Ihr habt Keinen, der Euch so kennt, folglich so liebt, wie ich.

Ein Brief Nikolaus Lenaus an Anastasius Grün aus Neuberg an der Mürz
(FNI-Grün, Briefsammlung, o. Sign.)

Es war eine der profiliertesten Dichterfreundschaften der Vormärzzeit, die zwei in vielem ähnliche und doch höchst ungleiche Geister verband. Mitte der 1830er Jahre galten Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau (1802–1850) und Anton Alexander Graf von Auersperg (1806–1876) – zumindest in liberalen Kreisen – als die „wichtigsten Erscheinungen unserer neuen Literatur“[1], wie der aufstrebende Lustspielautor Eduard Bauernfeld in Die schöne Literatur in Oesterreich (1835) konstatierte. Auch außerhalb des Habsburgerreichs teilte man diese Einschätzung; das belegt etwa ein Brief Adelbert von Chamissos an den Naturwissenschaftler Louis de La Foye, in dem er Nikolaus Lenau und Anastasius Grün – so ihre Dichternamen – (gemeinsam mit dem Radikaldemokraten Ferdinand Freiligrath) als die „ausgezeichnetsten“[2] Lyriker nach Goethes Tod taxierte.

Die beiden Adelssprosse hatten sich gut ein Jahrzehnt zuvor während ihrer Wiener Studienzeit im Künstlerumfeld des ‚Silbernen Kaffeehauses‘ kennen- und schätzen gelernt, war ihnen doch so manches gemein:[3] der frühe Vaterverlust und daraus entstehende existenzielle Sorgen; die Herkunft aus einem Randgebiet des Vielvölkerstaats – bei Lenau das Banat, bei Grün die Krain – und damit die frühe fremdkulturelle und fremdsprachliche Erfahrung; ein von josefinischen Traditionen geprägter Bildungsweg, der in ihnen einen geradezu mythischen Freiheitsbegriff gedeihen ließ; prägende Lehrerfiguren – József Kövesdy bzw. France Prešeren – aus den Komplementärkulturen ihrer Heimat, die ihnen einen breiteren Begriff von Poesie vermittelten; das Interesse für Demokratisierungsprozesse trotz ihres gehobenen Stands, das ihnen Schwierigkeiten mit dem Metternich’schen Politsystem bescherte u.a.m. Kein Wunder, dass der eine sich vom anderen bestärkt, inspiriert, verstanden fühlte. Der Jüngere vermittelte dem Älteren erste Publikationsmöglichkeiten und wies ihm den Weg zum schwäbischen Dichterkreis und dessen Fördermöglichkeiten. Grüns gefeierten Spaziergängen eines Wiener Poeten (1831) folgte ein Jahr später der Triumph von Lenaus Gedichten (1832); beide Werke setzten in der politischen Dichtung bzw. der subjektbezogenen Naturlyrik neue Maßstäbe.

Ihr inniges Verhältnis in diesen Jahren und den intensiven Austausch in poeticis belegt ein Brief, den Lenau am 10. Juli 1835 aus Neuberg an der Mürz an Grün schrieb. Der beschauliche Ort mit der mächtigen gotischen Hallenkirche des 1786 aufgelassenen Zisterzienserklosters war Zwischenstation einer vierwöchigen Wanderung des unsteten Dichters von Wien ins obersteirische Gebirge, wo er unter anderem die Schneealpe und den Hochschwab bestieg. Zuvor aber nützte er die Zeit für einen Rechercheauftrag, den ihm sein Freund mitgegeben hatte: Wissenswertes zu Herzog Otto dem Fröhlichen zu finden, der die Abtei 1327 gestiftet hatte und dort nach seinem Tod 1339 beigesetzt worden war. Grün hatte nämlich das „skurrile Plänchen“[4], den Habsburger zu einem der Protagonisten einer komischen Verserzählung zu machen. Lenau war dem Wunsch pflichtschuldig nachgekommen, konnte aber nicht viel mehr liefern als eine Abschrift der verliehenen Privilegien und die Geschichte der Begräbnisstätte, angereichert mit der diffamierenden Vermutung, die Patres wären als Grabräuber tätig geworden. Noch obskurer sind seine Informationen zur ehrfurchtgebietenden Länge der Gebeine – 6 Fuß 6 Zoll, in Wiener Maßeinheiten also deutlich über 2 Meter, während spätere Untersuchungen bloß „etwa 166 Centimeter“[5] ergaben – und zum Äußeren des Herzogs.

Interessanter für die Nachwelt sind die übrigen Teile des Briefs, die die enge, ja schwärmerische Verbundenheit der beiden literarischen Hoffnungsträger augenfällig machen[6] und über weitere Projekte Lenaus informieren. Die kurze gemeinsame Zeit in Wien wenige Wochen zuvor hatten den psychisch instabilen Ungarndeutschen in einer Zeit großer Unsicherheiten die „Heilkraft wahrer Freundschaft“ spüren lassen, die auch seinem literarischen Schaffen zugutekam: Einige neue Szenen für sein geplantes Faust-Epos waren entstanden, zudem konnte er Grün für zwei Beiträge in seinem Frühlingsalmanach für das Jahr 1836 gewinnen (es sollten die anonym abgedruckten Neueren Lieder eines Wiener Poeten und die Lieder aus Italien werden).[7] Lenaus Brief selbst war nach Thurn am Hart, dem Auersperg’schen Familiensitz, adressiert und eine Antwort auf ein Schreiben vom 15. Juni 1835, in dem Grün auch eine Wanderung auf den Terglou (slowenisch Triglav) Mitte Juli avisierte, eine für die Krainer und slowenische Identität zentrale Bergspitze in den Julischen Alpen.[8]

Lenaus Faust-Dichtung erschien 1836 und festigte mit einem schwachen, dem übermächtigen Mephisto ausgelieferten Protagonisten die literaturhistorische Verortung des Autors als Weltschmerzdichter. Grüns Pfaff vom Kahlenberg mit Herzog Otto ging nach Metternichs Ultimatum 1838 und dem daraus folgenden vorübergehenden Rückzug Auerspergs aus dem Kulturleben erst 1850 in den Druck. Vorangestellt war dem Epos ein Widmungsgedicht an den inzwischen hoffnungslos in seiner Geisteskrankheit verfangenen Freund, das an die Hilfestellung Lenaus erinnert und ihre unterschiedlichen Zugänge im Freiheitskampf – melancholischer Skeptizismus vs. (zweck)optimistischer Tatendrang – farbsymbolisch umreißt:

Dein Banner war tiefschwarze Seide,
Ich schwang eine rosenfarb Panier;
Sie standen nicht genüber! […][9]

Nach Lenaus Tod im selben Jahr kam Grün der Freundschaftspflicht nach, den dichterischen Nachlass des Verstorbenen herauszugeben, und lehnte diesbezügliche Honorarangebote des Verlages nobel ab.[10] Cotta konnte ihn auch als Herausgeber der ersten, vierbändigen Gesamtausgabe gewinnen, die Grün mit seiner wegweisenden Studie Nikolaus Lenau. Lebensgeschichtliche Umrisse ergänzte.[11]

Lenaus Brief aus Neuberg ging nach Auerspergs Tod – der sich 2026 zum 150. Male jährt – an seinen einzigen Sohn Theodor und kam über dessen Nachlass an die Universität Graz.[12] Der Forschung bekannt wurde das Schreiben durch zwei heute verschollene Abschriften von fremder Hand (h1 bzw. h2), die mit diversen Normalisierungen, Ergänzungen und Streichungen Grundlage waren für die Erstausgabe durch Anton Xaver Schurz[13] bzw. für die von Eduard Castle besorgte Werkausgabe.[14] Die aktuelle historisch-kritische Gesamtausgabe folgt Castles Fassung[15] und rätselt im (ansonsten kenntnisreichen) Kommentarteil über den Verbleib des Originals,[16] das nun im Anhang erstmals graphemgetreu (aber mit aufgelösten Geminationsstrichen) ediert wird.

 

Christian Neuhuber

 

 

 

 

 

Transkription

 

Neuberg 10 Juli 835

Innig geliebter Freund!

Endlich bin ich auf meiner Fußreise hier angekommen, endlich beantworte ich Euern brief, der mir Erquickung u. Freude gebracht hat, wie sie mir selten u. immer seltener zu Theil werden. Fahret fort, mein Freund zu sein; Ihr sollt mich auch unwandelbar finden in meiner Liebe. Ihr habt Keinen, der Euch so kennt, folglich so liebt, wie ich. Die wenigen Stunden unseres lezten Zusammenseins haben uns um ein Gutes näher zusammengerückt und bereits spürte ich etwas von der Heilkraft wahrer Freundschaft, wenn wir uns ungestört angehören konnten. Was würde erst ein längeres Zusammenleben wirken! Doch muß ich mir dieses immer noch versagen und etwa vom nächsten Winter hoffen.

Alles was ich hier über H. Otto auftreiben konnte, besteht in einer Abschrift der Privilegien, welche dieser Fürst dem von ihm gestifteten Cistercienser Convente ertheilt hat. Monasterium gloriosae virginis Mariae in novo monte. [f. 1v]

In der Gruft des Stiftes Neuberg liegen die vermoderten Gebeine von H. Otto, von seiner ersten Gemahlin Elisabeth, seiner zweiten Anna, u. seinen beiden Söhnen Leopold u. Friedrich, in schlichten Särgen von Sandstein. Lange war, wie man mir erzählte, die begräbnißstätte vergessen und verborgen geblieben u. hatte die Kapelle über der Gruft den undankbaren Pfaffen zum Holzgewölbe gedient; erst vor ohngefähr 15 Jahren ward die Gruft entdeckt u. vom vorigen Kaiser eine Gedächtnißmesse gestiftet u. in der Kapelle ein Marmorgrabstein mit folgenden Inschriften veranlaßt:

Otto Dux Aust. St. Car. etc. Alb. Rom. Imp. Fil. Nov. Mont. Fund. ob: 26 Febr. 1339.

Prima conj. Elisabetha Duc. Bav. inf. Fil. ob. 25 Mart. 1330

Secunda conjux Anna Fil. Reg. Boh. soror Carol. IV. Imp. ob. 8 Dec. 1338.

Fridericus Fil. ex serenissima Domina Elisabetha ob. 16. Dec. 1344.

Leopoldus Fil. ex sereniss. Domina Anna ob. 17 Aug. 1344. [f. 2r]

Was die Pfaffen verleiten mochte, die Gruft zu verheimlichen (es wurde jedem ein Eid abgenommen, das Geheimniß zu bewahren) war, wie man vermuthet, verbrecherische Ausplünderung der Leichen, denn diese wurden ohne allen Schmuck in ihren Särgen gefunden. H. Otto war nach der Länge seiner Gebeine ein sehr langer Mann von wenigstens 6′ 6″; nach den vorhandenen beiden Bildnissen war er ein schöner Mann. Langes schwarzes Haar, schwarze Augen voll Contemplation, edle, feingekrümmte Nase, um den Mund ein Zug eleganten Spottes u. des Bewußtseins auch geistiger Überlegenheit. Auf beiden Bildern erscheint sein Haupt mit Rosen bekränzt; doch ist der Ausdruck seines Gesichtes nicht der einer durchgängigen Fröhlichkeit, vielmehr bezeugten Augʼ u. Stirne, daß der Mann, wann er allein war, sehr ernste Stunden haben mochte. – Wie gerne möchtʼ ich Euch etwas aus seinem Leben mittheilen können.

Morgen, mein geliebter Freund, pilgre ich weiter in die Berge. Meine Wallfahrt gilt der Einsamkeit, dieser wahren Mutter Gottes im Menschen. Ich wollte [f. 2v] Euch gerne Alles schreiben können, was mir auf meinen Bergwegen durch Kopf u. Herz gefahren. Nach 8 Tagen reise ich nach Wien zurück. Schicket mir bald was für den Almanach, damit ich das Manuscript zusammenstellen kann. Einige Faustische Scenen habʼ ich bereits weiter gemacht. Ich freue mich schon recht auf Euern Beitrag.

Lebt wohl, lieber, würdiger Freund, u. seid glücklich auf Eurem Terglou. Der Herbstwind soll uns, meinʼ ich, wohl zusammenblasen. Ich umarme Euch mit vollem Herzen

Euer Niembsch.

 

 

[1] [Eduard] Bauernfeld: Die schöne Literatur in Oesterreich. Historische Skizze. Aus der Oesterreichischen Zeitschrift für Geschichts- und Staatskunde. Wien: Ghelen’sche Erben 1835, S. 25.
[2] Brief vom 23. Dezember 1837, in: Adelbert von Chamisso’s Werke. Fünfte vermehrte Auflage. Bd. 5. Berlin: Weidmann 1864, S. 247f., hier S. 248.
[3] Zur Freundschaft zwischen Niembsch und Auersperg vgl. u.a. Anastasius Grün: Nikolaus Lenau. Lebensgeschichtliche Umrisse. Mit einem Anhang: Briefe von und an Lenau, ausgewählt und erläutert von Johannes Proelß. Stuttgart, Berlin: Cotta [o.J.] – Antal Mádl: Anastasius Grün und Nikolaus Lenau. Eine Dichterfreundschaft. In: Anton Janko und Anton Schwob (Hg.): Anastasius Grün und die politische Dichtung im Vormärz. München 1995, S. 55-79. – Michael Ritter: Zeit des Herbstes. Nikolaus Lenau. Biografie. Wien, Frankfurt a.M.: Deuticke 2002. – Dietmar Scharmitzer: Anastasius Grün (1806-1876). Leben und Werk. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2010, S. 211-223.
[4] Formulierung Auerspergs vom 14. Mai 1832, zitiert nach: Anastasius Grüns Werke in sechs Teilen. Hg., mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Eduard Castle. Tl. 2: Lyrische Dichtungen I. Berlin: Bong [1909], S. 69.
[5] Karl Langer: Die Skelete [!] der herzoglichen Stifter-Familie zu Neuberg. Auszug aus dem amtlichen Berichte ddo. 12. Februar 1871. In: Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien XII (1872), S. 123-131, hier S. 128.
[6] Grün soll ihm zu dieser Zeit sogar, wie Lenau in einem Brief an Emilie Reinbeck vom 19. Juni 1835 verrät, angeboten haben, seine Besitzungen zu verkaufen, um gemeinsam nach Amerika auszuwandern, vgl. Nikolaus Lenau: Werke und Briefe. Bd. 5: Briefe 1812-1837. Tl. 1: Text. Hg. von Hartmut Steinecke [u.a.]. Wien: ÖBV und Klett-Cotta 1989, S. 415.
[7] Vgl. Frühlingsalmanach hg. von Nicolaus Lenau 1836. Stuttgart: Brodhag [1835], S. 299-314 und 315-341.
[8] Vgl. Nikolaus Lenau: Werke und Briefe. Bd. 5: Briefe 1812-1837. Tl. 2: Kommentar. Bearb. von Norbert Otto Eke [u.a.]. Wien: Deuticke und Klett-Cotta 1992, S. 471f.
[9] Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg. Ein ländliches Gedicht. Leipzig: Weidmann 1850, [S. 6].
[10] Vgl. Nicolaus Lenau’s dichterischer Nachlaß. Hg. von Anastasius Grün. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1851.
[11] Vgl. Nicolaus Lenau’s sämmtliche Werke. Hg. von Anastasius Grün. Stuttgart, Augsburg: Cotta 1855.
[12] Vgl. Christian Neuhuber: das theuerste, was ich besitze – Zur Nachlassgeschichte der Auersperg’schen Schriften und Manuskripte. In: Johann Georg Lughofer (Hg.): Anastasius Grün. Interpretationen, Kommentare, Didaktisierungen. Wien: Präsens 2024. (= Ljurik 14. Internationale Lyriktage der Germanistik Ljubljana), S. 203-212.
[13] Vgl. Anton X. Schurz: Lenau’s Leben. Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen. Von seinem Schwestermanne. Bd. 1. Stuttgart und Augsburg: Cotta 1855, S. 308f.
[14] Vgl. Anastasius Grüns Werke 3, S. 348-350.
[15] Vgl. Nikolaus Lenau: Werke und Briefe 5/1, S. 419f.
[16] Vgl. Nikolaus Lenau: Werke und Briefe 5/2, S. 470-476, hier S. 470.

 

veröffentlicht am 15. Januar 2026 in Objekt des Monats