© Gerhard Fuchs
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Reinhard P. Gruber: Steirerhut

in Objekt des Monats

Gipsskulptur, 14 x 14 x 9 cm, aus dem Vorlass des Autors am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung

„weil kein ‚MODERNER’ mensch mehr zu seinem MODERNEN steireranzug einen hut mit gamsbart tragen will, unter dem diktat der AUSLÄNDISCHEN mode, ist auch schon der entbartung der steirischen gemsen und hüte, sowie überhaupt der entgemsung der steiermark, sowie der entbartung der gebirgssteirischen mannsgesichter, tür und tor geöffnet“, heißt es in Reinhard P. Grubers Aus dem Leben Hödlmosers. Ein steirischer Roman mit Regie von 1973. Vorgeführt wird die sprachliche Genese eines in sich geschlossenen, scheinbar naturgegebenen Weltbildes, in dem fremdenfeindliche und zivilisationskritische Pseudoargumentationen Heimat als Territorium behaupten und im Mythos bewahren. Gruber führt die „Naturalisierung“ des historisch Gewordenen in trivialen Heimatkonzepten, insbesondere in der Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus mit ihrer Identifikation von Landschaft und Charakter, sprachsatirisch ad absurdum und ironisiert jene Geisteshaltung, der – von „Entgemsung“ bis „Entbartung“ – jede Veränderung als Verlust erscheint.
Als Satiriker hat er – das die Krux jeder Satire – aller ironisch-skeptischen Haltung zum Trotz mit dem „Hödlmoser“ aber auch ein Identifikationsangebot geschaffen. Ähnlich wie die populäre Wiener Mundl-Figur ist auch Franz Josef Hödlmoser, Gewalttäter mit Herz, Säufer, Großmaul und Schwächling, der, wenn ihn die Wut packt, auch einmal mordet, in seiner prototypischen Hilflosigkeit durchaus ambivalent gezeichnet. Slogans wie „Steirerblut ist kein Himbeersaft“ sind inzwischen zu Gemeinplätzen der Steiermarkwerbung geworden, ihr Autor allen kritisch-ironischen Abgrenzungen zum Trotz als Kultautor des steirischen Brauchs in der Rosegger-Nachfolge abgestempelt.
Es nimmt also nicht wunder, dass Gruber in einer als „Entgrabung“ bezeichneten, gemeinsam mit dem Bildhauer Gero Schwanberg durchgeführten „aktion für eine zukünftige archäologie“ 1985 seinen „Hödlmoser“ nebst „grabbeigaben, die ein geladenes publikum mitbrachte“, wieder mit dem steirischen Boden vereinigte und ihn solcherart, wiederum ironisch-zweideutig, entsorgte. Als Vehikel diente ein – wohl auf den bei Judenburg gefundenen Strettweger Opferwagen aus der Hallstattkultur anspielender – „Styria Wagen“ des Bildhauers. Am 29. Juni 1985 fand am Zirbitzkogel diese „Verschmelzung des Kern-Steirers“ Hödlmoser „mit seinem Land, dem Kürbis-Kern-Land Steiermark“ als eine „Kernverschmelzung“ statt: „das hödlmoser-originalmanuskript in einem verschweißten doppelkopf aus kunststein und plastik. zu sehen ist mein gesicht nach einem gipsabdruck, also mein verschweißtes doppelgesicht.“ Der abgebildete Steirerhut als Reliquie der Aktion ist der Entgrabung und damit dem Vergraben-Werden offensichtlich entgangen.

Daniela Bartens

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