Besuch aus der Hauptstadt (des Bundes, denn die der Literatur …)

veröffentlicht am 1. Mai 2023 in Objekt des Monats

Foto (13 x 9) im Nachlassbestand von Alfred Kolleritsch Teil 3 [FNI-KOLLERITSCH]

Neben der steirischen Landeshauptstadt Graz ist wohl kaum ein Ort so eng mit Alfred Kolleritsch verbunden wie Brunnsee. Immer wieder, in den verschiedensten Formen und Ausprägungen, ist er Dreh- und Angelpunkt: als Schauplatz in Prosa und Lyrik, als Rückzugsort oder als Treffpunkt für Autor:innen. So fand sich am 12. August 1979 eine durchaus prominente Runde bei der Eiche in Brunnsee ein. Als Gäste aus Wien Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Wendelin Schmidt-Dengler und Hans Haider, als Gastgeber die beiden Brüder Alfred und Otto Kolleritsch. Bei diesem gemeinsamen Aufenthalt in der Südoststeiermark sind zahlreiche Aufnahmen entstanden. Die aus dem Kolleritsch-Fotografienbestand ausgewählte zeigt die illustre Gesellschaft am Gartentisch, Jandl, Schmidt-Dengler und Otto Kolleritsch mit Blick auf den Teich auf der einen Bank sitzend, Mayröcker und Alfred Kolleritsch auf der anderen gegenüber. Auf dem Tisch stehen Gläser und eine Flasche – wohl angesetzter Schnaps –, Mayröcker und Kolleritsch blicken lächelnd in die Kamera.

Die Datierung erwies sich als schwieriges Unterfangen. Das Gros der Fotos ist unbeschriftet – ein zunächst falsch sortiertes Bild gab dann aber doch die gesuchte Information preis. In einem Notizheft von Alfred Kolleritsch stößt man auf einen Hinweis dazu: Im Entwurf zu einer Marginalie, gleichzeitig ein Nachruf auf Wendelin Schmidt-Dengler, der 2008 überraschend verstorben war, erinnert er sich an diesen gemeinsamen Ausflug: „Vor Jahren saßen wir zusammen mit Elfriede Jelinek [!] + Ernst Jandl am Teich, unter der Eiche vor meinem Elternhaus, erst vor wenigen Wochen war er im M[anu]S[kripte-]Büro mit seiner großen Tasche – dem Rettungsgerät für die österr[eichische] Literatur.“[1] In der Marginalie des Hefts Nr. 181 (Oktober 2008) ist der Lapsus der falschen Namensnennung freilich korrigiert: „Vor Jahren saßen wir zusammen mit Friederike Mayröcker und Ernst Jandl am Teich unter der Eiche vor meinem Elternhaus.“[2] 2007 hat Kolleritsch große Teile seines Vorlasses an das Österreichische Literaturarchiv (ÖLA) in Wien verkauft, was sich vor allem dem Einsatz von Schmidt-Dengler verdankte und für einen Aufschrei in der steirischen Literaturlandschaft sorgte.[3]

In einer Rohfassung der Marginalie für das Mayröcker-Heft, die manuskripte 206 von Dezember 2014, schildert Kolleritsch: „1964 schrieb mir Ernst Jandl, ob er mir Texte von F. M. schicken könnte. Seither gehört F. M., wenn ich es so sagen darf, zu den M[anu]S[kripten]. […] Meine Erinnerung findet Sie stets in einer wunderbaren Nähe, die sie mit Ernst Jandl teilte. Wir lasen gemeinsam an vielen Orten, bei vielen Treffen + Gründungen.“[4] Jandl zählt im Übrigen schon seit Heft 9 (1963) zu den manuskripte-Autor:innen, Mayröcker dann ab Heft 13 (1965). Kolleritsch hat Jandl „[i]m Frühjahr 1963 […] im Hawelka zum ersten mal getroffen.“[5] Ein paar Monate später, nämlich „[a]m 29.7.63 schickte er mir den Montagetext ‚villgratener texte‘, der im Frühjahr 1964, im 9. Heft der Manuskripte erschien. Seit dieser Zeit gehört Ernst Jandl zu uns Grazern, als Freund, als Anreger, als der Unerschöpfliche, der ruhelos, intensiv + wachsam sein Leben den Prozessen der Poesie opferte […].“[6] Diese freundschaftliche Verbindung sollte zirka zehn Jahre später weitreichende Folgen für den österreichischen Literaturbetrieb haben: Ernst Jandl, Alfred Kolleritsch und Friederike Mayröcker sind Gründungsmitglieder der 1973 ins Leben gerufenen Grazer Autorenversammlung (damals noch im generischen Maskulinum). Intention der GAV war es, ein autonomes österreichisches PEN-Zentrum und somit Antipode zum österreichischen PEN-Club zu sein, der von traditionalistischen bis reaktionären Autor:innen geprägt war, wodurch der GAV so gut wie die ganze Avantgarde der österreichischen Gegenwartsliteratur beigetreten ist.[7]

Zirka sechs Jahre später traf man sich also in Brunnsee wieder, und vielleicht war die GAV auch eines der Gesprächsthemen der Runde. Etwa einen Monat nach diesem Treffen hat Kolleritsch die zitierten Bemerkungen in einem seiner Notizbücher niedergeschrieben, es handelt sich dabei wohl um den Entwurf für die Heftpräsentation oder eine Marginalie für das Jandl gewidmete manuskripte-Heft Nr. 65 (Oktober 1979), wenngleich dieses ohne Marginalie veröffentlicht worden ist.

>> TRANSKRIPTION der Notizbuchseiten

Lisa Erlenbusch

[1] Die Transkriptionen aus den Notizbüchern hier und im Folgenden wurden möglichst graphemgenau angefertigt und verzichten gemäß editorischen Standards auf eine unmarkierte Emendation oder die Markierung von Fehlern im Text. Hier nicht berücksichtigte Streichungen sind in der Transkription ersichtlich.
[2] Alfred Kolleritsch: „Marginalie“. In: manuskripte 48 (2008), H. 181, S. 4.
[3] Siehe hierzu z. B.: Thomas Wolkinger: Wer zahlt, schafft weg. In Falter (Steiermark) 21/07 vom 23.05.2007, S. 6.
[4] FNI-KOLLERITSCH-2/W61.
[5] FNI-KOLLERTISCH-2/W21.
[6] Ebda.
[7] Vergleiche zur GAV das Objekt des Monats Februar 2022 von Daniela Bartens.