnärzte. Ist also die österreichische Sozialdemokratie der hiesig praktizierende Zahnarzt des Kapitalismus? Angeblich funktioniert die Sache anders und ist seit jeher die Todesangst, die Todesbedrohung die kapitalistische Triebkraft. Der Sozialstaat hingegen, der mitfühlende Staat, ist das Gegenmittel. So in etwa soll die Sache sozialdemokratisch angeblich gedacht sein. Jedenfalls stand Kreisky im Telefonbuch. Die Leute riefen ihn bei Tag & Nacht in ihrer Not an, z. B. auch weil die Dachrinne kaputt war oder der Wohnungsschlüssel verlegt & verschwunden oder das Auto abgeschleppt oder weil der Hund krank war oder weil’s ins Haus fror. Bundeskanzler Parteivorsitzender Kreisky fühlte & erwies sich zuständig. Krank, betagt & weg vom Fenster hat er später gesagt, er fürchte sich, wie das sein wird, wenn Politikergenerationen an die Macht & Regierung kommen, die nicht wissen, was auf dem Spiel steht, weil sie die Not der Kriegs-, Zwischen- und Nachkriegszeiten und den wohltuenden Aufbau des Staates nicht selber am eigenen Leib erfahren haben. Das war dann ja so, oder? Nein, stimmt nicht? Wie war es dann?
Tag, Monat, Jahr
Das Sozialstaatsvolksbegehren, Christoph Schlingensief würd’s sofort machen & Augusto Boal auch sofort & Paulo Freire sowieso. & Pierre Bourdieu hatte derartiges europaweit im Sinne gehabt. Unglück in Glück drehen: Für Werner Vogt, wie für die Dohnal, war der Sozialstaat umfassend, Staatszweck eben, weil Sicherung der Lebensgrundlagen. Gesundheitswirtschaft, Bildungswirtschaft, Betreuungswirtschaft, Wohnungswirtschaft, Energiewirtschaft, Kulturwirtschaft, Landwirtschaft usf., alles Sozialstaat, alles in jeder Hinsicht Gewinn bringend, noch & noch, so oder ………………………………………….. so…………….]
[Flugblattrückseite: Leitner, Die Thesen des Sozialstaatsromans, 2012 wortwörtlich wie folgt publiziert
- Die gegenwärtigen politischen, ökonomischen und intellektuellen Eliten sind ungebildeter als die Eliten jemals zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg. Daher entscheiden sie falsch und sind weder der demokratischen Prävention noch fürsorglicher Prophylaxe fähig.
- Man gerät, wenn man in Not ist und Hilfe braucht, im gegenwärtigen Sozialstaat sehr schnell und sehr leicht in Extremsituationen, auch als Helfer selber und genauso als etablierte Hilfseinrichtung insgesamt. Das war seit jeher so und wird gegenwärtig von neuem immer schlimmer.
- (…) Wenn es gegenwärtig zu Revolutionen kommt, dann ausschließlich von rechts. Von dort dann freilich in Permanenz.
- Da die Gegenwartsgesellschaft als ganze schwer sucht- und angstkrank ist und sich im permanenten Ausnahmezustand befindet, sollte sie sich an den Anonymen Alkoholikern ein Beispiel nehmen. (…)
- Da infolge der neoliberalen Weltwirtschaftskrise die Grundversorgung der Bevölkerungen des Westens und Nordens zunehmend gefährdet ist, sollte diese Grundversorgung so schnell wie irgend möglich gesichert werden. (…)
- Da sich die Gegenwartskultur in einem infantilen Regress befindet, und zwar psychisch, sozial, politisch, wirtschaftlich und geistig, muss sie, ob sie will oder nicht, zurück in die Antike und dort ihr Amerika samt Europa von Grund auf neu lernen, (…) von Thukydides, (…) Aristoteles, (…) Sallust und (…)Cicero. Österreich muss nicht so weit in die Antike zurück, sondern lediglich ins Wien um 1900, in die Zeit der Donaumonarchie und der Ersten Republik.
- (…) Das Neonazitum ist militant pseudoreligiös. Ablesbar z. B. im Hymnentext: Adolf Hitler, steig’ hernieder und regiere Deutschland wieder. Hoch zum Himmel heben wir die Hand. Dass der Nationalsozialismus eine Form von Sozialismus ist, macht ihn neben seinen eben genannten sekten-religiösen Komponenten dermaßen gefährlich. Ebenso, dass der sozialdemokratische Sozialismus korrupt ist. (…)
- Die Christen sind ihren eigenen Werten nicht gewachsen.
- Überall, wo Hoffnung ist, ist zugleich der Wurm drinnen. Und umgekehrt.
- Es gibt nicht den geringsten Grund für staatsbürgerliche Depressionen oder Erschöpfungszustände, wiewohl die Linken und Grünen in den letzten 10 Jahren versagt haben und sich auch weiterhin von der Angst vor der eigenen Courage leiten lassen werden, zumal sie ungebildet sind. Ungebildet verwende ich auch hier im Sinne von unvorbereitet.
- (…) Die Eliten haben jahrzehntelang das Grundlegendste für banal und primitiv und für eine Art beliebig nachproduzierbarer Massenware erachtet und hatten immer jemanden, der die basalen Dinge für sie erledigte oder bereitstellte. Die gegenwärtige Folge ist eine desorientierte Dienstbotengesellschaft mit dekadenten Herrschaften. (…)
- Der Wohlfahrtsstaat ist die Grundlage des allgemeinen Wohlstands, die Wirtschaft und Industrie haben diesen Wohlstand massiv gefährdet und großflächig zerstört, indem sie ihre Gewinne nicht in die eigene ökologische Unternehmensentwicklung und schon gar nicht in den Sozialstaat, also in die sichere Versorgung der Bevölkerung, investierten, sondern an den Börsen verspekulierten. Und die Politiker aller Couleurs haben den Keynesianismus falsch verwendet, nämlich zur Finanzierung des neoliberalen, mafiösen Wirtschaftsdesasters. (…)
Im Übrigen hier jetzt siehe:
Peter Henisch, Pepi Prohaska Prophet
Tamar Radzyner, Nichts will ich Dir sagen]
Egon Christian Leitner las aus diesem Text am 25.10.2025 im Schauspielhaus Wien bei der „Revue der Entpörung“, einer Veranstaltung von mitSprache, dem freien Zusammenschluss der Österreichischen Häuser der Literatur. >PROGRAMM „Revue der Entpörung“
Ich habe Angst heißt auf Persisch Mitarsam. Natars! heißt Hab keine Angst! Anneschda! Anneschda! Zu Hilfe, zu Hilfe! – Arabisch. Hebräisch: Hatsilu, hatsilu! Rettet, rettet! Höre mich um. Die zuständige Berufshelferin, die seit den Jugoslawienkriegen Flüchtlinge in Österreich in Arbeit & Beruf bringt, sie darauf bedarfspädagogisch vorbereitet & gemäß den Anforderungen der Arbeitgeber & im Auftrag des AMS vermittelt. Meistens mit überdurchschnittlicher Erfolgsquote. Aus dem zweiten Arbeitsmarkt in den ersten. Problemfälle. Wie man so sagt. Noch und noch. Ganz am Anfang befürchtete sie, die vielen in den Herkunftsgebieten verfeindeten Kriegsflüchtlinge werden nicht miteinander kooperieren. Es werde ständig Konflikte geben, schwere gar. Das völlige Gegenteil war der Fall. 30 Jahre lang. Die Menschen waren froh, dass sie einen sicheren & gemeinsamen & gewaltfreien Raum hatten & die Chance auf ein neues & tätiges Leben. Einfach ist das Ganze zugegangen. Denn dergestalt waren & sind Bedarf & Bedürfnisse. Sagt sie. Man interessiere sich für die Fähigkeiten & Probleme der Fluchtmenschen & Vertriebenen wirklich, erkläre ihnen in & mit großer Ruhe, was sie bislang nicht verstanden haben, & gebe ihnen Zeit. & dann staunt man & wundert sich, was alles möglich ist.
Beispiele: Die Afghanin, die mit ihren vier Töchtern hierher geflohen ist. Den schwerkranken Ehemann zurücklassen hat müssen. Analphabetin & voller Angst. Permanent Körperschmerzen. Die Töchter im Volksschulalter. In der 4. Klasse rät die Lehrerin, die Älteste in ein Gymnasium zu geben. Die Mutter will nicht, denn das könne nicht gut ausgehen für ein Mädchen. Inzwischen ist es Ärztin. Auch ihre Schwestern haben gute Ausbildungen, z. B. Handelsakademieabschluss. Ohne das der Mutter beistehende Helferinnenteam mit den guten Nerven wären die happy ends vermutlich nicht möglich gewesen. Im Nachhinein betrachtet war es ganz einfach, sagt „meine Helferin“. Der Syrer, seine Frau will das Kopftuch tragen, ihm ist das überhaupt nicht recht, aber sie fühlt sich sonst völlig schutzlos da hier. Er arbeitet in Hotels als Küchenhilfe, Abwäscher, empfindet sich ausgenützt, erniedrigt, will den Situationen entkommen, wird Zusteller, kommt zugleich immer wieder um Rat zurück zu seinen Helferinnen in der Hilfseinrichtung, die eigentlich gar nicht mehr zuständig wären für ihn, & schafft die hochoffizielle Lehrabschlussprüfung als Koch, ist ein exzellenter Koch & mit seinem Leben zufrieden. Aber wenn er nicht die Helferinnen gehabt hätte, die ihm & an ihn geglaubt haben, & weit weg im namhaften Ausbildungszentrum den Berufsschullehrer, mit dem sie redeten & der ihn oft zuhause bei der Frau bleiben & dort lernen hat lassen & nicht auf die übliche Internatspflicht bestand, sondern ihn daheim des Lernstoffes wegen regelmäßig anrief, hätte der Syrer keine Chance gehabt. Aber es ist alles gut geworden. War nicht schwer, sagt „meine Helferin“. Und wiederum: Im Nachhinein betrachtet. Oder der Nigerianer, als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling hierhergekommen, Drogenprobleme bekommen aktiv wie passiv, eingesperrt worden, verzweifelt gewesen, Therapie, clean jetzt seit Ewigkeiten, keinerlei Rückfall, auch weil inzwischen Familienvater, Arbeit seit Jahren in einer Reinigungsfirma, Vertrauensarbeit durchaus, er überglücklich. So einfach ist Glück, sagt „meine Helferin“. & dass die Unbegleiteten oft nur ihre Handys & einander haben. Das viele Heimweh. Mit den Handys rufen sie daheim an, um mit ihren zurückgelassenen Eltern, Angehörigen, Freunden zu reden, oft die ganze Nacht durch. In der Früh sind sie dann müde beim Lernen. Miteinander sind die Jugendlichen immer am liebsten unterwegs, als Schutz da hier. Von einem idealistischen Kollegen erzählt „meine Helferin“ auch. Der macht Workshops in Schulen, ist danach frustriert, weil in den einmaligen Zweistundenworkshops die Konflikte nicht behoben werden, sondern eher losbrechen. Dafür könne er nichts, die Schüler auch nicht, die Schülerinnen noch weniger. Ohne Zeit geht gar nichts, sagt „meine Helferin“. So einfach sei das eben. Sie hat in all den Jahren nicht einzig Geflüchtete in Arbeit & Beruf gebracht, sondern genauso österreichisch geborene Klientel. Frauen und Männer. (Das Wort „Job“ verwendet sie nie, empfindet es als seltsam.)
Spreche im selben Interview zugleich mit einer Ethnologin, seit Jugend Tiertrainerin & nun in Psychotherapeutinnenausbildung sich befindend; kein Migrationshintergrund. Sie sagt gerne Allparteilichkeit. & Unbefangenheit. Ihr Brotberuf bringt sie immer schon quer durch die Schichten & Milieus: z. B. juristische, ärztliche, sprachwissenschaftliche, alte Menschen, junge, mit niedrigsten Einkommen, mit hohen. Leute, die sich warum auch immer Tiere halten. Sie hat auch viel mit solchen Problemtieren zu tun, die niemand will oder wollte. Mit zermürbten Tierhalterinnen und Tierhaltern sowieso. Oder eben mit sehr verantwortungsbewussten & vorausschauenden. Tiergestützte Psychotherapie interessiert sie, derlei tun, dergleichen werden will sie. Was sie zuvorderst bei Hunden & deren Menschen zustande bringt (partnerschaftlich, gleichberechtigt, mittels antiautoritärer Erziehung, absolut frei von Gewalt & fast jeglichem Zwang), ist, vermute ich, staunenswert & zwischendurch wie ein, würden vielleicht viele Leute sagen, Wunder. Die Tiere sind sehr oft auch körperlich schwer beeinträchtigt. Chancenlos. Aufgegeben. Für die Trainerin ist wichtig, dass sich jedes Verhalten durch Grundbedürfnisse logisch erklären lässt. Daher verwendet sie auf Nachfrage das Wort Wunder einzig wie folgt: Wenn man X nicht tut, ist es kein Wunder, dass Y nicht geschieht. Da braucht man sich dann über nichts wundern. Das Verletzen der Grundbedürfnisse von Lebewesen & die Folgen meint sie. „Meine Helferin“ sagt etwas Ähnliches von ihrer Klientel: Wenn niemand da ist & niemand etwas unternimmt, ist es völlig klar, wie solche Fälle ausgehen. Dass es sehr auf die einzelnen Menschen ankomme, sagt sie auch. Meint damit nicht zuvorderst die Klientel, sondern die jeweils Zuständigen. Wie diese ihre eigenen Spielräume ermessen & nutzen. Lehrgänge für interkulturelle Kommunikation leitet „meine Helferin“ ebenfalls. Seit 20 Jahren. In diesen Kursen geht es, wird mir gesagt, wirklich um interkulturelle Kommunikation. Um wirkliche Kommunikation. Zwischen Individuen. Untereinander & mit & in Institutionen, Behörden, NGOs. Die Absolvierenden sind mitunter Berufspolitikerinnen gewesen oder dann geworden oder politisch Beratende oder politische Mitarbeiter. Alle politischen Couleurs. Abgewiesen wurde bislang niemand. Auch FPÖler nicht. Die Teilnehmenden der einjährigen Lehrgänge brachten ihre Berufs- & Lebenserfahrungen ein, ihre Probleme detto, lernten zugleich für ihre tägliche Arbeit in ihren Einrichtungen & für ihr eigenes Privatleben. Vertrauensvoll.
Rede mit „meiner Helferin“ über berufliche dolmetscherartige Mehrsprachigkeit. Schlage Notfallsvokabular vor. Wenn man selber attackiert wird oder wenn man dazwischengeht, in Gefahr ist. Die fremden Wortschätze & Verhaltensweisen nehmen als Werkzeug, um Probleme zu lösen. Lebensprobleme. Weltprobleme. Sowohl mittendrinnen als auch präventiv. Wie viele Wörter, Werte, Verhaltensweisen kann man leicht & einfach lernen als Österreicher? Und als von Berufs wegen Helfende, Helfender wie viele? 200, 300, 400, 500 Wörter, Worte, elementare, herzens- & lebens- & überlebenswichtige in 2, 3, 4, 5 Sprachen? & können die Geflüchteten hier Frieden aushandeln, planen & realisieren miteinander für dort? Selbstverständlich! Für hier wie für dort. Jeden Versuch wert ist das!, sagt „meine Helferin“. 5 x 500 kommt mir zumutbar vor, 5 x 200 ausreichend, auch schon 100 in jeder Sprache. „Meine Helferin“ sagt, sie sei in all den Jahren als Betreuerin fast immer mit Deutsch ausgekommen. Es komme sehr darauf an, wie freundlich, klar, verlässlich & behilflich man selber rede. Vor allem sei ihre NGO ein Wunderwerk an zwischenmenschlichen & informellen Ressourcen aller Beteiligten. Wenn es darauf ankomme, sei über kurz oder lang alles da, was gebraucht werde.
Wegen der FPÖler habe ich „meine Helferin“ wie folgt gefragt: Die englischen Bomber und amerikanischen, die deutschen Frauen, die im 2. Weltkrieg aus der Feuerhölle von Hamburg geflohen sind, im Gepäck, in den Koffern, Taschen in den Zügen ihre toten kleinen Kinder. Wie die Flüchtlinge heute. Die Frau aus Afghanistan, die auf der Flucht ihr Kind nicht selber begraben hat können, es anderen gegeben hat mit der Bitte, es beizusetzen. Die hatte ihr totes Kind tagelang in ihrer Tasche gehabt. Oder vor ein paar Jahren die Frau, die mit ihrem toten Kind zurückwollte, es daheim begraben. Von da hier dann zurückgeflogen ist, mit ihrem Mann zusammen, in der Tasche eben das tote Kind auch. Immer wenn die Freiheitlichen und die ÖVPler und die ÖVPlerinnen auf die Geflüchteten schimpfen, fallen mir Hamburg und Dresden ein und z. B. die Sudetendeutschen, die dann ja eigentlich niemand haben wollte da hier. Mit den entsetzlichen Erfahrungen der flüchtenden Menschen damals, unserer eigenen, ist da hier jetzt den Freiheitlichen und den ÖVPlern jedes Mal zu antworten, bilde ich mir ein. Mit unseren eigenen Leuten muss man denen beikommen. Ich verstehe nämlich wirklich nicht, wie man dermaßen grausam sein kann da hier jetzt wie z. B. die Freiheitlichen alle, wenn ja doch die eigenen Familien kein Leben hatten und immer in Lebensgefahr und zerstört und heimatvertrieben waren und der letzte Dreck und man selber der ja auch. Was ich eben nicht verstehe: Dass die FPÖler die Flüchtlinge befeinden, wo doch so viele FPÖler von Flüchtlingen abstammen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Sudetendeutschen und überhaupt die Volksdeutschen, denen ist es nicht gut gegangen unter ihren Landsleuten im Süden und Westen, bei denen sie Schutz suchten. Die deutschen Flüchtlinge waren sozusagen bei den Ihren nicht willkommen. Warum redet niemand diese vermaledeiten FPÖler heutzutage auf die Flucht ihrer Großeltern und Eltern an? Und überhaupt darauf, was sogenannte Deutsche sogenannten Deutschen angetan haben. Den Krieg haben sie ihnen angetan zum Beispiel.
Dagegenstellen die Wunderfrage. Man wacht auf und die quälendsten Probleme sind plötzlich nicht mehr da. Es gibt die Probleme gar nicht mehr. Dieses Leben sich vorstellen. Es sodann leben. So in etwa ist die Wunderfrage gedacht. Die sogenannte Wunderfrage, eine Provokation eben: z. B. Kants Schrift Zum ewigen Frieden. Die ist zudem lustig: Ein Vertragsentwurf mit Präambeln, Anhängen, Klauseln und geheimen Zusatzartikeln. Ein fertiges Formular durchaus, in das man nur mehr die Namen, Orte, sonstige Daten einzufügen bräuchte, dann könnte man es problemlos unterschreiben und wirklich Frieden ist. Das bleibt dann auch so. Niemanden in Not, Schulden, Verstrickung treiben; keine Irreführung, keine Heimtücke, der Staat gewaltengeteilt, ein Rechtsstaat, an das Recht alle gebunden, just auch die Regierenden und Mächtigen und Reichen; irgendwie repräsentativ-demokratisch ist das Ganze und jeder, der, jede, die für einen Krieg stimmen will, muss wissen, dass auch er und sie selber samt den Seinen und Ihren die Folgen des Krieges zu tragen haben wird. So eben ist das bei Kant und steht’s im Vertrag. Statt Aufklärung hat Kant auch gern Beleuchtung der Geschäfte gesagt. Kants Königsberg heißt jetzt Kaliningrad, ist 2 Mal so groß wie Graz zirka und russisch eben, liegt mitten in Europa weg von Russland; und die russische Ostseeflotte, die Baltikumflotte, ist dort stationiert; und das auf die EU gerichtete Atomwaffenarsenal der Russen ist dort und Immanuel Kant rotiert dort seit über 200 Jahren in seinem Grab und findet seinen Frieden nicht. Obwohl ja wirklich alles im Vertrag steht. Aber die unterschreiben alle immer nie. Das Wunder geschieht nicht. Nochmals stellen also die Wunderfrage! Z. B. wie folgt: Ein Vater vererbt seinen 3 Söhnen 19 Kamele. Oder Kühe oder Ähnliches. Der Älteste soll die Hälfte, der Mittlere ein Viertel, der Jüngste ein Fünftel bekommen vom Vieh. Das Problem ist unlösbar. Denn geschlachtet und zerstückelt dürfen die Tiere nicht werden, weil sie lebend weit nutzbringender, wertvoller sind. Die Brüder geraten in heftigen Streit. Auf Mord und Totschlag fast. Eine Nachbarin mischt sich ein, bringt ihnen eines der ihr eigenen Tiere, sagt, die Brüder sollen das Tier ruhig als Geschenk nehmen, sich wieder vertragen. Das funktioniert wirklich! Der Älteste hat jetzt 10, der Mittlere 5, der Jüngste 4. 19 Stück in Summe. Frieden ist! – Ein Tier bleibt sogar übrig. Das 20. bekommt die Nachbarin retour. In der Friedensforschung wird gern so gerechnet. Die Sache funktioniert auch mit anderen Maßeinheiten, Ressourcen. Ein Wunder in jedem Fall! Da mischt sich jemand ein von draußen, gibt etwas her von seinem Reichtum, kriegt’s im schnellen dauerhaften Frieden sogar sofort zurück. Was heißt das z. B. für den Krieg um die Ukraine, Palästina, Israel? Was für die EU, USA, für die UNO, was? Für die Russen, Chinesen, Inder, für Afrika, Brasilien usw.? Persien. Für die sogenannte Völkergemeinschaft. Die Wunderfrage. Da ginge es dann nicht um Milliarden, Billionen, Waffensysteme, sondern? Was würde geliefert stattdessen von wem?
Z. B. Fritz Orter, jahrzehntelang weltweit Kriegsberichterstatter aus, die Revolutionen nicht mitgezählt, 14 Kriegen. In diesen hat er die Mörder, Schänder und Quäler immer und immer wieder dasselbe sagen hören, nämlich: Wer zu uns gehört, braucht keine Angst zu haben! Den bringen wir nicht um. Wir bringen nur die um, die uns umbringen. Denen ist egal, dass wir verrecken, also ist es uns egal, dass die verrecken. Damit ist das entsetzliche Problem benannt, zugleich aber die Lösung, Befreiung daraus. Durch Orters Beschreibung der Kriegspsychologie ist, kommt mir vor, die Herstellbarkeit von Frieden sichtbar gemacht. Zitat Spinoza: Damit Menschen einträchtig leben und einander hilfreich sein können, ist es nötig, dass sie einander sicherstellen, künftig nichts zu tun, was den anderen schädigen könnte. Eine Art Staatsdefinition für da hier jetzt ist das auch. Sozialstaatsdefinition. Von Spinoza eben kommt die, 17. Jahrhundert, Dreißigjähriger Krieg usw., die Schlussfolgerung daraus, z. B. die Wunderfrage, Kühe, Verträge. Wer verhandelt die, schließt die? Die Opfer, die von überallher hierher geflohen sind. Die Feinde von dort, jetzt Freie hier.
Unglück in Glück drehen, gemeint ist die Fügung, wie wenn eine Hebamme das Kind im Bauch dreht, so das Baby und die Mutter außer Gefahr bringt. Diese zuversichtliche Handgrifffolge bei der Geburt wird vollführt ‒ und alles geht gut aus in dem Moment. Kein Schicksal waltet. Das Leben und die Chancen sind doch da. Der Unfallchirurg, erste Wiener Pflegeanwalt, ausgebildete Volksschullehrer, Kreiskyvertraute Werner Vogt sagte die Worte oft: Unglück in Glück drehen. 2002 zusammen mit Johanna Dohnal z. B. realisierte er ein Sozialstaatsvolksbegehren. Ein österreichweiter Diskussions- und Lernprozess mitten quer durch die Bevölkerungsgruppen, Berufe, Lebenswelten hätte es werden sollen zum Zwecke der gemeinsamen Prävention vor künftigen Katastrophen. Im Gesundheits-, Pflege-, Bildungswesen, Wirtschaftsgebaren und Arbeitsleben. Die Sicherung ausreichender Grundversorgung in allen Bereichen. Geschützt dies durch die Verfassung. Wäre die Idee, es zu wiederholen, in den letzten bald 25 Jahren nicht ständig am internen Konkurrenzkampf von Parteien, Verbänden, Interessensvertretungen gescheitert, wäre vielleicht viel jetzige Unbill erspart geblieben. Ebenso durch folgende durch Fritz Orters Lebensbilanz 2015 grundgelegte präventive Idee: Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? In der Schule ein Lernfach, das Helfen heißt, und im Fernsehen ein paar Stunden pro Woche ein Friedensprogramm! Auf jedem Sender die Analysen, was man wo tun kann, und in jeder Schule Helfen als Pflichtfach für da hier. Weder öffentliche noch private Sender waren interessiert. Und wie gesagt am präventiven Sozialstaatsvolksbegehren Rot, Grün, Kirche und Gewerkschaft nicht.
Nichts müsse bleiben, wie es ist, weder im Guten noch im Schlechten. Ein jegliches Gutes könne verloren gehen; ein jegliches Übel abgeschafft. Immer nur das, was man geschehen lasse, anstatt es zu durchkreuzen, geschehe vollends. Pierre Bourdieu, geboren 1930, gestorben 2002, zu Lebzeiten der weltweit meistzitierte Menschen- und Wirklichkeitswissenschafter, lehrte das. Er erachte es für seine berufliche Aufgabe, die Aufzwingungen, Einschüchterungen, Tricks und Schwindeleien, welche die Mächtigen und Wichtigen aller Zeiten ausmachen, zu demaskieren. Und in den gegenwärtigen öffentlichen demokratischen Auseinandersetzungen seien die Gegner einander oft bloß Komplizen, Mitwisser und Mittäter; die beteiligten Seiten lenken und bringen einander vom wirklich Wichtigen, das zu tun ist, ab. Bourdieus Gegenansinnen war z. B., ganz elementare Fragen zu stellen und gemeinsam über die eigenen Fehler zu lachen. Lernend zu bewerkstelligen, dass Menschen einander verständlicher und freundlicher gesonnen sind. Für Bourdieu gab es jedenfalls nichts Provokanteres als Wissenschaft, das heißt als Autonomie und öffentliche Wahrheitsfindung. Immer geht es in seinem Gesamtlebenswerk um Menschen in Zwangssituationen, unten, oben, mitten drinnen. Den Sozialstaat erachtete er als Erzeugnis der Evolution, sozusagen als das Beste, was es bisher unter Menschen gab. Entstanden durchaus aus Zufällen, Glücksfällen, die als solche erkannt, geschätzt, geschützt wurden und zugleich aber das Ergebnis unglaublicher, schrecklicher Kämpfe waren. Daher dürfe der Sozialstaat ja nicht von neuem dem Zufall preisgegeben werden. Ja nicht diesen furchtbaren Preis von neuem zahlen müssen, nämlich das Insgesamt der menschlichen Qual, seit es uns gibt. Kleine soziale Wunder, Kostbarkeiten ‒ Bourdieu nannte die Menschengruppen, die für den Sozialstaat kämpfen, so, die Bewegungen, Hilfseinrichtungen, NGOs. Er meinte, gegenwärtig sei eine rechte Revolution nach der anderen im Gange ‒ eine permanente neoliberale Revolution, durch die der Staat mittels des Staates außer Kraft gesetzt werde. Und die Linken und Alternativen seien aber immer 2, 3, 4 Revolutionen hintennach; können gar nicht so schnell begreifen, geschweige denn dazwischengehen, geschweige denn wirklich, rechtzeitig und gemeinsam. Sie seien auch nicht imstande, untereinander das Konkurrenzprinzip, das Du oder ich!, das Jeder gegen jeden! und Jeder muss selber schauen, wo er bleibt!, wo nur irgend möglich außer Kraft zu setzen.
Die Demokratie-, Solidaritäts-, Friedensmethode des Machttheoretikers Bourdieu ist praktiziert in Das Elend der Welt. Da respektive durch es erzählen angeblich banale alltägliche Menschen wie – Pardon – Du und ich einander ihre angeblich mehr oder weniger unwichtigen Leben, Wegwerfleben, und was sie fürchten, was sie sich wünschen, was ihnen wehe tut. Und zwar Menschen vom Bauern bis zum Untersuchungsrichter, von der Polizistin bis zur Postangestellten, vom Weinhändler bis zum jungen baldigen Neonazi, vom Migrantenbuben und dessen Hausmeister bis zur kleinen Geschäftsfrau oder bis zum Sozialarbeiter oder bis zum Autoschlosser in der riesigen Fabrik oder bis zur Lehrerin oder zum Schuldirektor oder zum Versicherungsvertreter oder zur Leiterin eines Frauenhauses und so weiter und so fort: Es erzählen also Menschen, die einander ansonsten unbekannt, gleichgültig oder gar widerwärtig sind, einander ihr Leben. Indem sie einander angeblich Banales erzählen, das in Wahrheit lebenswichtig ist, entmachten sie Stück für Stück diejenigen Wirtschaftsherren und politischen Machthaber, von denen sie beruflich und alltäglich in ihre jeweiligen Lebenssituationen, Konflikte und Kämpfe, ins Ohne- und Gegeneinander gezwungen werden. In Bourdieus Augen ist oft das Berufsgeheimnis das größte Problem. Denn dadurch ändere sich nie etwas. Für die Ausübenden der helfenden Berufe zum Beispiel. Dass man sich weder ein- noch aussperren lassen darf, sagte er auch. Und dass man öffentlich eben ja über das reden solle, worüber üblicherweise nicht geredet wird. Und immer mehr, immer mehr Menschen sollten das so machen. Und immer mehr reden. Über ihre wirklichen Probleme. Die Menschen in Das Elend der Welt lachen übrigens auch und sie reden sehr wohl auch genau davon, was ihnen hilft und das Leben leichter macht. Was das ist und wäre.
Politiker funktionieren oft wie Kleriker, sagte Bourdieu auch, und wie Bankangestellte. Er sprach von Menschenbankiers. Nicht zuletzt linke Gewerkschafter bezeichnete er so. Die Parteien seien heutzutage wie Banken, die Parteisekretäre wie Bankiers. Rechte Bankiers, linke Bankiers, Banken, Bankiers und kleine Bankangestellte. Alltäglich gewordene Begriffe und Fügungen wie Habitus, Soziales Kapital, Kulturelles Kapital, Bildungskapital, Feld, feine Unterschiede stammen in hohem Maße von Bourdieu. Verharmlosend wie der inzwischen übliche Gebrauch sind die bei ihm nicht. Habitus z. B. sind Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, quasi unsere Hirngrenzen, in die wir eingesperrt sind. Über die Liebe hat Bourdieu auch geschrieben und warum die eine glückt, erlaubt ist und zustande kommt und die andere nie und nimmer. Mit Max Weber hatte Bourdieu auch viel gemeinsam, Objektivität war das Um und Auf für beide, nämlich die Bereitschaft, Fähigkeit und Fertigkeit, nicht zu entstellen, Menschen nicht und Sachverhalte nicht, sondern vielmehr behilflich zu sein, das Wollen zu klären. Die Widersprüche und Konsequenzen sichtbar zu machen. Dadurch Menschen die Wahl- und Entscheidungsfreiheit zu ermöglichen. Durch einen seiner Schüler, Pollak mit Namen, war Bourdieu mit Österreich ein wenig vertraut, sozusagen von 1900 bis 2000. Als sadomasochistisch hat Pollak die vorherrschende, prominente Intelligenz der Vor- und Zwischenkriegszeit erklärt. Und die Gegenversuche dazu beschrieben. Was Bourdieu europaweit vorhatte, das wirksame Sammeln der Sozial- und Alternativbewegungen – mit Verlaub: Nirgendwo, ist mir hauptverantwortlicherseits dazumal gesagt worden, war das Ganze so weit gediehen wie in Österreich. Das österreichische Sozialstaatsvolksbegehren 2002 z. B. war Bourdieu-affin. Doch genau da verschied Bourdieu, die weiteren Kooperationsvorhaben wurden nicht mehr realisiert.
Zurück hiermit zu Werner Vogt. Der erzählte im Herbst 2015 in Graz öffentlich unter anderem, dass er gehört habe, dass in Österreich zurzeit massenweise Waffen gekauft werden. Das sei unheimlich und besorgniserregend und müsse unterbunden werden. In einer Veranstaltung mit dem Bourdieu wahlverwandten Titel „Vom Helfen und vom Wohlergehen oder Wie die Politik neu und besser erfunden werden kann“ war das, in der Pfarre St. Andrä. Fritz Orter und Markus Marterbauer waren ebenfalls als Vortragende zum Gespräch eingeladen. Ich war auch mit von der Partie. Pfarrer Glettler, jetzt Bischof von Innsbruck und vermutlich Kandidat fürs Amt des Wiener Erzbischofs, war der Gastgeber. Altbürgermeister Stingl hielt die Begrüßungsrede. Der Saal war bis tief in die Nacht zum Bersten voll. Ich erfinde nichts. Alles ist schriftlich oder akustisch oder visuell dokumentiert. Dies gilt überhaupt für alles, was Sie hier lesen. Außerdem erzähle ich es Ihnen meines Empfindens und Erachtens nicht aus wichtigmacherischer Sensationsgier oder besserwisserischer Triumphsucht angesichts der aktuell akut fürchterlichen Geschehnisse in Stadt, Land, Staat, Welt. Die Veranstaltung damals handelte jedenfalls deklariert von Auswegen und war einer von etlichen Präventionsversuchen. Z. B. im Frühjahr 2022 fand Ähnliches in Innsbruck statt, Gastgeber war wieder Glettler.
2015 in Graz ging es wesentlich um die beitragenden Worte eines Lehrers, das größte Problem in der Schule, in der Mittelschule, im Gymnasium, an dem er unterrichte, aber überhaupt das schulische Grundproblem, seien seiner Meinung nach die Entwertungen. Die Stoffe und Inhalte seien sowieso schon lange keine Wertgegenstände mehr. Die Kinder selber und die Lehrenden selber werden aber genauso immer weniger wertgeschätzt. Auf die Weise gehe zwangsläufig alles kaputt. Und das Lernen selber habe erst recht keinen Wert mehr. Vor allem werden die Probleme, welche die Kinder und Jugendlichen haben, sagte er, ganz gewiss nicht gelöst, sondern das werde von Jahr zu Jahr und von Klasse zu Klasse aufgeschoben. Und die Konzentrationsfähigkeit sei nun einmal sowieso futsch, sowohl bei den Kindern als auch bei den Lehrpersonen. Der Horizont ebenfalls. Statt Substanz gebe es zusehends nur mehr Virtualität. Alles müsse schnell gehen, damit es ja niemandem langweilig oder bange wird. Er könne das alles nicht mehr ernst nehmen. Man setze sich mit nichts und niemandem mehr wirklich auseinander, da nichts und niemand, meinte er, mehr wichtig genug oder gar als kostbar erscheint. Das seien eigentlich alles gegenseitige Grundrechtsverletzungen, was da in der Schule stattfinde. Man drücke sich vor den konkreten Lernproblemen, statt die Schüler und sich selber mit diesen Lern- und Lebensproblemen zwecks Abhilfeschaffens zu konfrontieren. Manchmal auch gibt er infolge der kulturmedialen Berichterstattung bekannte Texte von namhaften gegenwärtigen Schulkritikern und -kritikerinnen den Jugendlichen als Diskussions- und Aufsatzthema. Die können nie viel damit anfangen. Meistens gar nichts. Zum Beispiel weder mit Bildung noch mit Glück und was die gar miteinander zu tun haben sollen. Das Lernen und das Lebensglück. Der Sinn, die Freiheit, die Freiheiten, die Lebendigkeit, Lebhaftigkeit.
Genannter Gymnasiallehrer war sich auch keineswegs sicher, ob wirklich nur die Kinder und Jugendlichen sich mit dem Lesen und Schreiben und Rechnen gar so schwertun. Er hielt das Analphabetentum für strukturell und epidemisch. Die Unkonzentriertheit auch. Genauso die Lernschwächen. Die Erwachsenen können nämlich auch nicht lesen und nicht schreiben und eins und eins nicht zusammenzählen, denkt er sich mitunter. Nimmt sich selber zwischendurch nicht aus davon. Aber da würde er dann am liebsten auf und davon. Wenigstens für ein, zwei Jahre. Oder eben Stütz- oder Integrationslehrer werden, das könne er sich sehr wohl auch vorstellen. Ein wenig wäre das wie die Seiten wechseln, meint er. Und dass ehrlicherweise eigentlich der gesamte Unterricht stütz- und integrations- und grundschulartig erfolgen sollte. Das wäre eine Erleichterung für alle Beteiligten. Zumindest an den Gymnasien, die so lernbehindert seien wie diejenigen, an denen er in den letzten 30 Jahren gearbeitet habe. Der viele Schein nämlich mache den vielen Stress. 2015 in Graz wie gesagt sagte der das genau so. Vier Fächer hat er unterrichtet in seinem Leben und Beruf, unter anderem auch in – wo? Raten Sie!
Der viele Schein macht den vielen Stress; Helfen als Pflichtfach in der Schule, im ORF präventives Friedensfernsehen, eine Berichterstattung, die Konflikte und Kriege bereits im Entstehen ausreichend systematisch und mediatorisch analysiert. Konsequent deeskalierende Friedensberichterstattung statt Kriegsberichterstattung. Darum ging’s damals. Um die mögliche Prävention, reelle, realistische, realisierbare. Z. B. von Fritz Orter so benannt.
Markus Marterbauer replizierte an jenem Abend sofort auf das Vorbringen besagten Lehrers, baute gewissermaßen darauf den Sozialstaat auf, erklärte den so: nämlich als Schutz vor der Entwertung und dem Zerstören von Menschen. So einfach war das damals. Ein wenig, wie Bourdieu einmal gesagt hat, dass der Staat sein muss, nämlich mitfühlend. Ein mitfühlender Staat. Nicht im Herbst 2015, doch sehr wohl rechtzeitig hat Marterbauer als AK-Chefökonom 2020 öffentlich ausgerechnet und geraten, ab sofort jedes Jahr 10 Milliarden € für Investitionen allein in Pflege und Klima zu budgetieren. In Kinder und arme Menschen sowieso. Denn die Kredite waren zu diesem Zeitpunkt seit längerem schon nicht bloß extrem billig, sondern, so Marterbauers Wortwahl, nahezu gratis. Diese Zeiten sind inzwischen ungenutzt und falsch genutzt vorbei und der, der nicht mit schuld war an Regierungen, Pleite und Fiasko, ist jetzt all dessen Finanzminister.
In einem Club 2 im Jahr 2011 übrigens ging es, wenn ich mich richtig erinnere, um die Bankenrettung und zuvorderst deren Banker. Unter anderen Marterbauer als bekannter Kritiker der Russland- und Ostgeschäfte kam gegenüber den österreichischen Bankiers mit eben diesen ihren Russland- und Ostgeschäften kaum zu Wort. Der Moderator gab ihm dann aber zirka das letzte. Und empörte sich hierauf zirka in seiner eigenen abschließenden Zusammenfassung der Diskussion über die anwesenden Banker und nannte dabei Marterbauers Wortmeldung über die Zukunft der Kinder und jungen Menschen in Österreich für die wichtigste. Und fragte die Bankleute, warum s i e darüber partout nicht geredet hatten heute Abend.
Zurück wieder in Glettlers Pfarre St. Andrä im Problembezirk Gries anno 2015. Marterbauer war damals für die wirtschaftswissenschaftliche Ideologiekritik zuständig, also fürs Entbluffen. Zu dem, was entbluffenderweise wahr war, gehörte, wenn ich ihn richtig verstanden habe, unter anderem, dass der damals EU-weit angeblich vorbildliche Rückgang der Arbeitslosigkeit in der BRD statistisch in hohem Maße damit zusammenhing, dass die Arbeitslosen der BRD gerade eben in Pension gegangen waren oder gingen. Zur Wahrheit gehörte entbluffenderweise des Weiteren beispielsweise auch, dass eine eventuelle Gefährdung des Industriestandortes Österreich am ehesten davon ihren Ausgang nehmen würde, dass österreichische Unternehmen ihre Exportgewinne nicht in die eigenen Unternehmen, nicht in die Fachkräftenachwuchsausbildung und nicht in die Löhne ihrer Arbeiter und Angestellten investieren, sondern für Dividendenausschüttungen und Börsengeschäfte verwenden. Zur Wahrheit gehörte entbluffenderweise ebenfalls, dass in Österreich die Lohnnebenkosten keineswegs wie immer behauptet im Vergleich mit anderen Volkswirtschaften viel zu hoch sind, sondern dass die Lohnnebenkosten in Österreich anders berechnet werden als sonst wo und sich hingegen bei üblicher Berechnung eine Zahl unter dem EU-Durchschnitt ergeben würde. Zur Wahrheit gehört vor allem auch, dass in der Weltwirtschaftskrise der Sozialstaat in der EU tatsächlich Millionen Arbeitsplätze gerettet hat und die Massenarmut verhindert und dass sozusagen wir Österreicherinnen und Österreicher uns andererseits bei denen verschulden, die wir retten, nämlich bei den Banken und Finanzmärkten, währenddessen allein schon mit einem Zehntel des für die Banken- und Finanzmarktrettungen aufgewandten Betrages die Jugendarbeitslosigkeit europaweit zumindest halbiert hätte werden können. So einfach war das alles damals und ist’s wohl immer noch. Vor den Ostgeschäften, inklusive denen mit Russland und der Ukraine, hat Marterbauer wie gesagt die Banken gewarnt und kritisiert, die immensen Ostkreditvergaben von Raika & Co könnten die österreichische Republik in den Ruin treiben. Kam damit Finanzminister Pröll in die Quere, welcher folglich gegen Marterbauer vorgehen ließ. In der jetzigen Spielaufstellung und den nunmehrigen Spielverläufen ist der Sohn des damaligen Finanzministers Pröll Staatssekretär.
Auch hatte Marterbauer, am WIFO jahrelang mit- und hauptzuständig für die Konjunkturprognosen, 2005 in einer Studie 2, 3 Jahre vor dem weltweiten Platzen der Immobilienblase genau davor gewarnt und vor einer daraus entstehenden Weltwirtschaftskrise. Hat sich dann so ereignet. Marterbauers zutreffende Studie jedoch war sowohl ignoriert als auch bekämpft worden. Marterbauer wusste übrigens in jungen Jahren nicht, ob er Fußballer oder Ökonom werden soll. Im Fußball jedenfalls müsse man sich die Chancen erarbeiten und könne nur gemeinsam gewinnen, diese Einstellung hat er vermutlich immer noch. Und hat damit die für seine Partei infolge des Wahlausgangs und des Scheiterns der Regierungsbildungsgespräche bereits verlorene Partie völlig gedreht. Aus Verantwortungsbewusstsein der Sozialstaatspartei SPÖ gegenüber und vor allem, um die Republik ja nicht in Faschistenhände fallen zu lassen; politische Karriere hat er trotz Angebote, heißt’s, nie machen wollen. War immer hoch zufrieden, wo er gerade war.
Sie kennen das Peter-Prinzip? Es ist amüsant und provokant und besagt in etwa, dass fast immer ein wenig zu hoch aufgestiegen wird in der Karriere, und dann ist man dort eben inkompetent und fehl am Platz und stiftet als Führungskraft Schaden oder beschäftigt sich günstigstenfalls nur mehr mit lateralen Arabesken. Das Interessante am Peter-Prinzip der Inkompetenz ist das wenig bekannte Gegenmittel, das Peter selber gefunden und öffentlich gemacht hat, nämlich das Beispiel einer beliebten, in sich ruhenden Lehrerin, die keinesfalls aufsteigen wollte, obwohl sie zumindest Direktorin hätte werden können. Stattdessen hatte sie einfach nur zu unterrichten im Sinn, Kinder unterrichten. Sie soll eine erstklassige Lehrerin, Volksschullehrerin, gewesen sein, der die Kinder ein Leben lang dankbar waren, weil sie nirgendwo später so viel Hilfe erfahren und so leicht und so schnell so grundlegende, wichtige Fähigkeiten erworben und entwickelt haben wie bei dieser einen Lehrerin. Marterbauer wäre also gerade jetzt – folgt man Peters Gegenmittellehre gegen die Inkompetenz der Eliten – zum Glück und aus gutem Grund der ideale Elementarlehrer der Republik und der optimale Schuldnerberater der Bevölkerung. Außerdem hat er vor bald 20 Jahren ernstlich ein Buch über Österreich schreiben wollen. Kann leicht sein, er schreibt seither und immer noch ernsthaft daran. Also nicht bloß an außer Streit stellbaren Vermögens- und Erbschaftssteuerkonzepten.
Bruno Kreisky nannte die österreichische Sozialdemokratie den Arzt am Krankenbett des Kapitalismus. Aber was ist, wenn der Arzt sich ansteckt? Außerdem sagte Keynes ja, auch die besten Ökonomen seien lediglich Zahnärzte. Ist also die Sozialdemokratie der Zahnarzt des Kapitalismus? Angeblich funktioniert die Sache anders und ist die Todesangst seit jeher die Triebkraft des Kapitalismus. Der Sozialstaat hingegen, z. B. der mitfühlende Staat Marterbauers, ist das Gegenmittel. So in etwa muss die Sache gedacht sein.
Gott jedenfalls besuchte 1969 Berlin. Er wusste, dass die Mauer gerade 8 Jahre alt war. Also berechnete er, dass sie spätestens in 24 Jahren fallen werde. Die Rechnung war einfach und stimmte. Der Tag der Weltapokalypse kalkulierte Gott des Weiteren, werde aufgrund der ihm bekannten Anzahl der Menschen, die bisher gelebt hatten, in zirka 17.100 Jahren stattfinden. Gottes Methode ist sowohl unter Natur- als auch Sozialwissenschafterinnen und -wissenschaftern umstritten, aber logisch korrekt und in verschiedensten Fällen erstaunlich zielführend. Genau genommen heißt Gott Gott III. Den gibt’s wirklich. Sie können sich selber seiner per Suche vergewissern. Berechnende Äußerungen von Gott zur gegenwärtigen Ökonomie sind mir persönlich nicht bekannt. Nur die zu den von ihm errechneten Untergängen.
Apropos: Kennen Sie Kirpitschnikow, Archipow, Petrow? Lauter Subalterne. Die waren irgendwie wie Peters vorbildliche Volksschullehrerin beschaffen. Der eine hat nebenbei den 1. Weltkrieg beendet, die beiden anderen haben den atomaren Dritten Weltkrieg verhindert. Wären Kirpitschnikow, Archipow, Petrow nicht gewesen, gäbe es heutzutage wohl weder Sie, sehr verehrte Damen und Herren, noch mich.
Arzt am Krankenbett des Kapitalismus: Vielleicht hat Kreisky, der Nachfahre einer spanischen Ärztefamilie über Generationen war, sich selber irgendwie als Arzt gesehen. Jedenfalls stand er im Telefonbuch. Die Leute riefen ihn bei Tag und Nacht in ihrer Not an, z. B. auch weil die Dachrinne kaputt war oder der Wohnungsschlüssel verschwunden oder das Auto abgeschleppt oder weil es ins Haus regnete oder weil der Hund krank war. Bundeskanzler und Parteivorsitzender Kreisky fühlte sich zuständig. Krank und betagt hat er später einmal gesagt, er fürchte sich, wie das sein wird, wenn junge Politikergenerationen an die Macht kommen, die nicht wissen, was auf dem Spiel steht, weil sie die Not der Kriegs-, Zwischen- und Nachkriegszeiten und den wohltuenden Aufbau des Staates nicht selber am eigenen Leib erfahren haben.
Immer wenn man sich in Bewegung setzt, denke ich mir: Man wird kämpfen, z. B. der Wahl wegen, mich dabei wieder nicht brauchen. Denn bin ja der Ansicht, dass ein jeglicher von den Unsrigen nur einen Einzigen von den Anderen, den Blöden, Miesen und Fiesen, umzustimmen braucht, indem er dessen Vertrauen gewinnt und es nicht missbraucht.
Egon Christian Leitner, geboren 1961, Studium der Philosophie u. Klassischen Philologie, Kranken- und Altenpflege sowie Flüchtlingshilfe, Bourdieu-Spezialist, Sprachkenntnisse auch in Farsi, Spanisch, Hebräisch, Vietnamesisch, Arabisch, Sanskrit, lebt als freier Autor in der Nähe von Graz, KELAG-Preis beim Bachmannwettbewerb 2020. Zuletzt (bei Wieser): Ich zähle jetzt bis 3 und dann ist Frieden. Sozialstaatsroman letzter Teil (2021); Einfache Wunder, erfreuliche Wahrheiten (2026).
veröffentlicht am 16. Juli 2025 in Allgemein
© Lena Prehal